Sie meldet sich nur noch selten. Und ich bin dementsprechend überrascht, als das Telefon klingelt. Mit ihr dahinter.

Weihnachts- und Neujahrswünsche sind schnell abgehandelt, Neuigkeiten ebenso. Nach alten Zeiten klingt die Stimme nicht. Ein paar Smalltalk-Sätze sind offenbar trotzdem nötig, bevor man zum Thema kommen kann.

“Weißt du”, sagt sie schließlich, “wenn man so etwas* sieht, dann fragt man sich doch, ich meine…”

Sie meint erst einmal gar nichts, während ich schnell nach dem Kanal suche und mich zweieinhalb Sätze lang einhöre auf die Geschichten von aufgegebenen, verlassenen, ausgebüchsten Kindern.  Ihr Fernsehton übers Telefon kommt wie ein Echo zu meinem, bis sie endlich weiterspricht.

“Ich meine, wenn man so etwas sieht, dann scheint es, als hätte man überhaupt kein Recht auf sein eigenes Leid. Als wäre das alles gar nicht so schlimm gewesen. Als hätte man das alles damals gar nicht so schlimm finden dürfen.”

Aufmerksamkeitszerrissen höre ich ihren Atem zwischen den Fernsehsätzen, stolpere über die Klippe meiner eigenen Teenagerjahre, die damals nirgends hinein, nirgends dazu gepasst haben als zu den ihren, nein: gebe ich ihr Recht, niemand hat uns damals grün und blau geschlagen, niemand hat uns vergewaltigt, niemand hat uns Jahr für Jahr in dunkle Zimmer eingesperrt, “und trotzdem war es schlimm. Verstehst du? Es war die Hölle. Und wenn ich jetzt so etwas sehe, im Fernsehen, dann habe ich das Gefühl, als hätte ich kein Recht darauf, meine eigene Kindheit schlimm zu finden. Aber das war sie. Sie war schlimm. Sie war, verdammt nochmal, durch und durch Scheiße!”

Ja, das war sie. Scheiße. Ihre Kindheit. Und meine. Wir hatten nichts weiter gemeinsam als das Gefühl, durch unseren Background einfach nicht dazu zu passen. Zu den anderen Kindern. Und nur das hat uns zu Freundinnen gemacht. Für eineinhalb Jahre, oder für zwei. In allen anderen Dingen waren wir sehr verschieden.

“Schreib doch endlich dieses Buch”, sagt sie. “Schreib doch endlich dieses verdammte Buch, damit die anderen verstehen, dass es noch eine andere Ebene von ‘schlimm’ gibt. Jenseits von Schlägen. Und körperlichem Zwang. Das muss man doch sagen können. …sagen dürfen!” korrigiert sie.

“Klar”, sage ich. Ich arbeite dran. “Und wenn du wieder mal in die Gegend kommst… auf ein Glas Wein…” – “Gern” sage ich.

Das war gelogen. Es gibt Dinge, an die erinnere ich mich nicht gern. Chronistin hin oder her.

* (Link im Laufe der Jahre verschollen)