An der Bushaltestelle hat sich einer mit Schlafsack eingerichtet. Mit langen, fetten Haaren schläft er auf der Bank, leise schnarchend, die Bierdose bleibt dabei fest in seiner Hand. Die ältere Dame am Eck holt weit mit einer ihrer Krücken aus und deklamiert: „Ich freu mich so, ich freu mich so über diese Schuhe“. Erst denke ich, sie erzählt das einfach der Welt, doch da kommt Zustimmung von einer schmalen Freundin, die in ihrem Schatten fast verlorengeht.  Ein paar Meter weiter spricht ein Barbie-Girl in sein Fon: „Mit dem Alex kann ich doch nicht ausgehen, er hat einen Hipster-Bart!“. Ich trage leise kopfschüttelnd mein Leberkässemmerl heim und freue mich, dass das Fitnessarmband auch das Essenholen als sportliche Betätigung wertet. Die Sonne scheint, und auch wenn die Temperaturen noch nicht ganz mitgehen, scheint doch die ganze Stadt bereit für einen langen Sommer.

Zuhause fällt mein Blick aufs Datum. Es ist ein Geburtstag, einer von denen, die schon lange nicht mehr im Kalender stehen. 71 wäre meine Mutter heute geworden, hätte sie sich nicht mit 34 selbst aus dieser Welt entfernt. Es ist lange her, dass das traurig war, nur ab und zu fällt ein kleines „Ob nicht vielleicht“ in die Gemütssuppe. Ob nicht vielleicht ich jemand ganz anderer geworden wäre, ohne die vielen Abwesenheiten in meinem Leben. Hätte es mehr beständigkeit gegeben anstatt nur Flüchtigkeiten, dann würde ich vielleicht mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, anstatt immer nur vorüberzuschweben. Ob das besser gewesen wäre? Schlechter? Sowas erfährt man halt nie.