Vielleicht hätte ich ja den Satz mit dem Wasserschaden weglassen sollen im vorletzten Beitrag. Vielleicht gibt es ja doch irgendwo einen bösartigen Gott (oder eine Horde bösartiger kleiner Kobolde?), die solche Aussagen leise kichernd… verwerten. Aber ich greife vor.

Eigentlich sollte man doch annehmen, dass unten beschriebener Netzausfall genug Katastrophe ist für einen Tag. Stattdessen folgte der Serverausfall auf dem Fuss. Der Serverausfall passierte wegen Überhitzung, das wiederum eine Folge des Ausfalls der Klimaanlage, die allerdings nicht repariert werden konnte, weil das daran kaputtgegangene Teil “noch nie irgendwo kaputtgegangen” war. So weit, so schlecht. Die Serverfarm wird angeblich zwischenzeitlich mit Trockeneis gekühlt (gesehen habe ich es nicht, stelle es mir aber spacig vor).

Jetzt endlich genug für einen Tag? Weit gefehlt. Als ich, etwas niedergeschlagen von diesem geballten Technikversagen, die wohlverdiente Nachtruhe antreten und vorher noch mein indisches Klo (jenseits des Ganges) aufsuchen wollte, hörte ich ein (erstmal) leises Plätschern und spürte, noch bevor ich mir einen Gedanken dazu machen konnte, etwas auf meinen Kopf tropfen. Ich schaute nach oben, und es war alles klar.

Eine Wiederholung dieser Katastrophe also, nur in kleinerer Ausführung. Ich seufzte leise, war froh, dass es diesmal zumindest (noch) nicht in meiner Wohnung stattfand – ein Kataströphchen sozusagen – stellte einen Eimer darunter und machte mich auf den 4 Stockwerke tiefen Weg zum Hausmeister.

Es war mittlerweile 00:15, eine Uhrzeit, zu der rechtschaffene Leute durchaus schon mal schlafen können. Ich klingelte erst, klopfte dann, mehrfach, mit steigendem Unbehagen. Nachdem ich die Klingel sekundenzählend eine Viertelminute lange gehalten hatte, mit der anderen Hand gleichzeitig klopfend, und dann noch eine Minute abgewartet, war mir klar: Da macht keiner mehr auf.

Ich begann also, das Haus abzuklappern, auf der Suche nach jemandem, der eine Ahnung haben könnte, wer außer dem abwesenden Hausmeister noch einen Dachbodenschlüssel besitzen könnte. Eine Mauer des Nichtöffnens schlug mir entgegen, auch aus den Wohnungen, in denen deutlich hörbar ein Fernseher lief. Beunruhigend auch die Wohnung, aus der man durch die Milchglastüre eine Kerze brennen sah, in der sich aber genau so nichts und niemand rührte.

Einzig und allein der gitarrenspielende Freund des Betriebswirtschaftsstudenten öffnete zögerlich die Türe, hörte sich die Geschichte an und zuckte bedauernd die Schultern: Nein, er wüsste auch nicht, wer noch einen Schlüssel haben könnte. Besah den Schaden, fragte mich mit großen Augen “glaubst du denn, dass das einbricht?” – “Nein das nicht, aber man kann es ja nicht einfach weiter rinnen lassen?” – Der darauffolgende Blick bestätigte den in mir bereits aufgekeimten Verdacht, dass die Beschreibung “nüchtern” auf ihn keineswegs zutreffen konnte. Er beäugte – langsam – erst den Schaden an der Decke, dann die Wasserlacke am Boden, und wandte sich dann wieder mir zu.  “Das wird nicht zusammenbrechen”, sagte er bestimmt, schüttelte bekräftigend den Kopf und verschwand ohne mit der Wimper zu zucken in seiner Wohnung.

Oben an der Decke waren zu der einen tropfenden Stelle mittlerweile noch ein paar andere dazugekommen. Der Schaden weitete sich aus. Ich machte mich nochmals auf den Weg ins Erdgeschoss, klingelte – mangels besserer Ideen – nochmals beim Hausmeister, dann noch bei seinem Nachbarn, wo auch ein Fernseher lief, aber ebenfalls niemand aufmachte. Schaute vor der Tür die Fassade hoch, wo denn noch Licht brennt. Außer bei mir nur noch in einer Wohnung. An der ich ebenfalls schon einmal geklopft hatte. Ich versuchte es nochmal, wieder vergeblich.

Saß dann in meiner Wohnung und fragte mich: Was tun? Ignorieren, wie der dickfellige Nachbar? Schließlich tropfte es draußen, vor der Tür. Und nicht bei mir. Allerdings tropfte es jetzt schon über die gesamte Breite des Flurs und nicht wie anfangs nur an einer Seite. Das könnte sich auch noch weiter verbreiten. Eventuell bis zu mir.

Ich begann zu telefonieren. Dass bei der Hausverwaltung niemand abheben würde, war mir klar; ich hatte aber gehofft, einen Anrufbeantworter mit eventuellen Notfallnummern hören zu dürfen. Nichts. Ich überlegte noch ein bisschen und rief dann bei der Polizei an. Nicht den Notruf, natürlich. Bezirkskommissariat. “Guten Abend, mir ist schon klar, dass das kein Fall für die Polizei ist, aber vielleicht können Sie mir einen Tipp geben. Bei uns am Gang tropft es aus der Decke…” hob ich an, meine Geschichte zu erzählen. “Feuerwehr”, sagte der Mann am anderen Ende bestimmt. “122!” – “Wissen sie, eigentlich geht es nur um den Schlüssel zur Dachbodentür, den nur der Hausmeister hat, und der ist nicht zu Hause…” versuchte ich es noch einmal. Ich wollte ja defintiv keinen Großalarm auslösen. Ich wollte doch nur einen verdammten Schlüssel, Nachschlüssel oder Dietrich für diese verdammte Dachbodentür, um die verdammte Regenrinne – meinetwegen auch eigenhändig – ausräumen zu können. “Feuerwehr”, wiederholte der Polizist, ohne mich ausreden zu lassen, “122. Für Wasser ist die Feuerwehr zuständig.” Ich bedankte mich artig und legte auf. Ging nochmals nach draußen und besah mir die Sache, um zu entscheiden, ob sie einen Feuerwehreinsatz rechtfertigte. Mittlerweile tropfte es nicht nur aus der Decke, sondern lief auch an beiden Seiten die Wand hinunter. So konnte es nicht bleiben.

Den Notruf wollte ich trotzdem nicht wählen. Ich schlug die Nummer der Feuerwehr in meinem Bezirk nach. Es gab keine. Ich versuchte es bei der Feuerwache vom vierten Bezirk. Hörte 4 Freizeichen, eine Tonbandstimme “Bitte warten!”, noch zwei Freizeichen, dann ein Klappern und ein Atmen. “Hallo?” fragte ich. Mehr Klappern und mehr Atmen. “Ist jemand dran?” fragte ich. Es klackte noch einmal. Dann das Besetztzeichen.

Ich versuchte es bei der Nummer, die für den sechsten Bezirk angegeben war. Das Freizeichen, nach dem 15. legte ich auf. Betrachtete die Alternativen auf dem Schirm, die keine waren. Alles sehr weit weg. Atmete tief durch und wählte beherzt zum ersten Mal in meinem Leben eine Notrufnummer. Die 122.

Der Mann am anderen Ende war professionell genug, um geduldig zu sein. Er hörte sich alles an, ließ sich Adresse und Rückrufnummer geben und versprach, in 5-7 Minuten jemand vorbeizuschicken, der sich die Sache genauer anschauen würde. Ich ging nach unten, falls mittlerweile jemand die Haustür zugesperrt hätte. Hatte niemand. Ich wartete, und nach kurzer Zeit kam… eine Funkstreife. Während ich den beiden (sehr freundlichen) Beamtinnen die Lage schilderte und mit ihnen wieder die Treppen zum Ort des Geschehens hochkletterte, fragte ich mich, wieso man denn von der Polizei an die Feuerwehr verwiesen wird, die dann nach dem Anruf erstmal die Polizei vorbeischickt. Ich fragte mich das sehr innerlich und sehr leise, denn primär war ich froh, nicht mehr mit der tropfenden Decke allein zu sein.

Als nächstes durfte ich feststellen, dass man mit einem Klopfen und einem freundlich-aber-bestimmten “nicht erschrecken, hier ist die Polizei” etliche Nachbarn hinter dem Ofen hervorlockt, die eine Viertelstunde davor auf kein noch so verzweifeltes Klopfen und Klingeln reagiert hatten. Den Schlüssel hatte trotzdem keiner.

Dann kamen auch schon die Jungs von der Feuerwehr, 5 Mann hoch, mit zwei Köfferchen. Sie warfen einen Blick auf die Bescherung, einen zweiten auf die Dachbodentür. “Kastenrinnen?” fragte mich einer fachmännisch. Ich nickte und erzählte zum dritten Mal, dass es keineswegs das erste Mal war, dass diese überliefen… nur diesmal der Hausmeister mit dem Schlüssel nicht zu erreichen…

Mittlerweile hatte der Rest des Trupps schon mit den Polizistinnen konferiert und machte sich daran, die Tür aufzubrechen. Das ging nicht ganz ohne Fluchen ab, war aber doch im Nullkommanix passiert. Mit Taschenlampen verschwanden vier der fünf nach oben und hatten das Problem in weniger als 10 Minuten lokalisiert und repariert. “Von oben schaut es gar nicht so schlimm aus. Sagen Sie der Hausverwaltung, dass so etwas mindestens alle 6 Monate gereinigt gehört”, meinte einer. “Und sagen Sie denen, dass und warum die Dachbodentür aufgebrochen wurde!” mahnten die Polizistinnen. Ich versprach, das zu tun, bedankte mich bei der Taskforce und wünschte ihnen eine ruhige Restnacht. Sie mir einen störungsfreien Schlaf.

Aber vor demselbigen musste diese Geschichte natürlich gebloggt werden. Die Decke tropft jetzt kaum noch (das ist das übergelaufene Restwasser, das da durchkommt). Eben war ich nochmals draußen, um nach dem Rechten zu sehen. Der gitarrenspielende Freund des Nachbarn schlich auf dem Weg zum Klo vorbei. “Siehst du, es hat ja schon fast aufgehört!” strahlte er mich an.

Oh ja. Das hat es.