Kalte Finger, immer noch, aber das macht nichts. Durch den Regen gelaufen, heute, selber schuld: Ich dachte, das mit dem Wasser wäre genug gewesen, immerhin war da eine Sonne am strahlendblauen Himmel, die mich glauben machte, der verläßliche Juli sei zurück.

Also ausgegangen und auf der Treppe zurück aus der Unterwelt in diese blauschwarze Regenwand gelaufen. Klar hätte ich mich unterstellen können, warten bis das Ganze vorbei ist. Hab ich ja auch gemacht, immer mal so zwischendurch. Aber am Ende war ich doch durchnäßt: Bis auf die Haut. Aber erst zum Schluss.

Bis dahin ist es vor allem wundersam, was man alles so sieht.

In einer Ecke im verwinkelten Knotenpunkt der Stadt eine Frau, hingestreckt wie auf einem Himmelbett. Der Rock, hochgerutscht bis an die Hüften, gibt den Blick frei auf eine Strumpfhose (im Juli?) und auf ein blütenweißes Höschen darunter. Während ich noch überlege, ob es sich hier um einen medizinischen Notfall handelt oder um eine normale Seltsamgestalt der Stadtgeschichte kommt eine Polizeistreife des Weges und weckt die Schlummernde durch sanftes Rütteln an der Schulter. Sie fährt auf, zieht mit beiden Händen den Rock hinunter und schreit die Polizisten sehr indigniert an: “Wos mochen se in mein Wohnzimmer?”

Herzerfrischend, sozusagen. Ich erspare mir die weitere Amtshandlung durch weitergehen. Aber das bringt nur vorübergehende Erleichterung. Schon ein paar Schritte weiter, am Bahnsteig, steht eine undefinierbare Gestalt vor einer künstlerischen Videoinstallation und fragt die Vorübergehenden: “Des soll Kunst sein, kennen sie ma des erklärn? Wo soll da die Kunst sein, Bittschön?”, er fragt nicht nur, er zieht auch die, die seiner Meinung nach imstande sein müssten, “das da” zu erklären, am Ärmel, hält sie fest, damit sie sich anschauen, was der Monitor hergibt.

Ein Kreis ist da zu sehen, bei näherer Betrachtung eine Weitwinkellinse, die auf ein kariertes Stück Boden gerichtet ist, live womöglich? Ab und zu geht jemand über die Karos, von links, von rechts, von oben, von schrägunten, man sieht nur die Beine, die Akten- und Einkaufstaschen. Rundherum Schwärze, nur eine kleine helle Kugel, die den Kreis umkreist. Ja, das ist Kunst, stelle ich fest, drei beliebige Schritte als winzigkleines Erdenrund inmitten der Zeit, aber ich erkläre nicht & mich fragt er auch nicht, und da kommt mein Zug.

“Na des gibts net na des derf net wahr sein” Intoniert drinnen im Waggon ein Mädel, wiederholt, monoton, klackernde Kopfhörer auf, ihr Körper beinahe hilflos zuckend unter einem Rhythmus, den ich nicht oder kaum hören kann. Obwohl der Wagen voll ist will sich keiner zu ihr setzen, die Leute stehen lieber aber ich setze mich hin, kurz schaut sie auf von ihrer Musik & ich nicke freundlich und sie lächelt & macht das Peace-Zeichen mit beiden Händen, dann verschwimmt sie wieder in ihrer eigenen Welt.

Aussteigen & die Station ist eine Baustelle, Gerüste & Folien & nirgends ein Schild. Hier war ich noch nie, bleibe stehen, kein Wegweiser, abweisende Passanten. Lieber dem Gefühl nachlaufen in dieser Oase der Schriftlosigkeit, und siehda mein Gefühl leitet mich richtig & ich erreiche meinen Termin und halte ihn ein und dann bin ich frei, wunderbar.

Jetzt nur nicht mehr in diese Unterwelt der Nachtgestalten, lieber gehe ich zu Fuss. Kilometerweit, wenn nötig.

Schon nach ein paar Minuten Betonwüste schwindet der Entschluss dahin und ich nehm doch den Silberwurm stadtwärts. Wo ich aussteige, grüßen mich die Schwarzwolken, beginnen loszulassen, schon tröpfelt es, schon regnet es, man sprintet von Dach zu Dach & wird trotzdem nass. Das eine oder andere Lächeln von LeidensgenossInnen zwar, aber unterm Strich: Zu schade, nichts mehr mit Bummeln in der Innenstadt. Keine Straßenmusiker & kein Softeis, stattdessen überhängende Dächer ausnützen auf dem Weg nach Haus. Ein Lokal bietet sich an, aber nach einem Blick auf die Bargestalten nicht mehr. Ein Kino, aber sie spielen heute Oper.

Da bleibt nur nach Hause. Es regnet immer noch. Ein paar Worte & dem Bild vom Montag danken für die schöne Idee, trotz schleppender Ausführung.

Dann noch ein bisschen Musik und die Nachbarn leiden lassen, so wie sie sonst mich leiden lassen:

Where are you now?

Broken up or still around?

Well, I may be broken up, but I’m still around. Und das genügt. Heute genügt das.