Um halb elf begann es zart nach Lagerfeuer zu riechen. Als feuer-ängstlicher Mensch schnupperte ich durchs Haus, konnte aber nirgends mehr oder weniger von dem Geruch feststellen, ich schnupperte auf die Straße, ums Haus herum, überall ungefähr gleicher Duft, nur windaufwärts nicht, und vermutete dann, dass wohl in den Innenhöfen ringsum jemand am Grillen war. Nicht ganz beruhigt, schnupperte ich auch auf dem Weg nach oben noch an allen Wohnungstüren, fand aber, dass sich der Geruch eher wieder verzogen hatte und nirgends konzentrierte, und setzte mich leicht nervös aber doch wieder an mein Strickzeug. Der Geruch wurde merklich schwächer (ich atmete ab und zu durch ein Tuch, um meine Nase zu „entwöhnen“, und kam mir saublöd dabei vor). Um elf war wieder alles normal, und ich dachte, wieder einmal für nichts aufgeregt, bis – ein Schwall von verbranntem Plastik meine Nase traf. Das war nun wirklich gar nicht in Ordnung. Ich steckte den Kopf aus dem Fenster und sah zwei Stockwerke unter mir dunkle Schwaden aus einem Fenster kommen. Unten standen schon zwei Leute, einer mit Handy am Ohr, dennoch schnappte ich das Telefon und rief die Feuerwehr. Adresse, Sachverhalt, zwar nervös schnaufend aber effektiv, der Typ am anderen Ende ebenso effektiv aber viel ruhiger. „Wir sind informiert, bleiben sie in der Wohnung, machen Sie die Fenster zu und warten sie auf weitere Anweisungen.“

Ich gebe zu, ich blieb nicht. Hätte ich logisch überlegt, wäre ich zwar auch nicht geblieben, denn meine Tür und meine Fenster sind ungefähr so dicht wie ein Fliegengitter, aber soweit kam ich mit meinen Gedanken gar nicht, bis ich gerade mal den Schlüssel und im Rausgehen noch die Jacke von der Tür schnappte (seltsamer Automatismus, aber später war ich dankbar, denn draußen war es nachtkühl) und eigentlich schon ein paar Schritte treppabwärts war, bevor ich mir dachte, man müsste schon noch den Nachbarn Bescheid geben. Also die paar Schritte wieder rauf und an die Türen in meinem Stockwerk gehämmert, dabei laut „Hallo! es brennt!“ gerufen, aber nirgends rührte sich was, und Licht war auch keins. Auf dem Weg treppabwärts gedacht, dass das viel zu lange dauern würde in vier Stockwerken, aber im Stockwerk unter mir war schon eine andere  Frau mit Klopfen beschäftigt, und noch darunter hatte die Nachbarin der mittlerweile auch ins Stiegenhaus rauchenden Wohnung die Information, dass außer in der einen Wohnung im Stock keiner mehr wäre.

Also raus und erst einmal Luft holen. Der Typ auf der Straße telefonierte noch immer mit der Feuerwehr, die offenbar wissen wollte, ob in der Wohnung jemand wäre, aber das war von unten nun wirklich nicht einzusehen. Ungefähr zu dem Zeitpunkt fuhr erst einmal eine Polizeistreife vor. Die Nachbarin informierte die Beamten, dass der Wohnungsinhaber definitiv da drinnen war, ein paar Funksprüche wurden gewechselt, und aus dem Wohnungsfenster rauchte es abwechselnd und vermischt schwarz und hell.  Ich dachte an all die Fotos, die ich schon längst einscannen hatte wollen, an die nicht digitalisierten Videos, an meine Souvenirs und Erinnerungen, und dann schämte ich mich dafür, dass ich an all das dachte anstatt an die Menschen im Haus.

Die Polizisten gingen hinein, kamen aber schnell wieder heraus: zu viel Rauch; dann kam endlich die Feuerwehr in schwerer Montur und holte den Wohnungsbewohner heraus. Schläuche wurden ausgerollt, dann hatte aber doch der Handfeuerlöscher gereicht und die Schläuche wurden wieder eingerollt. Stattdessen blies ein Riesenventilatordingens Luft ins Stiegenhaus, um den Rauch rauszudrängen.

Vor der Tür traf ein Teil der Hausgemeinschaft zusammen, andere schauten von oben aus den Fenstern. Ich wär da nie drin geblieben. Der Typ, dem das Auto gehörte, an dem ich lehnte, wollte wegfahren und fragte einen Feuerwehrmann, wie lange es denn noch dauern würde (der Schlauchwagen blockierte seine Wegfahrt). „Bis wir fertig sind“ antwortete der ungerührt. „Was ist da überhaupt los?“ fragte der verhinderte Autofahrer, und um auch einmal das Offensichtliche zu konstatieren antwortete ich: „Es brennt.“ An der Art, wie er mich musterte, erkannte ich erst meine seltsame Erscheinung: Barfuss, mit Batik-Hippiekleid und Fleece-Wolfsmotivjacke stand ich wohl wenig malerisch, dafür durchaus authentisch auf der Straße.

Die Polizei gruppierte sich um den unscheinbaren Typen aus dem Mezzanin, der aus der Wohnung gerettet worden war. Erst hatte er nur leicht beeinträchtigt gewirkt, aber langsam wurde klar, dass er stockbesoffen war. Er wolle ja nur sterben, deklamierte er, es sollten ihn doch alle in Ruhe lassen.

Nach und nach stellte sich heraus, dass er erst versucht hatte, seine Möbel anzuzünden (wohl der Holzrauch, den ich gerochen hatte), aber die hatten nicht so richtig brennen wollen, das Feuer war von selbst wieder ausgegangen. Dann hatte er Plastik und anderen Müll für einen zweiten Versuch zusammengesucht, der ja auch fast gelungen wäre.

Na wunderbar. Ich ging die paar Meter zum Beisl am Eck, um eine Zigarette zu schnorren. Der Koberer öffnete bereitwillig sein silbernes Etui im Tausch für Informationen. Ich teilte, was ich gerade erfahren hatte,  und erfuhr im Gegenzug, dass die Freundin des Selbstmordkandidaten vor ein paar Tagen anderswo im Bezirk mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen war und seither mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus lag. Offenbar wollte er ihr nachfolgen, mutmassten die Hobbypsychologen an der Bar. Ich rauchte still und dachte derweil darüber nach, um wieviel schlimmer das alles hätte ausgehen können.

Dann ging ich die paar Schritte wieder zurück. Zwar hatte ich mein Leid mittlerweile auch telefonisch geklagt und ein hilfreiches Nacht-Asyl angeboten bekommen, aber das war irgendwie keine Option. Das Gefühl, ich muss auf mein Zuhause aufpassen, auch wenn es ein jämmerlich ärmliches Zuhause ist. Der Ventilator blies noch immer. Der bulgarische Musiker aus dem Erdgeschoss war gerade von einem Gig gekommen und mutmasste, dass das alles die Schuld des Malers wäre, der seit Jänner allein und entschlossen das Stiegenhaus renoviert hatte. Ich klärte ihn über den tatsächlichen Sachverhalt auf, so gut es die Sprachschwierigkeiten zuließen, und dann gaben die Feuerwehrleute Entwarnung: Die professionellen CO2/Rauchmelder hatten sich beruhigt, wir alle konnten wieder in unsere Wohnungen.

Vermutlich wird der verhinderte Selbstmörder heute besser schlafen als ich.