der schnee, die kälte, so ist dieser winter. nicht mild und harmlos wie viele davor. also stapfe ich. durch den schnee, durch die kälte, oft allein, manchmal hand in hand. die andere, die böse hand. dunkle körperlose hand, die innen die luft abschnürt. angst nennt ihr das. diese hand kam später. zuerst war sie nicht da, da waren es nur besuche. dann zum ersten mal die angst, zum zweiten. dann immer öfter. vor dem tor noch eine schnelle zigarette, ich räucher sie aus, die dunkle hand. manchmal hilft es sogar. das tor führt in ein krankenhaus. und dann in ein anderes. krankenzimmer, krankenbetten. fremd zuerst und dann nicht mehr, und noch später bleibt die szenerie beständig anders vertraut. geräte, piepser, schläuche. was was ist, fragen wir manchmal. meistens bleibt es beim ahnen.

es bessert sich. verschlechtert sich. von tag zu tag, woche zu woche. ich komme nicht täglich, aber an den nicht-tagen fehlt etwas. draußen fällt schnee, und in der ubahn riecht es seltsam. das fieber steigt. kaltwasserinfusionen. intensivstation. das tor. die zigarette davor, die toilette dahinter. fast schon ein ritual, als ginge etwas kaputt, wenn man es einmal anders macht. die hände desinfizieren. eine schürze über die kleider. manchmal eine maske, handschuhe. hier darf nichts rein oder raus. was immer es ist. wir wissen es nicht. nein, es ist kein krebs. keine von 6000 getesteten infektionen. keine leukämie. wir können es nicht sagen. vielleicht hilft dies. oder das. oder jenes. nichts hilft. ein anderes zimmer. ein anderes krankenhaus. ein anderer arzt, eine andere ärztin. wir machen noch diesen test. und dann. und vielleicht. aber nein. wir wissen es nicht.

diese krankheit ohne namen, die passt nicht zu ihr. sie ist stark. keine löwin. eine füchsin vielleicht. sie arbeitet, sie passt sich an, sie gibt nicht auf. ein einziges mal tränen. zu weihnachten, aber das eine hat nichts mit dem anderen zu tun. sie darf nicht aufstehen. ich muss doch aufstehen, sagt sie, sonst werde ich noch schwächer. sie kämpft. ich muss essen, sagt sie, wir bringen ans bett, was sie mag.  wir sind viele, und viele mal viele gedanken. es ist kein richtiger dabei. wir organisieren uns, das dauert. es war immer sie, die uns zusammengebracht hat. sie gibt uns die stichworte, tag für tag. der löffel zittert in der hand. der blick, als sie sich zum ersten mal füttern lässt. erschrecken, beidseits. nur kurz. sie passt sich an. der pudding ist gut, sagt sie. du zitterst ja auch, sagt sie. sie lacht. sie gibt nicht auf. ich muss mich bewegen, sagt sie. physiotherapie. aufstehen. hinsetzen. nicht überanstrengen, sagen wir. ich brauche doch muskeln, sagt sie. das fieber steigt. eine neue intensivstation. neue infusionen. das fieber sinkt. die schwäche bleibt. hast du schmerzen? fragen wir, aber darüber redet sie nicht. nur einmal. die sind so grob, sagt sie, die verstehen nicht, bei meinen 37 Kilo ist jeder handgriff grob, das verstehen die nicht. wie sollten sie auch.

pläne und realität, fieber und fantasie. gute tage. wir plaudern über den sommer. und dass wir öfter einen kaffee trinken sollten. schlechte tage. sie kann kaum sprechen. nur die fernbedienung bleibt fest in ihrer hand. die nachrichten. der report. die aussenwelt verschwindet langsam, kommt wieder zurück. so wie das fieber steigt und fällt. ich bin zu leise, andere sind zu laut. du bist ja gar nicht auf der demo, sagt sie. ja, das war eine schwere entscheidung, sage ich. wir lachen und reden über die anderen demos. lange her. du siehst besser aus, sage ich, und sie sagt: ich zeig dir was und drückt meine hand. du wirst ja wieder stark, sage ich. ihr fieber geht, jetzt ist es die leber, die nicht mitspielen will. keiner weiss warum. was immer es ist, es ist hartnäckig. es ist böse. irgendwas mit blutplättchen, aber nichts bestimmtes. noch immer keine ursache. antibiotika auf gut glück. schleichts euch, ich will jetzt schlafen, sagt sie, wenn das schweigen zu dicht wird.

sie ist so seltsam traurig, sagt sie, und dass sie mit einem psychologen reden will. das ist nicht seltsam, sage ich, traurig wär ich auch. nach all der zeit. bleib stark, sage ich hilflos und nehme ihre hand. sie zuckt zusammen. was hast du denn so kalte hände, rettet sie den moment. sie lacht. ich lache auch. und denke: vier monate. vier monate und keine lösung in sicht. wir wissen nicht, sagen die ärzte, wir können nicht. der seelsorger kommt vorbei, doch sie will lieber mit dem arzt reden. man müsse sich langsam an den gedanken gewöhnen, sagen die ärzte. aber wie denn? wenn da nichts ist. kein name, der den zustand erklärt. man stirbt doch nicht an nichts. und sie schon gar nicht.

die ärzte fragen immer öfter nach verwandten. es gibt keine. nur freunde. “nur”. wir sind viele. das irritiert die ärzte. hat sie wirklich keine familie? fragen die ärzte. sie passt sich an. macht einen freund zum wahlbruder, einen anderen zum partner. die türen müssen offen bleiben. kein handy auf der intensivstation, sagt das personal. sie dürfen ihr das telefon nicht wegnehmen, sagen wir. das geht nicht. sie muss kommunizieren können. sie war immer unser kommunikator. kein handy auf der intensivstation, sagt die schwester. aber die andere steckt es zwinkernd an die ladestation. mein handy funktioniert nicht mehr, sagt sie und weiß, dass sie zu schwach ist, um die tasten zu drücken. am nächsten tag geht es wieder. ich komme nur schnell blut abnehmen, sagt die ärztin, sie schickt uns nicht mehr weg. mein bauch, sagt sie und schiebt die decke weg. so dick war der noch nie. das ist die leber, und es ist die milz. und wasser ist da irgendwie auch. ich weiß nicht, wie ich liegen soll, sagt sie, und sitzen kann ich auch nicht. immer nur am rücken liegen, sagt sie, und meine haare da hinten am kopf, ich hasse das, ich will die abschneiden. niemand will mir die haare schneiden, sagt sie. ich lasse mir etwas einfallen, sage ich. kannst du mir die füße eincremen, fragt sie, und es tut gut, sie zu berühren. irgendwas zu tun. das vielleicht gut tut. die haare müssen weg, sagt sie. niemand sonst will das, wie sieht denn das aus, fragen die anderen. es geht um etwas anderes, verstehe ich. kontrolle. ein letztes bisschen selbstkontrolle in dieser durch und durch fremdbestimmten situation. der schnee knirscht unter meinen füßen. das muss doch zu machen sein, denke ich, notfalls kaufe ich so ein rasierdings, notfalls lass ich mich von den anderen beschimpfen, es ist ihr so wichtig. es ist ihr verdammtes recht, das zu entscheiden. es ist ein bisschen einsame wut.

ein neues krankenhaus, eine neue intensivstation. die haare sind vergessen. wir müssen warten, hören von draußen ihre schmerzen. ihre angst, die wir nicht kennen sollen. es ist falsch hier zu sein, es wäre falsch, nicht hier zu sein. hände desinfizieren, schürzen über die kleider. als wir hinein dürfen, ist die füchsin wieder da. zuversichtlich. hier wird man etwas finden. in diesem bett kann sie auf der seite liegen. ihre atemnot, davon sagt sie uns nichts. die pausen zwischen den sätzen werden länger. es war anstrengend, denken wir. der transport. die vielen tests. morgen wird es wieder besser, sagt sie. denken wir. die haut spannt über dem bauch, sagt sie. es ist die leber. und die milz. aber auf der seite liegt sie besser, sagt sie. wir reden, zwischendurch schließt sie die augen. nichts weiter, eine minute ruhe zwischen den sätzen. kein fernseher hier. das macht nichts, sagt sie, ist ja eine intensivstation. im zimmer wird das anders. hier wird alles besser. bestimmt.

der schnee knirscht unter den füßen, die hilflosigkeit wie sand zwischen den gedanken. die luft anhalten bei jedem anruf. künstliche beatmung, künstlicher tiefschlaf. blutwäsche. ein intensivzimmer am ende des ganges. das sterbezimmer? fragt einer, der sich nicht beherrschen kann. die ärztin verneint. das künstliche schnaufen der maschine erzählt etwas anderes. am ersten tag noch hektisch. am zweiten beruhigend. in der nacht dazwischen ist wieder schnee gefallen, viel zu viel schnee. um 2 uhr früh am fenster denke ich, dass es jetzt wohl vorbei ist. diese leere zwischen den weißen flocken. ich kann nicht mehr einschlafen. es ist etwas wie schuld. als wäre es mein gedanke, der den unterschied macht.

frischer schnee unter den füßen, vorsichtig, es ist glatt. den gang entlang, den lift hoch. sie können ruhig ihre hand nehmen, sagt die schwester, doch ich lege meine hand lieber auf ihr knie. erzähle geschichten. jemand hat ein radio gebracht, und am dritten tag bringe ich ihre musik mit. es gibt eine schwester, die sehr nett ist und eine, die uns lieber nicht hier haben will. die ärztin ist sanft, aber reden darf sie nur mit einem. auch hier passen wir nicht in die strukturen, auch hier wird das gefüge langsam weich.

sie haben etwas gefunden, es ist ein komisches dings, ein bakterium. greift sonst nur bei aids an, oder bei schwerem gendefekt. beides hat sie nicht. die maschine atmet, und bryan ferry singt. die maske, die wir tragen müssen, macht mir atemnot. es ist wegen des komischen bakteriums, sagen sie. das internet sagt, es ist keine mensch-mensch übertragung bekannt. das dings kommt vom wasser, oder von einem mensch-tier-kontakt. dann können sie ihr jetzt helfen, fragen wir. die ärztin schließt die augen, schüttelt den kopf. organe zu schwer geschädigt. zu weit fortgeschritten. zu spät.

gestern noch warten und hoffen. heute nur noch warten. ihre körpertemperatur sinkt. als wäre das fieber müde. in zweierschritten, tag für tag. 36,1. 35,9. 35,7. ich bin nicht mehr sicher, wo das knie ist unter dieser steifen wärmedecke. ich streiche über die decke auf gut glück. ich spüre sie nicht mehr, hinter dem schnaufen der maschine. hinter dem piepen der geräte. trotzdem berichte ich von meinem tag. vom wetter. von den freunden. von den nachrichten. manchmal singt bryan ferry dazu. ich sage einen satz oder zwei, dann muss ich mich konzentrieren um luft zu holen. durch diese verdammte maske. als würde die einen unterschied machen. als hätten wir nicht in den letzten wochen oft genug dieselbe luft geatmet. ich könnte die maske abnehmen, aber ich will den schwestern keinen kummer machen. der netten schon gar nicht.

ich weiß nicht, warum ich herkomme, tag für tag, über den knirschenden schnee. es ist kein müssen, nicht einmal ein sollen. ein wollen ist es auch nicht. es ist, als ginge sich der weg von selbst, eine selbstverständlichkeit jenseits von verstand und gefühl. es ist so lange her, dass wir in meinem herzen schwestern waren. und doch.

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Ich habe viel von ihr gelernt. Das Computern zum Beispiel oder wie man ein Fax anschließt, damals, als die Kabel noch in der Wand verschwanden. Aber auch den richtigen Tonfall des “Pah”, wenn einem das Leben blöd kommt. Und dass niemand so wichtig ist, wie er sich nimmt. Sie hat mein erstes Buch gelayoutet und geholfen, meine ersten Auftritte zu organisieren. Mit 120 km/h nachts auf der Grünbergstraße waren wir gemeinsam unsterblich. Am Rande des Hungaro-Rings mit unseren Kameras so cool wie sonst nur die Foto-Jungs im Fernsehen sind. Wir haben nie eine Nacht durchgesoffen, aber oft genug durchgearbeitet. Sie hatte eine Gabe, die schweren Dinge leicht zu nehmen. Manchmal habe ich ihr das übelgenommen, wenn die Schwere mir wichtig war. Es war nicht immer alles gut. Sie konnte laut sein und ungerecht und stur. So verdammt stur. Auch davon habe ich gelernt. Mir meinen Raum zu nehmen. Nicht immer still aushalten zu müssen. Und dass dahinter ganz bestimmt wieder ein Lachen kommt. Und immer war sie bereit, da zu sein, wenn es ernst wurde. Das kann ich von mir nicht behaupten.

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die tage gleichen sich. der weg ins krankenhaus. der lange korridor. der grosse lift. das künstliche licht. wie ein dunkler traum. der klingelknopf vor der stationstür. das freizeichen vor der antwort. der viel zu laute summer. im vorraum die hände waschen, desinifizieren. manchmal warten besucher anderer patienten in diesem raum. andere geschichten. keine davon ist schön. nur tränen in vielen sprachen.

sie hat noch immer mehrere besucher täglich. manchmal treffen wir uns. ein gemeinsamer kaffee, ein paar worte. die kontakte in ihrem telefon durchgehen. das telefon nicht aus der Hand legen wollen, als wäre in dem glatten metall noch ein hauch ihrer zuversicht. dann komme ich wieder allein. meine hand zögert immer öfter vor der klingel. im zimmer ist es still. manchmal läuft das radio. es hilft nicht gegen die stille. niemand spricht mehr von masken. keine handschuhe mehr für die finger, mit denen ich über ihre stirn streiche. hilflos. ihre temperatur sinkt, dann steigt sie wieder. der blutdruck, der puls, wir sehen die werte auf dem schirm. zahlen und kurven. erzählen einander davon, weil es sonst nichts zu erzählen gibt. die maschine atmet jetzt durch den hals, nicht mehr durch den mund. das ist besser bei langzeitbeatmung, sagt die ärztin. langzeitbeatmung ist kein gutes wort. manchmal zucken ihre augenlider, die lippen. es ist ein reflex, sagt eine schwester. sie kann sie hören, sagt eine andere, reden sie mit ihr.

draußen wird’s schon Frühling, erzähle ich, das ist nur halb gelogen. alle hier kümmern sich gut um dich, das ist gar nicht gelogen. bald können wir wieder in der sonne kaffee trinken, das ist sehr gelogen. immerhin hast du es warm hier, das ist der hilflos dümmste satz. der schnee draussen schmilzt nur langsam. meist ist es dunkel, wenn ich komme. nur einmal scheint die abendsonne auf die knochigen, blassen schultern, auf das halbfremde gesicht. es ist, als hätte jemand die wirklichkeit hereingelassen. ich bin viel unterwegs in diesen tagen. erzähle von zugfahrten, von aufträgen. sage gute nacht, bis morgen, oder bis übermorgen, je nachdem. habe längst aufgehört zu fragen, ob es ein morgen gibt. alles fühlt sich fremd an in diesem zimmer. angst und traurigkeit schlafen jetzt auch. es ist nur leer.

kannst du dich erinnern, frage ich gegen die leere. erzähle alleine die geschichten von früher. sie geben weniger beruhigungsmittel jetzt. die lider flattern. manchmal öffnet sie die augen, erzählen andere. sie war wach, am vormittag, sagt die schwester. die nette. wir haben ihr erzählt, dass immer so viel besuch kommt, sagt die schwester, das hat sie gefreut. ich versuche freude hineinzulesen in das schlafende gesicht. das fällt schwer. ruh dich aus, sage ich, schlaf gut. ich bin dann übermorgen wieder hier.

noch einmal wird es kalt. noch einmal fällt schnee. als der anruf kommt, erwarte ich ihn längst nicht mehr. sie hat es überstanden, sagt einer. jetzt muss sie nicht mehr leiden, später ein anderer. es ist wohl besser so, ein dritter. das alles ist wahr und doch nicht wahr.

ein übermorgen gibt es nicht.

ein mensch ist nicht mehr da.