Einmal geht’s noch

Beim Aufstehen ist das vor Jahren lädierte Knie etwas beleidigt, was ja auch kein Wunder ist, wenn ich vor und/oder nach achteinhalb Messestunden noch unbedingt Strand- oder Stadtspaziergänge machen will. Nach einer heißen Dusche geht’s aber eh. Und weil gerade die Sonne rauskommt, geht ein schneller Balkon-Selfie.

Im Frühstücksraum singt ein Mädchen, 10 Jahre vielleicht, fröhlich und hell und klar „Bella Ciao“, und das bringt alle rundherum zum Lächeln. Ansteckend ist es auch: Der Weißbärtige, der aus der Küche kommt, um Eierspeis nachzulegen, pfeift sofort mit.

Ich bleibe bei Joghurt und Kaffee und mache mich dann, innerlich ebenfalls singend, recht früh auf den Weg. Es gilt, als erstes den Koffer zum Bahnhof zu bringen, und dann will ich heute auch etwas früher zur Messe, um den Stau im und um den Bus zu vermeiden. Es ist kalt, aber halb sonnig, und ich würde am liebsten so ziemlich alles fotografieren, aber mit beiden Händen voll und schmerzendem Knie ist das etwas schwierig.

Herberge, modern

Am Bahnhof irritiert mich etwas, dass die Preisliste der Gepäckaufbewahrung bei 2 Stunden á 2 Euro endet, und der dortige Gepäckaufbewahrer auf meine Nachfrage nur wiederholt: „Pay later!“. Was solls, beschließe ich, eventuelle spätere Probleme sollte man nicht vorzeitig manifestieren.

Früh genug für einen fast leeren Bus erreiche ich die Messe ganz ohne Stau um 9:13. Unterwegs noch Ausblicke, die ich ganz gerne näher erkundet hätte.

Stattdessen wieder Süßes und Kaffee.

Ungeachtet der Knieproteste ziehe ich mein Restprogramm so schnell wie möglich durch, um vielleicht doch noch bei Tageslicht einen letzten Blick aufs Meer zu werfen. War ich am ersten Tag noch irritiert vom ungenierten Geschubse und Gedränge in den Hallen, schwimme ich mittlerweile mit dem Flow und schubse und dränge mit. Das vermeintliche Chaos hat Regeln, man rennt an andere sanft an, um ihnen zu verstehen zu geben, dass sie da gerade im Weg stehen – rennt man hingegen irrtümlich härter an, entschuldigt man sich doch.

Gegen drei habe ich die letzten Infos gesammelt und die letzten Fotos im Kasten und gehe wieder zum Bus. Es beginnt zu nieseln. Während ich warte, spuckt der Bus auf der anderen Straßenseite einen Schwarm Regenschirmverkäufer aus. Ich bin beeindruckt.

Zurück in der Stadt kann ich mich nicht entscheiden, ob ich zuerst einkaufen oder zuerst ans Meer soll, und steige stattdessen beim antiken Amphitheater aus. Habe ich schon erzählt, dass ich einmal ein halbes Jahr lang Archäologie studiert habe? Vielleicht hätte ich weitermachen sollen, damals. Die hiesigen alten Steine sind aber ein Haucherl underwhelming.

Dann Richtung Zentrum, in der Hoffnung, dort bessere Einkaufsmöglichkeiten vorzufinden als an der Strandpromenade. Straßenschilder und Google Maps sind sich allerdings uneins, wo das Zentrum nun liegt. Ich steige wieder in einen Bus und befrage den Fahrer, der mir versichert, ins Centro zu fahren. Dort, wo er mir bedeutet auszusteigen, ist aber gerade einmal eine Tankstelle, eine Tabaccheria und ein Schuhgeschäft, in dessen Auslage ein älterer Mann hingebungsvoll einen Schuh neu besohlt. An der Tankstelle versichert man mir, das sei wirklich das Centro. Die Geschäfte aber befänden sich unten am Strand.

Zu Fuß mache ich mich, ungeachtet der Knieproteste unter dem mit Infomaterialien gut gefüllten Rucksack, halt wieder auf den Weg Richtung Meer. Da wollte ich ohnehin hin, und vielleicht geben die Geschäfte in der Nähe der großen Hotels ja mehr her als dort, wo ich bisher war. Unterwegs idyllische und weniger idyllische Anblicke.

Zum Meer geht’s übrigens nicht nur links und rechts, sondern auch geradeaus. Zu Fuß sogar am schnellsten geradeaus.

Mittlerweile plagt mich ein Hüngerchen. Viel hat nicht offen am mittleren Nachmittag außer der Saison. Ich finde einen Eissalon, dessen wahrscheinlich glamouröses Sommerambiente winters einer grundsympathischen Tristessa Platz macht. Das Piedina mit Prosciutto und queso della Casa beeindruckt durch eine köstliche Soße, die geschmacklich irgendwo zwischen Kräutermayonnaise und weichwürziger Creme Fraiche liegt.

Einkaufstechnisch werde ich nach wie vor nicht fündig. Die von einem Daheimgebliebenen gewünschten bunten Nudeln finde ich endlich, in einer staubigen Verpackung ohne Ablaufdatum, und will schon trotzdem erleichtert zuschlagen, als mir das Flaschenregal daneben auffällt. Weinflaschen mit den Gesichtern von Hitler und Mussolini im Holzschnittstil, mit der Aufschrift „Mein Führer!“ und „IL Duce“, entweder als Etikett oder als Metallüberzug. Ich bin so verblüfft, dass ich die Nudeln ins Regal zurücklege und gehe, ohne auch nur ein Foto zu machen. WTF!? Erschwerend kommt dazu, dass der Verkäufer, wie in fast allen der geöffneten Geschäfte, deutlich außereuropäischen Ursprungs ist, optisch am ehesten Pakistani. Nicht einmal mit viel Fantasie kann ich mir das in irgendeiner Form ins Ironische umdeuten, der Kontext bleibt komplett rätselhaft.

Ich grüble im Gehen, während die Augen die wenigen geöffneten Geschäfte weiterhin nach Mitbringseln absuchen, aber auch wenn weitere politische Schockmomente ausbleiben, sind die Aussichten nur chemisch berauschend.

Es gibt dann aber auch wieder entzückendere Anblicke.

Die Dämmerung macht sich bemerkbar. Wenn ich das Meer noch sehen will, dann jetzt. Und ich will!

Im feuchten Wind kann ich die angeblichen 10 Grad kaum glauben – es ist eiskalt. Aber immerhin spricht das Meer zu mir. Lauthals. Das Knie ist nicht glücklich, mit dem immer noch schweren Rucksack durch den Sand zu stapfen, aber es wird vom Rest von mir überstimmt. Die Ausblicke sind einfach zu perfekt

Als mich die Kälte und die drohende Flut auf die Promenade zurücktreibt, finde ich dann tatsächlich noch einen Markt, in dem ich ohne politische Probleme einkaufen kann. Immerhin. (Nur der Rucksack wird halt noch schwerer.) Einige Straßen hier heißen nach Fellini-Filmen, und ein Kino gibt es tatsächlich auch noch.

Zeit, zum Bahnhof zurückzukehren. Die 5 Euro für die Gepäckaufbewahrung (9 Stunden, im Vergleich zu 2 Euro für 2 Stunden) finde ich akzeptabel. 40 Minuten noch, die verbringe ich im Sitzcafe gegenüber anstatt im Stehcafe am Bahnhof. Zumindest ein Campari-Soda ist in Italien schon Pflicht, auch wenn das Wetter eher nach Glühwein rufen würde.

Der Zug nach Bologna scheint erst gemütlich halbleer, füllt sich aber eine Station später bis hin zu bedenklich eng. Aber eine Stunde lässt sich trotzdem aushalten. Dass mir in Bologna erst die Chocolateria und dann auch noch das Schinkengeschäft vor der Nase zusperrt, muss ich aushalten. Ich tröste mich mit Prosciutto und Büffelmozzarella.

Dann wird es noch einmal spannend. Mein Zug, der um 22:46 nach Wien fahren soll, ist nirgends angeschrieben. In der Information meint man, wahrscheinlich wär das eh derselbe, der um 22:52 nach München fährt. Der durchaus freundliche Mann am Schalter versteht gar nicht, dass mir „wahrscheinlich“ nicht genügen will. Was bleibt mir über: Ich begebe mich zum Bahnsteig, von dem der Zug nach München fahren soll, und finde dort andere verstreute Österreicher, die auch von der Sigep kommen und auch heim nach Wien wollen. Die Verspätung steigt zehnminütlich um je fünf Minuten bis auf eine Stunde, und so dürfen wir alle bis gegen Mitternacht rätseln, ob wir denn mit diesem Zug wirklich nach Hause kommen. Es ist auf frierend-wundersame Weise eigentlich recht vergnüglich.

Als der Zug endlich doch kommt, hat er zum Glück die passenden Kurswagen nach Wien. Im Liegen schaue ich noch ein bisschen aus dem Fenster, vor dem die dunkle Landschaft vorbeizieht – das ist wie Fernsehen, nur besser. Dann schlafe ich bestens bis fast nach Hause.