Kategorie2012 Schweden

Tag 6 – Ausgesegelt auf den Mälarsee

 

Der Skipper als Navigator

Herr Sufi am Steuer

Jollenputz

Klubbholmen

Ausguck

Metterschling

Naturforscher

Saunahäuschen

Waldweg

 

Tag 5: Stadtflucht und familiäres

Stockholm, Södra Station

Der Sonntag begrüßte uns mit Regen und doch eher frostigen Temperaturen. Die Abreise verzögerte sich etwas, weil sich ein Zimmerschlüssel nicht mehr auffinden ließ. Dann zogen wir für diesmal ein letztes Mal durch Södermalm in Richtung Södra Station. Unterwegs ließ mich der Herr Sufi in einem asiatischen Lokal sitzen, derweil er sich um Gastgeschenke bemühte. Der Kaffee dort war ein Jammertal von bundesdeutschen Ausmaßen. Nach Rückkehr wollte der Begleiter als Frostschutzmittel eine schnelle Suppe essen. Die Kommunikation gestaltete sich aber schwierig. Die fernöstliche Kellnerin sprach weder Englisch noch Deutsch, und so mussten wir es in beiderseits brüchigem Schwedisch versuchen. Was ich mir unter “Läckor” vorzustellen hatte, war mir so lange unklar, bis die Suppe auf dem Tisch stand. Ah! “Räkor”! Krabben also! Der Herr Sufi war zufrieden.

Wie die U-Bahn-Stationen in Stockholm ist auch die Bahnstation künstlerisch dekoriert. Der Pendelzug war auch Sonntag mittags ziemlich voll, erstaunlich, wenn man die leeren Waggons der österreichischen Pendants gewohnt ist. Die Ortsnamen aus dem Lautsprecher wurden mit jedem Stop etwas vertrauter, und schließlich erreichten wir Upplands Väsby wo Skipper Alfred schon wartete. Nach einem kurzen Einkauf (das geht hier auch am Sonntag ganz normal) fahren wir mit Skipper und Skipperin zum Bootsclub, um den Sir Francis auch zu begrüßen.

Skipper & First Mate

Es war das Wochenende des Krebsfestes, und das musste natürlich auch feierlich begangen werden.

Zufriedenheit und ein Sonnenaufgang im Gläschen
Krabbenhungrig
Vielversprechend
Rot & Blau

Am begeistertsten (außer mir natürlich) war glaube ich dasFräulein Smilla.

Hoffnungsfroh

Tag 4: Klassisches und Touristisches

Pflichtbewusst auch unterwegs

Mit unserem HopOn-HopOff-Ticket in der Tasche will ich eigentlich früh los, aber das ist gar nicht so einfach. Zum einen ist nämlich der Kaffee am Zinkensdamm köstlich und darf nachgefüllt werden (überhaupt ein sympathisches Feature der Schweden, der Filterkaffee in der Kanne, den man einmal zahlt, aber mehrfach auffüllen kann). Zum anderen ist mein Buch recht spannend. Und zum dritten sind sowohl der Herr Sufi als auch ich pflichtbewusst genug, auch unterwegs Emails zu beantworten.

Immer fotolustig

Schließlich gelingt es uns aber doch, uns loszureißen, denn auch heute gibt es wieder jede Menge zu entdecken und zu fotografieren. Wir spazieren, wieder am Strand entlang, in Richtung Schiffsstation. Der Blick mit den Schifferln Richtung Norden gefällt mir immer wieder.

Panorama: Södra Mälarstrand

Slussen von unten
Wer reitet die Friedenstaube?

Heute geht es unter dem verkehrsknotenpunkt Slussen durch. Erstaunlich: Die Abwesenheit von Graffiti. Dafür Kacheln mit Friedenstauben als Reittier. Auf der anderen Seite (also am Meer, nicht mehr am Mälarsee) schwimmt knallrot die Feuerwehr.

Feuerwehr, rot

Nachdem das Schifferl an der Altstadt-Anlegestelle gerade gefahren ist und die Leute schon wieder Schlange stehen, obwohl das nächste erst in 20 Minuten kommt, beschließen wir, zur nächsten Anliegestelle zu promenieren. Der Weg dorthin ist mit Restaurantschiffen und Touristenangeboten gepflastert, die auch den alten Piraten nicht so recht begeistern können.

Pirat, ungehalten

Torso (Dan Wolgers.)
Fährverkehr

Die nächste Haltestelle ist beim Fotografiska (dem Fotografie-Museum), und das wäre mit Sicherheit einen Besuch wert. Bei strahlendem Sonnenschein und leichtem Meerwind kann die Schwarzweiss-Fotografie aber nicht so recht locken, und so vertreiben wir uns nur kurz die Zeit im Museums-Shop und besuchen die futuristisch anmutenden Toiletten im Keller. Ein paar Ansichtskarten später (der Lucas besucht derweil die MSY Wind Surf, von der hier auch noch die Rede sein wird), ist es Zeit für einen Hupfer aufs Sightseeing-Boot.

Kreuzfahrer-Schiffe

Allzeit fotobereit

Es ist nett, sich hier durch die Gegend schaukeln zu lassen, und bei Bedarf die Aussicht in einer von fünf Sprachen erklärt zu bekommen. Ich nutze das Angebot und erfahre einiges über Stockholms Geschichte, während der Herr Sufi lieber im Hier und Jetzt bleibt.

Hier ließe sich's auch gut wohnen

Wo man auch hinschaut, liegen Boote und Wohnschiffe, und der Gedanke wird von Bötchen zu Bötchen attraktiver. Aber was passiert im Winter mit den Kähnen? Der Mälarsee friert zu, und die Ostsee oft auch. Da müssen die wohl auch an Land? Wir vergessen leider, kompetente Schiffer danach zu befragen.

Blick aufs Nationalmuseum

Unser heutiges Ziel ist Djurgarden. Dort gibt es das Nationalmuseum (das reicht uns von außen), die Vasa, den Zoo und das Freilichtmuseum. Die Vasa hätte ich wirklich gerne wieder einmal besucht, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass die alte Dame bröselt. Allerdings war die Schlange vor dem Eingang recht lang, und, naja, das Wetter nach wie vor viel zu schön für Indoor-Aktiviteten. Der Herr Sufi hatte zudem einen heftigen Anfall von Touristenplätze-Antipathie, der sich nur durch ein ordentlich scharfes Würstel beseitigen ließ.

Glück am Würstelstand

Biologiska Museum
Der Zirkus ist in der Stadt

Wir verzichteten aus ähnlichen Gründen auf einen Besuch in Skansen (obwohl ich gerade das Freilichtmuseum gern einmal mit erwachsenen Augen gesehen hätte) und umrundeten stattdessen Tierpark und Museum in großem Bogen. Ich maulte ein wenig, dass man dazu ja nicht unbedingt hätte herkommen müssen, aber die Gegend barg zu interessante Geschichten, um lange zu schmollen.

Fest-Rest?

Hällestadsstapeln
Bobergs elverk

Auch von außen kriegt man doch etwas Kultur mit. Da ist etwa der Hällestadsstapeln, ein freistehender Glockenturm aus dem 18. Jahrhundert (links). Oder das alte E-Werk (rechts), dessen Verzierungen wir wegen der dreieckigen Form mit etwas rundem drin (Auge?) für Freimaurerwerk halten. Die Erklärung, die ich später lese, spricht von Glühbirnen. Aber warum in dreieckigem Rahmen? Danach gibt es hier hauptsächlich Baum und Wiese, bis wir durchs Laub wieder einen Blick auf Östermalm erhaschen können.

Blick nach drüben (drüben liegt Östermalm)

An der Anlegestelle bleibt gerade Mal Zeit für ein Zigarettchen, bevor der Hop-On-Dampfer wieder anlegt. Wir fahren diesmal nur eine Station. Noch ein Blick zurück in Richtung Vasa.

Blick zurück (aufs Vasamuseum)

Skeppsholmen ist eine der kleineren Inseln Stockholms, auch sehr grün und insgesamt sehr sympathisch. Hier war bis in die 1960er-Jahre die königliche Marinebasis mit allem was dazugehört, und auch heute noch wird das Ambiente von Schiffen und Schiffsbau dominiert.

Kleinheiten und Schönheiten

Gemütlich

Torsten würd zu mir passen

Bei einigen der Kähne würde ich gerne hineinschauen, ob das Innenleben der malerischen Außenfront entspricht. Manche wiederum haben eigenartige Features, zum Beispiel reichlich Holzvorräte wie eine Tiroler Almhütte.

Tresor bunkert Brennholz

Die Torpedowerkstatt ist heute glücklicherweise nicht mehr scharf, sondern unter anderem Bühne für Tanzveranstaltungen.

Torpedowerkstatt

Dann gibt es auch noch unglaublich entzückendes wie dieses Leuchtturmboot. Die “Fladen” wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut und hat bis 1969 Dienst als Leuchtturm getan – an Stellen, wo es schwer oder unmöglich war, einen echten solchen zu bauen. Ich glaub, ich hab ein neues Lebensziel – ich möcht Kapitän auf einem Leuchtturm werden! Hier stehen einige übersetzte Einträge aus dem Logbuch eines Leuchtturmwärterschiffscrewmitglieds.

Leuchtturmschiff

Versteckt: Die Orion

Ein bisschen versteckt ums Eck liegt die Orion, ein altes königliches Lotsenschiff, heute in Privatbesitz und als Museum genutzt. Draußen hängen Bilder eines wahrhaft königlichen Salons, in dessen Lederfauteuils man unbedingt mit einer dicken Zigarre in der Hand einen Whisky trinken möchte. Aber da die Tür nicht offen ist (und sowohl Whisky als auch Zigarre im Museum vermutlich verboten wären), ziehen wir weiter.

Königliches Lotsenboot

Af Chapman

Noch ein Stückchen weiter um die runde Ecke liegt die Af Chapman. 1888 gebaut, war die alte Schönheit erst als Frachter auf allen Weltmeeren unterwegs und kam 1908 nach Schweden, wo sie als Schul-Frachter zum Einsatz kam. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie zur Herberge umgebaut und erfüllt diese Aufgabe (mit mehreren Renovierungen) bis heute. Hier wollte ich ja, wie erwähnt, seit langem gerne einmal wohnen. Fürs erste entern wir den Schoner, um einen Nachmittagsdrink zu nehmen.

Bugblick

Bei Sonne und typisch schwedischen Schmusewölkchen gibt es vom Vordeck der Af Chapman den vermutlich besten Blick auf das Panorama der Stockholmer Altstadt, den man überhaupt finden kann.

Gamla-Stan-Panorama von der Af Chapman

Wolken über Slussen

Mastblick
Modeblick

Man könnte hier auch länger bleiben. Man könnte hier ganz problemlos den ganzen Nachmittag bleiben, und dann den Abend auch noch. Vermutlich wäre das einzig problematische daran die Frage, ob man am Ende noch in seine Koje findet. Aber, wie gesagt, wir haben ja keine. Daher reißen wir uns schweren Herzens los, erkunden weiter die Insel und finden Erstaunliches. Ich mein, Löwen als Türsteher kennt man ja – aber… ein Wildschwein?

Schweindi!

Auch wenn wir das Moderne Museum links liegen lassen, erfreuen doch die Skulpturen von Skulpturen von Niki de Saint Phalles und Jean Tinguelys das Aug.

Paradiset

Waretn auf das nächste Boot
Djurgardsfähre

Vielleicht (ich bin nicht mehr sicher, ich genieße zu sehr) gefällt es mir an der Anlegestelle am besten. Schifferln, Boote und Fähren beobachten. Leichte Sonne durchs Laub. Wasser vor der Nase. Dieser ganz bestimmte Geruch von Holz und Teer und Meer. Und mehr.

Als unser Bötchen kommt, geht es noch einmal ganz nah an Skansen vorbei.

Ausssichtskarussell

Dampfer-Arsch

Bei kühler werdender Abendsonne freuen wir uns, noch einmal eine Dreiviertel-Runde mitzufahren. Also, ich zumindest. Aber der Herr Sufi hat auch nicht sonderlich unglücklich gewirkt. An (unserer) vorletzten Station liegt noch immer die MSY Wind Surf, das – laut diversen Webseiten – größte Segelschiff der Welt. Unter Segel sieht die Lady übrigens noch elganter aus: Link.

Wind Surf

Südliches Flair
Taube, ungehorsam

Wir steigen an der Altstadt aus und werden mittlerweile von einem Hüngerchen erfasst. Leider sind die Restaurants alle zu touristisch für den Herrn Sufi oder zu weißbetischtucht für mich, manche sind dann auch noch zu teuer, und überhaupt. Wir stromern noch eine Runde durch die Gassen, vor dem Nobelmuseum baut eine Musikkapelle ihre Instrumente auf, und das geht irgendwie schon gar nicht. Möglicherweise hätten wir aus Unentschlossenheit hungrig bleiben müssen, wenn sich nicht um eine nicht ganz rechtwinkelige Ecke ein Anblick erschlossen hätte, der mich entschlossen macht. “Hier essen wir.” Der Begleiter schaut verblüfft, ergibt sich aber in sein Schicksal.

Kryp in

Erst nach der Vorspeise erzähle ich, wie ich vor vielen (ich will gar nicht zählen wie vielen) Jahren, vermutlich – wenn ich mich nicht irre, was nach so langer Zeit auch möglich ist – bei meinem allerersten Tag allein in Stockholm, mit Daddys Kamera um den Hals, bei windzerzaustem Regenwetter einen Blick in eines dieser Fenster geworden habe und – gänzlich untypisch für mein damaliges ich – beschloss: Hier werd ich auch einmal zu Abend essen. Na also bittschön! Das hätten wir erledigt.

Kryp in - Einblick

Das Futter (wir begnügten uns mangels mehr Hunger mit der Vorspeise) war im übrigen ganz köstlich, die Krabben in Zitronenmayonnaise besonders, wobei ich nicht bezweifle, dass es in Gamla Stan noch viele andere gute Restaurants gibt. Aber ein bisschen Nostalgie darf ja auch einmal sein.

Trachten-, äh, Militärkapelle
Kanonenrohr und Runenstein

Danach spazieren wir noch ein bisschen, lauschen sogar der Militärkapelle von Halland, die neben Mozart und anderen Klassikern auch Abba und Filmmusik spielt, erklären anderen deutschsprachigen Touristen die Verwendung von Runenstein und Kanonenrohr beim Hausbau (Informationen, die wir während des Essens von einer vorbeigetriebenen Touristengruppe erlauscht haben), und finden uns schließlich, als wäre es ganz selbstverständlich, auf dem Boot von gestern Abend wieder ein.

Ja, wosammadenn?

Hier hätte ich bleiben mögen, den ganzen Abend oder zumindest bis zum Ende des Weinfasses, schließlich gibt es nicht nur Wein und Musik, sondern auch jede Menge Anblicke.

Vorwärts, an der Ampel vorbei

Blümchen am Dampfer

Schwedenhimmel

Abend in Södermalm

Aber mit dem Verschwinden der Sonne wird es kühler, und wir haben auch noch vor zu packen und vielleicht sogar Wäsche zu waschen, und so ziehen wir am Ende des Bieres wieder über Slussen rüber nach Södermalm. Ein letzter Spaziergang längs der Götgatan, auch ein Ballon zieht wieder vorbei. Das Wetter mag auch nicht mehr, es tröpfelt. Mehr aus Freude an dem griechischen Würstelstand denn aus Hunger esse ich noch ein Souvlaki, in Brot gewickelt, während der Begleiter die Öffnungszeiten der Södermalm-Markthalle erkundet. Auf der Suche nach einem Klo lande ich in einem Kinokomplex, wo man die obligatorischen 5 Kronen Häuslgebühr nicht in Münzen einwerfen kann. Man stellt sich stattdessen am Ticketschalter an und bekommt einen Zettel mit einem Code, der dann die Tür öffnet. Kauft man ein Kinoticket, ist der Code übrigens auch drauf und im Preis inbegriffen. Einerseits ein ziemlich seltsames System, andererseits möcht ich die 5 (oder warens 10) Minuten nicht missen, die ich mitten im schwedischen Leben an der Kinokasse angestellt war. Man hätte sich ja auch einen Film anschauen können… naja. ein anderes Mal. (Als ich aus der Häuslanlage wieder rauskomme, halte ich einer entgegenkommenden die Türe auf, aber die zuckt zurück: “Nein nein, ich hab eh einen Code”. OKok, ich wollt doch nur höflich sein…)

Zurück im Hostel gibts noch ein spannendes Wäschewasch-Abenteuer, in dessen Verlauf wir (leider erst am letzten Tag) entdecken, wie man in den idyllischen Hinterhof-Garten kommt. Noja. So gegen halb zwei in der Nacht ist die Wäsche trocken, das Bier geleert, und wir sinken ermattet in die Betten. Morgen nach Upplands Väsby, übermorgen raus aufs Wasser!

Tag 3 – Kulturgebummel, Schifferlfahren und Rumhängen

Der letzte Tag hat mir am rechten Fuß eine ordentliche Blase beschert, und so bin ich trotz morgendlichen Nieselregens mit Sandalen unterwegs. Heute lassen wir uns Zeit, man muss ja nicht jeden Tag Höchstleistungen bringen!

Kontraste

Die Gegend um unser Hostel ist voller Schrebergärten, durch die wir erst einmal einen kleinen Spaziergang machen. Anschließend geht es, nach einem kleinen Besuch in der Apotheke, ins Kultur-Grätzel von Södermalm. Södermalm (wo wir wohnen) ist der klassische Arbeiterbezirk Stockholms. Heute gibt es hier, wie in anderen Städten auch, zwar weiterhin Ecken mit günstigen Wohnungen, aber auch solche, wo mit Kunst und Kultur auch der gemäßigte Bobo-Lifestyle Einzug gehalten hat. Wir spazieren ungezwungen durch Gegenden mit beiderlei Flair. Und wundern uns nur kurz über die Benennung des Kebabladens.

Jerusalem Kebab

Ich kaufe vorsichtshalber eine zusätzliche SD-Card für die Kamera, der Herr Sufi ebenso umsichtig ein Wet-Case für sein iPhone. Dann ersetzen wir das Frühstück durch einen Lunch, irgendwas mit Krabben für mich und ein Süppchen für den leicht angeschlagenen Lucas. Erstaunlich, dass es von diesem gemütlichen Moment keine Bilder gibt, vielleicht wollte ich nicht das “ganz normale Leben” um mich herum stören. Es hat wieder stärker zu regnen begonnen, und so ziehen wir zum Kaffee nach drinnen, wo es außer ein paar Couch-Tischen (eben zum Kaffeetrinken) einen großen Tisch für Mittagsgäste gibt, an dem man sich zwanglos (aber immer mit gebotenem Abstand zu Unbekannten) platzieren könnte. Auf dem Tisch liegen Kochbücher zum Blättern, und selbst nach dem zweiten Kaffee fällt uns das Aufstehen schwer. Aber die Stadt ist noch groß…

Auf dem Weg Richtung “Vita Bergen” schimmert Globen wie eine Fata Morgana in der nassen Luft.

Keine Fata Morgana, nur Globen in der Ferne

Fassadenbegrünung

Jenseits der Götgatan wird die Atmosphäre weniger geschäftlich, mehr gemütlich, und zumindest ich schau mir die Schaufenster der kleinen Läden ebenso gerne an wie die Galerien und Geschäftsideen. Zwischendurch stören wir die Herrschaften von Greenworks bei der Arbeit und lassen uns erklären, wie man Wände innen und außen begrünt. Sollte ich jemals eine Villa kaufen… aber das ist bekanntlich eher unwahrscheinlich.

Warum hat diese Mauer eine Kante?

Ein Stückchen weiter will der Lucas nicht glauben, dass weder Geschäftsleute noch Bewohner dieses Hauses wissen, warum das Ding einen so markanten Sockel hat. Ich gebe zu, dass ich darüber als Anrainer vermutlich auch nicht nachgedacht hätte. In jedem Fall findet man so sein Haus leicht wieder.

 

Naschkatzenfenster

In der Nytorgsgatan kann man bei Pärlans durchs Fenster der Konfektherstellung zuschauen. (Ich notier das hier fürs nächste Mal – diesmal hat mich der Begleiter unbarmherzig vorbeigezogen.) Aber auch sonst gibt es in der Gegend einiges zu entdecken.

Cocktails mit Schwan
Kitschfenster

Während der Herr Sufi sich die weitere Route überlegen will, erklettere ich den Weißen Berg (Vita Berg) und werde mit weiteren An- und Ausblicken belohnt.

Stadt-Idyll

Stadt-Idyll mit Katze

Familienpark

Gleich darunter liegt der Nytorget, ein Familienidyll mit spannender Bepflanzung. So etwas muss auch in den eigenen Garten, findet der Herr Sufi, doch wir finden leider nicht heraus, wie die unten abgebildete Großblattpflanze heißt. Zweckdienliche Hinweise werden gerne entgegengenommen.

Pflanzenkunde

Bienenfleiß

Ich wundere mich währenddessen darüber, wie sozial sich die Bienchen die anderen Blüten aufteilen. Hier herrscht ganz klar Idyll-Alarm, aber seltsam – heute stört mich das gar nicht. Noch idyllischer wird es auf der Sofiagatan, wo wir im “Garbo” Kaffee und Kuchen nehmen. So lange wollten wir gar nicht bleiben, aber die Kaffeekanne am Nebentisch war einfach zu überzeugend, und der Kuchen in der Vitrine auch.

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Innen ist das Cafe irgendwie auch ein Kleidergeschäft. Möglicherweise kann man auch die Möbel kaufen, so genau hab ich das nicht hinterfragt. Und die Inhaberin lässt mich in meinem unsicheren Schwedisch bestellen, ohne mich auf Englisch zu unterbrechen. Herzallerliebst!

Mittlerweile strahlt auch die Sonne wieder (was sollte sie hier auch anderes machen), und wir wandern weiter. Dass das Cafe “Garbo” heißt, und dass Greta Garbo an der Ecke ein Plätzchen gewidmet ist, ist übrigens kein Zufall. Die “Göttliche” wurde in Södermalm geboren und ist in dieser Straße zur Schule gegangen.

Uns aber zieht es wieder ans Wasser, denn Cafes und Schauspieler haben wir zu Hause auch. Am südlichen Ufer von Södermalm liegt der Hammarbyhafen, wo es auch einiges an Booten und Schiffen zu bestaunen gibt.

Very Swedish

Sjöstjernan - der Seestern
Nella
Tiger

Schon wieder ein Pirat!

Zwischen Södermalm und Kvarnholm
Malmö in Stockholm
Schweden_0008

Bevor es zu Fuss wieder westlich in bekanntere Gegenden ginge, hoppen wir auf einen Touristendampfer und erkaufen uns für 100 Kronen das Recht, in den kommenden 24 Stunden jederzeit eines dieser Boote besteigen und wieder verlassen zu können. Es gibt da mehrere Modelle mit unterschiedlichen Preisen und Anlegestellen, was, wie wir beim Schippern feststellen können, nicht nur unter Touristen zu Verwirrung führt. Aber wir sind mit unserer Auswahl durchaus zufrieden.

Hop On!

Die Birger Jarl vor der Altstadt

So schwimmen wir an Södermalm, Slussen und der Altstadt vorbei. Hier liegt die Birger Jarl, ein Kreuzfahrtsschiff, das trotz seiner 59 Jahre unter dem Kiel tapfer die Route Stockholm – Mariehamn fährt. Benannt ist sie nach dem Mann, der Schweden vereinigt und einen Kreuzzug angeführt hat – und laut Legende auch Stockholm gründete, damals im 13. Jahrhundert.

Ausflugsdampfer-Stau am Schloss
Bötchen dürfen noch rauchen

Vom Wasser aus sehen wir auch das Schloss von seiner Seeseite und zahlreiche Ausflugs- und Touristenboote, die ihre Ladung genau vor der Türe ausspucken wollen. Und gegenüber, auf Skeppsholmen, liegt die Af Chapman (unten), auf der ich schon seit Jugendtagen gerne einmal die eine oder andere Nacht verbringen würde. Leider ist sie, bis mir das einfällt, immer schon längst ausgebucht. Naja. Eines Tages vielleicht.

af Chapman

Am Nybroplan hoppen wir off, denn der Herr Sufi hat einen Tipp gekriegt. In der Östermalmhalle soll es den Fisch geben, den er vor der Abreise gerne in Massen einkaufen und nach Hause mitnehmen möchte. Eine Schnupperrunde könnte sich, mittlerweile ist es 5 Uhr, gerade noch so ausgehen, bevor die Halle schließt. Ich hingegen trenne mich nur ungern von den Anblicken in der Bucht.

Ein Straßenbähnchen
Das Nationalmuseum
 Was tut man nicht alles für ein Photo?

Zuerst einmal laufen wir allerdings hochmotiviert in die falsche Richtung. Wer hätte auch annehmen können, dass die Östermalmsgatan (-straße) nicht zum Östermalmstorget (-platz) führt? Also, ich nicht. Und dabei schau ich doch sonst immer auf den Stadtplan! – Macht aber nix, denn auch hier gibt es jede Menge zu schauen – und zu fotografieren. Ein echter Wiener lässt nämlich keinen Friedhof aus.

Grabstein

Nachdem wir die intuitive Navigation durch die kommunikative Variante ersetzt haben, finden wir auch die Markthalle. Die liegt im eleganten Botschaftsviertel und präsentiert sich dementsprechend schmuck.

Östermalms Saluhall

Meeresgetier
Landgetier

Wir schauen und kaufen ein paar Kleinigkeiten, die sich auch ohne eigene Küche verkosten lassen. Später sind wir angetan von allem, außer vom zähen und etwas ältlichen Sandwichwecken (nicht im Bild).

Fleischeskunst

Am Weg zurück zum Wasser kommt uns das Musikmuseum unter. Hier hängen überdimensionierte Instrumente an der Wand, die tatsächlich spielbar sind – auch wenn sie teilweise etwas schattig klingen.

Spielbares beim Musikmuseum

Wir setzen uns an die Anlegestelle und jausnen unsere erjagten Schätze. Es ist sonnig, aber irgendwie schon etwas kühl. Dafür sind die Ausblicke wunderbar.

Gröna Lund im Abendlicht

Jonathan?
Abend wird's, die Fähren gehen schlafen
Überall liegt irgendwer vertäut
Lucas will wissen, was hier gefischt wird

Frisch gestärkt beschließen wir, doch wieder zu Fuß zurück zu gehen. Vor den Hotels liegen ziemlich große Boote, und am Übergang zwischen Meer und Mälaren wird fleißig gefischt.

Da oben tut sich was

Dann bieten sich noch erstaunlichere Anblicke: Drei Ballone fliegen, Verzeihung, fahren direkt über Altstadt und Schloss und weiter in die heute tatsächlich goldene Abendsonne.

Heißluftballon überm Schloss

Da fahren sie hin im Abendlicht

Gamla Stan - Einblicke

Auch an diesem Abend ist es nicht leicht, den Herrn Sufi nach Gamla Stan zu locken. Es gelingt mir immerhin so weit, dass sich ein typisches Stockholm-Foto ausgeht (links).

Als wir Slussen erreichen, hat die Sonne noch einmal tief Luft geholt und malt den alten Verkehrsknotenpunkt so hübsch, dass wir beschließen, eine kleine Pause einzulegen.

So romatisch war Slussen noch nie

Im Restaurant Flyt genießen wir Abendlicht und ein Bierchen, unter Einheimischen, Zugereisten und Touristen, bei durchaus angenehmer Musik. Autos fahren oben fast keine, aber durch die Schleuse herrscht mittlerer Motorbootverkehr. Es gibt immer was zu schauen. Seltsam, dass gerade da allen Fotoapparaten der Saft ausgeht (und Ersatzakkus gut eingepackt im Hotel liegen), aber irgendwie ist das auch ganz entspannend.

Jetzt wäre ich bereit, das Nachtleben von Södermalm zu erkunden, doch der Herr Sufi ist müde, und so wandern wir nur noch den schon bekannten Weg am Södra Mälarstrand zurück, an den Booten vorbei. Auf dem Piratenkahn wird gefeiert, und wären wir einen Augenblick länger stehengeblieben, hätte man sich vermutlich einladen lassen können. Aber wer weiß, was den Piraten noch so einfällt… und wir wollen uns weder kielholen noch teeren und federn lassen. Deshalb, aber vor allem wegen der Müdigkeit, marschieren wir, ganz untypisch brav für unsere Begriffe, schon früh in unser sicheres Quartier zurück.

Tag 2: Schifferln Schauen, Einkaufsbummel und Kultur

Der Morgen bringt unsere übliche Urlaubsroutine: Eine Chronistin, die frischfröhlich geduscht zum Kaffee eilt, während der Herr Sufi gerade mal die Nasenspitze unter der Decke hervorstreckt. Das wäre möglicherweise eine psychologische Untersuchung wert, weil zu Hause ist es genau umgekehrt. Mein Kaffee vor dem Ho(s)tel ist begleitet von vielsprachigem Menschengezwitscher rundum, und das mag ich sowieso immer sehr. Irgendeine Eingebung hat mir eine Kanelbulle (Zimtschnecke) auf den Teller gelegt, die noch leicht warm und köstlich zimtig süß in meinen Bauch wandert. Dabei mag ich doch gar nix Süßes zum Frühstück! Aber heute schon.

Mein 3likeHome-Internet ermöglicht mir die gewohnte gemütliche Morgenlektüre, obwohl das Frühstücksgebiet außerhalb des Gratis-WLANs liegt. Zur obligatorischen Mailbeantwortungsrunde gehe ich dann doch lieber an die Geräte in der Rezeption, für die sich um die Uhrzeit kein Mensch interessiert. (Am Abend dagegen sind sie immer schwerst belagert.) Dann taucht auch schon der Herr Sufi auf, und wir machen uns auf die Socken zur Stadterkundung.

Frischer Lucas vor hübscher Gegend

Achtung!

Nach einem Schlenker Richtung Stadt gehen wir nordwärts, dann am Rand von Södermalm entlang. Hier liegen jede Menge Boote, auf denen gewohnt wird. Teilweise Könnte man die Seetüchtigkeit bezweifeln, doch in den nächsten Tagen ändert sich immer wieder das Anlegebild – es muss also doch einiges dabei sein, das fährt. Die Bötchen haben Blumenkisten, Hängemattenhaken und auch sonst noch so einiges, was den gemeinen Passanten neidisch werden lassen könnte.

Wohnboot  Rambo sieht ganz friedlich aus
Blümchen vor der Tür

Postkästen für Anlieger

Dass hier aber doch mehrheitlich gewohnt wird, zeigen die Postkästchen vor der Tür, äh, dem Steg. Ob in die Blumenkistchen eher Kräuter oder doch eher Blümchen passen überlegen wir, und dann könnte im kühlen Norden winters auch eine ordentliche Heizung nötig werden. Ansonsten wäre das Hausboot durchaus eine nette Alternative, vor allem, wenn es auch noch ein bisschen Schippern kann. Und die Sache mit dem nötigen Kleingeld… Noja, vielleicht kann uns ja der Pirat zeigen, wie man das macht!

Piratenkahn

Kronprinsessan Martha

Im egalitären Schweden schwimmt gleich neben dem Piraten die Kronprinzessin Martha, mit recht eindrucksvollem Anker. Hübsch! Noch ein paar Schritte weiter gibt es das “Röda Båt”, das rote Boot, das auch ein Ho(s)tel ist und beim Buchen bei mir in der engeren Wahl war. Bei aller rotgefärbelten Hübschheit sind wir froh, dort doch nix mehr gekriegt zu haben – der Bootsparkplatz ist an einer stark befahrenen Straße, am Zinkendamm dagegen herrscht wunderbare Nachtruhe.

Das schöne rote Boot ist ein Hostel

Sorgfältig Pinseln!

So ein Boot will natürlich auch gepflegt sein, und wir sehen ein bisschen beim sorgfältigen Pinseln zu. Auf dem Oberdeck des nebenliegenden Restaurantboots hätten wir gern Kaffee getrunken, doch das geht erst am Nachmittag, wie uns der freundliche Deckschrubber mitteilte. Wir schlenderten weiter bis zur ersten (westlichsten) Brücke Richtung Norden, die natürlich auch auf das zentrale Gamla Stan-Inselchen führt.

Hier wird eine neue Bahnlinie gebaut

Der rote und der grüne Stecken (schwedisch “Pinne”) sind übrigens Seezeichen, die auf diese recht unspektakuläre Art die befahrbare Wasserstraße kennzeichnen.

Riddarholmen

Gamla Stan lassen wir heute wegen der Sufischen Touristenphobie ganz einfach rechts liegen und biegen nach links ab. Riddarholmen ist eine eigene Insel und der kleinste Stadtteil Stockholms. Außer Regierungsgebäuden und einem Museum gibt es dort nur die schöne Aussicht Richtung Södermalm (links) und Kungsholmen mit dem Stadshuset (Rathaus) rechts. Laut schwedischer Wikipedia wohnte auf Riddarholmen bei der Volkszählung 2009 genau eine Person (aber es ist ja nicht weit bis Gamla Stan mitten in den Trubel). Außerdem gibt es noch ein nettes Cafe auf einem netten Platzl, in dem man auch gut jausnen könnte, aber wir belassen es bei Kaffee und Wasser und einem äußerlich royalen Klobesuch (innen war die Hütte nämlich eng und stickig). Heute scheint übrigens trotz dunkler Wolken immer wieder die Sonne, der Wind ist zwar skandinavisch kühl, aber doch verlockend, und auch sonst gibt es an diesem Tag nichts auszusetzen.

Königliches Volksklo (von außen) Durstlöscher auf Riddarholmen Stadshuset mit epischer Wolkenkulisse

Ach ja, und noch etwas gibt es auf Riddarholmen, nämlich die Statue eines berühmten schwedischen Künstlers. Evert Taube war Maler, Schriftsteller und Komponist und Sänger und zumindest für letzteres sehr beliebt.

Junge und alte Musiker

Die Statue tut ihm ein wenig unrecht, ganz so hässlich war der Künstler nicht (siehe Bild in der Wikipedia). Mit ist er vor allem durch die Seglerlieder bekannt, die in der Interpretation seines Sohnes zur musikalischen Pflichtausstattung jedes Segelbootes zählten (hat mir zumindest mein Vater in den Achtzigern erzählt. Vielleicht wollte er mich damals auch nur wegen meines differential entgegensetzten Musikgeschmacks ärgern.) Aber irgendwie süß sind die Lieder ja doch.

Beim Hauptbahnhof

Von der alten Liederkultur mit schlafendem Keyboarder ging es ein Stück weiter über die Brücke, am Hauptbahnhof vorbei, direkt in den tagesaktuellen Einkaufsrummel. Nun zählt ja das G’wand einkaufen nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, schon gar nicht im Urlaub. Aber der Herr Sufi hatte einen Pullover zu wenig, und Frostbeulen auf den kommenden Bootstagen wollten wir dann doch nicht riskieren. Wir bummelten durch Norrmalm und Vasastan, wo es Pullis gab, um einer ganze Armee einzukleiden. Nur leider wollte dem herrn Sufi keiner so recht zusagen. Was andererseits auch nicht so schlimm war, zu sehen gab es unterwegs genug.

Alte Schwedenkrone auf geflügeltem Rad, in der Nähe des Bahnhofs
Portal der königlichen Post

Wir spazieren kreuz und quer und treffen zufällig am Hötorget (beim Konzerthaus) auf einen Markt. So viele Eierschwammerln auf einem Fleck hat bis jetzt keiner von uns auf einem Fleck gesehen.

Eierschwammerln! So viele Eierschwammerln!

Der Stand ist kein Einzelfall – bei jedem Standler gibt es mindestens zwei Kisten der hier “Kantareller” genannten Schwammerln.

Eierschwammerln!

Kein Wunder, dass uns daraufhin der Hunger packt. In der Kungshallen gegenüber gibt es Futter aus aller Herren Länder. Wir suchen uns das einheimischste Lokal aus und sitzen zwischen höchst einheimischen Pensionisten und Einkäufern, bis das Futter kommt.

Ein Lachschen
Ein Süppchen

Mein Lachs kommt mit köstlicher Zitronenbutter und Rucola, das Süppchen gegenüber mundet sichtlich auch. Solchermaßen gestärkt, schlendern wir die Sergelgatan hinunter, wo mich dieser Revolver fasziniert und irgendwie entfernt an die Beatles erinnert.

Nonviolence-Revolver in der Sergelgatan

Zu Hause lässt sich nachschlagen, dass das Motiv von Nonviolence kommt und von Carl Fredrik Reuterswärd als Tribut an John Lennon gestaltet wurde.

Schaufenster

Aber genaugenommen sind wir ja immer noch am Einkaufen, auch wenn das Schauen sehr viel mehr Spass macht. Weiterhin ohne (Pullover-)Erfolg ziehen wir durch die Straßen, und schließlich und endlich muss man natürlich auch noch zu NK. Das hilft in Sachen Pullover zwar auch nicht, aber wer nicht bei NK war, kann einfach nicht behaupten, in Stockholm eingekauft zu haben. :)

NK

Nach dem Kauf zweier Bücher verlässt mich endgültig die Kaufhauslust, und ich drehe eine Runde über den Kungsträdsgarden und den Berzelii Park, während der Herr Sufi sich weiter auf die Jagd begibt. Im Kungsträdsgarden (Königsgarten) gibt es doch tatsächlich Public Viewing für die Sommerolympiade und ein paar Spielstätten für die Kinder, die nachmachen wollen, was da auf der Leinwand kommt. Sonderlich gut besucht war das nicht, aber das könnte auch am jetzt wieder einsetzenden Regen gelegen sein.

Public Viewing für Olympia
Berns

Am Berzelii-Park wiederum steht Berns, ein Club/Nachtlokal/Hotel aus dem 19. Jahrhundert, das bis heute eine Rolle in Schwedens Nacht- und Kulturleben spielt. Ich kannte den Namen, weil ich dort gern einmal Bob Dylan gesehen hätte, aber die Geschichte des Etablissements ist durchaus lesenswert.

Zurück im königlichen Garten wartete ich auf die Rückkehr des Begleiters und steckte dabei die Nase in mein Buch. Nicht ohne mich köstlich über das schwedische Jung-Pärchen auf der Nebenbank zu amüsieren. Die jausneten nämlich, was eine Vielzahl an Vögeln anzog. Und Tauben, Möwen, Spatzen und weitere Vertreter der fliegenden Zunft sind in Schweden völlig ungeniert, wenn es darum geht, ein paar Krümel von irgendwas zu erwischen. Woran auch immer es liegen mag – sie alle würden einem problemlos aus der Hand fressen, wenn man sie ließe. Was den jungen Mann dazu bewog, zum Schutz seiner Auserkorenen wild mit den Armen zu fuchteln, sobald ein Flügeltier in Sicht kam. Und das passierte eben andauernd (ich hätt ein Video machen sollen).

Kulturhuset

Anschließend war ein Besuch im Kulturhuset angesagt. Wie man sieht, wurde das Wetter wieder finsterer. Das hielt uns aber nicht davon ab, auf die heimelig wirkende Dachterrasse zu zielen.

Das Stockholmer Kulturhaus beherbergt Theater, Kinos und Ausstellungen, ein eigenes Stockwerk für wertvolle Kinderunterhaltung und wirkt insgesamt wie ein Relikt der positiven Seiten der 70er-Jahre. Zudem ist es ein freundlicher Platz, an dem sich kulturinteressierte Einheimische und ebensolche Touristen zwanglos mischen. Beim Essen am Dach traute ich mich im übrigen erstmals wieder, ein paar schwedische Sätze von mir zu geben. Der Sufi wiederum sah einen guten Einsatzzweck für seine Gewürzmischung, die immer in der Jackentasche steckt.

Futter-Feintuning am Kulturhausdach

Glaspelaren

Von hier oben hat man auch den besten Blick auf eines der meistfotografierten modernen Wahrzeichen der Stadt, den “Glaspelare” von Edvin Öhrström, der eigentlich Kristallvertikalaccent heißt und in der Mitte des Kreisverkehrs am Sergels Torg steht. (In diesem Brunnen ist übrigens auch einmal in einem Krimi eine Leiche gefunden worden, aber der Krimi war in weiterer Folge fad – vermutlich will mir deshalb weder Titel noch Autor einfallen.) –  Der Kreisverkehr hat auch eine kulturelle Komponente, er wurde von einem dänischen Mathematiker exakt in Form einer Superellipse gestaltet. Der Herr Sufi meint, dass das wie ein ganz normaler Kreis aussieht. Rein optisch kann ich ihm nicht widersprechen.

Auch hier oben stehen übrigens Warnschilder, dass man sein Essen nicht unbeaufsichtigt herumstehen lassen soll – natürlich der Vögel wegen.

Hoffnungsfrohe Möwe

Nach dem Essen gehen wir noch rüber zum anderen Lokal des Daches, um einen Kaffee zu trinken. Hier gibt es Musik, und an Sommerabenden Kinoprogramm. Ein Kräutergarten lädt ausdrücklich zum Verkosten ein, und um die Ecke stehen an einer begrünten Fassade zwei Bienenhäuser.

Kräuter zum Kosten
Bienenhäuser

Giraffenskulptur und Fotoausstellung

So gestärkt, schauen wir noch ein bisschen nach Kunst und Kultur, und werfen uns dann in das jetzt wieder zunehmende Getümmel der Fußgängerzone Drottninggatan.

Einkaufsstraße
Olof Palmes gata

Bunter Kiosk

Strindberg-Zitate in der Fußgängerzone

Weiter oben (die Drottninggatan geht bergauf und in Richtung Norden) sind metallene Strindberg-Zitate in den Boden eingelassen. Nach Lektüre der meisten lässt sich leicht schließen, dass der Meister gegenüber seinen Zeitgenossen ein ziemlich überheblicher Stinkstiefel gewesen sein muss – aber das schmälert ja nicht das literarische Erbe.

Am Ende der Drottninggatan steht ein kleiner Hügel mit dem Observatorium drauf. Der Herr Sufi verweigert, aber ich will natürlich auch da oben eine Runde drehen.

Goldenes Schiff auf Kupferner Welle
Kentaur

Zwischendurch mal ausrasten

Von hier aus gehen wir über Odenplan und St.Eriks gata in einem großen Rund wieder nach Hause. Eine nette Gegend mit netten Häusern und kleinen Geschäften, Parks und Lokalen, aber weil es zwischendurch mal wieder tröpfelt, bleibt die Kamera meist in der Tasche. Als ein paar offensichtlich mit Umzug beschäftigte Einwohner ein Sofa auf dem Gehsteig abstellen, überlegt der Herr Sufi ein Nickerchen. Der Scherz kommt aber nicht sonderlich gut an. Wo,öglich dachten sie, er hätte es ernst gemeint? (Womöglich hat er?)

Nostalgie-Gschäftln

Der Sonnenuntergang ereilt uns am Karlbergssjön.

Sunset

Auf der anderen Seite wird noch fleißig gepaddelt.

Wassersport-Idyll

Hier gebe ich endlich zu, dass der Schuh drückt, und ziehe ihn aus. Der Herr Sufi ist besorgt, doch Stockholm ist recht sauber, und ich bin gewohnt, beim Barfussgehen drauf zu schauen, wo ich hintrete. Barfuss trapse ich also quer durch Kungsholmen und über die lange, lange Brücke nach Langholmen und weiter “nach Hause” bis Södermalm.

Hübscher Hafen in der Stadt
Hier geht's in den Mälaren

Am Ende der Brücke erreicht uns Musik, und magisch angezogen finden wir das idyllische Cafe “Lasse i Parken”, wo eine dunkelmystische Frauenstimme live hervorragend mit dunklen Trommeln und hellen Gitarrenklängen harmoniert. Ist aber leider bis auf den letzten Platz gefüllt, und so ziehen wir wegen Hunger und Durst nach kurzem Zuhören von draußen weiter. Später lässt sich ergoogeln, dass die Künstlerin auf der Bühne Theresa Andersson war, die an diesem Abend alle ihre Instrumente ganz alleine gespielt bzw. livegesampelt hat. Auch ohne schwedische Sommernacht das eine oder andere Ohr wert. Am besten beide!

 

Am Zinkensdamm noch zu Abend gegessen und dann ohne weitere Unternehmungslust noch vor Mitternacht ins Bett. Kein Wunder, wenn man sich die Fuß-Strecke ansieht (Wenn Google und ich richtig gerechnet haben, sind das mit allen Schlenkern fast 30 km.)

20120809

Mittwoch, 8. August – Wien – Stockholm

abflugAls der Morgen der Abreise graute, war mir ganz seltsam. Nicht wegen der Reise, und natürlich nicht wegen des Flugs. Ich war nur einfach schwerst besorgt, weil ein Rucksack, der sich ohne gröbere Misshandlungen schließen lässt, gar nicht alles enthalten kann, was man für zwei Wochen braucht. Oder? Oder doch? Und dann natürlich, wie immer, die Sorge, man könnte das Flugzeug verpassen. Aber beide Dummheiten legten sich am Gate, das wir rechtzeitig erreichten, obwohl der Reisepartner ein klein wenig Schwierigkeiten mit dem gewählten Zubringer Car2Go hatte.

 

Der Flug war direkt und recht ereignislos, von einem durchaus essbaren Sandwich einmal abgesehen. In einer Embraer 190 übrigens, falls es jemand interessiert. Und dann war da noch der Gesichtsausdruck des Herrn Sufi bei der Ankündigung der baldigen Landung durch den Kapitän. “Hat der gerade etwas von 15° und Regen gesagt?” – Er hatte. Das ist in Stockholm im August zwar nicht unbedingt Standard, aber durchaus immer wieder möglich.

Vor dem Ausgang (das Gepäck war auch angekommen) wartete schon der freundliche Skipper, aka mein Daddy, um uns nach Stockholm zu bringen, wo wir 3 Tage Sightseeing geplant hatten, bevor es aufs Boot ging. Unterwegs außer Ankommensgeplauder auch noch schwedische Wölkchen und Licht.

Die Unterkunft war gut gewählt und fand Gefallen sowohl des Mitreisenden als auch des längst schon Einheimischen. Wir nahmen im idyllischen Vorgarten erst einen Manöverschluck gemeinsam und dann, nach einer Krabbensalatjause, zur Sicherheit noch einen zu zweit. Am Nebentisch testeten zwei britische Jungs eine hübsche Rickenbacker ohne Verstärker, und erst einmal schien wirklich alles perfekt.

manoeverschluck

So solls sein!

Dann begann es zu regnen. Wir nutzten die Gelegenheit, um das Zimmer zu inspizieren. Was soll ich sagen? Das Setup im Hostel Zinkendamm hatte alle Voraussetzungen, modernen Reisenden die Freudentränen in die Augen zu treiben. Vor allem denen, die schon ein- oder mehrmals fluchend unter dem Bett und hinter dem Nachtkästchen verzweifelt nach einer Steckdose gesucht haben, um das Phon oder den Laptop aufzuladen.

Auch sonst ist es hier wirklich sehr nett, sogar bei Regen. Der Herr Sufi demonstrierte vorbildliches Urlaubsverhalten.

Regen? Kein Problem!

Aber nach einer Weile wollte ich trotz des Wassers von oben hinaus. Ich meine, Schweden! Zum ersten mal seit, lasstmichmalnachdenken, zum ersten Mal seit 1999! Der Herr Sufi ergab sich brummelnd in sein Schicksal. Wir spazierten durch das (wohl wetterbedingt) recht menschenleere Södermalm, auf irgendeinem Plätzchen spielte eine mittelmäßige Band sehr tapfer gegen Wind und Wasser an. Mit ein bisschen mehr Zeit… Naja. Übrigens hat Stockholm auch eine Münchner Brauerei!

Münchner Brauerei

Mit dem traumatischen Erlebnis der Einkaufssituation auf der Reise durch den Götakanal im Hinterkopf wollte mein Reisebegleiter ganz dringend einen Supermarkt sehen, um die Verpflegungslage zu sichern. Zufällig fanden wir einen High-End ICA und füllten die Rucksäcke. Den Lucas begeisterten Frischwurst- und -fischangebot, mich (primär sprachbedingt) vor allem die Mörsjödeli. Kann man sich auf der Zunge zergehen lassen, das Wort. Die Chips übrigens auch!

Mit den gefüllten Rucksäcken und der anhaltenden Feuchte von oben blieb der erste Blick nach Gamla Stan ein kurzer. Das Schloss war noch da.

Schloss, panoramisch

Dancing in the Rain (or not)

Nach dem obligatorischen Tänzchen mit der Wache zogen wir auf der Västerlånggatan wieder Richtung Hotel, mit einer kleinen Jause im Süßigkeitengeschäft. Ich hielt mich an die “vita Bulle” (weißer Ball), ein Ding wie eine Schwedenbombe (Dickmanns), nur mit dicker weißer Schokoladenschicht außen und einem Marzipanboden zusätzlich zur Waffel. Mnjam. Der Sufi nahm Haselnüsse in dunkler Schokolade zum angeblich besten Espresso Italiens; schlecht war der tatsächlich nicht. (Fotos gibt es aus dieser Phase keine, da ich meine Kamera lieber sicher unter dem Regenschutz hatte).

Herings-Stand statt Würstelstand

Wir jausneten relativ fröhlich im Regen. Mit Zucker an den Fingern und zwischen den Zähnen schlenderten wir über Slussen zurück nach Södermalm. Dort gab es Fisch und ein malerisches Seemannsheim, aber wir zogen uns nassgeregnet, durstig und klobegierig in die Strömmen-Bar zurück.

 

Rainy Stockholm

Links von uns saß eine eine lautfröhliche Herrenrunde, die irgendetwas feierte, rechts von uns zwei mittelalte Damen, die – immer schön synchron – mehrfach ein Glas rot und ein Glas weiß bestellten, ohne Eile, einfach im Plaudern. Draußen am Meer fuhren die Schiffe vor sich hin, die großen Fähren, erst Silja, dann Viking, und die kleinen auch, zahlreicher und wendiger. Irgendein Kommissar in irgendeinem schwedischen Krimi hatte irgendwann genau in dieser Bar ermittelt, aber mir wollte nicht einfallen, wer und in welchem Buch. Egal. Ich fühlte mich angekommen.

Erst am Grunde des Glases fiel mir ein, dass wir ja immer noch kein schwedisches Geld hatten – aber auch hier kam der Kellner wie selbstverständlich mit dem Kartenlesegerät an den Tisch, als wir ihn zum Zahlen riefen. Das Zahlen von Klein(st)beträgen mit der Karte ist in Schweden viel üblicher als bei uns – Alltagserleichterung oder Big-Brother-Gefahr? Ich gestehe, das war mir in dem Moment wurscht.

Heimweg durch Götgatan und dann rechts ab Richtung Hostel, langsam wird die Geographie vertraut. Wir jausnen unsere eingekauften Schätze am Zimmer, dann noch ein bisschen unten im Lokal gesessen. Drinnen läuft ein Fernseher mit Olympia, irgendeine Mannschaft in blau-gelben Dressen hat irgendwas gewonnen. Allgemeines Wohlwollen. Ich rauche draußen im Regen unter dem großen Sonnenschirm, und aus dem Lautsprecher (Radio) kommt Öppna Landskap.

Das verstehe ich als ganz persönlichen Willkommensgruß an mich. Hej, Sverige!

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