Es ist schon in Ordnung,. Es ist nicht OK. Warum ich jetzt schon wieder hinaus muss, frage ich mich, aber ich muss, auch wenn der Himmel aussieht, als würden in den nächsten 5 Minuten 100 Millionen Tonnen Wasser auf die scheinbar unschuldige Stadt donnern. Es ist. In Ordnung.Vielleicht hätte ich mir nicht gerade die Bachmann einpacken sollen als heutige Lektüre quer durch die Stadt. Die eine Straßenbahn fährt davon, auch die geschichtsträchtige Badner Bahn, da bleibt nur das Warten auf die dritte und vom Kirchtum schlägt es Viertel nach 5. Wie gut das tut, die Nase in einem Buch zu verstecken, da kommt auch schon die Straßenbahn und wäre beinah nach kaum eineinhalb Stationen am Ende gewesen, Blutspendezentrale heißt die Haltestelle, und aus der Einfahrt rast ein Wagen mit Blaulicht ohne Geräusch und Bremsen quietschen und Hupen tönen und das Klingeln der Straßenbahn, ein paar Stehende durcheinandergewirbelt, aber es ist. Schon in Ordnung.

Da gewöhnt man sich an den Rhythmus des Wagens und ist doch schon am Umsteigeziel, zentraler U-Bahn-Knotenpunkt und rolltreppenabwärts die Nase noch halb im Buch, das ist schon in Ordnung so, dieses unterirdische Labyrinth, vertraut seit dem ersten Tag, an dem ich meinen Fuss in die Stadt gesetzt habe. Heute, nach so vielen Jahren, braucht’s keinen Blick mehr auf Schilder und Wegweiser, ja nicht einmal auf den Boden: Ganz von selber nehmen die Füße die richtige Kurve und wissen auch schon, wann sie zu laufen beginnen, lang ehe der Rest des Körpers, insbesondre der Kopf, sagen kann, woran die erstgenannten, die Füße also, erkannt haben, dass ein Stockwerk tiefer die gewünschte U-Bahn abfahrtsbereit und -willig steht.

Diese U-Bahn. Es ist schon in Ordnung. Wir haben sie erreicht, Füße und Kopf gleichermaßen. Nicht irgendeine U-Bahn, sondern die, die zur UNI führt. Wenn wir es nicht wüßten, Füße wie Kopf, wir würden es leicht an den Fahrgästen erkennen, an den stylishen Punks und den nichtkurzsichtigen Brillenträgern. Nur ein paar Stationen. Am Straßenbahnknotenpunkt neben vor unter der UNI stehen natürlich die Keilerjungs und -mädels von Greenpeace, daneben aber auch – neu – ein Erdbeer- und Spargelstand.

Den Billigableger des Buchgeschäfts aber gibt es noch immer, und so tue ich, was ich lassen wollte, und kaufe mir den zweiten Teil von Doris Lessings Autobiographie auf deutsch statt im Original, was will man machen, bei € 5,90 (gebundene Ausgabe) kann man dazu nicht nein sagen. Habe mich nebenbei ein bisschen gewundert, was für Bücher man heutzutage so verkauft: Sex im Garten; Untertitel: Wie Pflanzen sich vermehren, oder Kapitale Erotik; Untertitel: Geld macht sexy, erstaunlich, wirklich erstaunlich. Zu meiner Zeit (also damals, als ich auf der UNI war) gab’s hier Biographien von Che Guevara und die diversen Lehren des Don Juan (nein, nicht des Liebhabers) sowie Liederbücher von Biermann und Konsorten, aber was solls, es ist. Schon in Ordnung. Es ist schon in Ordnung.

Ich stecke die Lessing in die Tasche und will eine Zigarette rausholen und anzünden, da steht strahlend das Greenpeace-Mädel vor mir und bittet um eine (wörtlich: Eine!) Minute meiner Zeit, sie will mir auch Feuer geben dafür, sie hat das gleiche Feuerzeug wie ich, das ist nun wirklich lustig und erspart mir die Diskussion darüber, warum ich keinen Dauerauftrag für Greenpeace einrichten werde auf meinem Konto, denn bevor wir das Feuerzeug fertigdiskutiert haben kommt schon meine Straßenbahn, das versteht sie und ich steige ein. Das ist in Ordnung. Und wieder steckt meine Nase im Buch und ich denke nicht darüber nach, wie oft ich wann schon hier vorbeigefahren bin, und das ist gut so. Ein bisschen denke ich darüber nach ob ich jetzt zu früh oder zu spät kommen werde, aber zwei Stationen vor dem Ziel ist vollkommen klar: Weder noch! Genau richtig. Es ist schon in Ordnung, genau so.

Der Sufi ist schon da und wer noch kommen wollte, kommt auch bald und zwischen den Sätzen bleibt genug Freiraum um nachzufühlen wie es damals war, ein neuer Helm in der Tasche und ein roter Heißluftballon am Himmel, ach! Und dann waren wir Helden. Für einen Tag.

Hilflos zu spät aber doch begreifen wir, wie man aus fast nichts alles machen kann. Das kann, darf doch nicht sein und es ist doch: Schon in Ordnung. Es ist schon in Ordnung. Die 60er sind tot, die 70er vergessen: Die sinnlos vergeudeten 80er hinterlassen ein hoffnungsfrohes Erbe. Nein, jetzt nicht ins Auto, meine ich und ziehe den Sufi daran vorbei. Unerwartete Begegnung. Rückzug, Heimweg. Neuer Drucker, neuer Scanner. Nein, nicht für mich, für den Sufi. Ja, es hat funktioniert. Es ist. Schon in Ordnung. Es ist schon in Ordnung.

Zum Glück hängt hier eine Satellitenschüssel statt des Telekabels und voller Büffelgraswodka sehen wir endlich Details des Unfassbaren. Danach will ich heim, weil die Welt nur hier ist, die große weite Welt der Nullen und Einsen, es ist absurd, es ist fast ein bisschen peinlich, aber: Es ist. Schon in Ordnung. Es ist schon in Ordnung.

So verabschieden wir uns vor der Straßenbahn und der Sufi presst seine Büffelgraswodkanase an die Scheibe und ich spreche lautlos mit deutlichen Lippenbewegungen und er tut als würde er zuhören und ich winke noch und schlage dann, in der Kurve, wieder das Buch auf, das die ganze Zeit glühend aber geduldig in meiner Handtasche gewartet hat. Als wäre das Lesen so einfach.

Schon an der nächsten Station steigt einer ein, geräuschvoll schnaubend, und ohne die Nase aus dem Buch zu nehmen, ohne zu wissen, wie er aussieht, halte ich ihn, der hinter meinem Rücken Platz genommen hat, für gefährlich, die Buchstaben vor meinen Augen verschwimmen und machen Bildern Platz, Bildern von Baseballschlägern und aufgeplatzten Schädeln und ungläubigen Gesichtern und verzerrten Fratzen und viel Blut. Aber so schlimm kommt es doch nicht; es ist schon in Ordnung, weitere zwei Stationen später hat sich das Schnauben hinter mir beruhigt und ich höre nur noch das Rascheln von Stoff an Stoff, vielleicht holt er (ist es überhaupt ein er?) sich grade einen runter, während Franza und ihr Bruder in den Zug nach Genua steigen, vielleicht…

Da schneidet die Lautsprecherstimme in meine literarischen Abenteuer: “Alle aussteigen, Endstation” – What the…? Hier? Mitten in der Pampa? Ich scheine die Einzige zu sein, die das überrascht. Was soll ich denn? In die U-Bahn jetzt? Die fährt überallhin, nur nicht dort, wo ich hinwill. Aber es ist schon in Ordnung. Es ist.OK. Da kommt noch eine Straßenbahn, die nicht aufhört hier, die zur anderen U-Bahn fährt und die andere U-Bahn… es ist. Schon in Ordnung.

In der U-Bahn-Station zwei Leinwände mit Nachrichten Comics Wetter, die rechte schlagzeilt: Mindestens 17 Tote bei Selbstmordanschlag in Nordisrael; die linke kontert postmodern Winona Ryder wegen Ladendiebstahls verhaftet und ganz kurz bahnt sich ein sensory overload an, Reality Bites gegen das erste Attentat, das ich quasi “live” auf CNN gesehen habe, doch da kommt rettend und quietschend die U-Bahn, wäre auch zuviel gewesen sonst.

Die letzten paar Stationen vielleicht doch zu Fuß? Es ist schon nach Mitternacht, und wer weiß, wann noch eine Bahn kommt. Da biege ich ums Eck und der Boden ist rot, über und über flüssig rot. Wem soll ich, wie soll ich, erste-Hilfe-Regeln memorierend – und dann ist es nur eine völlig zersplitterte Dopplerflasche Rotwein, beklagt von drei typischen Karlsplatz-Gestalten, deren hellste den Verlust auch schon verwunden hat und mich anspricht: “Host a poa Schüllüng?” – “Euro”, sage ich resigniert-belehrend, “man zahlt jetzt mit Euro”, und bevor er mir geistig folgen kann, bin ich auch schon draußen aus der Passage. Es ist. Schon in Ordnung. Es ist schon in Ordnung.

Da kommt tatsächlich noch eine Straßenbahn, unerwartet, in meine Richtung, und ich steige ein. Zwei Stationen nur, aber vorbei an dem Brunnen, an dem ich damals, nachts, vor vier Jahren, eine Handvoll Wasser in mein überhitztes Gesicht gespritzt habe. Es war so heiß, aber das war nicht der Grund – der Grund war wohl das eine oder andere Bier zuviel – es war die Nacht, in der Mexiko gegen die Deutschen verloren hat, und dort, vor diesem Brunnen, hab ich nach viel Arbeit und etlichen darauffolgenden Bieren zum ersten Mal zugegeben, dass es heiß war, und eine Hand voll Wiener Brunnenwasser in mein heißes Gesicht geworfen und plötzlich und unerwartet das Gefühl gehabt, ich wüßte genau, was Luis Hernandez in dem Moment empfunden hat, als er nach dem Spiel von seinem Trainer die Wasserflasche entgegengenommen und anstatt zu trinken sich einen kräftigen Wasserstrahl ins Gesicht gespritzt hat.

Noch nicht Grinsen, es kommt erst.

Also. Steh ich dort in meiner unerwarteten Doppelidentität und nehme die Hände hoch in der zuvor im TV gesehenen Geste irgendwo zwischen Triumph und Resignation (allerdings ohne zuvor das T-Shirt auszuziehen, naja, ich hätte auch nicht so überzeugende Muskeln vorzuweisen gehabt) und war noch nie so göttlich und so verwundbar und so offen, und die Wenigen, die bis zu diesem Moment ausgehalten hatten (da war schon eine ganze Menge Bier), reagieren unglaublich situationsadäquat und sensibel, legen mir die eine oder andere Hand um die Schultern und verschwinden dann wortlos in die Nacht.

Ja, jetzt darf gelacht werden.

Daran denke ich, bevor die Straßenbahn die nächste Station erreicht und ich aussteige, fast sofort umhüllt und überwältigt vom überschwenglichen Duft nach Sommer. Die Bäume sind das, die kaum noch blühen aber umso heftiger austreiben. Der Wind ist das, satt an Feuchtigkeit und doch so hungrig nach Leben. Ich bin das, überrascht von der Vehemenz des Seins, und unerwartet glücklich am Ende eines bunten Abends.

Es ist. Schon in Ordnung.

Es ist schon in Ordnung.