Sie klopfen vorsichtig an die Tür meines angenehm ruhigen Gehirns, als das Auto mit vier sonnenmüden Neo-Fallschirmspringern von der Flugfeldzubringergasse in die Hauptstraße einbiegt.

Während draußen eine Sonne leuchtet, als hätte sie in der viel zu langen Regenzeit Energie für drei Glutbälle aufgestaut, während wir vier unser heutiges technisch bedingtes Nichtspringen mit einem kräftigen “Scheiße” abhaken, während das Auto sich Meter um Meter in Richtung daily Life bewegt, klopfen und poltern die Worte, die ich nicht haben will, jetzt noch nicht, und schließlich treten sie die Tür ein und fläzen sich in meine Gehirnfalten wie in ein altes Sofa.

Draußen Wiesen und blühende Bäume. Soviel Grün: So viele Sorten Grün. Bäume blühen in weiß, in rosa. Und die Bewegung ist gut. Es ist gut, durch dieses üppig feuchte Grün zu fahren, die Fenster weit offen, Fahrtwind und Stille, und die Worte, die sich räkeln und strecken, bevor sie sich zu Sätzen ballen, die mir Wort um Wort die Illusion der Freiheit rauben.

Wir fahren, wir fahren. Draußen der Tag, hinter der Sonnenbrille dunkle Nacht. Die letzten Begegnungen werden ausgetauscht, die letzten Grüße ausgerichtet. Dann wird es still im Wagen. Wir fahren.

Ein Stück Sonne ist in einen Teich gefallen, dir Birken zeigen erstes Blattgewand. Dann eine Stadt mit bunten Straßenbahnen. Ein Wäldchen, eine Burg. In jeder Wiese möchte ich liegen, in jeden Teich möchte ich springen, in jedem Birkenwäldchen spazierengehen.

Wir sind ein Stück in die falsche Richtung gefahren, ein gutes Stück. Das ärgert einen, der fahren muss. Das stört eine, die ankommen will. Das langweilt eine, die nicht im Auto sitzen will. Mir ist es recht. Wenn ich nicht ankommen muss.

Jetzt klopfen Bilder an die Türe. Das will ich schon gar nicht. Schicke die Wörter, um die Bilder draußen zu halten. Sperre die Augen auf. Da, ein Maibaum mit bunten Bändern. Hier, ein Dorf, eine Band hat eine Musikanlage aufgebaut, Leute stehen unschlüssig herum, ein Bier in der Hand. Schon bin ich woanders.

Können wir nicht hier stehenblieben, denke ich. Die Jungs mit den Gitarren haben cool ausgeschaut. Ein Nachmittag auf einem fremden Dorfplatz, ein Bier in der Hand, Die Band wird vermutlich unsägliche Musik machen, aber wen stört das schon, mit Sonne im Gesicht und gesichertem Biernachschub. Ich sage nichts. In fremder Musik liegt keine Stille mehr.

Wir kaufen Chips und Cola an einer winzigen Tankstelle. Keine tschechische Krone zur Hand, da muss die Visakarte ran. Für Chips und Cola. Das verstört mich, sodass ich kurz an einer Rede über richtiges Reisen feile. Ich sage nichts. Die Fenster offen, die Straße jetzt für höhere Geschwindigkeiten geeignet. Der Fahrtwind übernimmt das Reden.

Der Fahrtwind sagt: Hier bist du also wieder. Und lacht. Ich schliesse die Augen, will nichts hören. Er lacht. Letzten Samstag, sagt er, als ihr hier angekommen seid. Du: Nervös und zerfahren. Seit Wochen ohne Bezug zu deinem Leben. Jede Aufgabe wie ein lästiges Hautjucken. Jedes Gespräch wie das Geräusch einer Kettensäge um 6 Uhr früh.

Dann kommst du an und es regnet. Aber das macht gar nichts. Es genügt, dass dieser Flieger dasteht, flugbereit. Es genügt, dass die richtigen Leute die richtigen Dinge sagen. Es genügt, dazustehen und zu warten, ob es noch aufklart. War doch so? Und dann klart es tatsächlich auf, der erste Sprung. Nicht ganz so toll: Zu lange her. Zuviel Wasser in der Luft. Aber noch am selben Tag der zweite. Da war doch die Welt in Ordnung?

Als ich nicht antworte, nimmt er mir kurz den Atem. Nur zur Erinnerung, sagt er.

Fast in Ordnung. Ich habe alles verstanden. Ich habe nichts verstanden. Alles stimmt, und doch nicht ganz. Ich lerne, was ich längst weiss. Es fühlt sich anders an.

Ich bin nicht mehr die die ich war: Belangloses Zeug. Wie geht das? Als hätte ich ein unsichtbares Tor durchschritten, an dem meine Haut ausgetauscht wird. Und wieder zurück. Dazwischen ist alles einfach. Oder doch fast. Davor und dahinter überholte Wichtigkeiten.

Nichts ist schwieriger: als zu wissen, was man will. Nichts schwerer zu ertragen: als das zu haben, was man wollte. Der Himmel Blau wie zersprungenes Glas. Wir fahren und das ist gut: Überall ist es besser, wo ich nicht bin.

Draußen ein See. So viele Seen hier. Dieser See hat eine Insel in der Mitte, leicht zu erschwimmen vom Ufer aus. Auf dieser Insel werden Geheimnisse ausgetauscht, erste Küsse geteilt. Die Kinder schwimmen dahin, um sich dem Müssen zu entziehen. Ich bin sicher, dass es so ist. Wenn das Wasser erst einmal wärmer wird. Heute liegen See und Insel verlassen im Sonnensplitterlicht. Nur die Frösche quaken. Weil sie vögeln wollen.

Und wieder blühende Bäume. Ich bin ganz ruhig. So soll es bleiben. Wir fahren. Ein Traktor auf einem Feld, und nichts als Sonne und Farben. Ein Hund läuft einen Feldweg entlang, mit flatternden Ohren. Niemand weit und breit. Das Land sieht aus, wie es bei uns auch aussieht. Die Leute in den Gärten auch. Die Dörfer nicht.

Dann der erste Baggersee, der zweite. Ein Campingplatz. Die Grenze. Dahinter eine Zigarette. Wir sind das letzte Auto, bevor er zumacht, sagt der Beamte. Dass es noch Grenzstellen gibt, die über Nacht zumachen, ist erstaunlich.

Wir fahren, jetzt im Abendlicht. Das Grün der Felder wird noch grüner. Auch diesseits der Grenze in jedem Dorf ein Maibaum. Rotweissrote Fahnen in den Fenstern. An der Straße ein Fußballplatz: Die Kinder kicken. Ein paar Eltern schauen zu.

Dieser Moment gestern: Im Stich gelassen von meiner Hand, die den gewohnten Schirm nicht ans Tageslicht bringt. Mein ich wird immer kleiner, während ich suche und suche, und dann weiss ich, dass ich etwas tun muss, bevor ich in mir verschwinde. Die Reserve erblickt das Tageslicht. Ich bin wieder da.

Wir fahren. Wir fahren an dem Feld vorbei, an dem ich vor langer Zeit schon im Dunkeln vorbei gefahren bin. Damals steigt jemand mitten auf der Straße in die Bremse. Da liegt eine Adlerfeder auf dem Feld, sagt er. Blödsinn, sage ich, es ist stockfinster. Wir nehmen die Taschenlampe, klettern über die Böschung, gehen über einen Feldweg, ein paar Schritte in ein Feld hinein. Da liegt eine Adlerfeder. Die Hand hebt die Feder auf, steckt sie ein, knipst die Taschenlampe aus, legt sich um meine Schultern. Siehst du? sagt die Stimme im Dunkeln. Jedesmal, wenn ich hier vorbei fahre, denke ich an die Adlerfeder. Und an die Hand. Der Platz ist leicht zu erkennen an einer markanten Pappelgruppe. Die Hand habe ich gestern vermisst.

Wir fahren. Gleich sind wir in Wien. Die Sonne geht unter. Verabschieden und zur U-Bahn gehen. Hinter den Hochhäusern das letzte Abendrot. Versteht denn niemand, wie die Stadt die Menschen verstört? Innen auf meinen Augenlidern noch das Grün von der Fahrt. Ich bleibe ruhig.

In der U-Bahnstation lästert einer: “Scheiß Freaks!” – Ob er meine Frisur meint oder mein buntes Tuch? Ich drehe mich um und lache. Ein Junge, vielleicht 15, vielleicht 16. Mit beiden Fäusten geht er auf mich los. Nein, das tut er nicht. Es steht nur in seinem Gesicht.

Die U-Bahn, die Straßenbahn. Auf der Rolltreppe einer, völlig alleine, breitet die Arme aus und ruft: “Das ist doch alles vollkommen unfassbar!” – Genau so ist es, denke ich.