Dunkeltraum


Viele Freunde und Bekannte, aber auch Unbekannte treffen sich im alten Haus. Irgendjemand hat Geburtstag, und Muttertag ist auch. Draußen ist es dunkel und kalt, und meistens regnet es. Ich habe versprochen, Nudelauflauf zu machen, komme aber vor lauter Gästen zu nichts. Jemand anders kocht etwas anderes, wobei mir auffällt, dass ich die Bechamelsauce vergessen habe. Auf einen Nudelauflauf gehört doch gar keine Bechamelsauce, sagt M. indigniert. Steht aber im Rezept, sage ich. Ich würde auch lieber Käse drüberreiben. Wenn denn dieser Herd endlich frei wäre. Vielleicht haben ja die anderen noch Sauce übrig, damit mein Rezept aufgeht. Im Keller steht eine Bar, ich hol mir ein Bier und gehe hinaus zu den Tischen im Regen. Jemand, den ich nur im Traum kenne, kommt und umarmt das Geburtstagskind. “Noch jemand zu Küssen?” fragt er. Ich schreie “Hier!” – “Was gibt’s zu feiern?” fragt er, und ich hebe den linken Arm, der bis zum Ellbogen in einem dicken Verband steckt. “Hundert Tage.” sage ich.

Hundert Tage ist noch gar nichts, meint der Gast, aber ich kriege meine Umarmung. M. grinst vielsagend und erinnert mich an den Nudelauflauf. Der sollte längst fertig sein, sagt sie, die Oma müsste jeden Moment kommen. Ich stelle den Auflauf auf den Herd, weil das Rohr noch immer besetzt ist. Ich höre ein Auto, das sich durch den regennassen aufgeweichten Garten gräbt. Gehe die alte Betonstiege hinunter und beobachte, wie ein altes schwarzes Mercedestaxi nur Millimeter an den geparkten Autos und am Festzelt vorbeirutscht, bis zum Stiegenaufgang. Es ist aber A., der aussteigt und sich ohne Begrüßung beschwert, dass es hier ganz bestimmt keinen guten Wein gibt. Der Taxifahrer hat sich beim Rückzugsversuch heftig fluchend im Matsch festgefahren. Ich winke ihn ins Haus, er ist Grieche und lobt meinen Nudelauflauf. Weil A. noch immer hinter uns herläuft und lautstark nach besserem Wein verlangt, holt er eine Kiste aus dem Auto. Retsina. Er bietet mir eine Flasche an. Retsina muss man in der Sonne trinken, sage ich. Da wird er traurig und spricht von Heimweh. M. zieht mich am Ellbogen weg, wir sollten mal anrufen, sagt sie, ich verstehe nicht, wo die Mütter bleiben. Und die Großmütter. Denen würde es hier ohnehin nicht gefallen, sage ich. Komm, wir gehen in den Garten, sage ich, die ganzen traurigen Gestalten nerven. Sie nimmt eine Flasche Retsina aus der Kiste, ich nehme eine große Plastikplane. Die spanne ich über die Bäume mit der Hängematte, in die wir uns setzen. Wir rauchen und trinken schweigend. Warten bis der Regen aufhört. Aber der Regen hört nicht auf. Drüben am Beton tanzt ohne Musik der Grieche, alleine, im Licht der nackten Glühbirne.


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