Ehrliche Gauner

Nach einer leicht ausgedehnten Einkaufstour schwer bepackt, vor allem mit Dingen, um die Krainer beim Fotoshooting ins rechte Umfeld zu setzen, fiel mir ein, dass ich noch eine Kleinigkeit vergessen hatte. Ich machte also, was ich – und viele andere Parteien in diesem Haus – seit 20 Jahren problemlos machen: Ich stellte mein Sackerl beim Briefkasten ins Eck. Und huschte noch schnell zum Hofer, um das letzte fehlende Requisitenstück zu ergattern.

Allein, als ich zurückkam, war das Sackerl verschwunden. Man mag es blauäugig finden, aber ich war völlig entsetzt. Seit 20 Jahren steht hier fast jeden Tag das eine oder andere Sackl oder Packl beim Briefkasten, und noch niemandem ist etwas auf diese Art weggekommen.

Ich befragte einen mit Zementsackel vorbeihetzenden Arbeiter (eine Wohnung im 2. Stock wird renoviert), der nichts gesehen und auf keinen Fall etwas getan haben wollte, sein Chef kam dazu, zufällig auch eine andere Hauspartei vom Einkaufen, und es entspann sich eine lebhafte Diskussion. „Selber schuld“ (der Bau-Chef), „ein ehrliches Haus, noch nie passiert!“ (der mir weitgehend unbekannte Nachbar), „an alle Türen klopfen und den Schuldigen abwatschen!“ (ein weiterer dazugekommener Nachbar), „blöde Idee!“ (ein dritter Arbeiter). Ich warf ins Gespräch dass ich ohnehin ziemlich pleite, und die Sachen gebraucht hätte für einen Auftrag. Half aber nix, weg ist weg. Die Nachbarn zerstreuten sich, ich kletterte in den 4. Stock, mit dem diffusen Plan, einen Zettel zu schreiben, „€ 38,60 ins Postkastl #xx, dann werde ich von weiteren Maßnahmen absehen.“

Oben angekommen, fand ich die Idee dann doch ziemlich blöd und beging stattdessen nochmals das Treppenhaus, lauschend, ob es vielleicht hinter irgendeiner Tür verdächtig raschelte. Nichts raschelt. Aber was sahen meine Augen, als ich wieder unten angekommen war? Mein Einkaufssackerl, in voller Pracht. Nur die obendraufliegenden Spar-Geburtstags-Lose fehlten.

Möge das Glück mit dem ehrlichen Dieb sein!