Durchwachsen

Fast ungestört, nur einmal um 1/2 6 Uhr schepperts. Dann um 9 richtig wach, leicht verquollen (Wohl Sonne & Zustand, vermutlich).

Beim Zähneputzen erstmals Zimmernachbar wahrgenommen, spanischer Arbeiter, offenbar. Frisches Brot & Kaffee vom Supermarkt geholt. Nach einer Weile den Herd durchschaut und heißes Wasser für Nescafe zustandegebracht. Frühstück auf der Terrasse, es tröpfelt leicht.

Kann meinetwegen weiterregnen, solange es so warm bleibt! Sonnenverbrannte Nase ruft ohnehin nach einer Pause.

Die Pensionsbibliothek gibt einen noch unbekannten Ludlum her. Frühstück mit zweitem Nescafe lesend verlängert. Danach wetterunabhängige Fotosession: Felsen, Strand, Meer, Pflanzen. Ansichtskarten gekauft. Weniger unsicher; erwidere das eine oder andere “Ola!”. Wird schon passen.

Im Casablanca auf Mittvormittagskaffee; werde sofort wiedererkannt. Also schon fast ganz eingelebt. Auch keine Lust mehr, nach einer anderen Bleibe zu suchen: Meine Sachen im Kühlschrank, mein Tisch auf der Terrasse, den Ausblick aus dem Zimmerfenster schon verinnerlicht. Pfeif auf den Komfort.)

Am Nebentisch Schweden, die scheinen nach den Deutschen die zweitgrößte Population hier zu stellen. Ich genieße mein Landrattenleben zwischen Gesprächen über Wellengang und Windstärke.

Aber natürlich taucht ein wahnsinniger Deutscher auf, der glaubt, er muss mich unbedingt einladen. Zwischen dem lustigen Würzburger und einem irreal fetten Hamburger schwindet meine morgendliche gute Laune. (Eine solche Unhöflichkeit, jemandem ungefragt die Rechnung zu bezahlen!). Ich bleibe trotzdem freundlich, weil er offenbar mit S, dem Wirt, befreundet ist. Ich will ja hier wieder herkommen, das Cafe ist angenehm unprätentiös gegenüber den umliegenden. Außerdem spielen sie meist Rock statt dem hier üblichen Schmalz (na, im Moment grade nicht: “Whiter Shade of Pale”).

“Zu Hause” in der Pension Kuchen & noch einen Kaffee zu meinem Buch.

Meine Frage nach einem Elektro-Adapter wird nicht verstanden, wird vielmehr mit einem Achselzucken als quasi irrelevant verworfen. Wie überhaupt die Menschen hier nicht nur unbeeindruckt scheinen von der Touristenflut rundum, sondern geradezu darauf herabschauen. Außer, wenn sie gerade im Dienst sind. – Wahrscheinlich erscheint es nach Wien kommenden Fremden bei uns genau so. Egal.

Davor, auf dem Heimweg, im Hafenbecken eine riesige Krabbe gesehen. Stehengeblieben um selbige näher zu betrachten (aus dem nächsten Lokal ein Neil-Diamond-Song: “And when they know they have you…) und viele viele kleine Krabben entdeckt. Alles voll mit winzigkleinen Krabben.

Die deutsche, dem S. vermutlich zuzuordnende, Kellnerin gibt sich ungehalten, als ich mit ihr plaudern will. Ganz deutlich das Gefühl, dass sie sich hier als “zugehörig” und damit mir überlegen fühlt. Whatever.

Später nehme ich denn Bus, endlich, an die von W empfohlene Playa del Media Almud. Nach dem Ausstieg einen langen staubigen Weg entlang bis zum Strand, der, nach den Pflöcken zu schließen, wohl auch schon vermessen wird, um in nicht allzu ferner Zukunft als Feriensiedlung zu verenden.

Außer mir nur ein einheimisch wirkendes Pärchen und draußen in der Bucht ein paar Fischer, angesichts derer ich mich nicht ganz zu entblößen wage. Obwohl die zwei da drüben doch auch nackt sind. Manchmal bin ich ganz schön dämlich.

Die Flut steigt gerade und schluckt gierig die letzten Zentimeter Liegefelsen. Später kommen noch andere, die einzeln kommen und gehen, sich aber kennen und ein paar (spanische) Worte miteinander wechseln.

Als die Fischer um die Felsnase verschwinden, ziehe ich mich auch aus. Der Himmel sanft wolkenverhangen, mein einheimischer Nachbar sagt, das ist nicht normal um diese Jahreszeit. Er trifft den FKK-Strand-perfekten Ton zwischen distanziert und freundlich, der zeigt, dass das für ihn ganz normal ist – im Gegensatz zu einem basedow-äugigen Tschechen, der später auftaucht und mich von Anfang an nicht aus den Augen läßt. Ach was solls, ist ohnehin schon Zeit zur Heimkehr.

Unterwegs zur Busstation überholt mich der Spanier in einem Auto und fragt, ob er mich mitnehmen kann. “I like to walk” sage ich, und er lacht: “Crazy!”, gibt Gas und ist weg. Wenig später, wartend an der Bushaltestelle und schwerst beäugt vom nachkommenden Tschechen, tut mir die Ablehnung leid. Ach da kommt schon der Bus. Ich winke. Der Fahrer winkt freundlich zurück und… fährt weiter.

Tja. Der nächste ebenfalls. Es ist heiß, und ich bin durstig. Wo ich denn hinwill, fragt mich der Tscheche, der mir in den dazwischenliegenden 20 Minuten seine gesamte Lebensgeschichte erzählt hat. “Puerto Mogan”, antworte ich, “I guess I’ll have to walk” und bin, freundlich Ciao winkend, einfach weg. Endlich einer, der langsamer ist als ich.

Jenseits des lebensgefährlichen Tunnels findet sich eine zweite Bushaltestelle, an der die Busse – Heureka! – auch stehenbleiben. Dazwischen überflüssige Gedanken, wie zB ’ D hätte sicher daran gedacht, Wasser und Melone mitzunehmen’.

In der Pension geduscht, gejausnet & Handtuch aufgehängt (nichts wird hier richtig trocken wegen der Luftfeuchtigkeit) und dann doch noch mal runter in den Hafen.

Den Deutschen von morgens wiedergetroffen, seine Einladung viel zu freundlich ausgeschlagen, nochmals rüber zum grünblink-Leuchtturm – auch dort keine Ruhe heute – und wieder zurück; an der beleuchteten Hafenmauer so etwas wie Goldfische, viel kleiner aber von Form und Farbe ähnlich; 2 Schweden, die das auch sehen, gehen an die nächste Lampe, um nicht zu nahe bei mir zu stehen: angenehm.

Dann noch ein Glas Wein im Casablanca und das Tagebuch nachgetragen (schon wieder “Whiter Shades of Pale” – und dann auch noch “Baby, Baby, Baby, you’re out of time…” – und vorne, außerhalb des Gastgartens, segelt ein Schwalbenschwarm zwitschernder Finnen vorbei).

Danach in ein anderes Lokal, um zu essen. Zur Abwechslung Dänen am Nebentisch. Freier Blick auf tonlosen Fernseher mit Fussball; schlechter Empfang. Kellnerin eindeutig britisch. Trash, aber nett (das Lokal, nicht die Kellnerin). “I’ll try the fresh fish of Mogan”.

Den Bauch voller Marlin und köstlichem Weißwein, kommt die Rechnung noch mit einem völlig unerwarteten Pfirsichschnaps. Dazu die Musik von dem Waliser, den E damals in der Neudeggergasse angeschleppt hat; vielleicht das Seltsamste überhaupt: Dass ich diesen Song auf Anhieb erkenne und zuordnen kann.

Rund um mich ein strahlendes und fettbauchverseuchtes Disneyland, was gar nichts mehr ausmacht. Langsam, ganz langsam, durchdringt mich die anfangs verstörende karibische Leichtigkeit des Hier-seins.

Dann trage ich meinen mittleren Schwips heim, der hauptsächlich von dem Pfirsichschnaps herstammt. Der wird hier nämlich im Viertelglas serviert, halb Schnaps, halb Eis. Da ist es leicht, im Einklang mit dem maritimen Disneyland zu schwingen.

Sitze noch ein Weilchen auf der Terrasse, mit Soda und Buch, zuerst, dann ohne Buch und ohne Licht um ein Gefühl für die Umgebung zu kriegen –  aber schon um halb zwölf so müde, und dann ins Bett und leicht und gedankenlos weggeschlafen.