Ein Lust-Spiel


I.

Morgens, 8 Uhr 10. Zu einer Gruppe von etwa 30 Leuten, die sich vor einer gläsernen Eingangstür mit blau-gelb-orangem Firmenlogo drängen, gesellt sich eine weitere. Sie zieht ein leeres Großmuttereinkaufswägelchen hinter sich her. Das Wenige, was sie durch ihre schlafverquollenen Augen wahrnimmt, läßt nicht gerade Hoffnung aufkommen. Aus der dicht gedrängten Gruppe, deren einzelne Mitglieder peinlich genau darauf achten, dass sich nicht etwa ein Bein oder ein Ellenbogen um ein paar Zentimeter näher an die Glastüre schiebt, als der ursprüngliche Platz des Besitzers erlaubt, dringt mehrsprachiges Gemurmel. Aus der Geräuschsuppe steigen immer wieder Wörter wie “Computer”, “Flachbildschirm” und “Tintenstrahler” auf. An den Rändern der Gruppe drängen stetig Neuankömmlinge nach. Ansonsten verändert sich wenig an der Szenerie. Geredet wird nur, wenn man schon gemeinsam hergekommen ist. Andere Gespräche könnten eventuell später benötigte Kaltblütigkeit untergraben.

II.

8:30. Das Gemurmel wird lauter. Von innen nähert sich vorsichtig ein junger Mann der Glastür, sperrt diese auf und rettet sich mit einem Hechtsprung davor, von der hineindrängenden Menge zertrampelt zu werden. Die ersten 20 sind schon an den Lebkuchen vorbei in den hinteren Teil des Ladens gestürmt, als er verkündet: “Wer einen PC will, muss sich einen Zettel von der Dame dort beim Regal holen.”

Die oben erwähnte verschlafene Gestalt, bis dahin in einer Art Verfolgersprint den ersten 20 hinterherhechelnd, macht auf dem Absatz kehrt und kommt so zu einem Zettel mit der Aufschrift: PC Nr. 21. Den Zettel fest in der Hand, geht sie an den grimmigen Blicken des zurückkehrenden Vorstosstrupps vorbei zur Kassa. Als einundzwanzigste macht sie es wie die zwanzig vor ihr und legt einen ganzen Haufen buntschillernder Scheinchen hin, im Austausch für einen schlichten schwarz-weißen Zettel mit einigen Zahlen und dem Stempel “bezahlt”. “Die Ware kriegen sie im Büro”, hilft die Kassierin.

III.

Es ist eine Schachtel. Groß. Schwer. Das Großmuttereinkaufswagerl erweist sich als zu klein. Die immer noch verschlafene Gestalt, die jetzt ein Lächeln auf den Lippen und ein verdächtiges Glitzern in den Augen hat, murmelt etwas wie “machtnichtsmachtnichts”, zieht ein paar Gummispanner aus der Tasche und verankert die Schachtel sicher auf den Rollen. Dann ziehen sie, Gestalt, Wagerl und Schachtel, mit quietschenden Rädern von dannen.

Auf der Straße eine andere, ebenfalls ziemlich verschlafene Gestalt, die einen begierlichen Blick auf die Schachtel wirft. “Gibt’s noch welche?” – “Ich denke schon”, antwortet unsere Gestalt, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hat: Aus lauter Angst, der andere könnte ihr sonst das mühsam gewonnene Ding doch noch entreißen.

IV.

Auf der Straße zieht die Gestalt mit klammer werdenden Fingern ihre Beute durch die feuchte Kälte nach Hause. Man hört sie murmeln “…eine der ganz wenigen Gelegnheiten, wo ich doch ganz gerne ein Auto hätte…” Trotz blaugefrorenen Fingerspitzen bleibt das Lächeln intakt.

V.

Vier liftlose Stockwerke später ist aus der verschlafenen eine keuchende Gestalt geworden. Eine Wohnungstür wird aufgesperrt, und Gestalt, Schachtel und Wagen verschwinden aus unserem Blickfeld. Wenige Augenblicke später das Geräusch von einem Stanleymesser auf Karton. Danach leises Klappern, schließlich das Quietschen von Styropor an Styropor. Ein Augenblick Stille. Danach weiteres Klappern, ein lauter Krach, wie ein Kopf, der von unten auf einen Schreibtisch trifft. Leises Fluchen. Dann wieder Stille.

VI.

Es ist noch immer ziemlich still. Nur ein kurzer Aufschrei war zu vernehmen: “Gibt’s nicht, der geht ja!”. Um die gemurmelten “Wahnsinn” – “…und das funktioniert auch…” – “…glaub ich nicht…” zu verstehen, müsste man allerdings schon näher an die Tür herangehen, als es sich für einen guten Nachbarn gehört. Lassen wir das junge Glück alleine.


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