Sie stand schon lange auf unserer “Will-hin”-Liste, die CD-Release-Party von Ja, Panik, die gestern Abend im B72 über die Bühne ging. Das heißt, gestern wurde mein Wollen etwas wackelig, hatte ich mir doch die Nacht davor beinahe völlig um die Ohren geschlagen. Mit alter und neuer Musik und vielleicht einem Bierchen zu viel. Während mein Lieblings-Altrocker nach knapp 4 Stunden Schlaf aus dem Schlafzimmer gesprungen kam wie eine penetrant frische Frühlingsbrise, robbte ich auf allen Vieren zum Zug und hatte eigentlich nur eins im Sinn: Mein Bett. Das ging aber nicht, denn erst rief die Arbeit, und dann rief der Herr Sufi, der dieses Konzert um keinen Preis verpassen wollte.

Früher hätte ich bei so einer Gelegenheit gerufen: “Man ist nur einmal jung”, gestern aber murmelte ich: “Na gut, schließlich ist man nur einmal mittelalt.” Wir zogen also los, fanden bald die Location, deren Vorraum aus einer angenehm anonymen Bar mit einer Handvoll junger Leute bestand (“Meine Güte”, flüsterte der Sufi mir ins Ohr, “dürfen die überhaupt schon Bier trinken in dem Alter?”) und verzogen uns in eine dunkle Anti-Falten-Ecke, um auf den Einlass zu warten.

Als es soweit war, wirkte der Saal erst recht harmlos. Trotzdem wollte ich nicht unten an der Bar bleiben, sondern ergatterte uns einen Tisch an der Reling der oberen Ebene, was sich bald als guter Move herausstellen sollte: Der Raum begann sich zu füllen. Und hörte damit nicht mehr auf. Von unserem Ausguck beobachteten wir wohlwollend das sympathisch-fremde Jungvolk. Ich fühlte mich ein bisschen wie auf einem fremden Planeten. Nur die Adam-Green-Typen schienen halbwegs aus meiner Welt. Im Spiegel im Waschraum verstand ich warum: Ich hatte selbst den Adam-Green-Blick drauf, an diesem Abend.

Der Party-DJ verbreitete angenehmen Alternative-Rock-Mix, das Bier begann wieder zu schmecken, und der Raum füllte sich weiter. Und irgendwann (Zeit spielte längst keine Rolle mehr) betraten vier Leute die Bühne, beschäftigten sich erst ohne Eile eine Weile mit ihren Instrumenten – und legten dann los.

Wie die Musik von Frontman Andreas Spechtl klingt, habe ich ja hier schon beschrieben – für den Bandsound stellt man sich das ganze mit einer großen Dosis Punk- und Progressiverock vor. In der geballten Kraft und Lust, in der diese musikalische Feuerwalze von der Bühne kam, verglühte allerdings jede Analyse zur Bedeutungslosigkeit. Einen Song lang versucht mein Bühnen-ich noch, mitzudenken (das Keyboard etwas zu laut, die Stimme etwas zu leise). Aber auch das war bald egal.

Eine Stunde auf der realen Uhr verdichtete sich zu einem magischen “kleinen-finnischen-Club”-Moment. Kaleidoskop: Der weitgehend einhändig agierende Keyboarder, der Bassmann, der zwischen den Songs eher unbeteiligt wirkte, beim Spielen aber so abging, dass man beinah Sorge um den Bass-Hals hatte, und der Schlagzeuger, der den Rhythmus vor sich her trieb wie ein wahnsinniger Cowboy seine Rinderherde – und natürlich Andreas Spechtl, der nicht nur mit Stimme und Persönlichkeit punktete, sondern auch mit geraden wie schrägen Tönen auf der Gitarre.

Die CD, ja, kann man hören, kann man kaufen (schon wieder unbezahlte Werbung hier), auch wenn sich der Mix streckenweise etwas zu sehr an die allgegenwärtige “Wir-sind-Helden”-Welle anbiedert. Dem live-Feeling am nächsten kommt zweifellos die beiden letzten Nummern, “Kreuzgut” und “Totengräber gegen Geisterjäger”. Aber live hören sollte man die Jungs unbedingt, sei es in München, Köln, Hamburg oder auch in Hollabrunn.