Unzählige Fotos mache ich von diesen Schildern, die außer den Ungarn kein Mensch versteht. (Grafodidakt gefällt mir besonders gut.) Ob wir vom Rest dieses Abends noch andere Bilder sehen werden, von unserem Spaziergang, vom Gänseleber-Risotto auf der Andrassy Ut, vom Fotoshooting, das während des Abendmahls vor unserer Nase stattfand: Das liegt beim Sufi. Ich war zu dem Zeitpunkt nämlich vor allem müde und ein bisschen unzufrieden mit meiner Kamera. Die Surrealität der Szenerie wusste ich trotzdem zu schätzen.

Es begann damit, dass auf der gegenüberliegenden Straßenseite ungewöhnlich viel Licht einen Wagen beleuchtete, um den 3 schöne junge Menschen, 2 Polizisten und noch ein paar andere, weniger auffällige Gestalten gruppiert standen. Wir schauten genauer hin.

Im Zentrum des Geschehens ein alter Citroen, Modell Haifisch, allerdings sehr umgebaut. (Sufi? Das Foto muss hier rein!) Ein Dach hatte der Wagen nur mehr über Fahrer- und Beifahrersitz, ein selbstgebastelter Citroen-Pickup, sozusagen. Auf der entstandenen Ladefläche mehrere Lampen und Mikrofongalgen. Während ich stand und verblüfft schaute, war der Sufi schon halb auf der Straße, um dieses Wunderwerk menschlicher Kreativität von allen Seiten abzulichten. Ich grübelte derweil über Sinn und Zweck des Setups, als aus dem nahegelegenen Cafe “Absinth” (das sehr angesagt sein soll, zu dem ich allerdings gerade keinen Weblink finde) ein Kellner kam. Er fuchtelte besorgt mit den Armen und versuchte, mir klarzumachen, dass es keine gute Idee wäre, Fotos von den Polizisten und vom Polizeiauto zu machen. Ich zuckte die Schultern und beschloss, momentan kein Englisch zu verstehen. Zwar bin ich im Allgemeinen sehr empfänglich dafür, wenn mir Einheimische sagen, was geht und was nicht geht, aber andererseits kenne ich den Sufi lange genug, um zu wissen, dass ihm das vollkommen egal ist – wenn er ein bestimmtes Foto will. Der Kellner versuchte sein Glück noch in Französisch und Spanisch, was ich ebenso bedauernd aufmerksam nicht verstand, dann verschwand er schulterzuckend wieder im Lokal.

Der Sufi hatte seine Fotos und wunderte sich darüber, wie selbst über zehn Jahre nach der Wende der Obrigkeitsgehorsam offenbar noch tief sitzt. Die Polizisten selbst hatte seine fotografische Exkursion wenig beeindruckt, selbst dann nicht, als er – ein Fuss auf dem Mittelstreifen, den anderen der Balance wegen weit nach hinten gestreckt – deutlich den Gegenverkehr behinderte. Wir schlenderten weiter und wussten immer noch nicht, worum es eigentlich ging.

Erst auf dem Rückweg vom Opernhaus, wo uns das Security-Team sehr freundlich mit dem Monatsprogramm und hilfreichen Tipps für die Umgebung versorgt hatte, wurde die Sachlage klarer. Der Spezial-Citroen war offenbar dazu da, um Fotos davon zu machen, wie ein ein kleines neues Cabrio mit 3 strahlenden Jugendlichen darin an einem Lokal vorbeifuhr. Wir waren mittlerweile auch hungrig, setzten uns in den Gastgarten des Lokals daneben und beobachteten die Szene ungefähr 15 Mal. Das Cabrio fuhr, nicht aus eigener Kraft sondern gezogen von einem unbeleuchteten Wagen (damit der Fahrer auch in die Kamera strahlen konnte) ungefähr 40 Meter die Straße entlang. Daneben der Citroen, ebenfalls im Schlepptau eines anderen Wagens, mit einem Fotoapparat am Mikrofongalgen. An der immergleichen Stelle ein Blitz: Ein Foto.

Das Gänseleber-Risotto war unglaublich. Daneben überlegten wir, wofür das Shooting wohl werben mochte. Die erste Annahme – das Auto – verworfen wir schnell: Der Winkel der Kamera würde das Fabrikat keineswegs erkennen lassen. Meine Idee – ein Rasierwasser – gründete sich auf das Setting: Ein Mann und drei Frauen. Des Sufis nächster Vorschlag: Das nebengelegene Lokal – war auch nicht schlecht. Wir schauten weiter zu und einigten uns darauf, dass es – nach den beteiligten Frisuren zu schließen – keineswegs um Haarshampoo gehen konnte.

Nächster Fixpunkt des Abends war, obwohl ich eigentlich schon bettschwer gewesen wäre, das Old Man’s Music Pub. Eine ungarische Bluesband sollte dort spielen, weit war es auch nicht, und der Weg interessant. Während ich darüber sinnierte, wo ich denn zum letzten Mal Oberleitungsbusse gesehen hatte (Salzburg?), stellte der Sufi fest, dass schon der dritte spätgeöffnete Greissler einen arabischen Namen trug. Auch wenn die Gestalten davor nicht immer vertrauenserweckend aussahen, stellten wir einmütig fest, wie toll es doch ist, dass solche Geschäfte überhaupt existieren.

Im Music Pub tanzte der Mops. Obwohl der Sufi mit seiner charmanten Art uns gleich an einen einheimischen Tisch setzte, machte der Kellner klar, dass das ohne Reservierung so überhaupt nicht geht. Sonst war nirgends auch nur die geringste Nische frei. Im Einzugsbereich der Bar warteten wir auf das Konzert, das sich interesant anließ. Die erste Nummer sehr bekannt, ohne dass ich sie genau zuordnen konnte; Rock-Rap-Crossover. Die Band sehr professionell; sauber, glatt. Was dem Sufi überhaut nicht schmeckte. Richtig, Blues war das definitiv nicht. Aber das, was es war, war sehr gekonnt gespielt, obwohl es auf ungarisch seltsam klang. Ziemlich seltsam klang. Weshalb ich auch keine Einwände erhob, als der Sufi meinte, er würde lieber gehen.

Draußen hatte man das Loch im betonierten Kanaldeckel mit ein paar Brettern und einem Hinweisschild abgedeckt, was ich schade fand: Das Foto hätte ich gerne gehabt. Wir spazierten weiter, machten dann Pause auf einer Parkbank am Erzsebet Körut, wo wir noch einmal am Schnaps nippten, der leider genau so ungenießbar war wie zuvor. In der Ferne eine Art Triumphbogen, der sich aus der Nähe als eher langweiliger Anblick erwies. “Warum muss ich immer in den Untergrund?” murrte der Sufi, als wir die nächste Kreuzung wieder per Unterführung querten; “Weil hier das ungeschönte Leben ist” hätte ich antworten können, aber das fiel mir dort trotz anschaulichen Menschenmaterials aus lauter Müdigkeit nicht ein.

Es hatte leicht zu regnen begonnen, wir suchten Zuflucht unter einem riesigen quadratischen Sonnenschirm vor einem Lokal; am Nebentisch ein paar Deutsche, die sich über die per SMS eingeholten Bundesliganachrichten unterhielten. Wir plauderten noch mit der Wirtin, sie hatte jahrelang in Wien gelebt, nahe der Rossauer-Kaserne; wir weihten sie ein in unser Gefühl des “genau so und doch ganz anders”, ja, sagt sie, Wien sei sehr ähnlich, nur halt leiser und sauberer; im Detail besprechen wir den sozialen Wohnbau; Herrn Kreisky hatte sie offenbar nicht so gerne, der Sufi hätte das gerne näher hinterfragt, doch die Wirtin hatte noch andere Gäste und mich zog es ins Bett.

Also ein Taxi zum Hotel; im Verhältnis zur Entfernung teurer als in Wien übrigens (trotz offiziellen Taxameters), mir aber egal, Hauptsache ich fand ein Bett. “Ich habe aber noch Hunger” motzte der Sufi. Ich auch, aber ich wäre nicht fähig gewesen, auch nur einen einzigen Schritt zu gehen, um etwas dagegen zu tun. Zwanzig Minuten später kam er zurück, mit zwei Lammkeulen samt Pommes, und ich konnte nur still mampfend dankbar sein für so einen praktisch veranlagten Freund. Nur mit Mühe konnte ich mich am Ende der Mahlzeit noch zur minimalen Abendtoilette überreden. Der Sufi aber schaltete den Zimmerfernseher auf 3Sat und machte sich auf eine 1-1/2-stündige Wartezeit gefasst, um seine Bundesligaberichte zu sehen.

“Wer hat gewonnen?” fragte ich viel später mühsam interessiert, als eine Bewegung an meinem Rücken mich aus dem ersten Tiefschlaf weckte. “Keine Ahnung, ich hab mir stattdessen den ‘dritten Mann’ angeschaut.” war die Antwort. Dazu hätte sich einiges sagen lassen. Stattdessen schlief ich wieder ein.