Im Auto und die Welt zieht vorbei, erst hin und dann zurück und ganz woanders hin, so ist es recht. Zieht die Landschaft an mir vorbei, und ich bin zufrieden. Muss nicht reden, nicht planen, meine Anwesenheit genügt. So ist es gut.

Dort wo einstmals Grenzen waren, sind jetzt alle Türen offen. Jemand hat heimlich die Türen geöffnet, für die ich jahrzehntelang die Schlüssel gesucht habe. Dahinter alles ganz anders als erwartet. Das dunkle Geheimnis auch nur ein bürgerliches Wohnzimmer.

Auf der Couch sitzen meine Sehnsüchte, meine Träume und meine Wünsche. Sie unterhalten sich blendend. Mein rechter Fuss aber klebt fest in der Realität. Ich kann ihnen nicht folgen, und sie bemerken es nicht. Ich tue so als wäre ich dabei. In einem unbeobachteten Moment flüchte ich heimlich. Durch die Nacht in den Tag.

Der Schlaf eine Streckbank des Inquisitors Ich. Aber ich halte dicht. Von mir kriegt Ich keine Antwort. Im Halbtraumlicht bade ich in der Salzsäure seiner Fragen, bis das zärtliche Dunkel flieht.

Meine älteste Liebe, die Sonne, küßt mich am hirnnebelverhangenen Morgen. Der Tag riecht nach Sommerglück, aber die Welt liegt hinter Glas.

Als hätte ich Brillen aufgesetzt, die gerade einmal eine Spur zu scharf sind. Virtual Reality. Ich komm da nicht raus.

Die Sonne ein bisschen zu strahlend. Die Bäume ein wenig zu grün. Nur der Dunst am Horizont ist richtig so wie er ist: Flüchtig. Wenn man hinkommt, wo er eben noch war, ist er schon woanders.

Wir fahren zu einem Flugfeld, das es nicht mehr gibt. Startbahnen, verwachsen. Der Tower verlassen. Im Restaurant, geöffnet, schwingt klebrige Nostalgie. Während der Sufi, effizient und jovial, all seine Fragen beantwortet kriegt, streife ich wie ein Geist durch die Räume. Eventuelle Zukunftsmusik so deutlich als wäre sie schon passiert. Ich kann die Worte hören, die gesprochen worden sein werden. Vergangenheit und Zukunft: In der flirrenden Luft über dem Beton werden sie eins. Die friedliche Leere der Felder und Hallen ist eine Illusion, durch die die Schatten der Besucher wandeln, mit einem Bier in der Hand. Nur der rote Doppeldecker landet nicht: Er zieht da oben vorbei, ohne auch nur mit den Flügeln zu wackeln.

Hotel California, denke ich. Airfield California.

Den Sufi lockt das “Fest der 1000 Weine”. So schwindet der Rest des Tages auf der Suche nach einem Zimmer, das es nicht gibt. Die leere Landschaft muss voller Besucher sein, die man nirgendwo sieht. Fragt man nach einer Übernachtungsmöglichkeit, erntet man stummes Kopfschütteln. Oder ungläubiges Gelächter. Das muss mit den Passionsfestspielen im Steinruch zu tun haben, denken wir. Oder mit dem Weinfest. Oder mit der Nähe des großen Sees.

Weit gefehlt. Die Blasmusik spielt auf. 2000 Besucher, und etliche weitere Tausend verzweifelt, weil sie keinen Platz mehr bekommen.

Oh ja, ich vergaß. Wir sind ja eine Kulturnation. “Hättest du blasen gelernt”, sagt der Sufi, “dann würdest du auch Hallen füllen”. In Ordnung. Gebt mir eine Tuba, so schwer kann das nicht sein.

Ein Stückchen weiter an der Straße: Ein unscheinbares Schild, und ich sage dem Sufi, er soll dem folgen. Ich rieche etwas. Ich weiß nicht was. Ich will da hin.

Eine alte Mühle, zum Restaurant geworden. Ein Hof wie aus dem Herrn der Ringe. Birken und Erlen schattig über den Tischen. Pferde, Esel und Hühner. Ein Teich. Die Betreiber freundschaftlich und selbstverständlich, so dass es unmöglich ist, “Ober” oder “Fräulein” zu rufen. Hier gibt es nichts zu versäumen. Ein bisschen wie das Haus vor der Welt. Nur dass die Feigen Zwetschken sind.

Für Minuten zerreißt der Glasschleier zwischen mir und dem Draußen. Für ein paar Augenblicke ist es jetzt.

Als wären die Barrieren zwischen den Parallelwelten gesprengt, bin ich kurzzeitig eins mit allen, die je ich waren. Unglaublicher Friede.

Wir essen zuviel. Ich trinke ein Glas weißen Wein, was ich sonst nie mache. Wir sitzen lange. Besuchen noch Pferde und Esel.

Die Sonne neigt schon ihr fiebriges Haupt, als wir beschließen, doch noch nach Wasser zu suchen. Nur dass wir nicht zu suchen brauchen: Der See ist überall. Als würde er zu uns kommen, nicht wir zu ihm, erstrahlt er hinter dem Hügel im Abendlicht. Das ist schön. Da will ich hin.

Wir fahren durch das Dorf, und das verschlafene Gesternland wird zum Lido von Dschesolo. Durch den Schilfgürtel vielleicht noch die Spur einer Illusion von Schönheit. Dann aber erreicht man den Parkplatz, durchorganisiert und voller Familien, die ihre sonnenverbrannten Kinder zum Auto treiben. Hunderte Autoradios blasen die verschiedensten Formen halblustiger Sommeranimation in die Luft, und am langsam dunkler werdenden Strand wechseln klebrigsüße Liebespaarphrasen mit abendlichen Urlaubsstreits.

Mir wird ganz anders. Ich will hier raus. Der Sufi dreht seine Fitnessrunde im See, aber auch das verweigere ich. Sitze im Auto und lese und strafe den riesigen roten Sonnenball, der hinter mir ins Schilfbett sinkt, mit einem einzigen verächtlichen Blick. Dass auch der sich vom Tourismusverband kaufen läßt. Unglaublich, sowas.

Wegfahren ist besser als ankommen. Bleib flüchtig, berühr die Plätze mit einem leichten Hauch. Setz nicht den Fuß auf die Erde, oder du sinkst ein.

Mit der Dämmerung ziehen wir wieder über Land. Am Steinbruch halten wir. Keine Veranstaltung heute, hier ist alles leer. Ich finde eine Lücke im Zaun und klettere hinein. Wie schön: die halb gewordenen, halb menschengemachten Stein-Silhouetten. Stille. Verlassen die Stühle im Publikumsraum, geschichtenleer die Bühne. Nur meine Gedanken malen Lichter und Musik hinein, genau richtig, wie ein Versprechen, das eingelöst wird.

Ruhiger und fast zufrieden klettere ich wieder hinaus.

Dann aber auf zum Fest. In der kleinen Hauptstadt lauern des Sufis Erinnerungen. Er aber schlägt sich wacker, wackerer als ich.

Im Schlosspark das Fest. Die schöne Kulisse vergewaltigt von einer mittelmäßig miserablen Country-Tanzband. Zu schade. Wir treiben von Stand zu Stand, der Sufi kostet Weißwein, mir aber ist das zu seltsam und so bleiben viele Rote unverkostet. Endlich ein Lichtblick, ein Cafe mit Bierausschank. Mit Staunen sehen wir die jungen Leute, Kinder noch, 12-jährige, die an Vaters Seite mit Kennermiene Gläser ins Licht halten, mit wohlgewählten Worten Farbe, Geruch und Geschmack beurteilen. Gesoffen wird hier kaum. Mit dem Bierglas in der Hand ernte ich viele seltsame Blicke: Wen kümmerts. Zwischen Karussel und Schießstand unter bunten Lichtergirlanden dann eine Ofenkartoffel, jetzt wird der Abend richtig.

So richtig, dass ich schließlich auch noch ein paar Weine kosten kann, die Totalverweigerung ist durchbrochen, und ich akzeptiere sogar die unsägliche Musik, weil sie zu diesem Setting gehört wie die Gelsen zu einem lauen Sommerabend.

Der Sufi geht den Weg in die andere Richtung, und diesmal ist er es, der fliehen will. Es ist ja auch genug, und nur weil es so sehr nach damals schmeckt hol ich mir zum Abschluss ein Glas Erdbeerwein. Den trage ich durch den verzauberten Schlosspark, an den fröhlichen Gruppen und Grüppchen vorbei, die eben erstandene Weinflaschen in der ruhigeren Atmosphäre hier draußen öffnen, durch das runde Tor zurück in die Stadt, ein paar Schritte zwischen hier und dort, genau wie damals in Graz.

Wir flanieren die Hauptstraße hinunter und dann wieder hinauf, der Sufi mit einem Glas Soda, ich mit einem Becher Wein, betreiben Geschichtsforschung in Sufis Gehirnwindungen, plaudern mit anderen Spaziergängern und schlendern schließlich zum Auto zurück.

Und wieder drehen sich Räder auf dem Asphalt, und das ist gut. Die fremde Welt darf fremd sein, und ich bin viele, verwirre mich selbst und verwirre den Sufi, und vielleicht wäre der Abend noch etwas geworden, wenn der Fernseher nicht wäre, Jimi Hendrix zappt vorbei, und ich sage: Schalt das weg, das ganze Retro-Zeug deprimiert mich, und ich horche in mich hinein und frage mich überrascht: Was habe ich eben gesagt? Aber in mir bleibt es leer und still,

so leer und still, dass ich die Nacht suchen gehen muss, und ich finde sie,

aber das hilft auch nichts mehr.