Jemand hat vor, noch mehr Geburtstag zu feiern, und er wählt dazu den böhmischen Prater im Süden von Wien. Der böhmische Prater ist ein Gelände voller Ringelspiele und heurigenähnlicher Lokale, und wenn man durchspaziert bis ganz ans Ende, dann landet man auf einer Wiese, von der aus man einen wunderschönen Blick hat auf die Stadt, zumindest auf ihre südöstlichen Bezirke. Auf dieser Wiese lassen Kinder (und Eltern) Drachen steigen, und wir stehen da und schauen zu und lassen den Blick schweifen über die zerklüftetete Weite der Stadt.

Dann aber: Hunger! und: Durst! Und mitten durch die Massen von Drehorgelspielern, die heute ihr jährliches Fest feiern, suchen wir uns einen Weg zur nächsten Stelze und zum nächsten Bier. Schade, dass ich die Kamera nicht mithabe, denke ich. Bizarr gekleidet und mit wahren Monstern von Drehorgeln stehen die Schausteller da, und wenn sie reden zwischen dem Drehen, dann hört man, dass sie aus ganz Europa zusammengekommen sind, und es ist seltsam anachronistisch und trotzdem modern, denn die Drehorgeln, deren Melodien aus gestanzten gefalteten Lochkarten und -streifen entstehen, sind auch Dinosaurier der mechanischen Datenverarbeitung, und ich frage mich, ob es denen, die Drehen, bewusst ist, dass ihre Instrumente die Groß- und Urgroßväter von Sequencer und T-303 sind.

Trotz allem ist der Klang nicht sehr erfreulich, und wir suchen uns einen Platz weit weg vom Lärm und haben es gemütlich und gesprächsweise nett. Dass mir diese Heurigenathmosphäre noch immer fremd ist nach 15 Jahren Wien, dass ich es gastunfreundlich finde, wenn ich mir meine Speisen aus der Küche holen muss, erzähle ich so unter anderem, die steirischen Gegenstücke der Heurigen, die Buschenschenken (nein, ich schreib das nicht mit “ä”!), haben immerhin den Anstand, ihre Brettljausn zum Tisch zu bringen. Aber die, mit denen ich am Tisch sitze, sind vor noch längerer Zeit von noch viel weiter her gekommen. Und dass ich das so gesagt habe, um Heimat und Fremdheit zu relativieren, fällt niemandem auf.

Später kriege ich eine rote Rose geschossen, mit 7 Schüssen, und ich schiesse jemandem eine goldene Rose, mit 2 Schüssen, und das ist immer noch einer zuviel, aber immerhin. Und weil wir von der Wiese, die über die ganze Stadt schaut, die Gasometer [Flash Alarm!] gesehen haben, das neue architektonische Renommierprojekt von Wien, beschließen wir, uns die noch näher anzuschauen, und fahren aus der Vergangenheit hinunter in die Zukunft.

Die Sonne ist schon untergegangen, es dämmert über Simmering, und in diesem herbstabendlichen Tiefdunkelblau stehen wie hingemalt die Gasometer und die Umlandprojekte, das magersüchtige Flachhochhaus von Coop Himmelblau und die Hollywood Megacity, die in allen Farben Kino spielt, und während wir vom Auto zum Eingang gehen, beginnt es zu regnen, und Staunen setzt ein.

Naja, nicht gleich. Denn innendrin ist nichts von der Größe und Seltsamkeit der äußeren Hülle zu spüren, man schlendert durch ein durchschnittliches Einkaufszentrum der Westwelt und findet das ein bisschen schade. Kunst hängt herum, in Form von Plastikpuppen, die in Drähte und Frischhaltefolie verpackt kopfüber vor bunten Plexiglasscheiben pendeln, und der Sufi meint gleich ganz subversiv, dass der Künstler damit ausdrücken wollte, wie er es sich vorstellt, hier wohnen zu müssen.

Dann aber, durch den spiegelnden Gang der Frischsaftbar auf die andere, die Kinoseite, und während in den Deckengläsern kopfüber coole Menschen spazieren, die am Boden längst nicht so einen abgeklärten Eindruck machen, regt sich in mir erstmals wirkliches Interesse. Das Kino selbst: Ein gewöhnliches Megaplexx. Mit einer interessanten, rot beleuchteten auf-und ab- Rampe, über die man (angeblich, wir haben es nicht verfolgt) zurück in die triviale Außenwelt gelangt. Davor, auf der gasometerabgewandten Seite, eine Terrasse, die über das ganz normale Simmering schaut, Industrie und alte Neubausiedlungen und G’stättn*. Und das gefällt mir. Ich mag die Vorstadt, die dunkle Seite der Stadt. Aber das habe ich ja irgendwann schon einmal näher ausgeführt.

Auf dem Weg zurück in die vier runden ehemaligen Gasbehälter rechts eine unscheinbare Tür, die ich nie gefunden hätte, wenn nicht jemand sie direkt vor mir aufgemacht hätte. Neugierig schlendern wir hinaus und finden uns auf einer metallenen Balustrade vor einem der unwirklichsten Anblicke wieder, die mir in diesem Leben zuteil geworden sind. Links, gestaffelt, die runden fachwerkartigen Ziegelhüllen der ausgebauten Gasometer, direkt vor uns der eine mit dem angelehnten Haus mit dem Knick. Rechts die in allen Farben ausgeleuchtete Glasfassade der schönen neuen Kinowelt. Dazwischen, darunter, Straße, verlassen.

Warum, eigentlich, habe ich die Kamera nicht mit? Wir stehen und schauen und plaudern mit anderen, die auch stehen und schauen. Es ist gestern und es ist heute und es ist morgen, es ist die Bladerunner-Kulisse vor der Katastrophe, es ist ein Realität gewordene 3D-Ego-Shooter-Level, es ist in seiner Irrealität einfach schwer zu überbieten.

Und so trage wir unser Staunen vor uns her, machen noch ein paar Fotots, analog leider, daher habe ich hier nichts vorzuzeigen, trinken einen Grappa und begeben uns dann nach Hause, wo ich jetzt sitze, immer noch erstaunt und verwirrt, aber glücklich, wieder in meine gewohnte Sphäre eingetaucht zu sein.

*Gstättn: wienerisch für ein Stück Brachland, das inmitten einer urbanisierten Umgebung übriggeblieben ist.