Der Vogel kam völlig unerwartet. Was ein blöder Satz ist, den vermutlich kommen Vögel meistens unerwartet. Wenn nicht immer. Aber egal. Jedenfalls war er plötzlich da. Und damit meine ich nicht etwa, dass er irgendwo saß, wo ich plötzlich hinschaute, sondern dass mein Zimmer plötzlich von einem Geräusch erfüllt war, das meine Ohren erst nach etlichen Sekunden Verarbeitungszeit als Geflatter identifizierten. Kurz darauf sah ich den Urheber, der im Flug verwirrt die Deckenlampe umtaumelte. Falls es nun ein er war. Keine Ahnung, wie man an Vögeln das Geschlecht bestimmt, außer an der Farbe, aber dazu müsste man zuerst die Art erkennen. Ich erkannte in dem Moment nur eine schnell bewegte schwarzgraue Masse, dachte aber auch gar nicht über Geschlechterfragen nach, sondern löschte erstmal das Licht. Sowas wie eine Instinkthandlung. Der Vogel landete auf dem Teppich, plusterte sich verwirrt, schaute einmal links und einmal rechts und flatterte dann beherzt gegen die Mattscheibe des Fernsehers. Also schaltete ich den auch aus, und dann, bevor er reagieren konnte, noch geistesgegenwärtig den Computermonitor.

Richtig dunkel war es nicht, von der Straße kommt immer reichlich Licht ins Zimmer. Ich wartete darauf, dass der Vogel das Licht ebenfalls bemerkte und durch das gleiche Fenster abhaute, durch das er gekommen war. Ich war darauf gefasst, dass er seine Zeit brauchen würde, um sich zu beruhigen. Wir saßen eine Weile im Dunkeln, der Vogel und ich. Er rührte sich nicht. Ich rührte mich auch nicht. Meine Augen hatten sich nach einer Weile soweit an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich den dunklen Fleck am Teppich gut als Vogel erkennen konnte. Ich fragte mich, was man mit so einem Vogel anfängt. Einem Hund kann man gut zureden, oder, wenn das nichts nützt, anbrüllen. Eine Katze kann man anschnurren oder, wenn das nichts nützt, mit Wasser besprühen. Warum musste da ausgerechnet ein dummer Vogel sitzen? Ich wartete noch eine Weile und dachte dabei, dass es doch eher seltsam wäre, wenn ein Hund oder eine Katze beim Fenster hereingeschneit käme. Außerdem würden dann erst recht alle behaupten, ich hätte einen Vogel.

Der sich übrigens noch immer nicht rührte. Ich schlich, ohne den Vogel aus den Augen zu lassen, zur Tür hinaus und rauchte erstmal eine Zigarette auf dem Gang. Ich hoffte, dass die Abwesenheit des großen atmenden Dings ihn unternehmungslustig genug machen würde, um das Fenster zu finden.

Nach einer Weile tappte ich vorsichtig ins Zimmer zurück, schaltete erst einmal die kleine Lampe ein und sah – den selig schlafenden Vogel auf dem Teppich. Zumindest habe ich mir erzählen lassen, dass Vögel schlafen, wenn sie den Kopf unter den Flügel stecken. Das mit dem “selig” habe ich, zugegeben, einfach angenommen. Ich hatte jedenfalls zum ersten Mal Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten, und sah, dass es sich wohl um eine junge Taube handelte. Ob es ein “er” war, war mir noch immer unklar, aber bleiben wir der Einfachheit halber dabei.

Da ich keine Lust hatte, bis zum Tagesanbruch mit dem Vogel zu leben, mussten jetzt andere Maßnahmen ergriffen werden. Das Licht schien ihn unter seinem Flügel nicht zu stören. Ich schaute mich um, fand mein gelbes Wickeltuch in Reichweite, griff es, schlich mich an, murmelte beruhigende Worte vor mich hin als er mich entdeckte, und warf dem Vogel das Tuch über den Kopf. Bevor ich die drei Schritte getan hatte, um das vermeintlich hilflose Bündel vorsichtig zu greifen und zum Fenster zu bugsieren, hatte der schon einen Laut der Empörung von sich gegeben, war mitsamt dem Tuch einen halben Meter hochgestiegen, hatte es dabei abgeworfen und flatterte, zurecht verstört, durchs Zimmer – nur um es sich Sekunden später auf dem Hochbett gemütlich zu machen.

Nicht mit mir. Ich folgte ihm. Samt dem Tuch. Kletterte vorsichtig Stufe für Stufe hinauf, wiederum beruhigende Worte murmelnd, lugte über den Rand, sah den Vogel und hob vorsichtig das Tuch. Zielte und warf. Dabei fiel mir ein, dass es gar nicht einfach sein würde, den einmal gefangenen Vogel über die Treppe zum Fenster zu bringen. Darüber hätte ich mir aber keine Sorgen machen müssen, der Vogel war längst den Ausläufern des Tuches entflohen, bis an die Wand zurückgewichen und kam dann – mangels anderer Fluchtwege – wieder hektisch flatternd, auf mich zu. Ich hätte fast das Gleichgewicht verloren, fing mich aber am Geländer und konnte den Kopf einziehen, bevor es zu spät war. Verschnaufte einen Augenblick, während der Vogel hektisch durchs Zimmer kreiste. Dann war es wieder still. Hatte er – ich wagte es kaum zu hoffen – vielleicht das Fenster gefunden? Ich lugte vorsichtig ums Eck. Da saß er, auf meinem Schreibtisch, mit schiefgelegtem Kopf, und schaute mir direkt ins Aug. Das, was eben noch ein hilfloses, vor Verletzungen zu schützendes, armes kleines Ding gewesen war, hatte plötzlich etwas wie ein hämisches Grinsen im Vogelgesicht. Oh ja, ich bin mir sicher.

Ich kletterte umständlich an der Treppe vorbei in Richtung Kleiderschrank (der normale Weg hätte so nahe am Vogel vorbeigeführt, dass ganz sicher wieder geflattert worden wäre) und suchte etwas, das etwas schwerer wäre, aber doch leicht genug, um das Tier nicht zu verletzen. Na bitte. Mein deckenartiges Allzwecktuch. Ich schlich mich so nahe an den Schreibtisch, bis der Vogel zum ersten Mal mit dem Flügel zuckte, und warf. Volltreffer! Nur dass der hintere Zipfel des Tuchs über den Monitor fiel und so einen Spalt bildete, durch das das Gfrast wieder einmal locker entkam. Er flatterte eine Runde und ließ sich dann hinter dem Fernseher nieder. Das fiese Viech! Zwar saß er dort relativ in der Falle, allerdings hatte ich auch keine Möglichkeit, dort irgendwie hineinzukommen. Nicht ohne das Regal vorzuziehen, was ihn sicher wieder zu hektischem Flattern verleitet hätte. Ich seufzte, löschte nochmals das Licht und zog mich mit dem Telefon zurück.

Dem Sufi fiel auch keine andere Lösung ein als warten oder mit dem Tuch einfangen. Er wunderte sich, warum ich die Nacht nicht mit einem Vogel im Zimmer verbringen wollte. Ich wollte aber nicht.

Als nächstes rief ich Dorian an, der sich ja bekanntlich mit Vögeln auskennt. Er empfahl Gardinen, da diese größer sind als Tücher und man durch das durchscheinende Material sehen kann, was das arme kleine Vögelchen macht. Dass ich längst nicht mehr davon überzeugt war, ein “armes, kleines” Vögelchen im Zimmer sitzen zu haben, behielt ich für mich, erklärte aber wahrheitsgemäß, keine Gardinen im Haus zu haben. Ich bin nämlich Jalousien-Fan. Auch Dorian empfahl anschließend die abwarten-und-einschlafen-Methode, die ich mir noch immer nicht vorstellen konnte. Er schwieg eine Weile und fragte dann vorsichtig: “Haben deine Nachbarn eine Katze?” – Mit einem diffusen Bilderreigen von Katzenkrallen und Vogelfedern im Kopf verneinte ich. Da gibt es nur ein Kaninchen. Ein ziemlich altes Kaninchen. “Tja dann”, sagte Dorian, “leg dich schlafen. Wenn es hell wird, wird er schon verschwinden.”

Ich bezweifelte das, wünschte aber trotzdem eine gute Nacht. Ich schlich wieder ins Zimmer und betrachtete den Vogel, der hinter dem Fernseher bereits wieder den Kopf unter den Flügel gesteckt hatte. Ich dachte über die Katze nach. Natürlich würde ich einen Jungvogel nicht von einer Katze fressen lassen (das weiß der Dorian auch), aber sie könnte ihn ja müde jagen. Meine nimmermüde Fantasie sah Glas und Porzellan zu Bruch gehen und schließlich eine Katze aus dem Fenster segeln, während der Vogel kichernd auf dem Sofa saß. Mir tat eher die imaginäre Katze angesichts dieses Vogels leid. Außerdem habe ich keine Haushaltsversicherung. Ich war auf mich allein gestellt.

Ich entschloss mich im nächsten Schritt zu einem Versuch mit einem Leintuch. Das war groß genug, um den Vogel von einer Seite einzufangen, und ihm gleichzeitig von der anderen Seite den Fluchtweg abzuschneiden. Mit dem Fernseher zwischen mir und dem Vieh war das trotzdem nicht so einfach. Er entwich protestierend nach oben, drehte ein paar Runden und zog sich dann wieder aufs Hochbett zurück.

Dort oben hatte ich ohnehin keine Chance. Ich bemühte mich gar nicht erst, sondern warf ein Tuch kreisend nach oben. Er ließ sich aufscheuchen und landete auf dem Laserdrucker. Ich hatte längst aufgehört beruhigende Worte zu murmeln. Jetzt murmelte ich: “Du Sauviech, wenn du mir in den Ausgabeschacht scheißt, dann bist du tot!” – Es schien ihn nicht weiter zu beeindrucken.

Ich näherte mich mit dem Leintuch, warf – der Vogel grabbelte unter dem Tuch, merkte, dass das Entkommen nicht so leicht war, und gab auf. Jetzt hatte ich ihn! – Ich ging hin, bemühte mich, nicht zu fest und nicht zu locker zuzugreifen, und griff zu. Nichts wie zum Fenster! – Denkste. Es flatterte unter meinem Arm durch, und ich stellte fest, dass ich anstatt des Vogels ein durchs Werfen zusammengehäuftes Stoffknäuel ganz vorsichtig festhielt.

Dem Vogel schien die Sache langsam Spass zu machen. Sein Geflatter wirkte jetzt nicht mehr hilflos, sondern trug ihn zielsicher von einem Versteck zum nächsten. Ich mit den Tüchern hinterher. Mittlerweile unterhielten wir uns auch. Ich fragte ihn, was zum Teufel er in meiner Wohnung vorhatte, und er antwortete. Ich verstand ihn zwar nicht, aber es klang wie eine vernünftige Antwort – nicht wie das empört verzweifelte Gekrächze am Anfang.

Nach einer Weile machte er endlich einen Fehler: Er verschanzte sich hinter dem Gasofen. Vermutlich fühlte er sich dort genau so sicher wie hinter dem Fernseher, hatte aber in seinem Vogelhirn nicht bedacht, dass ich hier leicht von oben zuschlagen konnte.  Ich triumphierte. Jetzt keinen Fehler machen! Sanft hängte ich das Leintuch über die eine Seite und über das Ofenrohr, dann näherte ich mich von der anderen mit dem Zaubertuch und ließ es, ausgebreitet, sanft von oben auf ihn fallen. Es fiel nur halb auf ihn, aber ich hatte ein zweites über der Schulter, und das saß. Ich atmete durch und griff vorsichtig zu. Spürte ein Plustern unter dem Stoff, ließ aber nicht los. Er sah ein, dass er verloren hatte. Ich trug ihn zum Fenster, hielt die Arme weit hinaus und ließ los. Der Vogel flog. Weg von mir, Richtung Westen.

Ich war so erleichtert, dass ich mein Tuch auch losließ. Dummerweise nicht das blasse, alte, sondern mein absolutes Lieblingstuch. Und wie der Wind so weht, fällt das Ding natürlich nicht auf die Straße, wo ich es im Laufschritt noch hätte ienholen können, sondern liegt jetzt auf dem Sims im ersten Stock, deutlich zu hoch für sämtliche mir zugängliche Tools. Das Fenster darüber gehört zu einer Wohnung, in der ich noch nie irgendeine Art von Lebenszeichen gesehen habe.

Und der blöde Vogel ist schuld. Wahrscheinlich sitzt er irgendwo und kichert. Hoffentlich hat er sich mein Fenster nicht gemerkt.