Kleider machen… ja was?

Ich bin heute in einem roten Kleid Zug gefahren. Ich fahr selten im Kleid weg, ich bin Jeans-Zugfahrerin, ist praktischer, flexibler. Und überhaupt. Und wenn Kleid, dann halt auch ein praktisches, das dann halt auch irgendwie nach Hose aussieht. Ein flatterndes rotes Frühlingskleid, das  hatte ich im Zug wahrscheinlich überhaupt noch nie an. Vor allem, weil ich, wenn ich mich recht entsinne, seit drei Jahrzehnten gar kein rotes Kleid hatte, geschweige denn ein flatterndes rotes Frühlingskleid.

Heute, mit dem flatternden roten Frühlingskleid, passierte andauernd, was sonst vielleicht einmal im Jahr passiert: Bei jedem Ein-, Aus- und Umsteigen, im Langstrecken- wie im Nahverkehr, fand sich immer ein Kavalier, der mich fragte, ob er meinen Koffer ein- oder ausladen solle, ob er ihn ins Gepäckfach wuchten oder von da oben wieder runter heben sollte.

Ich lehnte dankend und zunehmend verblüfft ab, und die verhinderten Kavaliere, das muss man lobend erwähnen, traten zurück und ließen mich machen.

Wundersam. Alles höchst wundersam.

Die Stadt, der Sommer, die Füße und die Leut’

Vor dem Supermarkt hält man mir ein Mikrophon mit dem Logo einer kleineren Radiostation vor die Nase. “Was machen Sie gegen diese Hitze?” – “Dagegen? Nix, ich genieße sie.” Bevor ich fertig gesprochen habe, entzieht mir das junge Ding den Wortverstärker und dreht mir grußlos den Rücken zu. Naja, würde man mich in ein wursthautähnliches Jeans-Stretchkleid pressen, wäre ich wohl auch genervt, mit oder ohne Hitze. Andererseits hat sie es vermutlich selber angezogen. Wie auch immer.

Radiosender, denke ich, während ich drinnen Melone, Brot, Frischkäse und Orangensaft zusammensuche, Radiosender sind halt ein Massenprogramm und haben es nicht so mit der Stimme der Minderheit, in dem Fall der sommer-genießenden Minderheit. Der Herr Sufi sagt ja auch, ich bin nicht normal, wenn sich bei > 30 Grad mein Körper endlich zu Hause fühlt. Andererseits kann ich doch nicht die einzige sein, die nicht stöhnend im Schatten liegt. Oder liegen möchte.

Bin ich auch nicht. “‘itze? Welsche ‘itze?” höre ich, als ich nach dem Einkauf wieder an Fräulein Blauwurst vorbei muss. Den sommersprossig Rotgelockten hätte ich nie im Leben für einen Franzosen gehalten, er sieht fast aus wie ein Bilderbuch-Ire. Nur ohne Bauch. Auch ihm wird gnadenlos das Mikro weggenommen, die Jungmoderatorin rollt trotz seines strahlenden Lächelns die Augen. Ihre Suche nach der Massenmeinung wird wohl noch ein Weilchen weitergehen.

Es ist ein bisschen wie gestern in der S-Bahn-Station, in der keine S-Bahn fuhr. Jedenfalls nicht in meine Richtung. Viele waren, so wie ich, schon von der U-Bahn ausgewichen, die ebenfalls nicht fuhr. Trotzdem kaum Unmutsäußerungen, im Gegenteil, man las gemeinsam den Fahrplan, teilte Strecken-Insider-Wissen und Zeitungen zum Luft-Zufächeln und war sich im großen und ganzen einig, dass sowas zwar lästig ist, aber halt passieren kann – während ich beim Nachschlagen alternativer Verbindungen im Handy-Internet von schrecklich leidenden Fahrgästen las, die ihrem Unmut lauthals Luft gemacht und die Verkehrsbetriebe nicht nur mit Klagen, sondern auch mit Prügel und Schlimmerem bedroht haben sollen.

So ist das wohl in den Medien, alt wie neu, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten.

Gestern jedenfalls, als ich nach meinem Termin die immer noch nicht fahrende U-Bahn durch eine Straßenbahn ersetzen wollte, rollte diese zwar klimatisiert aber völlig überfüllt in die Station ein. Ich beobachtete minutenlang die (übrigens ebenfalls durchwegs gegenseitig wohlwollenden) Bemühungen, die Einstiegswilligen zu den bereits Gequetschten hinzuzufügen, und beschloss dann, den Rest des Weges zu Fuss zu gehen. Knappe halbe Stunde. Die schenk ich mir für einen sommerlichen Stadtspaziergang, dachte ich, marschierte los und begann zu genießen. Ein Vergnügen, das allerdings zunehmend durch meine Schuhe getrübt wurde. Geschlossen, neu und reibefreudig.

Nach einem kleinen Imbiss unter einem Sonnenschirm steckte ich die Übeltäter in die Tasche und lief fortan barfuss. Leichte Nostalgie befiel mich, hatte ich doch früher ganze Sommer begeistert schuhlos verbracht – in Städten wie am Land, und in anderen Ländern auch. Verwunderte Blicke und fingerzeigende Kinder gab es damals schon, neu dagegen war der Mann, der stehen blieb und, als ich um ihn herumgehen wollte, einen Schritt zur Seite trat, damit ich auch stehenbleiben musste. “Das können Sie doch Ihren Füßen nicht antun!” rief er, während sein Zeigefinger auf einen Punkt eineinhalb Meter weiter oben zeigte. “Keine Sorge, die mögen das.” Ich umrundete ihn auf der anderen Seite, da warf er noch ein schwer erbostes “Aber das ist UNSEXY!” hinter mir her.

So ein Pech aber auch.

Verschwörung. Theorie? (UT: Hast du Grippe, du Schwein?)

Es ist nach Mitternacht, und normalerweise würde ich das brachiale “Häh!?!”, das mich gerade befallen hat, für morgige genauere Recherchen beiseite speichern. So, wie mein Alltag aber in letzter Zeit gestrickt ist, liegen beiseite schon haufenweise gespeicherte recherchewürdige Themen, die ich aus Zeitmangel vermutlich nie wieder angreifen werde. Daher, weitgehend unrecherchiert (ist ja schließlich nur ein Weblog hier), das “Häh!?!” zum Tag.

Es stammt von Peter Michael Lingens, findet sich folgerichtig auf der Profil-Website, und beschäftigt sich mit der *‘tschi* (Verzeihung) Schweinegrippe. Ausgangspunkt ist eine abstruse Verschwörungstheorie, die auch Lingens deutlich schräg vorkam, aber das retardierende Moment folgt auf dem Fuße:

Ich hätte das Material zur Gänze in den Papierkorb geworfen, wäre ich mittendrin nicht auf die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage durch Gesundheitsminister Alois Stöger gestoßen, die den Vorfall in Orth zum Gegenstand hatte: Es wurden dort, so räumt er ein, tatsächlich 72 Kilo einer Substanz hergestellt, die mit Vogel- und Schweinegrippe-Viren angereichert war und versehentlich an 16 europäische Labors versendet wurde, ehe in Tschechien auffiel, dass damit ­gefütterte Frettchen starben.

[Und jetzt alle: “Häh!?!”]

Persönlich finde ich es ja schon reichlich verstörend, dass in einem Labor in Orth an der Donau eine Substanz hergestellt wird, die mit Vogel- und Schweinegrippeviren angereichert ist. Also, wenn das wirklich so passiert, wie es dasteht. Ist nicht eine der größeren Sorgen angesichts der aktuellen Panik-Grippe, dass sich die Viren vermischen und gemeinsam zu etwas noch Schlimmerem mutieren? (Das ist eine ehrliche Frage, vielleicht hab ich ja etwas falsch verstanden.)

Noch mehr aber verstört mich der nächste Satz: “…versehentlich an 16 europäische Labors versendet wurde”. Bei allem Verständnis für das alltägliche “Shit happens” – dieser Satz dreht mir den Magen um und geht ohne den Umweg über die Leber direkt ins Stammhirn. Noch ein Glück (im Sinn der Tante Jolesch), dass der unglückliche Tod der unschuldigen Frettchen in Tschechien jemandem aufgefallen ist. Andererseits aber auch Anlass zur Frage, was alles unerkannt um die Welt fliegen könnte, ohne dass es jemals irgendjemandem auffällt.

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Ich lass mich übrigens auch nicht impfen. Mein persönlicher Experte meint, dass das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs unberechenbar ansteigt, wenn man zum Zeitpunkt der Impfung schon Erreger in sich trägt – was man ja schwer wissen kann (Inkubationszeit & so). Alsdann, im Falle unerwarteten Bronchienkratzens eine Runde warmen Honig-Rum – und ein gesundes Vertrauen in die eigenen Abwehrkräfte und in ein bisschen Glück.

Sicherheitsbremse, oder: “Ich wollte doch nur ein Spreadsheet öffnen”

Vor Wochen schon hatte ich mir ein kleines Dokument schicken wollen, das ich mir gebastelt hatte, um Verleiche zwischen Einnahmequellen anzustellen. Leer, aber mit den passenden Formeln und Macros versehen, um bei Eingabe von Zahlen in die dafür vorgesehenen Felder erhellende Prozentzahlen und Graphiken auszuspucken. Um es jederzeit überall verfügbar zu haben, sollte es ins Netz. Und das geht halt am einfachsten als Mailattachment. Theoretisch.

Allerdings kam es nicht an. Stattdessen informierte mich der nicht abschaltbare und nur sehr rudimentär konfigurierbare Spamschutz meines Providers, dass nicht mit völliger Sicherheit auszuschließen sei, dass das Dokument einen Virus enthält, und dass man es daher vorsichtshalber weggeworfen hätte. Ich möge, sollte ich daran interessiert sein, es trotzdem zu erhalten, mit dem Absender Rücksprache halten, um es auf anderen Wegen zu bekommen.

Ich hielt Rücksprache mit mir und beschloss, das Sheet an einen weniger sicheren Account zu schicken. Stand ja nichts drin, außer ein paar Formeln. Dort kam es dann auch an und lag bereit.

Heute wollte ich es benutzen. Ich loggte mich also in die Webmail ein, suchte die entsprechende Mail heraus und klickte auf den Downloadlink des Attachments. Statt des erwarteten Downloadfensters sprang mir allerdings erst Mal ein Popup in rot und gelb entgegen, das mir erklärte, das Webmail-Interface habe erkannt, dass ich im Begriff sei, einen potentiell gefährlichen Dokumenttyp herunterzuladen. Wollte ich das wirklich tun? Ich seufzte erst und wollte dann.

Die nächste Warnung kam, in dem Fall nicht unerwartet, nach dem Klick auf “Speichern unter” und vor dem tatsächlichen Speichern, von meinem Internet Security Paket. Sie informierte mich darüber, dass Spreadsheets eventuell Macros enthalten können, die auf meinem Computer möglicherweise Schaden anrichten. Ich sollte es nur speichern, wenn ich dem Urheber vertraue.

Ich vertraute mir und speicherte.

OpenOffice allerdings vertraute mir nicht. Beim Öffnen des Dokuments erläuterte mir eine Systemmeldung, dass das Dokument Macros enthält, die OO vorsichtshalber nicht auszuführen gedachte – sie könnten ja gefährlich sein und Schaden auf meinem Computer anrichten! Mit einem leisen Stöhnen hangelte ich mich durch die Menüs, bis ich die Option fand, die mir erlaubte, die von mir Zeile für Zeile eigenhändig geschriebenen Macros auch tatsächlich auszuführen.

Endlich! Mein Dokument! Mit Macros! Zur Dateneingabe bereit!

Allerdings hatte ich mittlerweile völlig vergessen, was ich mir eigentlich ausrechnen lassen wollte.