Einsamkeit


Vor zwei Wochen beim Billa: Eine alte Dame, um die 80 vermutlich, elegant gekleidet, dezent geschminkt. Kein Einkaufswagen, nur eine hellbraune Lederhandtasche, die sie in beiden Händen hält. Vor den Bierregalen stehen die Leute schon in der Kassenschlange.

Die alte Dame geht eine Zeitlang unschlüssig vor den Bierregalen auf und ab. Dann wendet sie sich an einen der Wartenden und fragt, welches Bier denn gut sei. Sie braucht nämlich eine Flasche Bier, weil der Sohn einer Freundin aus Deutschland heute bei ihr übernachtet.

Nicht zu bitter soll es sein, aber auch nicht zu süß. Und österreichisches Bier soll es sein, deutsches kann er schließlich zu Hause trinken.

Unter den Wartenden entsteht eine lebhafte Diskussion über die Vorzüge und Nachteile sämtlicher beim Billa verfügbaren Biersorten. Und das sind eine ganze Menge. Die alte Dame nimmt mit zufriedenem Lächeln daran Teil, nicht ohne die eine oder andere Geschichte über die Freundin in Deutschland und deren Sohn einzustreuen.

Schließlich geht sie, ohne etwas gekauft zu haben, mit dem Argument, sie wolle doch lieber ihre Freundin in Deutschland anrufen und fragen, was der Bub denn gerne trinkt.

Heute, beim selben Billa: Dieselbe alte Dame. Diesmal bin ich dran.

Stehe leicht gedankenverloren vor dem Kafferegal, da spricht sie mich an. Ob der Nescafe Cappuccino denn gut sei. Sie fährt nämlich morgen zu Verwandten in die Steiermark, sehr liebe Leute, aber Kaffee kochen können sie nicht. Ich beantworte ihre Fragen, so gut ich kann. Ob man diesen kaffee auch mit Schlagobers trinken kann. Wieviel man denn braucht für eine Tasse.

Derweil erfahre ich ganz nebenbei, was die Verwandten für einen schönen Bauernhof haben. Und wie sich der Hund freut, wenn sie kommt, weil sie ihm immer heimlich Schokolade mitbringt.

Schließlich entscheidet sie sich dafür, keinen Kaffee zu kaufen. Sie kann ja auch Tee trinken, meint sie. Schließlich will sie die lieben Verwandten nicht beleidigen. Und geht, ohne auch nur irgendwas gekauft zu haben, mit ihrer Tasche in beiden Händen Richtung Ausgang. 50 Meter weiter liegt das städtische Altersheim.

Vielleicht hätte ich sie ja einladen sollen, auf einen Kaffee. Aber so etwas tue ich irgendwie nie. So etwas denke ich nur. Dabei wäre sie ganz sicher mit Begeisterung in den vierten Stock gestapft und hätte noch eine ganze Menge Geschichten über ihre steirischen Verwandten erzählt, die in ihrem Kopf gleich neben der Freundin in Deutschland wohnen.

Stattdessen werde ich mich in Zukunft, wenn ich morgens an der Busstation gegenüber dem Altersheim warte, fragen, hinter welchem Fenster die alte Dame denn jetzt sitzt und an den Geschichten feilt, die ihr nächsten Samstag beim Billa ein bisschen Kommunikation mit der Außenwelt bringen sollen.


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