Was kann schon aus einem Donnerstag werden, der mit einem penetranten, dünnen Regengeriesel beginnt? Und so ist es nicht verwunderlich, dass der fiepende Wecker um sein Leben bangen muss, obwohl er doch gar nichts dafür kann. Um die Uhrzeit bin ich nicht zimperlich.

Kein Frühstück und kein Kaffee, stattdessen eine fordernde Nadel in der vom letzten Mal sichtlich noch mitgenommenen Vene, was wollen die bloss mit dem vielen Blut? Ich werd noch anämisch, wenn das so weitergeht.

Dann schleppe ich mich, mühsam den widerstrebenden Schirm balancierend, ins Krankenhaus nebenan, um mir eine kräftige Dosis Röntgenstrahlung abzuholen. Der Rezeptionsdrachen will mich nicht, nächste Woche soll ich wiederkommen. Mein Glück, dass eine Ärztin über ihre Schulter auf den Überweisungsschein schaut und meint: Ach was, das dauert doch nur 5 Minuten, kommen sie gleich mit! Der Drache schaut sehr verkniffen und schwört grantelnd Rache.

Ich lasse mich vor der Innenkamera zurechtrücken und stelle brav jegliche Regung ein, wenn man es mir sagt. Noch ein paar Fragen, dann soll ich in der Kabine warten, es dauert nicht lange. Ohne Kaffee und ohne Frühstück in meinem System wäre ich trotz der harten schmalen Holzbank beinahe eingeschlafen, aber: irgendwas stimmt hier nicht, stelle ich tranceartig fest und strecke meine Fühler aus und verfange mich mit dem Blick im Spiegel: der gehört nicht hierher.

Früher hat es das nicht gegeben, einen Spiegel in dieser Wartezelle, da bin ich ganz sicher, drei Schritte hin und zweieinhalb zurück, ein Kleiderhaken aus Messing und die gleiche mitleiderweckende Holztäfelung an den Wänden, da hat sich gar nichts verändert, nichts außer dem Spiegel, obwohl das doch in einer ganz anderen Stadt war, zu einer ganz anderen Zeit.

Mir ist als hätte ich Stunden da drin verbracht – kann ich denn nicht im Wartezimmer warten? Nein, du bleibst hier! Während die großmütterlichen Gebrechen inwendig und auswendig beleuchtet wurden, mit Flüssigkeit gefüllt und gedrückt und gequetscht, Vorgänge, von denen ich damals keine Ahnung aber eine horrorfilmähnliche Vorstellung hatte, auf die spiegellosen Wände der Röntgenwartezelle projeziert, absolute Stille, die strahlenisolierte Türe ohne Schnalle, die andere versperrt, das musste so sein wegen der häßlichen braunen Krokoledertasche mit dem Geld und den Schlüsseln, und du bleibst hier!

Stunden und Stunden und Stunden, obwohl es doch nach Erdzeit immer nur 10 oder 15 Minuten gewesen sein werden, so wie heute, aber die Kinderzeit ist eine andere, zu eingeschüchtert um zu lesen, von allen Seiten bedrängt durch die Schmerz- und Blutwelt des Krankenhauses, was man nicht alles vergessen kann, wenn man nur wirklich will.

Eins von den Bildern ist nicht hübsch geworden, und das will sie nochmal, dann: Bitte vervollständigen sie sich, den Befund können sie morgen mittag abholen. Ich versteh schon, es muss einfach todlangweilig sein, täglich zig Mal “Bitte ziehen sie sich wieder an” zu sagen. Also zucke ich mit keiner Augenbraue, bedanke und vervollständige mich und hoffe, dass die freundliche Dame in Zukunft weniger sperrige Alternativen zum Standardsatz entdeckt.

Im Warteraum sitzt mittlerweile ein uniformierter Polizist mit Gipshand, muss denn das sein? Wie sieht das denn aus? Wie soll der bloss einen Verbrecher dingfest machen oder auch nur einen Strafzettel ausfüllen? Ich verzichte darauf, ihn danach zu fragen und vergesse meinen Schirm, also den langen dusteren gelbgrünen Gang drei Mal entlang und dann entdeckt, dass ich den Schirm auch hätte liegen lassen können, er geht nämlich nicht mehr auf.

Jetzt aber schleunig nach Hause und Kaffee, intravenös, Schwester! Und dazu eine halbe Melone und ein Marmeladekipferl, frisch.

Der Regen schnürlt noch immer dünn und grau, ich klitschnass ohne Schirm & die neue Scheibe von Oasis klingt ganz genau wie alle alten und der Briefkasten ist voller Rechnungen, aber was macht das schon. Ich hab noch ein Marmeladekipferl.