Der heißeste Tag

Nach dem Ventilator-Unglück vou gestern musste natürlich ein neuer her. Es wunderte mich nicht, dass in allen umliegenden Baumärkten und Elektrogeschäften nur bedauerndes Schulterzucken vorrätig war. Fast schon hätte ich mich damit abgefunden.in den restlichen Tropennächten des Jahres keinen Schlaf mehr zu finden, da lachte mich am Eck eine ganze Reihe von Ventilatoren an. Es war die Straßen-Auslage eines Allround-Grafflgeschäfts, das verzweifelte Stadtbewohner wie mich mit heroischen Importen aus der Türkei vor stickiger stehender Luft bewahrte. „Heute reingekommen“ sagte der Geschäftsmann und freute sich über meine erleichterte Begeisterung.

Ich zahlte 29,90, 2 Jahre Garantie, und schleppte das relativ schwere Packl heim. Auf den vielleicht 300 Metern redeten mich tatsächlich 4 Leute mit begehrlichen Blicken darauf an, wo man denn jetzt noch so ein möglicherweise lebensrettendes Gerät kaufen könnte. Ich wies allen den Weg.

Ich stellte das Ding in der Wohnung ab, nahm noch eine dringend benötigte kalte Dusche und fuhr… ausgerechnet am angeblich heißesten Tag des Jahres nicht zu meinem verlässlich kühlschattigen Stammbaum, sondern zu meinem Lieblingskünstler, um Ideen für den Herbst zu wälzen. Das Pläuschchen auf der Terrasse, das üblicherweise der Studioarbeit vorangeht, fiel heute kurz aus: Selbst unter dem Sonnenschirm drückte die Hitze wie eine physische Masse auf Körper und Gemüt.

Ich war ausnahmsweise ganz dankbar für klimatisierte Züge, auch wenn die Temperatur abends auf gemütliche 30 Grad abkühlte.

Die Wohnung hatte allerdings 33 Grad. Wieder war eine kalte Dusche fällig, ohne die ich der intellektuellen Herausforderung des Ventilator-Zusammenbaus nicht gewachsen gewesen wäre. Das Dinge hatte mehr Schrauben als eine durchschnittliche IKEA-Küche, und die notdürftig übersetzte Gebrauchsanweisung war wenig hilfreich.

Schließlich stand aber da, in voller Pracht, und ein Druck auf die Stufe eins brachte nicht nur schlagartig angenehme Luftbewegung, sondern auch die Erkenntnis, dass er ein viel angenehmeres Geräusch macht als mein bisheriger Luftquirl. Stufe zwei hob das Tischtuch am zwei Meter entfernt stehenden Tisch bedenklich an. An Stufe drei traute ich mich vorerst nicht heran, zum Schluss hebt das Ding noch samt meiner Wohnung ab.

„Die Erde hat Fieber!“

„Die Erde hat Fieber!“ rief heute ein Kind am Flussufer, nachdem es mit nackten Füßen in den heißen Sand getappt war. Ein durchaus gelungenes Bild für die Hitzewelle und vielleicht, wenn man es weiter denkt, auch für die gesellschaftlichen und politischen Vorgänge, die sich sogar im sogenannten Sommerloch immer mehr aufheizen. Ich meine – Sturmgewehre für die Polizei? 150 Euro als „Challenge“ anstatt als unpackbare Zumutung? Wenn man ernsthaft über all das nachdenkt, müsste man den ganzen Tag schreien. 

Für diesen August stecke ich meinen Kopf in den Sand. Nicht in den heißen, sondern in den sprichwörtlichen. Das hab ich mir vorgenommen, das muss drinnen sein. Ein Monat normales Sommerglück bitte, gerne mit Eierlikör und Schlagobers. (Sprichwörtlich! Buchstäblich mag ich weder noch.)

Mir geht es gut. In diesem Jahr habe ich länger gebraucht, bevor ich im Sommerwetter angekommen bin, aber jetzt geht es mir richtig gut. Die 31 Grad im Dachgeschoss sind ein zu Hause, die Vormittage arbeite ich gern und gut, die Nachmittage am Wasser sind Urlaub, wie er besser nicht sein könnte.

Sage ich mir. Natürlich wäre so ein Meer auch mal wieder nicht schlecht, aber dennoch gelingt mir eine Leichtigkeit des Seins, die hier eben mal quasi im Vorbeigehen ein neues Layout online schaltet, ohne große Tests, einfach weil mir danach zumute ist.

Es funktioniert also, das schamlos geklaute Sommermonat, es schenkt mir eine Leichtigkeit des Seins, zumindest oberflächlich. Und doch lauert da eine Hoffnungslosigkeit, ich ahne ihre Gegenwart, ohne sie zu spüren. Dass das alles nicht mehr abwendbar ist mit der Klimaveränderung. Dass es politisch eher noch schlimmer werden wird. Dass ich, ganz persönlich, ein Wunder brauche, um auf einen finanziell grünen Zweig zu kommen. 

Ich schlafe wenig, aber gut. Man braucht auch nicht viel zu schlafen, wenn man nachmittags eh hauptsächlich herumliegt. Stattdessen schlage ich mir die Nächte mit Büchern um die Ohren. Mit Netflix. Und mit Steam. Ich bestehe darauf, dass Schweres leicht bleibt, auch auf persönlicher Ebene. Hasch mich, ich bin die Realitätsflucht. Und für diesen August ist das gut. 

Wundersames

Im Haus gegenüber erzählt einer lange Geschichten auf ungarisch, und twoday ist unerwarteter Weise immer noch online. Auf dem Heimweg rollte mir einer auf einem Skateboard entgegen, auf dem stand: „Fuck the World“. Sonst sah er ganz harmlos aus. Welche Welt soll den gefuckt werden, kann man sich fragen. Doch bitte nicht der wunderbare Wald von heute Nachmittag. Oder der gemütliche Gastgarten von heute Abend. Also am besten nicht meine Welt.

Aber, eins muss man schon sagen: Es ist verdammt heiß.

Es ist still (Journal #72)

Es gibt so Tage, da ist bleibt es still, ganz egal wie viel man redet oder anderweitig kommuniziert. Es ist friedlich und es passt und ist doch irgendwie eigenartig, ein bisschen so wie früher, als die Welt noch nicht permanent im Haus war, obwohl doch die Welt permanent im Haus ist. Derweilen arbeite ich brav und muss mir nur einmal ein bisschen selbst auf die Finger hauen, weil ich weniger Dringendes aus einem Impuls heraus vorziehe.

Die Nachrichten mittlerweile ein permanentes ungläubiges ‚Gibtsdochnicht‘. Ist das noch meine Welt? Werde ich jetzt schon richtig alt, oder schaue ich nur genauer hin?

Zwischentag (Journal #67)

Es ist zartes Erwachen und ein harter Vormittag. Es ist der erste Gelsenbiss des Jahres und dieses Schwanken zwischen der Erkenntnis, dass dieser Tag doch eine Jacke brauchen könnte, ich aber keine anziehen will. Es ist der Duft von frischen Erdbeeren, und ich überlege lange: Kuchen? Joghurt-Shake? – Bevor ich sie so esse, wie sie am besten sind: Ohne alles. Es ist ein gelbes Sommerkleid, das ich vor Jahren gekauft habe und beim Umräumen wiederfinde, ein Kleid, das ich nie anhatte, weil es eigentlich schon für Mitte 20 zu jung ist. Heute ziehe ich es an, nur für mich. Es ist der erste malerische Sommersonnenuntergang des Jahres, die Sonne geht noch nicht weit genug in den Westen um ihn vom Gangfenster aus zu fotografieren. Es ist die frische Luft, die vom Fenster herein kommt, zum ersten Mal heuer angenehm kühl.

Und ein Schluckerl Pale Ale, wenn ich schon nicht aufs Craftbeer-Fest komme.

Stadtgedanken (Jounal #66)

Die Stadt wirkt dunkler als sonst, und die Echtzeitanzeigen der Öffis sind ausgefallen. An der Straßenbahnhaltestelle sitzt einer und jammert wortlos vor sich hin, sogar die dahingackernde Maturareisegruppe wird einen Moment lang still vor so viel leid. Man, oder vielleicht nur ich, fängt an sich zu fragen, was man eigentlich da macht, in dieser Nacht, in dieser Stadt, in diesem Land. Als wüsste man, oder ich, nicht längst, dass es anderswo auch nicht besser ist.

Als wäre diese Dystopie noch nicht dicht genug, grummelt dann auch noch ein langatmiger Donner über die Szenerie. Ich glaube, da hilft wirklich nur mehr ein warmes Bett.

100 x 100 (56)

Wenn man nach siebeneinhalb Stunden aufwacht und denkt, ‚jetzt hab ich aber lange geschlafen‘. Wenn man das Fenster öffnet, die Sonne hereinlässt,  den hervorragenden Wetterbericht erinnert und dann gleich den Computer aufdreht und die ToDo-List in den Mittelpunkt stellt. Wenn man angesichts des laaangen Wochenendes zufrieden denkt: ‚Jetzt kann ich endlich in Ruhe arbeoiten‘. Wenn man dann unter dem Schreibtisch die Staubschwaden sieht und hofft, dass sich das Staubsaugen doch auch noch irgendwie ausgehen sollte. Wenn man beim Einkaufen statt an kleine Happen für unterwegs eher an schnelle Mahlzeiten denkt, die sich zwischendurch zubereiten lassen.

Dann ist irgendwo irgendwas schiefgelaufen.

100 x 100 (44)*

Im Grunde habe ich eine akademische Karriere verpasst, denke ich manchmal, wenn mir das Leben Gelegenheit gibt, einen Tag in verdunkelten Vortragssälen zu verbringen. Neue Dinge hören, während der Stift im Heft fast automatisch strukturierte Notizen macht. Dabei ist es fast egal, worüber referiert wird, es ist das Erfahren und das Lernen an sich, das mich beglückt, da kann auch das fadeste oder skurrilste Thema daran nichts ändern. Gestern dabei eine neue Ebene erlebt: Die überraschende Erkenntnis, dass ich über ein Thema deutlich mehr weiß als der Mensch am Mikrophon. Ich korrigierte und ergänzte innerlich und wurde ganz nervös dabei.

Auf dem Weg zur Bahn ein Stück zu Fuß, Sonne, warm, und alles blüht und grünt. Wie immer irritiert davon, den „Anfang“ verpasst zu haben, besonders auffallend ist es mir bei den Magnolien: An einem Tag völlig leer und schwarz, am nächsten Tag Vollblüte, so erscheint mir das, so kann es natürlich nicht sein, aber so erlebe ich es Jahr für Jahr.

Am Bahnhof eine halbe Sonnenstunde gestohlen. Wenn die ÖBB alle ihre Bänke wegräumt, sitze ich halt am Boden, mit Kaffeebecher und endlich wieder ein selbstgerolltes Zigaretterl, da träumt man sich dann besser in die andere Richtung. Süden. Ach.


* Heute 200, weil gestern entfallen

100 x 100 (43)

Es war ein strahlender Tag, im Zug, im Kopf, im Herzen. Es gab sogar etwas zu lernen. Dann aber begann es zu regnen. Der Regen vor der Tür war grün und bunt und lebendig. Zuerst. Dann wurde es grau, erst aus einer fernen fremden Welt, dann vor der Tür, dann in mir. Da hilft die altvertraute Stadt gar nix, ganz im Gegenteil. Immerhin ein Eckerl gefunden mit Pasta und Bier und Aschenbechern, die Musik stimmt, die Aufkleber am Klo stimmen, die lässige Halbbemühtheit des Kellners stimmt, und den Bildschirm mit der Kulturereignis-Slideshow, nun, den will ich ihnen heute ausnahmsweise nachsehen.

100 x 100 (36)

Manchmal fühl ich mich ärgerlich monk-artig, wenn es mir nicht gelingt, mit der eigentlichen Arbeit anzufangen, bevor ich alles zugehörige Material fein säuberlich in Dateien, Notizen abgelegt habe, wenn möglich gleich ordentlich verschlagwortet. Dann aber gleich wieder entzückt, weil vor langer Zeit so Abgelegtes schnell und verlässlich auffindbar und recycelbar ist. Im Grunde meines Herzens bin ich eine schrullige alte Bibliothekarin, der ihre Archive heilig sind, so sehr andere auch darüber lächeln. Wer meinen Schreibtisch ansieht, würde das allerdings nicht ahnen, ich habe mich schon vor langer Zeit für digitale Ordnung entschieden. Das kreative Chaos am Tisch belebt den Geist.

100 x 100 (35)

Jets schneiden Muster in das noch zaghafte Himmelblau,  die nackten Bäume schielen neidisch auf erstes Feldgrün. Klingt entspannt, wurde aber nur aus dem ICE betrachtet, der übrigens deutlich bequemere Sitze hat als der Railjet. Später, bei der Zigarettenpause zwischen der Veranstaltung, ein paar Wespen beobachtet, die ein längst verrostetes Schlüsselloch inspizieren, vermutlich auf die Eignung als Nest. 288 Fotos später mit dem Railjet heimgefahren, der genau die richtige Verspätung hat, dass ich ihn auf die Minute erwische, anstatt 40 Minuten auf den nächsten zu warten. Communication Overflow zum genau falschen Zeitpunkt, aber man muss die Worte nehmen, wie sie kommen.