Kategorie1997 Gran Canaria

…und heimwärts

Zartruhig eingeschlafen, nur um erschrocken aufzuwachen. Blick auf die Uhr erleichtert; es ist erst 3 – noch knapp 3 Stunden Schlaf vor mir.

Als der Wecker dann läutet erstaunlich ausgeruht. Schnell und beinah anstrengungslos den Rest der Sachen eingepackt. Dann anziehen, ungewohnt: Lange Hosen! Socken! Warme Schuhe!

Ganz leise noch ein letztes Mal Kaffee auf der Terrasse. Langsam fällt Dämmerung ins Dunkel. Schön.

Dann aber Zeit. Schlüssel und Adapter bleiben im Zimmer; Rest wird geschultert. Ächzend runter zur Haltestelle – nur um zu erfahren, dass der angepeilte Bus sonntags nicht geht. Das Taxi würde mich zwar zum Flugplatz fahren, aber um horrendes Geld.

Was solls, noch ist Zeit. Reichlich genug. Ich stelle mich zum Kiosk und trinke herrlich südlich-starken Kaffee, überm Meer wirds langsam Tag, während im TV Zeichentrick läuft, ganz ohne Ton. Vom Strand her kommen zwei im Blaumann, sie diskutieren in einer spanisch-englisch-deutschen Mischung, ob sie jetzt Bier trinken oder Kaffee. Sie bestellen Bier.

Ein Bus kommt, der Fahrer steigt aus und beginnt, das Fahrzeug zu waschen. Ein zweiter Bus kommt, und der Fahrer legt sich auf die schmale Holzbank auf ein Nickerchen. Ein elegant gekleidetes Mädel kommt und regt sich fürchterlich darüber auf, dass der Bus um 7:20 sonntags nicht geht. Sie macht das auf Spanisch, aber so deutlich artikuliert, dass ich trotzdem jedes Wort verstehe.

Ich bestelle einen zweiten Kaffeee, schaue den Wolken beim Ziehen zu und der Landschaft beim Hellwerden. Schließlich wird es dreiviertel Acht, und da kommt ein Bus, mit dem keiner gerechnet hat. Fahren Sie zum Flugplatz? Er fährt.

Alle steigen ein, aber die meisten fahren nicht weit. Sauber gekleidete Einheimische auf dem Weg zur Arbeit. In Puerto Rico 20 Minuten Aufenthalt, Zeit genug, um hinter einen Busch zu Pinkeln. Andere Gäste steigen ein, und schweigend geht es weiter bis Las Palmas, wo außer anderen Lokalreisenden noch 3 Schweizer einsteigen, die anfangs lauthals ihr (heimfahrendes) Schicksal beklagen, bevor sie auch in die Schweige-Falle des Busses tappen.

Naja. Leider und ziemlich unwillig irgendwann am Flugplatz angekommen. Frage mich durch bis zu meinem Schalter, der Nummer – na? – richtig, 42.

Dort ist noch zu, und um Zeit herumzubringen, kaufe ich einen höchst unnötigen Krimi, mit dem ich vor dem Schalter Stellung beziehe. Wenn ich die erste bin, habe ich nachher vielleicht noch Zeit für ein Stündchen auf der Terrasse?

Diese Illusion und die ganze Flughafenruhe jäh zerstört durch eine Horde wildgewordener Linzer Pensionisten, die sich mit spitzen Ellbogen und der geballten Kraft ihrer Gruppe gnadenlos an mir vorbeidrängeln.

Am Schlimmsten ein ältlicher Typ, der lauthals verkündet, zukünftig nur noch in Gars am Kamp Urlaub machen zu wollen, weil hier doch niemand richtiges Deutsch versteht. Als unsere Flugnummer, allerdings mit dem Zusatz “Destination: Linz” auf dem Display leuchtet, leichtes Murren, worauf der selbe Typ lauthals verkündet: “Natürlich wollen wir alle nach Linz, ist doch die Geburtsstadt des Führers!”

Während ich noch an einer vernichtenden Replik feile, kriege ich heftigst den Regenschirm einer Omi in die Rippen und muss erst Mal Luft holen.

Endlich öffnet der Schalter. Allgemeiner Rush. Die zwei Damen hinter dem Computer beraten kurz, dann über Lautsprecher die Frage: “Gibt es Passagiere nach Wien?”

Verwirrte Stille breitet sich aus, und mitten im ratlos vermodernden Haufen: Nur ich! auf dem Weg nach Wien, brülle erleichtert: “Ja, ich!” und kämpfe mich samt Gepäck durch die starrende, spitzzüngige Masse, kriege Bordkarte, bin die Riesentasche los. So böse können die anderen gar nicht schauen, wie ich jetzt freundlich grinse.

Noch ein bisschen Zeit und Zigaretten, CDs, Jause gekauft. Dann Panoramafensterblick auf Flugzeuge vor sonnenglitzerndem Meer. Nix mit Terrasse; quasi im Minutentakt wird die Gatenummer unseres (und der anderen) Flugzeugs geändert. Also kann man nur dastehen und hinunter schauen auf die Glücklichen, die gerade ankommen.

Schließlich der Zubringerbus über die Piste; bis der zweite Bus kommt, stehe ich auf der Gangway & atme Sonne und Meerluft. Wollte lesen, aber seltsam müde & erschöpft eingedöst. Wieder wach zum Abendrot über den Bergen. In Linz kurze Verwirrung, ob es überhaupt weitergeht nach Wien (es sind jetzt doch ca.10 Leute, die nach Wien wollen), aber es geht, obwohl wir betankt werden müssen vorher noch.

Spinnennetzdorflichter und leuchtfreudige Städte. Gleich bei der Passkontrolle wienerisch grantiger Drache. Heimat, du hast mich wieder!

Aufschub noch, indoors zur Schnellbahn und bis nach Wien Mitte, dann aber mitten im grauen Kalt und unter deutlich mehr Fremden als dort unten in Spanien. Sollte mir das nicht zu denken geben? Ich denke… nicht.

Der letzte Tag – der schönste Satz

Geschenkter Tag. Ein paar Schritte nach oben für ein sauberes Foto, dann runter ins Dorf und geschaut, was ich mit meinen restlichen Peseten noch anfangen kann. Kaktussamen und Drachenbaumsaat gekauft und noch Verpflegung für den Strand. Und dann der Bus, zum letzten Mal, nach Media Almud.

Dort aber tanzt der Mops: Wie auch nicht, ist Samstag und ist Feiertag. Unbeirrt, mit 2 geschenkten Inselzeitungen und Proviant für drei Tage nach unten und ein Plätzchen gesucht. Große Augen und mein Felseneck ist frei, jemand hat sogar die verwesende Katze entfernt, aber nur eine Stunde oder eineinhalb und das Wasser steigt bis zu meinem Handtuch.

Also gepackt und auf die andere Seite; euer Pech wenn ihr meinen einbeinigen Liegestuhl nicht wollt (schließlich ist die Treibholzkrücke durchaus stabil!)

3x Schwimmen obwohl schwierig, dort wo die Brecher brechen muss man durchtauchen, um in schwimmbare Wasser zu kommen, und das machen ausser mir nur die 20jährigen Typen, um die Mädels zu beeindrucken; ich aber mache es, weil ich morgen schon wieder in einem unsagbar kalten Wien sein werde, und wer dabei zuschaut, ist mir egal.

Letztes Sonnenöl verschmiert (perfektes Timing mit der Flasche). Perfekt auch ziehen Wolken immer dann herein, wenn Sonne gerade ein bisschen zu heiß wird.

Schliesslich dem Meer “Ciao” gesagt und ich gehe; früher als sonst, vielleicht gehen sich noch ein paar Klippen-Sonnenuntergangsfotos aus. Kaum glaublich heiß und gnadenlos die Sonne auf dem Weg zum Bus, als wollte sie mir zeigen, was ich die nächsten Monate vermissen werde. Oben, staubig, heiß, noch eine Zigarette geraucht und unglaublich froh schweißgebadet, meiner selbst ganz sicher und genauso sicher, dass ich diesen Augenblick bewahren kann.

Dann, drüben, geduscht und getrocknet; ungeduldig, mit dem Fotoapparat zur Klippe, trotz der Wolken, die die ganze Zeit so aussehen als würden sie gleich die Bahn frei machen für unglaubliche Farben, es aber dann doch nicht tun. Sitze lange und warte und schaue mache ein paar (unnötige) Fotos, denke, rauche, derweil schwappen hypnotisch die Wellen; eine nach der anderen.

Dann aufgegeben und rein ins Dorf; Antonio hat zu (verdammt!). Mein Buch habe ich vergessen. An der Kirche tanzen Kinder im Kreis und singen. Schnell nochmal zu Lumy und Kamera gegen Buch getauscht; sonst nichts. Hunger! Heute etwas bislang unerlebtes; neben Marina. Fischplatte. Nacht ist es, und der Wein ist gut. 2 schwarze Katzen streichen herum in der Hoffnung auf freigebige Gäste. Erst nach einer ganzen Weile kommt das Essen; aber was für eins! Ein ganzer halber Fisch (Brasse?) dazu ein Stück Thunfisch und ein Stück Haifisch, ein Krebserl und ein paar Muscheln. Kartoffeln, Salat. Dazu brauch ich noch ein zweites Glas, und schließlich ein drittes. Von diesem Wein.

Genüßlich teile ich mein abschließendes Festmahl mit den Katzen. Sitze noch lange mit dem restlichen Schluck Wein und beobachte abgeklärt promenierende Gäste, alt und neu (das kann man anhand der Hautfarbe leicht unterscheiden), die Boote im Hafen und den durchwachsenen Himmel.

Zur Rechnung kommt – mittlerweile wenig verwunderlich – auch hier ein Honigrum, nur das Glas ist etwas größer. Nagut.

Noch einmal die Runde, der letze Abend; ich hätte mir ein Fest gewünscht. Aber nur in den Touristenkneipen ist Betrieb, Antonio hat wie die anderen Einheimischen zu und auch im Trockendock herrscht tiefe Stille.

Nagut, dann noch einmal – ein letztes Mal! – vor an die Multimediaklippe. Lange gesessen, nicht nur wegen des Sounds – der heute wieder stark ist, und wegen der Sterne – die funkeln, als wäre es ihr letzter Tag – aber vor allem auch allem wegen der Hand, die runterhängt und den Sand durch die Finger rieseln läßt, diesen Sand, der keinen Frost kennt, keinen Schnee, und keine Kälte unter diesen 15 Grad.

Nach langer langer Zeit, es geht schon gegen Mitternacht, reiß ich mich los und trete den vermeintlich langen einsamen Heimweg an; jenseits der Touristenzone ist alles dunkel und ich schleiche an der Wand entlang; aber. Da vorne. Ist doch noch was?

Unsicher näher rangegangen, tatsächlich; Antonio hat zwar zu aber die Jungs aus der Werft sitzen in seinem Vorgarten, Dosenbier in der Hand, und bevor ich irgendwas entscheiden kann hat mich der Sailor schon entdeckt und grüßt mich lauthals freundlich und winkt mich an den Tisch; schickt jemanden um mir ein Bier zu holen und dreht die Konversation mit zwei simplen Sätzen ins Englische und bezieht mich mit ein, als wäre das ganz selbstverständlich, es fühlt sich an als hätte er seinen Arm um mich gelegt – aber das hat er natürlich nicht getan.

Macht nichts. Der eine von den Jungs ist Schwede und wir wechseln ein paar Worte Schwedisch, nur um zu beweisen, dass ichs kann, der Mexicano klatscht Beifall und nach ein paar Sekunden die anderen auch; ein anderer von den Jungs ist ein Mädel, sichtlich glücklich, weil ich nicht gleich geschnallt habe, dass es so ist, und alle anderen lachen. Es ist erstaunlich wunderbar und plaudert sich ganz ungewohnt schwerelos.

Viel zu früh viel zu spät ist es Zeit aufzubrechen, es stiebt in alle Richtungen; nichts bleibt als ein Winken da ein Lächeln dort, und ein Phantomschmerz unterhalb der Rippen als ich allein in Richtung Bett; nein, halt:

“Austriaka!” ruft mich der Sailor, er hat wohl meinen Namen ebenso vergessen wie ich den seinen; ich bleibe stehen, drehe mich um; wir gehen ein paar Schritte aufeinander zu.

Dann, direkt Aug in Aug, aber ohne Berührung (auf die ich in dem Moment warte), schaut er mich an und sagt: “You know, we could have had a live together.”

Äonen von Augenblicken, bevor wir beide loslachen; nur ein bisschen, ich lege meine Hand an seine Wange und sage “another time” und er drückt mich, fest aber harmlos, und sagt “another place”, dreht sich dann um und geht; schnell, um seine Freunde einzuholen, und ich stehe da, klassisch, und warte, bis sie um die Ecke sind.

Und gehe dann heim. Alles ist ganz leicht und ich bin wie beflügelt und getragen von diesem Satz, der – streng genommen – nur Luft ist, wie der Schaum auf dem Cappuccino, auf einer anderen Ebene aber das Schönste, was mir je gesagt worden ist: jemals.

Und, solchermaßen schwebend, vorbei am Casa Verde, wo wieder der einsame Entertainer Stimmung zu machen versucht, mit Stimme und Gitarre zu Orchesterkonserve.

Einen Moment lang das Gefühl, ihm sagen zu wollen, dass er gut ist; zumindest auf der Gitarre (die Stimme könnte etwas mehr Übung brauchen); dann aber doch lieber vorsichtig den romantischen Satz und das Gefühl dazu heimgetragen und mit ins Bett genommen, in dem Moment nur zärtlich (und erst viel später ironisch) berührt.

Ungerichtet, aber zufrieden

Als wäre meine weinselige Übernachtigkeit noch nicht schlimm genug, macht der wahnsinnige Deutsche doch glatt um 5:30 lauthals Frühstück. Ich wünschte, ich wäre wach genug, ihn umzubringen. Stattdessen erklärt ihm zum Glück seine spanische Frau, dass er offenbar völlig übergeschnappt ist. Zwar sind die 10 Minuten, in denen sie sich anschreien, ziemlich höllisch: aber danach herrscht wunderbare Ruhe. Ich schlafe weiter bis gegen 10.

Immernochmüde aber voller Tatendrang dann nur kurzes Frühstück und ab in die Playa. Dort ist Markttag. Statt mich an das zu halten, was ich vorhatte, kaufe ich zwei wunderbar bunte Tücher einen Elefanten für B., eine Trash-Halskette und natürlich einen Riesensack voller Nüsse, Lakritze gibt es auch, noch ein paar Flaschen Honigrum und schließlich, völlig entfesselt, die Elch-Ohrringe (3x plaudernd über alles Mögliche den Stand umkreist in der Hoffnung, dass ich nur einen kaufen kann anstatt alle zwei, aber der Typ ist einfach besser) und noch ein paar zirpende Grillen; wer weiß, was für Schrott ich noch gekauft hätte, wenn nicht Elton John’s Candle In The Wind mich zum Glück endlich vertrieben hätte.

Auf der Flucht noch, nur wegen dem Typ, der D. ähnlich sieht und an seinem Stand einsam mit einer Gitarre vor Heimstudio Aufnahmen sitzt, eine Kassette mit Synthie Musik mitgenommen. Als wäre so ein Typ automatisch auch ein Freund.

Erschöpft im Supermarkt Wasser geholt & noch ein Palmblatt und dann die Schätze nach Hause gebracht. Und dann, endlich: Auf nach Media Almud.

Im Bus die Kassette in den Walkman. Ganz bestimmt nicht die beste Musik, die ich je gehört habe, aber es passt hierher. Der Busfahrer übersieht mein Aussteigesignal und ich darf wieder einmal wandern: Ungewollt aber angenehm, immer noch mit der Musik im Ohr.

Unten hat irgendein Vollkoffer der toten Katze ein Steingrab gebaut (anstatt zu warten, bis die Flut sie wieder mitnimmt) – es stinkt zum Himmel. Daher muss ich auf meinen Lieblingsplatz verzichten und auf der anderen Seite rösten.

Schwimmen, braten, spazieren. Es ist so wunderbar egal, ob man etwas anhat oder nicht. Die holländische Familie traut sich allerdings erst ausziehen, als ich mein Spaziergangs-Hüfttuch ablege. Dadurch aufmerksam geworden, werfe ich einen Blick in die Runde: Alles, was liegt, ist nackt – aber alles, was sich bewegt, ist verhüllt. Auch seltsam, irgendwie; aber offenbar habe ich mich völlig unbewusst angepasst.

Endlich erreiche ich die Tussi vom Reisebüro: Siehe da, der Flug ist verschoben! Ich muss also nicht nachts noch zum Flugplatz fahren und dort bis 4 Uhr früh warten – ich kann in aller Ruhe am nächsten Tag hinfahren. Unerwartetes Geschenk!

Aufs Blau geschaut und Wasser getrunken und eine Zigarette geraucht; dann das Palmblatt gegessen und weiter aufs Meer geschaut und mehr Wasser getrunken und nach einer Weile noch eine Zigarette geraucht; dann wieder ins Wasser und weit hinaus geschwommen und danach doch noch eine Weile in der Sonne gelegen statt im Schatten.

Recht spät: Zu spät für den Sonnenuntergang! Richtung Pto Mogan; dort im Supermarkt noch mehr Honigrum gekauft und Wein, beides als Mitbringesl: Für C. und D.

Lange bei Brot und Käse auf der Terrasse gelesen; zu lange. Schließlich will ich vor allem runter und sehen, was los ist! In der Paralellgasse an Antonios Kneipe vorbei – nahe genug um zu sehen, dass dort kein Sailor sitzt; danach lange an der Klippe gesessen, wo das Meer wieder laut und polyphon schwappt (kein Wunder, den Walkman hab ich ja nicht mit.)

Dann eine Runde durch den Hafen, “the big American” ist weg. Die Thunder of Southampton auch, aber “Just Joss” ist noch da. Eine Weile unter dem Grünblinkleuchtturm gesessen; weit weit unter mir ist eine Jolle vertäut und schabt am Sand, muss wohl bei Flut reingekommen sein, denn bei der jetzigen Ebbe gäbe es keinen Weg an Land.

Kaffee und Soda im Casablanca, eine Weile einem seltsamen Gefühl nachgespürt, das ich nicht einordnen kann, bis ich feststelle: Mir ist einfach nur kühl! Den Pulli angezogen & am Kaffee festghalten, der ist auch warm.

Dann nochmal die Runde gedreht: Antonio hat zu, und einige andere auch. Deutet auf Besonderes, zusammen mit vielen Polizeistreifen und abendlichem aktionsgelbem Flugzeug. Mehr ist nicht zu erfahren (wäre es aber wohl, wenn ich nicht so mundfaul).

Noch träge den Tempel des Gelächters umkreist: Ein aufgedocktes Segelboot, in dem der Mexikaner und seine Leute Hof halten. Klar hat er gesagt, dass ich jederzeit willkommen bin. Klar wäre es kein Problem, hin zu gehen. Aber ich lasse es.

Hungrig jetzt: Noch einmal ins Marina; Thunfisch ist der Fisch des Tages (also wächst der doch nicht in der Dose?); dazu die Fernsehschirme mit einem Feature über das neueste Mercedes-Modell, längelang. Erstaunlicherweise werden auch hier schon die Gehsteige hochgeklappt, aber ich futtere genüßlich meinen Fisch. Heute gibt es wieder Pfirsichschnaps zur Rechnung.

Ich mag noch nicht wirklich heimgehen und entscheide mich, heute hauptsächlich angesichts des Mangels an Alternativen, fürs Casablanca. Draußen gähnende Leere und keinerlei Kellneraktivität, daher ausnahmsweis indoors an die Bar angedockt. Wenig, aber dafür überschwenglicher Betrieb; ich bestelle ein Bier und stehe an der Ecke wie ein Felsen in einer hektischen Kolonie von wahnsinnigen Pinguinen.

Ein Mädel spricht zu mir, weil ihr der, der zu ihr spricht, nicht gefällt. Eine Weile halte ich das aus, weil ich das Gefühl nur zu gut kenne. Derweilen flirtet die Kellnerin, die noch vor ein paar Tagen so überheblich unnahbar war, ganz eindeutig – mit mir.

Ich bemühe mich eine Zeitlang, im Einklang zu schwingen, aber irgendwann ist es dann genug. Ich zahle; nichts wie weg. Den Heimweg nicht direkt sondern mit Umweg genommen, belohnt durch den Abendstern, der eine helle Straße auf das ungewöhnlich ruhige Meer zaubert. Noch nie habe ich einen Stern so hell gesehen, dass er auf dem welligen Meer reflektiert! Zauberhaft.

Nochmals Wandern & ungewöhnlicher Genuss der Ablehnung

Ganz früh auf, eilends ins G’wand g’hupft, auf an die Echo-Felswand! Vorbei an Schulkindern mit Müttern und ohne, vorbei an Müllmännern, geschlossenen Lokalen & Geschäften, früh genug, dass es da hinten keine Badenden gibt, keine Funboote und…

…das Meer schläft noch. ganz ruhig, kaum ein Geräusch, und definitiv kein Grund, den Walkman aufzubauen. Verdammt!

Na gut dann… Hinter der Mauer auf den Felsen gesessen, eine Weile, dann, als Zivilisationsgeräusche vom Rundumerwachen erzählen, ab zum Frühstück ins Marina; Spiegeleier heute, Orangensaft, Toast. Gemütlich gelesen und in den Himmel geblinzelt, recht wolkig heute, ob es Regen gibt?

Danach auf den Weg gemacht, auf den langen, vielversprechenden. Durchs Dorf rauf zuerst, aus der Schule Kindergesang, vor mir ein älteres Pärchen, sprechen Schwedisch.

Den langen Kurvenberg hinauf (jetzt muss einmal der Wahnsinnige erwähnt werden, der seit vorgestern täglich morgens und Abends sein Horn bläst im Hafen, eh ich den noch ganz vergesse!). Hinauf, hinauf, hinauf. Die Schweden irgendwann überholt, man muss seinen Rhythmus behalten, dann ist alles halb so schwer.

Oben angekommen, wird gerade eine Schranke gebaut mit Gehämmer & Gebrüll, also stiller Frieden erst hinter der nächsten Kurve. Telefonieren muss ich auch noch. Vor Wut über den Anrufbeantworter im Flugbestätigungsbüro eine Zigarette angezündet & schon kommen die Schweden wieder vorbei. Keine Lust, schon wieder in Sichtweite zu laufen, also eine Weile sitzen geblieben & Buch gelesen. Dann weiter. An der großzügigen Felswand kurze Kraft-Rast mit ausgebreiteten Armen, soviel Kraft ist da drin! Flüchte, bevor lautes Auto meine seltsame Stellung entdeckt.

Nach vielen Schritten (gut) und vielen Gedanken (nicht so gut) das “heilige” Pinienwäldchen erreicht. Dort aber pfeift der Wind, daher kann ich auch diese Soundscape nicht aufnehmen, festhalten. Fast scheint mir, der Felsen da drüben grinst schadenfroh, als wäre es eine Absicht des Landes, als dürfte ich Dinge zwar erleben, aber keinesfalls mitnehmen.

Dann halt weiter. Will ich denn da wirklich noch runter, zum Strand, und dann wieder rauf? Hinter der ersten Bergabkurve sitzen die zwei Schweden mit noch zwei anderen, plaudern, jausnen. Sie sind aus Göteborg & zum Plaudern aufgelegt. Ob man da unten den Baden kann? (dürfte kein Problem sein heute). Ob ich gar keine Angst hätte, so allein? (Nein.) Wie man mit diesen Schuhen so weit laufen kann? (Sind bequemer als sie aussehen).

Also doch runter & heute ist es OK, wunderbar zum Baden und nicht zu heiß in der Sonne; ein paar Leute und ein paar Boote und Nackt gegen Angezogen steht 50:50, die Schweden kommen und sie zieht sich aus und er nicht, also bleibt es bei Gleichstand.

Unnötige Fantasy-Geschichte fertiggelesen, meine zwei Orangen gegessen und aufs Meer und in den Himmel geblinzelt, nicht ohne immer wieder einzutauchen ins große Blau und einmal sogar hinter die westliche Klippe geschwommen, verdammt weit, aber Meerwasser trägt.

Dann Hunger, stattdessen Wasser & irgendwann doch eine Zigarette; noch ein paar Steine aufgeklaubt & wieder weggeworfen & nochmal untergetaucht und schließlich ist es Zeit zu gehen.

Der Aufstieg wird zum unbeabsichtigten absurden Wettrennen zwischen mir & einem norddeutschen Pärchen, der Rucksack drückt & der Rücken schmerzt. Beschließe Anschaffung eines besseren (Rucksacks, nicht Rückens).

In “meinem” Wäldchen noch immer kein Vogelkonzert, trotzdem bleibe ich lange, weich auf den Piniennadeln (gibt es eigentlich Matratzen mit Piniennadeln zu kaufen?), angenehm und gut versteckt, um alle anderen davonziehen zu lassen & wieder ganz alleine gehen zu können.

Trotzdem auf dem weiteren Weg viel zu viel Verkehr für meinen Geschmack, nicht mein stiller einsamer Weg wie beim ersten Mal. Abschied von meiner Felswand, kurz, aber herzlich. Davor, danach, Autos, Motorräder, einige Uniformierte. Draußen auf dem Meer ein Loch in den Wolken, durch das die Sonne mit scharfem Strahle einen gleißenden Kreis auf die ansonsten bleigraue Wasserfläche malt. Dahinter strahlend helle Wolkenränder, mytisch-magisch.

Der Weg ist weniger weit als zuletzt, wohl wegen der vielen Autos, was wollen die denn hier? Eigentlich viel zu schnell zu Hause, runter um die Kurven, nochmal im Bücherregal geschmökert, dann am Balkon gejausnet nach der Dusche.

Dann feingemacht & runter ins Dorf; im Casablanca einen frischgepressten Orangensaft und anschließend einen Cappuccino genossen, während ich schreibe; dann eine große Hafenrunde & richtig hungrig jetzt, mutig! auf zu Antonio.

Dort eine Brasse zelebriert; köstlichst; dazu Wein, weißen: Habe nichts dagegen, wenn der Abend heute ein längerer wird.

Während ich noch warte, auf meine Brasse, kommt der Sailor eiligst herausgestürmt, was ihn nicht daran hindert, mir auf die Schulter zu klopfen & mich zu fragen, wie’s mir geht.

Antonio hat mich natürlich mit Handschlag begrüßt, der schnauzbärtige Gitarrenspieler sowie der fehlproportinierte Kellner ebenso – was die Franzosen am Nebentisch ziemlich ins Grübeln bringt, wie ich höre.

Der Fisch, wie erwähnt, köstlich. Samt Beilagen. Und Wein habe ich heute gleich von Anfang an vom Guten bekommen.

Vernunft hieße nun zahlen & gehen, allein: Das Weinglas ist noch voll. Derweil ich überlege, kommen drei Briten des Weges, 2 davon vom Wirt ebenfalls per Handschlag begrüßt, die dritte eine Allein-Weltumseglerin.

Antonio stellt mich vor und rückt eigenhändig die Tische zusammen, wie schön: Ein Grund zu bleiben.

Die Alleinseglerin ist weit entfernt von dem Bild, das ich von einer Alleinseglerin habe: Klein und zierlich, eine Stimme wie ein gläsernes Windspiel. Sie erzählt, wie es so ist, ganz allein auf dem Boot; die Technik sei kein Problem und schon nach ein paar Tagen würde man ganz automatisch bei jeder noch so leichten Windänderung aufwachen; der Körper gewöhne sich leicht an einen völlig anderen Rhythmus, bei dem man eben nur kurz schlafe, dafür aber öfter.

Schwieriger sei es da schon, mit dem Alleinsein klarzukommen – bei Teilstrecken von 3 Wochen verliert man irgendwann den Sinn dafür, was wirklich ist und was nur gedacht, sagt sie. Dafür habe ich vollstes Verständnis; mir passiert das auch ganz ohne wochenlanges Alleinsegeln.

Aber das sage ich nicht. Ich sage überhaupt wenig; lausche vielmehr fasziniert, wie übrigens auch das britische Pärchen, nur Antonio versucht, sich einzubringen – unschlüssig teilt er seine Aufmerksamkeit zwischen mir und der Seglerin.

Schließlich greift er zur Gitarre, gut so: da muss ich nicht mehr acht geben. Nach ein paar Songs und weiterem Geplauder läutet sein Telefon, im Vorbeigehen drückt er mir die Gitarre in die Hand und unbedacht entfleuchen mir ein paar Akkorde; plötzlich bestehen alle darauf, dass ich singe. Bobby McGee bis zur Hälfte, bevor ich mich verhasple, der Rest der Menge ist schon so zu, dass der Applaus größtenteils echt ist.

Letzte Hoffnung auf Wiederkehr des Sailors aufgegeben und versucht, aufzubrechen – aber ich kann noch so gefinkelt bei seinem Kellner zahlen, Antonio kriegt alles mit und stellt noch einen Krug Wein auf den Tisch, den er mit mir trinken will.

Alle anderen sind mittlerweile miteinander beschäftigt und so nehme ich das wiedergefüllte Glas, stoße freundschaftlich mit dem Lästigen an und versuche, ihm zu erklären, dass: Nein! und warum.

Worauf er plötzlich sein erstklassiges Deutsch völlig vergisst. Grund genug, zornig zu werden. Offener Zorn wäre allerdings, davon bin ich überzeugt, eine strategische Niederlage: Daher vergesse ich im Gegenzug sowohl mein bisschen Spanisch als auch mein Englisch, bedanke mich überschwenglich freundlich für seine Gastfreundschaft und röste ihn gleichzeitig mit bösartigen Blicken. Das macht mir ganz plötzlich unberwartet einen höllischen Spass, und trotz der plötzlichen Sprachschwierigkeiten ist klar, dass auch er sich wunderbar amüsiert ob dieser gegenseitigen Zurschaustellung von “Face”.

Solcherart seltsam hin- und hergerissen zwischen beidseitigem Zorn und Amüsement, wobei unklar bleibt, wieviel von dieser Vierfaltigkeit echt sein könnte, schaffe ich es, mich loszureißen und dem bescheidenen Bett zuzusteuern. Dort angekommen, ist es plötzlich unerwartet 2 Uhr nachts.

[Das Feuerwerk! Beinah hätt ich das unglaubliche Feuerwerk im Hafen vergessen, viel früher, bei Einruch der Dunkelheit. Nicht einmal S. aus dem Casablanca weiß, wer die Raketen aus welchem Grund abgeschossen hat. Hm.]

Erholung tut not

Von wegen guter Wein. Au, mein Schädel! Durst! Fühle mich völlig vergiftet. Stöhn. Nach einer halben Flasche Mineral nochmal eine Stunde geschlafen, so bis 9. Dann zum Supermarkt gequält & Frühstück organisiert. Danach nix wie ab nach Media Almud. Nach dem ersten Schwimm geht’s mir etwas besser.

Der fahrradfahrende Zeitungleser winkt freundlich quer über die Bucht, und wenig später kommt die weißhaarige Modelfigur und winkt mir auch. Ich fühl mich schon sehr vertraut hier.

Mein Tuch aufgespannt, provisorisch aber routiniert. Wasser und Dösen und Lesen und zwischendurch viele Gedanken; blondblauäugige Gedanken der mexikanischen Art; verdammt!

Eine tote Katze, die auf den Felsen liegt, eine ganze Weile lang für schlafend gehalten – bis ich die Fliegen sehe, die nicht verscheucht werden. Woran sie wohl gestorben ist? Fallen Katzen ins Wasser und ertrinken, einfach so?

Abgesehen davon ein wunderbar fauler Sonnentag; keine Wolken aber ein Schleier ganz hoch oben; gut für meinen Kopf. Ich bleibe lange, bis die Schatten zu mir herübergreifen. Mittlerweile wieder ganz zufrieden, mit dem Urlaub und mit mir; meinen ureigenen Schritt gefunden und genossen, zur Busstation und auch in Pto Mogan, sogar die Stiegen hinauf.

Dusche, Kaffee, Brot und Käse. Dann noch eine Orange. Und dann?

Jetzt das Meer aufnehmen, in Stereo, beim Echofelsen. Rucksack gepackt, Walkman vorbereitet, und los. Ganz nach vorne auf die Klippe und dort gemütlich gemacht, nur um dann festzustellen, dass es Ebbe und außerdem das Meer ziemlich ruhig ist.

Trotzdem Walkman samt Mikro aufgebaut, Notwendiges aus dem Rucksack griffbereit, mich auf den Lehnstuhlfelsen gesetzt & den Record-Knopf gedrückt. Ein Heineken lang & 2 Zigaretten den Sound des Meeres konserviert; das rote Lämpchen leuchtet & die Glut auf meiner Zigarette auch, noch genauer auf die einzelnen Wellen gehorcht ziemlich glücklich und dann oben am Himmel der erste Stern, dann der zweite und dann viele; ganz dunkel ist es und friedlich und keiner hier und das Messer liegt griffbereit, nur für alle Fälle.

Dunstige Nacht mit Fischerbootlichtern, und dann ist die Kassette voll & ich breche auf, die große Runde & dann die kleine, aber “nichts” entdeckt, also zur Abwechslung wieder ins Casablanca.

Dort sitze & schreibe, schreibe und sitze ich, zwei Mineralwasser und ein Bier lang, viel zu lange nicht Buch geführt. Aus der Konserve Queen & Scorpions & so ein Zeug, irgendwie ein richtiges Glücksgefühl. In meinem Rücken Stories von Booten und Südamerika und Drogen; “das konnte ja nicht gutgehen, der Trottel hat ein viel zu großes Maul gehabt”. Dann weiter über Schlauchboote, die nachts zwischen den Dünen landen und Drogen bringen (woher?). Und so weiter und so fort. Dann Erbschleichereien.

Als ich mit meinem Geschreibsel fertig bin, habe ich fast Lust, mich dazuzusetzen & auch ein paar Geschichten zu erfinden, aber es fühlt sich an, als hätte ich vergessen, wie man redet. Stattdessen noch ein bisschen in mein Buch geschaut, dann langsam heim.

(Im übrigen ein höchst köstlicher handgemachter Hamburger auf diesem Heimweg, höchst köstlich!)

Noch lange am Balkon gesessen mit Mineralwasser & Orangen und abwechselnd in mein Buch geschaut und in den Sternenhimmel. Danach noch im Schlafsack gewälzt, so viel noch zu tun und zu schauen und so wenig Zeit!

Beziehungen

Früh auf. Alles tut weh. Wann bin ich das letzte Mal 20 Kilometer, an einem Tag? Kann mich nicht erinnern.

Dafür verspreche ich mir heute Erholung. Leider bin ich schon gegen 8 hellwach vom Herumgetanze der Nachbarn. Ich will die heute nicht sehen; zumindest nicht zum Frühstück: Daher das Wichtigste in den Rucksack geworfen & mich selber ins Gwand. Dann ab ins Dorf.

Unten alles zu, alles verschlafen. Die ersten Segler klettern aus den Kajüten. Ich spaziere im Kreis, habe das Gefühl, wertvolle Zeit zu verlieren. Gebe derweil die Ansichtskarten auf.

Endlich macht jemand auf, das Marina, die ersten Sonnenstrahlen kommen um die Ecke. Kaffee, Orangensaft, Toast, Butter, Marmelade, und dabei den Hafen erwachen sehen. Ein Modefotograf mit einem Schwarm Models nutzt die morgenklare Luft für eine Reihe Aufnahmen.

Dann langsam Richtung Busstation, noch Orangen gekauft und Brot und Käse; Wasser habe ich schon. Dann auch gleich der Bus Richtung Media Almud.

Hartes Morgenlicht die Straße entlang, wie überhaupt die Farben der Landschaft hier extrem mit dem Licht wechslen, viel mehr als anderswo, kommt mir zumindest vor – man könnte meinen, man wäre morgens in einem ganz anderen Land als Abends…)

Flut ist es, und außer mir noch kaum jemand da. 1 Auto & 3 Leute, auf der “anderen”, der Sandseite. Handtuch ausgebreitet und nichts wie ab ins Wasser, das heute zart und fast glatt erscheint.

Ein Tag zur Erholung; schwimmen, lesen, essen, planschen. Gegen Mittag kommt W. & gemeinsam erkunden wir sein neues Handy, erschwert dadurch, dass er kaum Empfang hat. Dann getratscht & der Tag vergeht viel zu schnell. C. ruft an & erzählt, dass es 0 Grad hat in Wien, während ich gerade wieder dem Wasser zustrebe, um Abkühlung zu finden. D. ruft auch an, später; ist nicht so gut drauf. Ich schon. Die Sonne so stark, dass ich mithilfe von etwas Treibholz mein Allzwecktuch als Sonnenschirm aufspanne, das sieht wunderbar robinsonesk aus vom Meer aus und ist gemütlich zum Drunterliegen.

W. erzählt, dass ein ganzer Küstenstrich hier Julio Iglesias gehört, der – angeblich mit dem Geld der New Yorker Mafia – ein Hotel nach dem anderen baut. Und von den anderen Inseln, und davon, wie & wovon man hier lebt. Mir selbst erscheint nichts mehr großartig am kalten, steinernen Wien; selbst die “europäische Schwere”, die zu vermissen ich mir eingebildet habe, ist plötzlich sehr entbehrlich. (…)

Immer seltsamer auch erscheint mir, dass dieser Anblick von Felsen und Meer schon in ein paar Tagen nicht mehr selbstverständlich sein soll.

“Zu Hause” in Pto Mogan duschen & am Balkon langsam trocknen. Dann runter & die übliche Hafenrunde; bewundere wieder einmal die Boote, besonders das elegant-hölzerne hinter “the big American”. Alles redet über, alles sammelt sich um “the big American. “Galileo” heißt sie und misst 52 meiner Schritte. Ich bin unentschlossen, weiß nicht wohin, mag nicht in die Touristenmassen, die spanischen Ecken aber liegen verlassen.

Schließlich aufgegeben und fürs “Grand Bleu” entschieden; etwas fehl am Platz trotz köstlicher Seezunge & sehr freundlicher Bedienung. Plötzlich ganz klar, was ich D. sagen will, kann, muss: “Tu das, was du mit ganzem Herzen tun kannst!” – eine Message auch an mich, übrigens. So einfach, so schwer.

Die Seezunge, wie gesagt, köstlich; mit der Rechnung kommt ein Stamperl Honigrum: Hier mit Schlagobershaube.

Dann, schon auf dem Heimweg, höre ich Gitarrenklang aus der spanischen Kneipe & bin noch unschlüssig, aber der mexikanische Sailor erspäht & ruft mich. Wie sehr mich nach Gesellschaft dürstet, merke ich an meinem Aufatmen, als ich mich wirklich dazusetze.

Die Werftgemeinschaft begrüßt mich kollektiv freundlich, der Wirt auch, und obwohl ich von Gesprächen und rumfliegenden Witzen nur Bruchstücke verstehe, fühle ich mich recht zu Hause.

Als ich gehen will, schenkt mir der Wirt (Antonio) noch ein Glas Wein ein; viel besseren diesmal, und brav setze ich mich wieder. Wunderbar, nur dass die Jungs von der Werft dann gleich gehen (der Sailor schlägt mir auf die Schulter zum Abschied, und mir fällt auf, dass ich auf diese Berührung gewartet habe seit ich hierhergekommen bin. Verdammt. Auch das noch. Aber das war’s auch schon).

Antonio lädt mich zu einem anderen Tisch ein, zu seinen Freunden, den Iren (und Irinnen), die sehr nett und sehr locker sind. Mir ist schon klar, worauf das hinausläuft, aber noch ist alles harmlos, vor allem weil die Iren darauf bestehen, dass Antonio & seine freunde noch einmal die Gitarren rausholen.

Dann müssen wir aus dem Lokal raus, weil drinnen die Kakerlaken vernichtet werden (meine hübschen braunen Käfer! Na, Biologie ist wohl nicht meine Stärke).

Als die Iren aufbrechen, versuche ich, mich unauffällig anzuschließen, aber natürlich gelingt es mir nicht, Antonios Annäherungsversuchen zu entgehen, die galant und nicht bedrohlich, aber durchaus insistierend sind.

Hartnäckiger bleibe ich, und müde finde ich heim.

Strange Feelings…

Komische Nacht, schlecht geschlafen, draußen Krawall. Katzengeschrei & dazu deutsches Schnarchen. Außerdem heißkalt zwischendurch. Wohl doch zuviel Sonne erwischt.

Trotzdem ganz früh Terrassenfrühstück & mit etwas mehr Umsicht als gestern den Rucksack gepackt. Badezeug, dazu Orange, Banane, Brot, Käse und Wasser. Das Tagebuch. Kugelschreiber. Den Fantasy-Thriller aus der Gangbibliothek. Auf geht’s.

Aufstieg ist heiß, obwohl’s noch früh ist. Oben erleichtert ob des Wegfalls der Zivilisationsgeräusche, aber nicht verzaubert wie gestern noch. Erfreue mich an der Stille, am Ausblick, an meinen eigenen regelmäßigen Schritten. Weit und breit niemand, außer mir.

Meine Eile legt sich, sobald ich den Punkt des gestrigen Umkehrens erreiche. Hier war ich noch nicht, muss – darf! – genauer schauen. Die Pflanzen. Die Felsen. Der Weg.

Etwas ist seltsam, in mir, um mich. Fast schwindlig, aber nicht als ob ich krank wär: sondern so als wäre hier noch eine zweite Welt außer der, die ich seh.

Hypnotisch der Blick auf orangerote Felsenlandschaft. Die rote Felsenkuppel sagt zu mir: “Du wirst hier sterben. Auf dieser Insel. Nicht heute, aber irgendwann.” Ganz stark das Gefühl, dass ich sie nicht fotografieren sollte.

An der Felswand gegenüber ruft mich ein Stein. Ich breite die Arme aus und schmiege mich an die ausgesprengte Wand; es ist als wäre ich zwei, eine die in der Magie des Augenblicks aufgeht und eine, die sich genau darüber lustig macht; egal:

Mit weit gestreckten Armen stehe ich da, ungekannte Kraft strömt in mich aus dem Felsen und legt sich meinen Körper zurecht; hier muss ich noch einen Schritt zur Seite tun, dort einen Arm anpassen, schlussendlich ist alles richtig & ich “darf” meine Augen öffnen; empfinde es mehr als einen Befehl in diesem Moment, und ich sehe einen durchscheinenden Einschluss im Gestein, “das darfst du nehmen”: auch das ist ein Befehl, vorsichtig löse ich das winzige Ding aus seiner Erdhülle & verstaue es inder sichersten Tasche; weiß nicht, wofür es gut ist, ich bedanke mich bei der Wand (nicht ohne mich gleichzeitig um meine geistige gesundheit zu sorgen) und gehe ganz in gedanken weiter die Straße entlang.

Hinter der nächsten Kurve ist mein Andersweltschwindel wie weggeblasen, und ich bin ganz sicher, mir all das nur eingebildet zu haben. Ganz sicher? Na, zumindest fast.

Frei gehe ich die Straße entlang, das Meer, immer noch zu meiner Linken, glitzert in der steigenden Sonne. Dann eine Plantage; ein Auto. Jemand inspiziert die Bananenblätter. “Ola!” grüße ich, freundlich, “Ola! grüßt er zurück. Als ich weitergehe, höre ich, wie er mit irgendjemandem deutsch redet.

Hier beginnt ein Oleander-Paradies, Fotos nötig. Nach der übernächsten Kurve ein Wald, Pinien. Danach Ananas. Und noch mehr Oleander.

(Nie werde ich dem Billa Fotoservice verzeihen, dass sie ausgerechnet diesen Streifen versaut haben)

Noch eine Kurve, dann geht’s bergab. Die Straße schneidet wieder in den Felsen. Um den erste herum: Vor mir liegt das Tal meiner schlaflosen Träume. Weit und schön. Eine Welle nach der anderen zieht weißkronig herein.

Weiter hinten ein Pinienwäldchen, dahinter Häuser. Ganz vorne aber nichts, dort, wo meiner Karte nach eine Tankstelle liegen sollte, ein halb verfallenes Häuschen. Die Karte ist von 1995. Kann eine Tankstelle wirklich so schnell so sehr kaputt gehen?

Die Straße mit ihren gemauerten Bänken führt in weiten Schleifen hinunter ins Tal. Auf der anderen Hangseite auch schon Spuren, wo Bagger sich ins vorgesprengte Gestein gebissen haben. Aber davon abgesehen einer der schönsten Anblicke meines Lebens.

Entlang der Straße bewaässerte Palme und vereinzelt weitere Oleander; je deutlicher ich sehe, wo ich hin will, um so weiter wird der Weg. Dann, unten im Tal, entlang am hocheingemauerten Flussbett. Bleibt zu hoffen, dass der Graben vor dem Meer aufhört.

Er hört. Also quer über den Klappersteinstrand; ein Zelt & davor eine Frau, augenscheinlich einheimisch. Wir grüßen uns.

Am Strand etwas überlegt, dann für Bikinihose & oben ohne entschieden. Und, verschwitzt, heißgelaufen, an der schwarzsandigen Stelle ins Meer. Wellen hoch; ich vorsichtig. Aber schön.

Danach im Sand etwas getrocknet; dann Schatten gesucht. Der einladende Wald ist eingezäunt. Also stattdessen etwa 50m weiter landeinwärts zwischen Gebüsch und ein paar Bäumen einquartiert. Barbusig & tuchgeschürzt. Jemand hat aus Steinen einen Tisch gebaut, unter zwei Olivenbäumen, und 2 Sessel auch. Ich sitze im Sand, labe mich an Wasser & Orange, träume in den Himmel & aufs Meer hinaus. Etwas später, genug erholt um den Hunger zu spüren, Brot und Käse. Mehr Wasser (und nicht etwa Meerwasser).

Dann im Halbschatten gedöst & so durch & durch glücklich, dass ich das wieder festhalten muss. Ist ein Foto, in dem man fotografiert, was 5 Minuten davor wahr war, gestellt zu nennen? Auch egal.

Ein bisschen gelesen & noch ein bisschen gedöst & immer noch sehr glücklich, und dann plötzlich wie ein Messerstich das Bedürfnis, hier wegzukommen. Nicht so, als würde es von mir kommen: Eher eine Stimme, die mir sagt: “Du hast hier rasten dürfen & Ruhe finden, jetzt ist es Zeit, dass du verschwindest.”

Es ist ein sehr starkes Gefühl, und obwohl ich mir durch & durch lächerlich vorkomme, packe ich eilends meine Sachen & gehe. Wäre doch so gerne noch einmal geschwommen… “Nein, sagt die Stimme. Und den wunderschönen Stein soll ich auch nicht aufheben.

Als ich an den Schranken komme ( “No trespass!” und ein durchgestrichener Fussgänger, sichtbar nur von der Innenseite), erscheinen zwei weißgekleidete Menschen vorn an der Kurve, und noch ein paar Schritte weiter sehe ich den Riesenkatamaran um die Ecke biegen & zwei Wassermotorräder aussetzen, Lärm füllt die Bucht. Von landeinwärts kommt ein weißer Jeep. Dann ein Motorrad. The spell is broken, die Stimme schweigt. War es vielleicht eine Warnung, vor dem, was da eintrifft? Oder doch eine Drohung, so wie ich es im ersten Moment empfunden habe? Oder hab ich nur zuviel Sonne erwischt, zulange mit mir selber geredet?

Egal. Zurückgehen ist immer ein Fehler, habe ich irgendwann für mich beschlossen, daher mache ich das auch jetzt nicht. Beginne stattdessen den Aufstieg; etwas schwerfällig mit brotkäseobstgefülltem Bauch.

Nicht ohne weiterzugrübeln; ich komme mir blöd vor. Hab ich mir das ganze eingebildet? Aber meine Angst ist vor Menschen, und es waren keine da. Meine Angst ist vor geschlossenen Räumen, nicht vor offenem Land. Meine Angst war es nicht, die da zu mir gesprochen hat. Aber was dann?

Unten flutschen die Wassermopeds Runde um Runde um den Katamaran, und ich bin heilfroh, dass ich wenigstens damit nichts zu tun habe.

Oben um die letzte Kurve & mehr als einladend das Pinienwäldchen, ich nehme an, sitze erst auf der Steinbank & trinke einen Schluck Wasser, zu entfernt, setze mich dann, erstaunt darüber, wie weich das Nadelbett ist; wische ein paar Zapfen beiseite & lege mich auf das so entstandene Bett.

Sonnenstrahlen geteilt & gebündelt durch die Baumnadeln & nach einer kurzen Pause setzen die Vögel wieder ein, unberührt von der fremden Anwesenheit. Leichter Wind & von ganz unten, ganz fern, die Wellen gegen die Felsen. Ich fühle mich willkommen, rund um mich reine Freude. Im Halbkreis die Bäume, als würden sie mich beschützen, beschirmen. So könnte es bleiben, ein Leben lang. Nicht ganz vielleicht, aber doch eine ganze Weile. Nichts fehlt, und nichts ist zuviel.

Warum ich irgendwann doch wieder aufbreche, weiß ich nicht. Vielleicht nur die stumme Einladung der oleandergesäumten Straße. Bin es jedenfalls zufrieden: Schritt für Schritt.

Diese Steinformation gegenüber von meinem Felsen: Ein Tor aus dem Nichts ins Nichts (off Foto-Limits, sorry), talwärts, fast möchte ich mich hinsetzen und schauen, bis sie endlich deutlicher auftaucht auf der anderen Seite, die fremde Welt. Den Stein noch einmal gegrüßt; er ist schweigsam & doch spüre ich etwas von der Gewalt der Sprengung, die mein Geschenk freigelegt hat.

Längst bin ich geborgen im Rhythmus der Schritte, im Kopf Geschichten & doch wieder nicht. Sonne auf der Meerseite jetzt, ganz, und dadurch Silberlicht.

Wieder verblüfft darüber, wie plötzlich der Lärm einsetzt jenseits der Felskuppe. Gleichzeitig plötzlich wird gehen mühsam, oder ich bemerke es erst jetzt: Keine Blasen sondern gänzlich wunde Füße, Ein Ziehen in den Oberschenkeln, als wären nach den vielen Kilometern genau die letzten 500 Meter nicht mehr zu schaffen, aber zu schaffen sind sie natürlich doch.

Noch zwischen Küche Bad Terrasse herumgeirrt als könnt’ ich jetzt nicht einfach stehen bleiben. Dann Dusche, Wasser, Obst und mein irgendwie völlig deplazierter Agententhriller.

Einige Zeit später stark genug für Supermarktbesuch, Käse Oliven Wein für alle Fälle und Brot natürlich, frisches Brot.

Danach weitergelesen bei Kaffee, drüben ein deutsches Pärchen: Sie lackiert Zehennägel, er studiert irgendwelche Papiere. Dann kommt das Kölner Trio heim, vollbepackt. Zwei verschwinden in der Küche, einer (der Ehemann der Frau, die aber offenbar viel lieber mit dem anderen alleine ist) bleibt auf der Terrasse, öffnet eine Flasche Rotwein & schenkt mir trotz meiner Proteste das Wasserglas randvoll. Er will natürlich plaudern; diesen Wein, so sagt er, kann man gut auch schon zum Frühstück trinken, das wär viel besser als Kaffee. Nicht sicher ob das ein Witz ist oder bitterster Ernst, lächle ich und schweige. Da kommen auch schon Freund und Frau mit dem Essen.

Ich wäre herzlich eingeladen & lehne, ebenso herzlich hoffentlich, ab.  Ah, Tagebuch, mein Schutz und Schild! Ich liebe dir.

Was mich nicht davon abhält, ihren Gesprächen zu folgen. Die Beziehungen kann ich nicht ganz auflösen; ein hoffnungsloser Kölner Säufer mit (mühsam?) geduldiger (spanischer) Ehefrau & ein mysteriöser Dritter, der der Ehefrau sehr charmant & dem Typen sehr freundschaftlich gegenübersteht.

Die Geschwindigkeit, mit der sie Weinflaschen leeren, verblüfft mich; die Gespräche bleiben mir nicht erspart. Während seine Frau weitere Wurst- und Käseplatten zurechtmacht, erzählt er dem seltsamen Freund, dass er 6 Jahre in Spanien gelebt hat, “damals, in der Franco-Ära. Das war war in Ordnung. Da ist nichts gestohlen worden, damals, und ein Essen im Restaurant hat 25 Ptas gekostet.” Na dann. Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich kein gesteigertes Bedürfnis habe, die Partie näher kennen zu lernen.

Was mir aber nicht erspart bleibt. Denn als Theos (der Ehemann) Wein zu Ende geht, gebietet es die Höflichkeit, die 3 Gläser aus meiner nahezu unberührten Flasche nachzufüllen. Klar war mir klar, dass er mich zulabern würde, und ich bringe, fast gegen meinen Willen (viel lieber würde ich still die Sterne betrachten) die angebrachten Gegenargumente; sehr dankbar, als Karl (der unzuordenbare Freund) mir meinen Standpunkt abnimmt.

Theo trinkt unkontrolliert und unter Elenas Protest in großen Schlucken meinen Wein, was mir nur recht ist, weil der erstens ohnehin nicht besonders und zweitens leicht verkorkt ist.

Dann gehen sie endlich schlafen. Heureka, meine stille Terrasse ist wieder mein! Ich betrachte die Sterne & schweige in den Himmel, und dann gehe ich, ungewohnt früh müde, gegen halb 11 (Winterzeit) schon schlafen.

Noch was vergessen? Ja. Die Glasscherben am Strand, so Shit. Und das Zeitloch; Hinweg 2 Stunden, Rückweg mehr als 4 Stunden (OHNE die Pause im Pinienwald).

 

Auf Irrwegen

Der Nationalfeiertag fällt auf einen Sonntag, zu Hause wandern sie jetzt mit Kastanien & Sturm. Und jemand hat Geburtstag.

Hier aber scheint die Sonne, und das einzige, was mich jetzt mit Wien verbindet, ist das Ende der Sommerzeit. Mir auch egal. 3 Uhren (inkl. Handy) hab ich mit – Eine zeigt MEZ, die nächste MESZ, die andere hiesige Sommerzeit. Keine Ahnung, ob irgendetwas davon von Bedeutung ist.

Das Frühstück fällt kurz aus, heute, Veneguera steht auf dem Programm. Und zwar zu Fuss. Das sind 10 Kilometer, über den Berg, so ungefähr. Mal sehen.

Aufstieg problemlos; nicht schnell aber stetig. Ganz neue Perspektive auf das Dorf, von hier aus, das Meer dahinter schimmert & meine Pension kann man ganz deutlich sehen.

Oben aber eine Kurve um den großen Felsen, und wie auf Knopfdruck ist sie weg: die ganze Zivilisation. Einiges an Flora zu fotografieren; links das Meer, mal näher, mal ferner. Es dauert eine Weile, bis ich das ganze unglaubliche Panorama tatsächlich als echt wahrzunehmen bereit bin; das blaue, weite Meer, die gelben und rötlichen Felsen, die staubigdunkelgrünen Büsche dazwischen: Langsam wird es wahr.

Als ich stehenbleibe, um ein Foto zu machen, entdecke ich erst die unglaubliche Stille ringsherum. Ich bleibe viel länger stehen, als der Klick dauert, und höre: Nichts. Ab und zu ein Vogel, irgendwo, oder ein dickbrummiges Insekt, dann ein einzelner Windstoss in den Palmblättern. Aber kein Grundlärm, über den sich ein Geräusch erst erheben müsste, um hörbar zu sein. Wunderschön und sehr verblüffend.

Immer wieder muss ich stehen bleiben, um Fotos zu schießen (auch von mir, mit Selbstauslöser, um sicher zu gehen, dass ich tatsächlich hier war), aber auch, um das Geräusch meiner Schritte auszuschalten und das Knarren der Tasche.

Statt der Straße weiter zu folgen, lasse ich mich dann von einer Bucht locken: Im schätzen war ich nie sehr gut, aber es sieht nicht weit weg aus & auch nicht allzu felsig.

Einen distelig-staubigen Ziegenweg entlang, dann an die Felsen gekommen. Geklettert & geklettert & geklettert in meinen Sandalen, tiefer & tiefer & tiefer, die Straße längst unsäglich weit weg, die Bucht aber kommt nicht näher.

Die Sonne brennt & die Disteln stechen, die Wasserflasche plötzlich & unerwartet leer, ich sitze in der Landschaft & wünsche mich in die schwarzsandige Bucht da vorne, aber es könnte noch hundert Jahre dauern, sie zu erreichen.

Also umgekehrt & beim Wiederaufstieg erst gemerkt, wie weit ich wirklich schon gegangen war; rauf ist – wie üblich – anstrengender, aber auch leichter als hinunter: Auf dem Hinweg habe ich ab und zu beide Hände gbraucht in den Felsen, auf dem Rückweg reicht durchgehend eine.

Über meine kartenlose Expedition geflucht, aber egal, die Szenerie ist schön & ich bin zwar durstig, aber sonst guter Dinge.

Endlich die Straße wieder erreicht & gerastet im Schatten der nächsten Pinie, immer noch diese Stille & dann fährt ein Radfahrer vorbei, hebt grüßend die Hand, und dann wieder nichts.

Recht langsam & den Kopf voller Gedanken den Rest des Weges zurückspaziert; ab und zu ein Boot draußen auf dem Meer, und da vorne, da kommt schon der Felsen: Das Tor nach Puerto Mogan.

Den plötzlich, von der anderen Seite, ein Pärchen umrundet, sehr jung, sehr braungebrannt, beide (!) mit nacktem Oberkörper, Hand in Hand. Ich grüße, die beiden auch, dann bin ich um die Felsenecke herum & sofort in ganz normale Geräuschkulisse eingetaucht, ein Schock nach der geliebten Stille. Motoren, Kindergeschrei, irgendwo ein Radio. Schwer zu glauben, dass die paar Schritte so viel ausmachen können; ich möchte zurückgehen hinter den Felsen und das noch einmal testen, bin aber zu müde.

Langsamer Abstieg; ab einem gewissen Punkt im Leben erinnert wohl alles an irgendetwas: Akrokorinth diesmal. Nur halt anders.

Zurück in der Pension neue Gäste taxiert; deutsches Pärchen, das mehr nach Hotel aussieht; zwei sehr blonde Engländerinnen. Was kümmerts mich; ein Schluck Wasser & eine Orange auf meinem Balkonplätzchen, so billig kann Glück sein. Mit den Augen die Straße verfolgt, Kurve um Kurve, bis zum Soundmagischen Felsen, der von hier eigentlich recht harmlos aussieht.

Langsam zu Atem kommen & die entgangene Bucht durch einen Platsch in der Allgemeinbucht ersetzen. Mit Liegestuhl heute sogar; 700Ptas sind zwar sehr happig, aber ich spar mir die Diskussion. Salzmandeln & Wasser & dann rauch ich schließlich doch eine, obwohl es doch heute bisher gar nicht nötig war.

In der sinkenden Sonne über kaum glaubliche Hautfarbe gewundert. Als ich genug gebraten bin, erinnert mich ein Stück Restgehirn an die Tafel beim Casablanca: Erdbeeren mit Sahne! Genau die müssen es jetzt sein.

Drinnen läuft Formel I, Villeneuve wird Weltmeister. Das erste, was ich seit einer Woche von den Weltnachrichten mitkriege. Nicht dass mir dabei etwas fehlen würde.

Unterwegs nach Hause eine kurze Jean & ein T-Shirt erstanden, mich gefragt, ob wohl jemals wieder ein heimischer Sommer kommt, der es erlaubt, so etwas auch zu tragen. Egal. Duschen & mit einem neuen Buch in der Hand die Haare auf der Terrasse trocknen; überhaupt: Dieses Bücherregal im Flur der Pension, woher kenne ich das? Griechenland, natürlich, Andros, aber auch von noch wo, fällt mir gerade nicht ein).

Dann umgezogen für erneute Fotoexpedition; Lumy kommt vorbei & hat mein verloren geglaubtes Taschenmesser gerettet (also die Deutschen von nebenan zu Unrecht verdächtigt); runter zum Hafen und da liegt das schönste alte Holzboot aller Zeiten neben einem Riesen-Ami (mindestens 40 Meter, das Ding. Ja, Meter. Nicht Fuss.)

Vorbei an den Malereien auf der betonmauer, wo sich Bootsanlieger verewigen (dürfen?). Auf einen Abendkaffee vorne am Leuchtturm, ja, nur Cappuccino, ich weiß, und sauteuer; weiß ich auch. Der Sonnenuntergang entschädigt für alles, sogar für kaum erträgliche Kitsch-Filmmusik. Dann aber Klassik, das ist besser.

Anschließend ein Spaziergang zur Dolby-Surround-Klippe, wo ich leider bei weitem nicht die einzige bin. Einer sitzt da und zeichnet die Aussicht. Das ist immerhin idyllisch. Ich bleibe sitzen, bis alle weg sind, die Wellen schwappen, von drüben die Kuppel des Teide kaum unterscheidbar von den Wolken.

Langsam durchs Dorf geschlendert & mich gefragt, ob ich mich irgendwo reinsetzen will. Stattdessen am anderen Ende, am Strand, noch im Sand gesessen und eine Zigarette geraucht, die letzten Boote kommen herein, von der Restaurantmeile herzliches Gelächter, dann ein riesiger Katamaran.

Den will ich genauer sehen & folge ihm Richtung Hafen; unterwegs W. getroffen, er ist beschäftigt (sieht man sich noch? – vielleicht). Den Katamaran beim Grünblinkleuchtturm eingeholt, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie 25 Fahrgäste gegen 25 neue Fahrgäste ausgetauscht werden, verstreut über das Boot und etwas verloren & bemüht glücklich aussehend legen sie ab: Dann doch lieber Sterne zählen an Land!

Erst ist es einer, im noch pastellfarbenen Himmel, 3 Vögel fliegen vorbei. Über dem Strand erst 2, dann 5. Schon sind es viele, kaum mehr zu zählen, südlicher Sternenhimmel, ganz und gar ungewohnt.

Ein dänisches Boot liegt an der Außenseite (drinnen scheinen immer dieselben zu liegen), und sie fragen mich, wo man denn hier gut essen kann. Überall, lache ich, und sie wagen sich an Land.

Wieder dem immer noch beschäftigten W. begegnet. Dann ins Casablanca gesetzt, Orangensaft jetzt, frisch, ringsum ist Villeneuve das Hauptthema, außer vielleicht dem kranken Kind der Berliner, aber nur dann, wenn es fürchterlich hustet. Seine Schwester ist zwar nicht krank, aber quengelig; die Mutter wieder schwanger & darf nichts heben. Der Opa will wissen, wo denn der Frentzen abgeblieben ist beim heutigen Rennen, aber das weiß keiner. Die Tante hat in Jugoslawien immer Angst gehabt beim Segeln, aber jetzt in der Karibik hat sie keine mehr. Der Papa ist immer nur am ersten Tag seekrank gewesen, danach war er der einzige, der unter Deck kochen konnte. Himmel, manchmal wünsche ich, ich könnte die Ohren zumachen wie die Augen.

Jetzt streiten sie, wer zahlen darf. Die Kleine quengelt & will getragen werden, was die Mutti nicht darf. Die Tante will einspringen & kriegt die Kinderfaust ins Aug. Dann endlich Ruhe, ich bringe das Tagebuch auf neuesten Stand.

Schließlich, hungrig, ins Marina. Der Fisch des Tages ist Merlin (hatte ich schon), die Paella ist aus, also probieren wir das Lamm. Während ich warte, fällt ein übergeschnappter Schwedenhaufen ein. Dazu doppelt deplazierte Irenfolkmusik.

Da kommt das Lamm, köstlich zart mit Riesenportion Karrotten & Kartoffeln. Draußen promenieren wie gewohnt die Leute in großen Kreisen, darunter zwei, die ein Aug auf mich werfen. Ich frage mich ob wirklich, oder papagallomäßig. Ungeachtet dessen ist es ein Vergnügen, sie zu ignorieren, jung und hübsch wie sie auch sind 8besonders der eine).

Das Lamm, das ohne das gebrüll der Schweden sicher noch etwas besser geschmeckt hätte, ist irgendwann zu Ende. Nichts wie weg hier. heute gibt es keinen Pfirsichschnaps, heute gibt es Honigrum. Erstaunliches Geschmackserlebnis. Dann heim, glücklich schon über die Stille unterwegs.

Die aber auf der Stiege zum Balkon ein jähes Ende nimmt. 3stimmig deutsch lautlachend, ich befürchte das schlimmste, zum Glück stiebt es schon auseinander als ich im Zimmer meine Tasche ablege.

Am Kühlschrank überrascht festgestellt, dass ich noch ein Bier habe, also selbiges statt Wasser auf den Balkon mitgenommen und schon wieder geschrieben, zum erstaunlich harmonischen Konzert für 50 Grillen und einen deutschen Schnarcher. Zum ersten Mal seit Ankunft lange Ärmel ausgepackt.

Es schwingt, doch streckenweise ohne mich

Recht spät auf, gemütlich gefrühstückt. Heute mal landeinwärts, beschließe ich spontan. Noch Geld abgheoben. Bei der Kamera ist die Batterie alle. Shit aber auch.

Trotzdem Bus geboardet & der Leidensweg beginnt. Das liegt an einer 5-köpfigen deutschen Familie, die sich benimmt, als hätten sie die Insel gekauft. Dazu die wunderbaren Meldungen. “Jetzt schaut’s einmal aus dem Fenster, damit ihr zu Haus auch was zu erzählen habt!”

In meinen Fenstersitz zurückgeschrumpft & dabei komische Stiche an den Armen entdeckt. Sieht nach Spinne aus. Kaum habe ich sie gesehen, fangen sie auch schon zu jucken an.

In Mogan herumspaziert, sympathisch normales spanisches Dorf, fast touristenfrei. Nach einer langen Runde um die Peripherie (im Tal Richtung Meer wird gebaut wie verrückt); im Supermarkt Film & Melone gekauft. Dann Durst – leeres Touristencafe am Platzl; volle Einheimischen-Bar an der Straße, beides nicht mein Ding, zum Glück entdecke ich ein drittes: Gartencafe mit altersmäßig & geschlechtlich gemischten Besuchern. Kaffee und Wasser bestellt. Wahrscheinlich sollte ich das nächste Mal einen Milchkaffee bestellen, der kommt dann wohl wirklich schwarz.

Tagebuch nachgetragen während Millionen von Fliegen auf mir herumkrabbeln – an mir kann’s nicht liegen, ich bin geduscht. Der nächste Windstoss weht ein Blatt in meinen Kafee. Irgendwie nicht mein Tag heute.

Da kommt die weißhaarige Frau aus der Badebucht; angenehmes, stilles Zunicken, sie setzt sich hin & liest in einem Buch.

Dieser Tisch mit den Sonnenflecken, die durchs Blätterdach fallen, dazu der Blick die Straße entlang. erinnert mich an etwas, aber ich komm nicht drauf, was es ist. Halb zufrieden durch etwas, was nicht jetzt ist, aber durch das jetzt angesprochen wird.

Drüben an der Busstation staut es sich schon vor Leuten. Auch die deutsche Familie ist schon wieder da. Seufz.

An der dreieckigen Kreuzung steht ein Typ in Uniform mit Trillerpfeife und regelt den Verkehr – oder tut doch zumindest so als ob, denn um seine Signale schert sich keiner.

Eine Gruppe Radfahrer in blau-gelben Dressen, sieht aus wie ein professionelles Renn-Team, kommt die bergstraße herauf, dahinter ein Verfolgerwagen.

Die Strandfrau geht rüber in die Bar, telefoniert dann und trifft auf dem Rückweg einen offenbar Bekannten, mit dem sie plaudert.

Die Radfahrer bleiben an der Kreuzung stehen, halten Kriegsrat, dann steigen 4 wieder auf die Räder – der Rest in ein Auto. Der Bus kommt. Ich bleibe noch sitzen, schaue den Einsteigenden beim Kampf um die besten Plätze zu; erst 3 vor 2 rufe ich den Kellner zum Zahlen & steige auch ein.

Wieder versuche ich, in den Polstern zu verschwinden, und unterwegs denke ich, dass es zu den besten Momenten in meinem Leben gehört, irgendwo zu sitzen, wo mich keiner kennt, und einfach nur zu registrieren, was um mich geschieht.

Und ein Stück weiter Richtung Strand denke ich, dass das doch ziemlich seltsam ist & dass vielleicht die Deutschen, die ihren Sohn mit “Stell dir vor, was die Oma sagt, wenn sie fragt, was du gesehen hast, und du musst sagen: Nichts” hinter seinem Gameboy hervorzulocken versuchen, möglicherweise doch die normaleren sind.

Die fünf steigen in Puerto Mogan aus & werden ersetzt durch ein mittelaltes Schweizer Ehepaar, dessen frecher Teeangersohn mit der Videokamera in der Hand auf jeden einzelnen Zeh im ganzen Bus trampelt. Dazu ein schwedisches Rentnerpaar, dessen weibliche Hälfte jede Kurve mit einem Todesschrei zur Kenntnis nimmt.

Endlich erreichen wir die Haltestelle meiner Playa, ich steige als einzige aus & spüre ziemlich viele Augenpaare stichelnd im Rücken. Drehe mich um und winke freundlich, worauf sich die ganze Partie wie auf Kommando von den fenstern wegdreht.

Heiß & staubig ist es, und unten, wie samstags zu erwarten, die Hölle los. So what. Ein bescheidenes Plätzchen gesucht & erstmal ab ins Wasser, obwohl die Wellen verdammt hoch sind. Sonne und Sonne und Sonne. Längst wär’s vernünftig, den Schatten zu suchen, aber ich bringe es nicht über mich. Genieße. Dazwischen mehrmals eingetaucht. Strandwandern lohnt nicht; zu viele Leute.

Träge die diversen Cuts & Stiche auf meiner Haut in Augenschein genommen & als Beweise fürs wirkliche Leben abgelegt. Melone genossen. Zum Abschluss noch ein ausführlicherer Schwimmausflug. Rückweg durch die Brecher haarig, aber ungefährlich (mein Meer spricht zu mir).

Noch getrocknet & auf den Rückweg gemacht, wollt ich zwar noch nicht, aber die vielen Leute fressen die Magie des Platzes weg & das stört mich.

Nach Busfahrt frisches Brot, Orangen, Joghurt geholt. Geduscht. Festmahl auf dem Balkon, eine Weile gelesen, dann ins Dorf runter spaziert.

Auf dem trennenden Highway (links Touristen, rechts Einheimische) flaniert, über den Schiffsfriedhof (der eigentlich eine Werft ist, aber viel idyllischer aussieht) an der Mole entlang, die Boote bewundert. Besonders die “Thunder of Southampton”, ein wunderschön elegantes Holzboot. Ganz langsam bis nach vor zum Grünblinkleuchtturm, eine Runde ums Hotel & auf einen Drink ins Casablanca.

Vorne promenieren Urlauber & Residents, am Nebentisch erzählt ein schwedischer Segler “There I was…”-Geschichten. Obwohl ich mich ganz ausgzeiechnet fühle, scheint es irgendwie “falsch” zu sein, hier allein zu sitzen. Als würde ich als einzelne die Harmonie stören.

Auf dem Heimweg plötzlich Musik, ziemlich laut. Neugierig geworden & nachgesehen. Im Casa Verde steht einer mit Gitarre & Stimme ganz allein auf einer Bühne – der rest des Dire-Straits-Songs kommt aus der Konserve. Rührend, die einsame Gestalt hinter dem Mikro; er spielt ziemlich gut & ich bleibe ein bisschen stehen im Schatten der Büsche & höre zu; das Lokal so gut wie leer, das könnte sich noch ändern: ist ja noch früh.

Ich hab für heute genug gesehen, geh heim & lese noch ein bisschen. Dann schlafen.

Markttag & Musikabend (mit Sonne dazwischen)

Gemütliches Lesefrühstück auf der Terrasse. Wollte eigentlich schwimmen gehen, aber Lumy erzählt, dass heute (wie jeden Freitag) da unten Markt ist. Hoffnungsfroh schwärme ich aus, aber… auch hier der gleiche Scheiß wie in den Geschäften ringsum. Dazu noch das Wundermittle Aloe Vera in allen möglichen (und einigen eigentlich unmöglichen) Zustandsformen, afrikanische Schnitzereien, Lederjacken und -taschen, angebliche Puma-, Nike- und Adidas-T-Shirts.

Kaufe zirpende Grillen (das ist irgendwie schön kitschig, im Gegensatz zu ekelhaft kitschig) und Ledertasche, künstlich. Schließlich – grandios! Ein Stand mit 1000 Sorten Nüssen, mindestens. Einen Riesensack angefüllt mit Bekanntem und Unbekanntem.

Schließlich genug davon; auf dem Weg zur Busstation noch Wasser gekauft & ab nach Media Almud. Wieder die schon vertraute Erleichterung auf dem staubigen Weg nach unten; dann Nüsse mampfend, Buch lesend, Sonne tankend herumgelegen. Später Steine spaziert, Meer geschaut & geschwommen, nackig meist oder zumindest fast (später), an die fette, akustisch offenbar sachsener Mutti gedacht, die die Gegend am Handy irgendjemandem als “kahl & tot” beschrieben hat – und dabei lebt hier selbst die Erde, voller Kraft & Verheißung.

Später in den Schatten geflüchtet, bald darauf kommt W. Geplaudert & erzählt. Er hat “viel zu tun” – was mir schwer vorstellbar ist angesichts meiner eigenen Faulenzerei (aber dem Da-Sein eine natürliche Perspektive gibt).

Vom Werden des Ferien-“Paradieses” in den letzten 30 Jahren erfahre ich und vom Sein, damals und jetzt. Während die Schatten fallen. Dann ist es Zeit, er muss irgendwohin, ich habe Hunger. Vielleicht mal essen gehen, irgendwann? Si, si.

Der Bus kommt punktgenau, der Supermarkt hat noch offen (supermercado heißt das hier) – Brot, Käse, Saft, Bier. Und auf der Terrasse ein Festmahl gefeiert nach der Dusche; heute will ich gar nicht mehr in den Ort. Fanta Pina gibt es hier, als Ananas! Das muss gekostet werden (Naja…) und meinen Agententhriller gelesen mit Blick auf den magischen Felsen, die eigenen Geschichten im Kopf. Viel, sehr viel, gedacht:


Noch die restlichen Karten geschrieben, dann, auch eine riesengroße an D.

Dann doch noch einmal in die Ausgeh-Kleider geworfen & ab Richtung Playa; vielleicht nur spazieren; vielleicht ein Glas Wein im Casablanca?

Aber unterwegs höre ich Musik, echte! Keine Konserve, also den Ohren nach. Die Taverne mit den Musikanten, die im “wirklichen” Ort liegt, nicht im touristischen Reißbrettdorf, einmal umkreist & für harmlos befunden; also wage ich es, setze mich & bestelle ein Glas Wein.

Es kommt mir hier, man möge mir den Kalauer verzeihen, sehr spanisch vor; Touristenunterhalter nach Feierabend unter sich, endlich auf der Gitarre klimpern können ohne Publikumswünsche, so hört sich das an, obwohl es ein Publikum gibt, aber die sind von hier, fast alle; bis auf ein bayrisches Ehepaar an einem Tisch und an einem anderen Tisch ein ziemlich blasses, stilles Pärchen, die ich nicht bis zu mir hören kann.

Dann kommt noch ein junges Mädchen, sie ist 18, vielleicht, oder eher nicht einmal das, sehr selbst-bewusst (obwohl das Wort self-conscious eher auf ihren Zustand passen würde), sehr bewusst sexy, nein: erotisch – und sehr unantastbar. Vielleicht die Tochter des Wirts: das scheint plausibel aus der Art wie sie ihn auf die Wange küßt & hinter die Theke geht und ein Bier nimmt; dann steht sie da und erzählt Geschichten, Anekdoten, Witze, keine Ahnung, ich verstehe kein Wort, aber es ist wunderschön ihr zuzuschauen, ihr und den Musikern, die plötzlich Publikum geworden sind, gefangen und befangen von der unschuldig überschäumenden jungen Erotik. Und sie ist gut, auch ohne die Worte zu verstehen, kann ich das sehen, eine geborene Schauspielerin. Ich muss an M. denken, damals im dunklen Treppenhaus des Internats, nach dem Bühnenspielkurs, und ich bin weit weg und doch ganz da.

Der Wirt stellt mir ein neues Glas Wein hin, das ich nicht bestellt habe, und alles stimmt und schwingt; so sehr, dass ich nicht zu fragen brauche, ein fragendes Schauen genügt und er legt den Kopf schief und leitet meinen Blick in Richtung des blassen, stillen Ehepaars, sie haben ein Kind dabei, das vorher nicht da war, und prosten mir zu, beide, lächelnd.

Ich lächle zurück und hebe mein Glas, und der Gitarrist hat wieder die Gitarre genommen; kaum zu glauben: Es ertönt “Commandante Che Guevara”. Die bayrische Omi nebenan, weinselig, summt mit, bis zum Refrain, bei dem der Opi ausruft “Des is jo a Revoluzzalied!”. Darauf sie, ungläubig: “Na geh, des is doch so schen.”

Der weitere Dialog entgeht mir, es kommen neue Gäste; es ist alles besetzt außer dem Rest von meinem Tisch, dürfen sie sich dazusetzen? Sie dürfen. Sehr coole, sehr junge Jungs; Bier kommt auf den Tisch & der Zauber des Commandante ist gebrochen, aber charmant.

Drei von den vieren unterhalten sich bestens miteinander; der vierte aber spricht mit mir. Mexikaner ist er und seit knapp 6 Monaten hier, erfahre ich; er arbeitet in der Werft und repariert & wartet Segelboote, zumindest so lange, bis sich ein interessanter Trip anbietet.

Wir plaudern übers Segeln; er über den pazifischen & atlantischen Ozean, ich – defensiv – über die Ostsee; “Oh, the Baltic Sea!” sagt er. “They asked me to transfer a boat from here to Helsinki & I said sure, why not. I thought that the Baltic Sea is not an Ocean, it’s moe like a lake. But it isn’t. I don’t know how, but that little piece of water has everything the oceans have & sometimes even more; I’ll never again underestimate it.”

Ich bin seltsam froh, dass mein bisschen Segelerfahrung von einem wertvollen Stück Wasser stammt, und er ist sehr hübsch und blond und langhaarig, und dann erweist er sich auch noch als musikalisch: jedenfalls bitten die Musiker ihn auf ihre improvisierte Bühne, um mit ihnen zu singen, aber er lehnt ab, er sei zu müde, sagt er und grinst, und die Luft knistert & ich wittere Gefahr! Untiefen! und flüchte schnell, bestelle beim Wirt eine Flasche Wein, ja, bitte, vom guten, und nehme sie & setze mich zu meinen beiden (das Kind ist schon wieder weg) blassen Wohltätern.

Aus Dresden kommen sie, erfahre ich und wundere mich erstmal, als ich sein T-Shirt genauer sehen kann, auf dem das ÖKM-Logo prangt.

Das klärt sich glücklicherweise bald. Sie betreiben eine Tankstelle, erzählt er, zusammen; aber er will eigentlich Motorradrennen fahren, und ÖKM sponsort sein Team. Es ist ihr erster “richtiger” Urlaub, vorher nur einmal eine Woche Jugoslawien, vor langer Zeit; vor der Wende.

Die Musiker packen zusammen und gehen, während wir plaudern, aus dem Augenwinkel sehe ich, dass einer aus der Clique des Mexikaners ihnen nachläuft und mit der Gitarre zurückkommt; schön: so ist es nicht ganz so still, zwischen den Wörtern.

Wie es ihnen denn geht, frage ich, wie sie das denn erlebt haben mit der Wende und der Mauer und der Wiedervereinigung; die Antworten bestehen aus lauter Nachrichtenwörtern & sind ganz & gar unpersönlich, und ich höre zu und frage dann: “Ja schon, aber wie fühlt IHR EUCH dabei?”

Und zum ersten Mal ist sie es, die antwortet, nach einer kleinen Pause; sie sei sehr glücklich sagt sie, zum Beispiel hier, jetzt, die Familie, endlich mitten in der Welt und nicht mehr auf die Grenzen der sozialistischen Länder beschränkt; das Kind (Rundblick: Das Kind, hellwach mit ihren 7 oder 8 Jahren, spricht an der Ecke sehr innig mit einer Streunerkatze) könnte frei aufwachsen, könne die Welt sehen, und das wäre doch alles ganz wunderbar.

“Aber?” frage ich und schäme mich sofort dafür; es ist als würde ich meine eigenen zerbrochenen Hoffnungen auf ihre Schultern laden. Sie lacht, sie lächeln beide. Der Wirt bringt Käse und noch eine Karaffe Wein, “a la Casa” sagt er und ich frage mich, wie wir zu der Ehre kommen. Ich versuche ihn danach zu fragen, aber er erzählt etwas unverständliches auf spanisch und zeigt auf die Uhr und legt den Arm um die Schultern des Dresdners; “Amigo” sagt er, und es klingt richtig und falsch zugleich, dann wird er gerufen von jemandem der drinnen sitzt & nicht draußen wie wir, die Werftjungs sind gerade aufgebrochen & kichern noch um die Ecke, und es wäre wirklich nicht mehr nötig gewesen, meine längst vergangene Frage zu beantworten, aber sie tut es trotzdem.

“Aber zu Hause, im Alltag, habe ich das Gefühl, es fehlt etwas. Es fehlt…” (und sie denkt wirklich nach, bevor sie es sagt) “Solidarität.” Das Wort hängt in der Luft wie eine Keule, und sie beeilt sich, dem die Schärfe zu nehmen: “Ich meine das nicht politisch. Ich meine nur, die Menschen haben nicht mehr soviel miteinander zu tun wie früher. Sie haben nichts mehr füreinander übrig…”

Sie hätte gerne Zustimmung, von ihrem Mann, der lächelt und murmelt irgendwas; dann ist der Wirt da & will zusperren, ruft den beiden noch ein Taxi, “Sehen wir uns denn noch einmal?” frage ich &erfahre, dass sie morgen schon heimfliegen; wir kritzeln gegenseitig Adressen auf Zetteln & verabschieden uns.

Nach Hause, ich denke wirklich “nach Hause” und notiere auf der Terrasse noch den Verlauf des Abends in Stichworten, er ist mir unglaublich kostbar, ohne dass ich sagen könnte warum.

Als wäre ich schon ewig hier…

Frisches Brot & Käse aus dem Supermarkt geholt, Kaffee aus der Küche. Ausgedehntes Frühstück auf der Terrasse zwischen Felsenpanorama und Agentenroman. Dann den Rucksack gepackt, heute will ich nach Taurito. Weil der Strand dort so schön sein soll. Und außerdem will ich zu Fuss gehen, weil die Küstenstraße tolle Fotos hergibt, die ich aus dem Bus nie bekomme.

Viel zu gefährlich, sagt Lumy. Und dass es einen Weg gibt am Ende des Felsens, zumindest verstehe ich das so, und das klingt doch auch sehr malerisch.

Der Weg, an der Casa Lila vorbei, endet so gut wie im Nichts. Ich klettere noch eine Weile zwischen den Felsen herum, an ein paar Wohnhäusern vorbei, argwöhnisch beäugt von mageren Wachhunden. Dann ist Endstation; zumindest wenn man keine Seile dabei hat für die Felswand.

Schlendere stattdessen Richtung Zentrum zurück, fotografiere Papayas (oder sowas) beim Wachsen, sehr pittoreske ?Farm? ?Bar? mit großem Schild “Zona Verde”. Dann stehe ich unerwartet an der Busstation. Na gut, nehme ich halt den Bus. Zigaretten gekauft zwischen den Einheimischen am Wüstelstand, muy machisma eine geraucht; dann kontraproduktiv touristisch eine Palme fotografiert.

Schließlich geht’s auf nach Taurito. Die dortige Anlage ist komplett eingezäunt; ich habe das Gefühl, ein Gefängnis zu betreten. Trotzdem durch die Palmenallee (die Früchte sehen aus wie Datteln, aber im Reiseführer steht, sie würden als Tierfutter verwendet). Am Swimmingpool vorbei, bei einem Shop Taucherbrille & Schnorchel gekauft, die sich später als zu klein erweisen.

Der Shop-Owner sieht aus wie ein Pakistani und redet Wasserfälle; früher, so erzählt er, hätte er seinen Shop in Puerto Mogan gehabt, aber das war auf die Dauer zu stressig, denn jedesmal, wenn die Tagesausflügler aus Teneriffa kamen, hätten die alles geklaut, was nicht niet- und nagelfest war.

Danach an den Sandstrand; der Sand ist so fein, dass er sofort überall reinkriecht… egal, auf ins Wasser; eine ganze lange Strecke geschwommen, getaucht & dann im Brecherbereich die Wellen besprungen, ziemlich glücklich & selbstvergessen.

Zurück am Strand, bin ich zuversichtlich, sogar hier einen Tag hergehören zu können. Buch rausgekramt & ab und zu ein Schluck aus der Wasserflasche, dann wieder ins Meer, mit (Katastrophe) und ohne Taucherbrille. Zwischendurch auf einen Kaffee ins Strandcafe; der Kellner bringt mir Zuckerpampe statt des versprochenen frischen Orangensafts und Milchkafee statt des bestellten schwarzen. Muss wohl seine persönliche Rache am Touristenpack sein, denn so dämlich kann sich wirklich keiner anstellen.

 – Do you like it here?

– Not really.

– Why not?

– This is a plastic paradise for plastic people.

– It makes people happy!

– It makes the wrong people happy in the wrong way!

– There is no wrong way being happy.

Gehört, geträumt, whatever. – Ein anderer Kellner will mich dringend zum Abendessen einladen, was in der insistierenden Art lästig gewesen wäre, wenn er es ernst gemeint hätte. Da aber offensichtlich ist, dass er es nur tut, weil er glaubt, dass ich ebendas erwarte, ist es ziemlich traurig.

Mein Handtuch ist mittlerweile von einer niederländischen Familie umringt, die mich strafend betrachtet, als ich mich ein paar Meter zurückziehe. Dann nochmals ins Meer, draußen wieder die Fregatte mit den dunkelroten Segeln.

Die kennen wir ja schon. Unheimlicher ist ein anderes Schiff, das von ferne ganz normal aussieht – dann aber in die Bucht einfährt, ankert und seitlich eine Planke auslegt – von der tatsächlich, unter heftigem Geschrei, einer nach dem anderen über Bord springt. Dazu dröhnt Disco Musik.

Das ist nun wirklich zuviel. Ich schwimme eilends zurück zum Strand, übersehe in meinem Fluchtinstinkt die Brecherzone; ein brechender Brecher erwischt mich & pflügt mich unter. Lange 10-15 Sekunden kämpfe ich gegen den Strudel, ritsche mein Gesicht am Sand entlang, schneide mir das Knie an einem Stein blutig und tauche schließlich mit letzter Luft wieder auf, überzeugt, dass meine Linsen weg sind. Sind sie aber nicht.

Vor lauter Überraschung die nächste Welle übersehen, die mich ähnlich verprügelt. Dann den Strand erreicht und zum Handtuch gehumpelt. Deutsche Mutti von nebenan starrt mit gerümpfter Nase meine echt (nicht gekauft) gefransten Jeans an, als wollte sie sagen “du gehörst nicht hierher”. “Zum Glück” möchte ich antworten, keineswegs aus Trotz. Dem zur Mutti gehörigen Vati quellen die Augen fast aus dem Kopf, als ich aus der Tasche ebendieser Jeans mein läutendes Handy ziehe (es ist wieder einmal C., die wissen will, ob es auch noch warm ist). Ich winke freundlich und gehe, wieder Mal ein Weltbild erschüttert, wunderbar.

Jetzt nichts wie raus; die viel zu kleine Taucherbrille samt Schnorchel lasse ich an der Bushaltestelle liegen – vielleicht freut sich ja ein Kind.

In sesselartigem roten Felsen auf den Bus gewartet, es ist der gleiche Fahrer wie vorhin, der kaum glauben kann, dass ich schon genug habe vom “best beach on the island”. Ich aber, froh, beschwingt, 2 Stationen weiter die einsame staubige Landstraße runter nach Media Almud. Kaum ein Mensch hier (später tauchen aber einige auf), und meine invalide steingestützte Liege steht, wo ich sie gestern habe stehen lassen.

Wanderung über die Steine und nochmal schwimmen, beim Rausgehen die Fussohle an einer Muschelschale aufgeschnitten (als wäre der Cut am Knie noch nicht genug!).

Amüsiere mich blendend über rotverbrannte Mami, die sich punktgenau zwischen mich und ihren sonnverbrannten Bierbauch-Typen legt, peinlich darauf bedacht, dass er keinen Blick auf mich werfen kann, ohne dass sie auch im Bild ist. Als ob mich das Schwitztier interessieren würde. Bäh.

Noch eine lange Steinwanderung (fast hätte mir die Flut den Rückweg abgeschnitten), dann wieder ins Wasser getunkt zur Abkühlung (geschwommen bin ich schon genug heute). Und dann Aufbruch.

Bis ins Dorf runtergefahren & in der Apotheke Pflaster und Desinfekt gekauft. In der Pension Dusche & verarztet und Jause auf dem Balkon. Ein bisschen gelesen & eigentlich gar nicht mehr weggehen wollen, aber irgendwie doch.

Ich hab den Fotoapparat mit, daher gibt es heute natürlich keinen roten Sonnenuntergang und keine Wasserkaskaden hinten an der Mole (es ist nämlich Ebbe). Über die Mauer geklettert & eine Weile herrlich allein auf der Seeseite der Mole gesessen, bis mich das Discoschiff von dort vertreibt.

Dann ins Casablanca & erst bei Orangensaft & Cafe, später bei einem Martini mit viel Eis das Journal geschrieben. Ob die die ekelhaften Youngsters drüben am Kai jetzt gerade mir johlen und pfeifen & rülpsen, weiß ich nicht; früher an der Plaza hat es auf jeden Fall mir gegolten. Daher ihnen und ihren weltweiten Kollegen nur eins: MÖGEN EUCH DIE EIER BEI DEN OHREN RAUSWACHSEN! In Ewigkeit, pfui.

Ach, da fehlt ja noch einiges. Meine Freunde, die Eidechsen, die ich meistens nur rascheln höre, selten auch huschen sehe, nie langsam genug für den Fotoapparat. Und der doppelhandgroße Nachtfalter, der lichtbetäubt auf dem Felsen sitzt und sich fotografieren läßt; der Klick macht die alten Männer zwei Häuser weiter aufmerksam und sie spazieren herbei, diskutieren die seltsame Erscheinung, ohne mich dabei weiter zu beachten. Und dieses seltsame Gefühl, abends im Hafen, diese ständigen Blitze. Kein Wetterleuchten, das sind alles Fotoapparate.

Dann werde ich doch nochmals hungrig & gehe in die Doppelfunktionskneipe (tagsüber dürfen Touristen um teures Geld von Motorbooten aus fischen; abends werden die von den glücklichen Touristen gefangenen Fische im Lokal wieder an Touristen verkauft). Heute gibt es Hai, auch ganz ausgezeichnet zubereitet. Danach wieder die seltsame Pfirsichschnapsprozedur. Dann müde heim.

 

Beinah schon heimatlich & Royales Abendessen

Schon um 1/2 9 hellwach. Seltsamen Traum gehabt (M. ist schwanger – oder ist es die Katze? Im Jeep durch die Nacht über einen Höhenkamm, dann in riesigem Lokal verlaufen.) – but never mind.

Die Wirtsleute nochmal wegen dem Steckeradapter-Problem aufgesucht, eine geschälte wunderbar süße Orange geschenkt gekriegt & danach auch einen Steckeradapter geliehen, wenn ich ihn auch ganz bestimmt vor meiner Abreise zurückgebe, was ich verspreche (immer wieder verblüffend, wie gut man sich verständigt, obwohl doch keiner die Sprache des anderen spricht).

Frühstück schon fast gemütliche Routine. Beschließe einen Ausflug nach Puerto Rico, vielleicht gibt es ja dort ein Badekleid in einer kleineren als Regentonnen-Größe.

An der Haltestelle fragen mich 2 Schweizer in gebrochenem Spanisch, wann denn der letzte Bus geht. Im Bus dann zwei Deutsche, wo hier das nächste Postamt wäre. Ich muss wohl schon unheimlich hiesig oder zumindest eingelebt ausschauen.

Faszinierende und furchterregende Küstenstraße. Nach weiteren Badebuchten ausschauend entdecke ich die “Junkie-Bucht”, vor der man mich gewarnt hat, und dann noch ein paar hübsche, in denen allerdings überall gebaut wird. Bei Taurito schütten sie gerade lastwagenweise weißen Sand aus (Gran Canaria ist Massenimporteur von hellem Saharasand, weil der hiesige vulkanschwarze den Touristen “schmutzig” vorkommen könnte, steht in meinem Reiseführer – was soll man da noch dazu sagen?)

Schließlich angekommen in Puerto Rico. Betongewordener Neckermanntraum. Hier sieht man vorwiegend blonde Köpfe, aus deren Mündern skandinavische Wortströme rauschen. Im Supermarkt gibts folgerichtig schwedische Kekse (aber keine spanischen).

Film und Limo gekauft, und schließlich noch ein T-Shirt-Kleid, das auch nicht gerade hübsch ist, aber wenigstens meine Größe hat.

Durch die Strandcafes spaziert & eine unheimliche Begegnung der seltsamen Art: Sitzt doch da glatt eine Frau in meinem Alter ganz allein am Tisch. Und schreibt. In ein Heft genau wie meines. Schaut auf und schaut mich an mit genau der Mischung aus Weggetretenheit, Offenheit und Skepsis, die ich teils empfinde, teils an den Tag zu legen versuche. Bin versucht, sie anzusprechen, aber dann gehe ich doch weiter, irgendwie magisch das ganze.

Kaufe dann noch hawaianisches Sonnenöl (besser gesagt -gel), und trinke Kaffee, natürlich an der Promenademeile; Blick über tausende Liegestühle. Ich sitze still und schaue, wie Väter und reifende Töchter, Mütter und herrschsüchtige Söhne (10-jährig), backfischaltrige Freundinnen und Liebespärchen aller Altersstufen dem Strande zu, vom Strande weg streben. Genieße die Tatsache, dass ich die drei hiesigen Hauptsprachen verstehe (deutsch, englisch und schwedisch – spanisch spricht hier niemand) und schaue dann, sobald ich den Kaffee geleert habe, dass ich die Busstation wiederfinde. Hier hält mich nichts.

Endlich der Bus. Voll wie die Wiener U-Bahn zur Rush-Hour, ich finde einen Platz, schon quetscht sich etwas zwitschernd neben mich, mit 2 stehenden Mitzwitscherinnen (kann die Sprache nicht identifizieren; lettisch? tschechisch? egal.) Zwitschert durchgehend, pausenlos, ihren breiten Arsch ohne jegliche Bedenken auf meine Hälfte der Sitzbank verbreitend, bis ich ein unerwartet tiefes Schlagloch nutze, um ihr meinen Ellbogen kräftig in die Rippen zu rammen. Sie zuckt und ich “entschuldige” mich umgehend, worauf sie mir (englisch) beipflichtet, dass die Busse und Fahrer hier wirklich lebensgefährlich, jaja… My Pleasure.

Dann endlich die Media Almud erreicht. Die Magnetbandkringel der weggeworfenen Musikkassette am Straßenrand wie einen Wegweiser begrüßt. Unten am Strand ist Ebbe, Wellen aber zu hoch, um richtig zu schwimmen. Stattdessen mit dem Fotoapparat herumgestromert & böse Blicke der Nackedeis geerntet, obwohl ich doch ganz eindeutig nur auf die Felsen und Vulkanformationen ziele. Der gestrige Spanier begrüßt mich freundlich & harmlos (warum eigentlich freut es mich immer so, wenn ich wiedererkannt werde?).

Nach langem Muschel-Steine-Schnecken-sammel-Spaziergang mit Sprachengewirr-Geschichten im Kopf erstmal ein wenig in der Sonne gelegen, dann doch noch – vorsichtig – ins Wasser gestiegen & dann auf die Schattenseite gewechselt (warum erwische ich von den 5 freien Liegestühlen ausgerechnet den einzigen, dem ein Fuss fehlt? – egal. Stein drunter, Schwamm drüber.) Die Hand in den warmen Sand hängen lassen & ein bisschen weggedöst und wiedererwacht mit einer Endlosschleife von “Down by the Banks” im Kopf. Mit selbiger ins mittlerweile ruhigere Wasser gegangen, dann wieder Steine betrachtet & in die Luft geschaut. Draußen die Boote, darunter ein großes mit tiefdunkelroten Segeln. Was auch immer das bedeuten mag.

Dann knote ich mir mein Allzwecktuch als Sonnenschutz & drifte Richtung Pension zurück, weil mich der Hunger plagt. Unbeeindruckt von diversem Gehupe auf den Bus gewartet, Fahrgeld schon abgezählt in der Hand. Irgendwie ist es mir wichtig, die Alltagshandlungen nichttouristisch abzuwickeln. Unterwegs fährt der Bus zum Tanken, Himmel, das kann dauern! Also die letzte Station zu Fuss angesteuert. Mit letzter Kraft die Stufen zum Quartier hoch. Wasser!

Und danach eine Dusche, ein Joghurt auf der Terrasse, ein wenig gelesen, während die Haare trocknen und die beginnende Dämmerung die Felswand immer röter und weicher erscheinen läßt.

Dann gemütlich runter in den Hafen. An den Lokalen vorbeispaziert und geschnuppert, wo ich den heute dinieren werde. Vielleicht im “Tu Casa” (schaut nett aus) oder bei “Carlos”, wo sich gerade zwei schwedische Familien unterhalten und (freudigst!) feststellen, dass sie aus dem gleichen Stockholmer Stadtteil kommen?

Das Lokal, in dem ich gestern den tollen Fisch gegessen habe, heißt übrigens Marina (wenig einfallsreich), und ich gehe nochmal an der äußeren Mole entlang, wo der Rest des purpurroten Sonnenuntergangs Meer und Himmel mit einer silbrigen Schicht überzieht. Und das da hinten, ist das Teneriffa oder doch nur eine bizarre Wolke?

Dort, wo es nicht mehr weitergeht, sitze ich eine Weile und denke über die Geschichten aus meinem Reiseführer nach; die kanarischen Ureinwohner (Guaven o.s.ä. hat W. sie genannt), müssen ziemlich unerschrockene Menschen gewesen sein. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit hielten sie der spanischen Conquista ziemlich lange erfolgreich stand; und Columbus soll auf seiner ersten Transatlantikfahrt die furchtsamen Mitglieder seiner Besatzung gegen tapfere Canarios eingetauscht haben. Und dann ist da noch die Geschichte von dem Bischof, der den nacktbadenden Ureinwohnern predigte, dass das gottlos wäre – und diese Predigt nicht überlebt haben soll.

Eine schöne Geschichte; auch wenn sie in der Broschüre ganz ohne Autoren- oder Quellenangabe gestanden ist: Hier an der Klippe, nicht geduscht aber doch immer wieder besprüht von den auflebenden Wellen, deren Echo aus der Felswand hinter mir sehr dreidimensionalen Soundtrack liefert, kann man sich das bildlich vorstellen.

Jetzt aber endlich essen. Ein Blick auf alle Speisekarten unterwegs, schließlich für den kleinen aber feinen Italiener auf dem “Hauptplatz” entschieden, trotz der Preise. Spaghetti al Frutti di Mare, und… weißen Wein! Und Wasser. Die Musik Sinatra-mäßig, sehr elegant das ganze. Die Kellnerin fragt, ob ich die Speisekarte in englisch, spanisch oder italienisch haben möchte, die – ebenfalls vorhandene – deutsche erwähnt sie gar nicht. Ich nippe an meinem Wein und warte, beäugt von deutlich besser gkleideten Pärchen an den Nebentischen.

Nebenan ein als riesiges Fass ausgebautes Schnaps-Lokal, in dem ein eingewanderter Deutsch-Canaro einer Gruppe rotnasiger Schweden Schnaps einflößt und ihnen Schrott als antik verkaufen will. Ich versuche, nicht allzu deutlich zu grinsen.

Als die Spaghetti kommen, ist mir nicht recht klar, welche der Schuppentiere mit den Fingern und welche doch besser mit Messer & Gabel zu knacken sind, aber seltsamer Weise stört mich das heute gar nicht. Danach noch ein Tiramisu und einen Espresso, das Ganze kostet mich fast 500 Schilling, ist es aber irgendwie auch wert. Ein miserables Gedicht geschrieben (später zerrissen) und eine Art Memo ans eigene ich:

Never forget this Moment of Peace, mit den teuersten Spaghetti meines Lebens im Bauch und Weißwein dazu; sie spielen “Imagine” und später auch noch “Stand by me”, und ich habe Sehnsucht nach D. und doch das Gefühl, dass ich problemlos ohne ihn leben kann (vielleicht sogar besser als mit), dass es aber trotz allem nicht “richtig” ist. Was auch immer das bedeuten mag.

All diese Gedanken & noch ein paar dazu; keineswegs quälerisch sondern mehr philosophisch, noch mehr John-Lennon-Songs dazu & mir ist klar, dass dieses “Dorf” genau dafür gebaut ist, solche Momente des “inneren Friedens” zu geben – ich frage mich, ob die Tatsache, dass ich jetzt eben einen solchen erlebe, als “Draufreingefallen” zu bezeichnen ist.

Noch einmal langsam und augenweitoffen um den Hafen promeniert (nach so einem Essen muss man “promenieren”), danach ein paar Stufen runtergestiegen und im Casablanca noch ein Glas Wein und selbiges geschrieben.

Fast ein bisschen unheimlich, wie schnell ich auch hier schon wieder “erkannt” werde; der Wirt weiß von einem seiner Zulieferer, dass ich am Nachmittag in MediaAlmud war; auch in der Pension schon hat mich Lumy darauf angesprochen, warum ich denn zu Fuss auf der Landstraße unterwegs war – ihre Mutter hätte mich gehen sehen (keine Ahnung, wieso ihre Mutter weiß wie ich aussehe; gesehen habe ich sie nie).

Ich meine, hier sind Hunderte und in den Nachbarorten Tausende von Touristen; wieso sehen die gerade mich?

Tja, dann bald Richtung heim & noch ein bisschen auf der Terrasse gesessen; aber müde, so sonnenmüde. Also bald ins Bett.

 

Durchwachsen

Fast ungestört, nur einmal um 1/2 6 Uhr schepperts. Dann um 9 richtig wach, leicht verquollen (Wohl Sonne & Zustand, vermutlich).

Beim Zähneputzen erstmals Zimmernachbar wahrgenommen, spanischer Arbeiter, offenbar. Frisches Brot & Kaffee vom Supermarkt geholt. Nach einer Weile den Herd durchschaut und heißes Wasser für Nescafe zustandegebracht. Frühstück auf der Terrasse, es tröpfelt leicht.

Kann meinetwegen weiterregnen, solange es so warm bleibt! Sonnenverbrannte Nase ruft ohnehin nach einer Pause.

Die Pensionsbibliothek gibt einen noch unbekannten Ludlum her. Frühstück mit zweitem Nescafe lesend verlängert. Danach wetterunabhängige Fotosession: Felsen, Strand, Meer, Pflanzen. Ansichtskarten gekauft. Weniger unsicher; erwidere das eine oder andere “Ola!”. Wird schon passen.

Im Casablanca auf Mittvormittagskaffee; werde sofort wiedererkannt. Also schon fast ganz eingelebt. Auch keine Lust mehr, nach einer anderen Bleibe zu suchen: Meine Sachen im Kühlschrank, mein Tisch auf der Terrasse, den Ausblick aus dem Zimmerfenster schon verinnerlicht. Pfeif auf den Komfort.)

Am Nebentisch Schweden, die scheinen nach den Deutschen die zweitgrößte Population hier zu stellen. Ich genieße mein Landrattenleben zwischen Gesprächen über Wellengang und Windstärke.

Aber natürlich taucht ein wahnsinniger Deutscher auf, der glaubt, er muss mich unbedingt einladen. Zwischen dem lustigen Würzburger und einem irreal fetten Hamburger schwindet meine morgendliche gute Laune. (Eine solche Unhöflichkeit, jemandem ungefragt die Rechnung zu bezahlen!). Ich bleibe trotzdem freundlich, weil er offenbar mit S, dem Wirt, befreundet ist. Ich will ja hier wieder herkommen, das Cafe ist angenehm unprätentiös gegenüber den umliegenden. Außerdem spielen sie meist Rock statt dem hier üblichen Schmalz (na, im Moment grade nicht: “Whiter Shade of Pale”).

“Zu Hause” in der Pension Kuchen & noch einen Kaffee zu meinem Buch.

Meine Frage nach einem Elektro-Adapter wird nicht verstanden, wird vielmehr mit einem Achselzucken als quasi irrelevant verworfen. Wie überhaupt die Menschen hier nicht nur unbeeindruckt scheinen von der Touristenflut rundum, sondern geradezu darauf herabschauen. Außer, wenn sie gerade im Dienst sind. – Wahrscheinlich erscheint es nach Wien kommenden Fremden bei uns genau so. Egal.

Davor, auf dem Heimweg, im Hafenbecken eine riesige Krabbe gesehen. Stehengeblieben um selbige näher zu betrachten (aus dem nächsten Lokal ein Neil-Diamond-Song: “And when they know they have you…) und viele viele kleine Krabben entdeckt. Alles voll mit winzigkleinen Krabben.

Die deutsche, dem S. vermutlich zuzuordnende, Kellnerin gibt sich ungehalten, als ich mit ihr plaudern will. Ganz deutlich das Gefühl, dass sie sich hier als “zugehörig” und damit mir überlegen fühlt. Whatever.

Später nehme ich denn Bus, endlich, an die von W empfohlene Playa del Media Almud. Nach dem Ausstieg einen langen staubigen Weg entlang bis zum Strand, der, nach den Pflöcken zu schließen, wohl auch schon vermessen wird, um in nicht allzu ferner Zukunft als Feriensiedlung zu verenden.

Außer mir nur ein einheimisch wirkendes Pärchen und draußen in der Bucht ein paar Fischer, angesichts derer ich mich nicht ganz zu entblößen wage. Obwohl die zwei da drüben doch auch nackt sind. Manchmal bin ich ganz schön dämlich.

Die Flut steigt gerade und schluckt gierig die letzten Zentimeter Liegefelsen. Später kommen noch andere, die einzeln kommen und gehen, sich aber kennen und ein paar (spanische) Worte miteinander wechseln.

Als die Fischer um die Felsnase verschwinden, ziehe ich mich auch aus. Der Himmel sanft wolkenverhangen, mein einheimischer Nachbar sagt, das ist nicht normal um diese Jahreszeit. Er trifft den FKK-Strand-perfekten Ton zwischen distanziert und freundlich, der zeigt, dass das für ihn ganz normal ist – im Gegensatz zu einem basedow-äugigen Tschechen, der später auftaucht und mich von Anfang an nicht aus den Augen läßt. Ach was solls, ist ohnehin schon Zeit zur Heimkehr.

Unterwegs zur Busstation überholt mich der Spanier in einem Auto und fragt, ob er mich mitnehmen kann. “I like to walk” sage ich, und er lacht: “Crazy!”, gibt Gas und ist weg. Wenig später, wartend an der Bushaltestelle und schwerst beäugt vom nachkommenden Tschechen, tut mir die Ablehnung leid. Ach da kommt schon der Bus. Ich winke. Der Fahrer winkt freundlich zurück und… fährt weiter.

Tja. Der nächste ebenfalls. Es ist heiß, und ich bin durstig. Wo ich denn hinwill, fragt mich der Tscheche, der mir in den dazwischenliegenden 20 Minuten seine gesamte Lebensgeschichte erzählt hat. “Puerto Mogan”, antworte ich, “I guess I’ll have to walk” und bin, freundlich Ciao winkend, einfach weg. Endlich einer, der langsamer ist als ich.

Jenseits des lebensgefährlichen Tunnels findet sich eine zweite Bushaltestelle, an der die Busse – Heureka! – auch stehenbleiben. Dazwischen überflüssige Gedanken, wie zB ’ D hätte sicher daran gedacht, Wasser und Melone mitzunehmen’.

In der Pension geduscht, gejausnet & Handtuch aufgehängt (nichts wird hier richtig trocken wegen der Luftfeuchtigkeit) und dann doch noch mal runter in den Hafen.

Den Deutschen von morgens wiedergetroffen, seine Einladung viel zu freundlich ausgeschlagen, nochmals rüber zum grünblink-Leuchtturm – auch dort keine Ruhe heute – und wieder zurück; an der beleuchteten Hafenmauer so etwas wie Goldfische, viel kleiner aber von Form und Farbe ähnlich; 2 Schweden, die das auch sehen, gehen an die nächste Lampe, um nicht zu nahe bei mir zu stehen: angenehm.

Dann noch ein Glas Wein im Casablanca und das Tagebuch nachgetragen (schon wieder “Whiter Shades of Pale” – und dann auch noch “Baby, Baby, Baby, you’re out of time…” – und vorne, außerhalb des Gastgartens, segelt ein Schwalbenschwarm zwitschernder Finnen vorbei).

Danach in ein anderes Lokal, um zu essen. Zur Abwechslung Dänen am Nebentisch. Freier Blick auf tonlosen Fernseher mit Fussball; schlechter Empfang. Kellnerin eindeutig britisch. Trash, aber nett (das Lokal, nicht die Kellnerin). “I’ll try the fresh fish of Mogan”.

Den Bauch voller Marlin und köstlichem Weißwein, kommt die Rechnung noch mit einem völlig unerwarteten Pfirsichschnaps. Dazu die Musik von dem Waliser, den E damals in der Neudeggergasse angeschleppt hat; vielleicht das Seltsamste überhaupt: Dass ich diesen Song auf Anhieb erkenne und zuordnen kann.

Rund um mich ein strahlendes und fettbauchverseuchtes Disneyland, was gar nichts mehr ausmacht. Langsam, ganz langsam, durchdringt mich die anfangs verstörende karibische Leichtigkeit des Hier-seins.

Dann trage ich meinen mittleren Schwips heim, der hauptsächlich von dem Pfirsichschnaps herstammt. Der wird hier nämlich im Viertelglas serviert, halb Schnaps, halb Eis. Da ist es leicht, im Einklang mit dem maritimen Disneyland zu schwingen.

Sitze noch ein Weilchen auf der Terrasse, mit Soda und Buch, zuerst, dann ohne Buch und ohne Licht um ein Gefühl für die Umgebung zu kriegen –  aber schon um halb zwölf so müde, und dann ins Bett und leicht und gedankenlos weggeschlafen.

Langsam ankommen

Schlafen aber erweist sich als gar nicht so einfach. Der Bewohner des Nachbarzimmers kehrt spätnachts lärmend heim, und früh um 7 ist über mir schon volle Action. Leicht frustriert dahingedöst und schließlich, was solls, aus dem Bett und Fenster auf, erster Blick im Hellen:

Es ist leicht bewölkt und gegenüber des Fensters ein rot-schwarz-gelber Felsen. Nett.

Geduscht und ins Gewand gefallen, jetzt erstmal ein Rundgang bei Tageslicht. Irgendwie seltsam froh als das Handy läutet, es ist C., die wissen will, ob es auch warm ist, einfach nur so.

Gestrigen Weg ins Dorf runter jetzt im Hellen, alles very neat & tidy; in die Blüten- und Blättermeere schmiegen sich Häuschen, zu denen mir kein anderes als das ausspuckenswerte Wort “herzallerliebst” einfällt. Man sieht ihnen wirklich kaum an, dass “das Dorf auf dem Reißbrett entstanden ist” (Richtig Reisen).

Morgendliche Runde um den Segelhafen. Diesmal entscheide ich mich für ein Cafe, das an der Leuchtturmecke liegt, wegen der Sonne – die sich dann allerdings sofort hinter einer Wolke versteckt. Bestelle Frühstück bei der deutschen Bedienung, und als ich in meinen Toast beiße, kommt auch die Sonne wieder raus.

Urlauber promenieren, Bild-Zeitungen werden vorbeigetragen, Kinder beschimpft, und drunten in den Booten frühstücken sie auch.

Und trotz der ganzen Deutschen rund um mich (dazwischen vereinzelt schwedische und niederländische Worte gehört; auf einem Boot eine norwegische Flagge) komme ich mir hier völlig fehl am Platz vor mit meinem mitteleuropäischen Gemüt.

Übrigens sitzen hier viele morgens schon beim Bier, und was auf den ersten Blick aussieht wie eine nackte Frauenbrust (Oooops!?) entpuppt sich als sonnenverbrannte Vorderfront eines verfetteten Schweden.

Langes Frühstück mit 2. Kaffee. Oh, Nescafe! Wie lange habe ick dir nicht getrunken? (Und wann habe ich eigentlich das letzte Mal in meinem Schlafsack geschlafen? War das damals in Bamberg?). Never Mind.

Der große deutsche Checker vom Casablanca (so heißt das Lokal, in dem ich frühstücke) sieht H ähnlich, vorausgesetzt, dem hätte das Leben hart zugesetzt (was man durchaus voraussetzen kann).

Nachher im Dorf nach anderen Pensionen gesucht (gibt keine, nur Hotels – atmosphärisch inakzeptabel – und ausgebuchte Appartmenthäuser) und W meine Handynummer durchgegeben.

Auf der Suche nach weiteren Wohnadressen immerhin begeistert über den rotbraunen Vulkanboden, auf dem es sich sehr gut geht. Und die Fauna, und dann noch die Eidechsen.

Am Ende des Dorfes, jenseits der Kaimauer, eine unglaublich hohe Felswand; die Wellen sind zu hoch zum Baden. Still eine Zigarette geraucht und endlich auch innerlich angekommen.

Heiß ist es, und als ich das ärmelige T-Shirt ausziehe, ist da schon ein Farbunterschied. Höchste Zeit für den Strand. Aber erstmal mangels Alternativen die Pension für eine Woche bezahlt und Wasser eingekauft, nur um es prompt im Zimmer liegen zu lassen.

Auf dem Weg zum Strand D angerufen, der irgendwie krank ist, und trotz meiner Andeutungen nie verstehen wird, wie gern ich ihn jetzt hier hätte.

Stattdessen, endlich!, ab ins Meer. Die Playa de Mogan muss für heute genügen, ist ja schon relativ spät. Sonne brennt noch stärker als vorhin & das Meer, sagte ich das schon? – das Meer, das einen trägt und unglaublich weich und schwer und salzig ist & mich begrüßt wie einen alten Freund. (Natürlich ist es umgekehrt: Ich bin es, die das Meer begrüßt. Aber es fühlt sich andersrum an.)

Danach kein Problem mehr: Brüllende Kinder, streitende Paare, überfette Videofilmer – alles gleitet an mir ab.

Nicht gleich ganz verbrennen, denke ich nach dem zweiten Bad, und außerdem ist es im Badeanzug nur das halbe Vergnügen. Hatte schon ganz vergessen, wie das ist: Angezogen zu baden.

Noch ein Stückchen am Strand spaziert: Die Steine! (Korallen?) Wie winzigkleine Gehirne & Teile von Gehirnen. Den ersten aufgehoben, weil er so fremd ist: Der muss mit heim! Dann aber hunderte davon! Den Erstling liegenlassen im Vertrauen darauf, in den nächsten zwei Wochen noch das perfekte Stück zu finden.

Dann noch ein malerisch kalkverwachsenes Schneckengehäuse (leider am Heimweg verloren). (“Wenn mir das alles hier zu schlimm wird, dann schau ich nach oben: In den Himmel. Oder hinaus aufs Meer.” – hat W gestern gesagt, fällt mir gerade ein.)

Jedenfalls auf dem Heimweg tiefe Dankbarkeit verspürt, nicht in einem dieser Reißbrett-Appartments zu wohnen. Da werden nämlich gerade von Einheimischen auf chrom-blauen Wägelchen Putzzeug und Handtücher herangekarrt, während andere mit schwarzen Eimern auf Rollen den Abfall wegschaffen.

In der Pension schnell etwas frisch gemacht & wieder runter ins Geschehen. Besser gesagt, durchs Geschehen durch & nach ganz hinten, zu dieser Felswand, wo die Atlantikwellen heranrollen, meterhoch, eine nach der anderen, gegen Mauer und Felsen schlagen mit einem unheimlich satten Geräusch, das aus der konkaven Felswnad zeitversetzt zurückgeschallt wird, ein Echo wie eine Percussion, erstaunlich. Sehr erstaunlich.

Dort vorbei, wo die Gischt hochspritzt & die meisten Touristen mit ihren Kameras sich nicht vorbeitrauen, könnten ja nass werden, die Kameras, aber ich bin schnell genug um nicht geduscht zu werden und sitze zufrieden am einsamen Ende des Wegs.

Danach die äußere Kaimauer entlang. Noch einmal ruft C. an, auf die Leiter gestiegen, damit sie die Wellen hören kann, dann ganz draußen im Cafe einen Cappuccino, schaue den Wellen zu beim brechen und den Booten beim Reinkommen und Vorüberziehen, alles in Ordnung, besser kann’s gar nicht sein. Hypnotische Kraft des Meeres. Eternita. La vida. El Muerte. Unita.

Oder auch nicht, weil viel zu pathetisch. Sondern nur blau, bewegt, wie ein Lebewesen, das sich unendlich nach draußen erstreckt.

Der Baywatch-Hubschrauber sucht offenbar noch immer nach den zwei Vermissten mit dem Schlauchboot, von denen man mir beim Frühstück erzählt hat, er fliegt ganz tief und gefährlich nahe an die Felsen heran, dann um die Kurve, aber recht bald wieder zurück: Diesmal höher und geradeaus. Etwas gefunden? Oder aufgegeben? Noch weiß niemand Bescheid.

Das “Yellow Submarine”, ein U-Boot mit Glasboden, möchte ich mir irgendwann genauer anschauen.

Im Dorf dann noch nach einem Strandkleid Ausschau gehalten, aber nichts als “fette-Mami-Blusen” weit und breit. (Weit! und Breit!)

Im Supermarkt Brot, Käse, Wurst, Saft und Bier gekauft. Kaffee Oliven Obst vergessen. Sonne brennt Hirn aus. Macht nichts.

Jause auf dem Balkon. Kakteen fotografiert. Mich selber fotografiert. Geduscht. Köstliches Palmblatt verzehrt.

Nach dem Duschen ungewöhnlich weiche, leicht kämmbare Haare. Langer Spaziergang, nochmals an all den Lokalen und Segelbooten vorbei. Am Inneren des Kaimauer-U gesessen und mit meinem alten Freund, dem Meer, geplaudert. Von 3m darüber.

– “Na, warum heute so weit weg?” fragt mein alter Freund.

– “Weil es am Strand zu dunkel, zu einsam ist. Gefährlich vielleicht.” antworte ich. Und diese Wut darüber: Unsicher sein zu müssen, ein Leben lang, nur weil ich ohne Schwanz geboren bin. Und was sie nicht alles erdichten, die Herren der Schöpfung, um dir deine Schwächen schmackhaft zu machen! Die Macht “dahinter”, so ein Quatsch! “Geheiligte Gebärerin”, heiliger Schmus! Und kein Mann kann jemals auch nur annähernd verstehen, was es heißt, als Frau zu leben. Nie! Nicht mal bei uns. und…

– “In Griechenland hast du dich nicht gefürchtet.” unterbricht mich das Meer.

Das stimmt, dort war es anders. Ein Ja war ein Ja, und ein Nein war ein Nein. Klar und einfach. Keine Spielereien. Keine dummjohlenden Halbwüchsigen. Keine besoffenen Deutschen.

Das Meer versteht mich gut, obwohl ich all das nur denke. Hier gelingt es mir nicht, mich unsichtbar zu machen, wie ich es in Hellas konnte. Liegt es am Ort oder an den eigenen Veränderungen? Ich weiß es nicht.

– “Hast du mit der Zeit gespielt, damals?” frage ich das Meer.

– “Zeit ist Wahrnehmungssache. Ich habe mit der Wahrnehmung gespielt.” sagt das Meer.

Wir spielen eine Zeitlang mit der Wahrnehmung, das Meer und ich. Trotz der 3 Meter sind wir eins, jetzt und in Ewigkeit, schwapp.

Dann frage ich: “Was hast du mit den Schlauchbootfahrern gemacht?” – “Sie waren überheblich.” rauscht das Meer.

– “Waren?”

Statt einer Antwort spielt das Meer. Mit meiner Wahrnehmung. Nach einer Weile verabschiede ich mich und nehme meinen Rundgang wieder auf. Im Casablanca checkt der Checker. In einer Nebengasse sitzt ein österreichischer Koch und erzählt Inselgeschichten. Ich bin versucht, mich hinzusetzen, aber dann müßte er ja aufstehen.

Noch einen Abstecher an die Peripherie, zu den Bootsgerippen, wo das Meer sich austobt, spielerisch, auch wenn das einem ungeübten Ohr nach Wut klingt.

Heimweg, ruhig. Auf dem Balkon ein Heineken Lager mit mir selbst geteilt. Es beginnt zu tröpfeln, zart. Lau. Eine Grille erwacht, schrammelt ein bisschen, dann setzt der Regen richtig ein. Ich geh ins Bett.

Wien – Gran Canaria – Puerto Mogan

Schlecht geschlafen in der Nacht. Morgens mit einer Mischung aus Lust und Sorge den Augenblick der Abfahrt herbeigegrabbelt. Dann endlich. Die Tasche ist viel zu schwer, ich habe viel zu viel mit. Zigaretten noch für unterwegs und Geld abgehoben. In der Straßenbahn schon das Gefühl, nichts mehr zu tun zu haben mit dem, was um mich herum vorgeht. Nicht mehr dazuzugehören. Durch Wien fahren wie durch eine fremde Stadt.

Später dann, in der Schnellbahn, die neuen alten Augen bekommen. Das Mädchen mir gegenüber, so jung. so müde. Eine schöne Nacht verbracht, oder doch nicht ganz so schön?

Der Augenblick ist Heimat aller Möglichkeiten. Ich könnte die Schnellbahn nach Liesing nehmen, anstatt zum Flughafen. Könnte auch urlaubsfrei am Büro vorbeigehen. Woandershin fliegen.

Das Ticket brennt in meiner Tasche. vorbei an Simmering, Zentralfriedhof, Raffinerie. Endlose Schutthalden neben den Gleisen. Und das Gefühl, als hätte ich für immer Zeit.

Kurz noch, im Flughafen, ziemlich genervt. Massen von Leuten um mich; Pauschalreisende, Ehepaare, Radfahrer, besoffene Salzburger. Als ich endlich an der Reihe bin, will ich einen Platz weit weg von den Saufbolden. Raucher oder Nichtraucher? Fenster oder Gang? Ganz egal. Die Dame am Schalter lächelt verständnisvoll, und auf meinem Boarding Pass steht B42. Na, dann ist ja alles in Ordnung.

An der Sicherheitskontrolle einen Blick auf den Schirm geworfen: Fotoapparat, Handy, Walkman: Alles da. Nichts vergessen.

Am Nebengate schließlich W. entdeckt. Das musste ja so kommen, bei Gate 42. Er fliegt 20 min später und will mir, wenn ich am Flugplatz warte, gerne ein paar Tips geben. Perfekt.

In der 737 mit den charterengen Sitzreihen stehen wir lange, vollbesetzt, während freundliche (was auch sonst) spanische Flugbegleiterinnen lächelnd auf und ab laufen.

Und dann geht es endlich los. Tonnen und Abertonnen Stahl und Stoff und Menschenfleisch bewegen sich immer schneller, schneller die Rollbahn entlang & wie immer in diesem Moment das Gefühl, dass ich hier ganz dringend raus will, der Mensch ist nicht zum Fliegen gemacht! Und wie immer verschwindet das Gefühl sofort, als sich die Nase hebt, der Arsch gleich hinterher. Bald allgemeines Gähnen, und das No-Smoking-Sign erlischt. Ein gleichzeitiges Aufflammen von mindestens 50 Feuerzeugen.

Der Flug ist OK, das Essen nicht sonderlich, der Kaffee zum Ausspucken. Warum eigentlich ist der Kaffee in Flugzeugen immer ekelhaft?

Mutter und Tochter in den Sitzen neben mir geraten jetzt schon ins Streiten. Später erblassen sie in besorgtem Staunen, als sie verstehen, dass ich ganz alleine unterwegs bin. Ja kann man denn das? Als Frau? Und Hotel habe ich auch keins vorgebucht? Ich denke schon, dass das geht, sage ich, und flüchte in meinen Reiseführer.

Später werden Erdnüsse serviert, und als ich mich vergewissert habe, dass ich mein Handtuch griffbereit in der Bordtasche habe, bestelle ich ein Bier. Obwohl’s eigentlich längst zu spät ist – ich bin ja schon von Vogonen umgeben.

Über dem Meer wird’s ziemlich rüttelig. So rüttelig, dass erste Kreischer tiefere Luftlöcher begleiten. Ich sitze schweigend und schwöre, mir im Zweifelsfall eher die Zunge abzubeißen als so dämlich zu kreischen. Ist aber nicht nötig, wir sinken schon. Quietschendes Aufsetzen, unerwartet heftige Vollbremsung. Allgemeiner Applaus, und wir stehen auf dem Rollfeld.

Irgendetwas ist seltsam, merke ich auf der Gangway, und brauche Sekunden um zu verstehen: Es ist ja warm! Schön.

Draußen wartet schon W., da hat wohl die eine Maschine die andere überholt. Als erstes zeigt er mir den Weg zum Busbahnhof. Dann, unterwegs, erfahre ich, wo man hin sollte, was man eher meidet, und wo man billig wohnen kann. Ich bin sehr dankbar, und W. hat sichtlich Freude dran, sein Wissen zu teilen.

Umsteigen in S. Agostin, dann wird’s schlimm: Hotelbauten, Restaurants, Vergnügungsparks, wie eine futuristische Zukunftsstadt zwischen Autobahn und Meer, während auf der anderen, viel netter anzusehenden Seite, sich kleine weiße Hütten an den Berghang schmiegen.

In W’s Erklärungen mischt sich das Radio, bunt durcheinander Julio Iglesias, die “4 Jahreszeiten” (der herbst, glaub ich) und Latinomusik.

W steigt aus und ich krieg große Augen, Urlaubsaugen. 20 km weiter, in Puerto Mogan, ist es schon finster, und ich steige aus und atme tief durch und fühle mich völlig allein in der Welt, ziemlich zufrieden. Einen Passanten frage ich, wo ich denn die von W empfohlene Pension finde. Er ist sehr freundlich und erklärt mir alles, wort- und gestenreich. Kein Wort verstanden, bedankt und weitergegangen.

Schließlich finde ich das Haus, auch hier spricht man nur spanisch und will, so viel verstehe ich immerhin, eine Woche im voraus bezahlt haben. Ich weiß aber nicht, ob ich bleibe, sage ich, und zähneknirschend begnügt sich la Mamma mit 2 Nächten Vorauszahlung.

Im Zimmer, klein aber sauber riechend und direkt an der Tür zum Balkon (Gemeinschaftsbad überm Gang, Gemeinschaftsküche 10 Schritte links), schnell das Gepäck von mir geworfen – W hat wohl meine Frage nach einer “günstigen” Unterkunft etwas missverstanden, denke ich – Hände und Gesicht gewaschen und ab an die Playa. Hunger. Durst.

Katzen überall, ab und zu ein Hund. Oleander blüht! und noch was, ist das Hibiskus? Süßlicher Duft. Bizarre Felsen in der Dunkelheit. Das Meer nicht zu sehen, aber zu riechen.

Zurufe herumhängender Jungmachos ignoriert (keine Ahnung, wie man hier mit sowas umgeht). Schließlich das Dorf erreicht, einzig und allein unter Myriaden von Pärchen, am Hafen entlang ein Cafe/Restaurant neben dem anderen, habe keine Ahnung wohin & orientiere mich an der Musik: “Hotel California” kann nicht ganz falsch sein (zumindest wenn die Alternative in den Top 100 und 50er-Jahre-Schnulzen besteht).

Aber mein Tintenfisch (Tintenfisch? Groß wie ein Schnitzel vom Schnitzelwirt und zart & köstlich) kommt mit Schnulzenklangbegleitung, was – verstärkt durch die zwei Pärchen am nächsten Tisch, die offenbar ihre Gerichte mit leuchtenden Augen noch ein zweites Mal garen wollen, anstatt sie zu essen, irgendwie irritierend auf mich wirkt.

Bin ein bisschen unsicher, war schon lange nicht mehr alleine unterwegs… was solls.

Heimweg und irgendwie nicht so gut drauf, wie’s einem veritablen Urlaub gebührt, und in meinem Zimmer krabbeln zwei riesige Käfer. Hm. Im Reiseführer steht, hier lebt nichts Giftiges. Na gut dann. Weiterkrabbeln.

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