Klagenfurt, anders

Klagenfurter Aussichten

Erstmals so richtig nach Klagenfurt gefahren. Bisher war ich dort nur auf der Durchreise, ein Stündchen oder zwei, ein kurzer beruflicher Termin, ein Mini-Spaziergang bevor der Anschlusszug fährt. Diesmal standen zwei Tage im Kalender, mit wenig aber doch etwas Freizeit für Spaziergänge und Fotos.

Sonntagabend also saß ich im Railjet und bereute etwas meine sommerliche Kleidung, besonders die Sandalen, als es bei Friesach übergangslos zu schütten begann. Zu meiner Erleichterung hörte es kurz vor Klagenfurt wieder auf. Beste Bedingungen also für einen Abendspaziergang, bevor es am nächsten Tag richtig losgeht mit dem beruflichen Grund der Reise, dachte ich erleichtert. Aber erst einmal ins Hotel. Der Weg dorthin führte an den üblichen bahnhofsnahen Tristessen vorbei und dann unter der Bahn durch. In der Unterführung küssten sich zwei magere Menschen inniglich. Ein paar Meter weiter lag eine Tasse Erdbeeren im fortgeschrittenen Verwesungszustand. Die mittelalte Dame vor mir (möglicherweise etwas jünger als ich) umklammerte ihre Handtasche, als ich sie überholte. Insgesamt wirkte die Gegend nicht sehr vertrauenserweckend.

Aber immerhin war das Hotel, das ich nach Fußläufigkeit zu den Veranstaltungsorten am nächsten Tag ausgesucht hatte, ohne auf die Bewertungen zu achten (die las ich später abends im Bett), deutlich besser als die Internet-Meinungen vermuten ließen, wenngleich das Haus seine besten Tage augenscheinlich hinter sich hat. Aber ein Wasserkocher mit Pulverkaffee und ein Balkönchen zum Rauchen versöhnen mich mit fast allem, solange das Zimmer sauber ist – und das war es.

Dann also zum Spaziergang. Ein Hüngerchen meldete sich auch. Die Pizza-Kebab-Stelle gegenüber sah nicht sonderlich sympathisch aus, der Grieche nebenan wirkte mir zu sehr nach Familienrestaurant, um mich hineinzusetzen. Ins Zentrum waren es kaum eineinhalb Kilometer. Also los. Die Unterführung wirkte trotz rot-gelber Wandfarbe noch düsterer als vorhin, die verrottenden Erdbeeren lagen unberührt am selben Platz. Auf der anderen Seite der Bahn schienen selbst kulturell wichtige Gebäude intensiv abweisend.

Es könnte ja nur besser werden, sagte ich mir – aber das wurde es nicht. Die nach dem Regen halb getrockneten Straßen weitgehend menschenleer. Immerhin, dachte ich, immerhin wirken die wenigen Menschen, die sich sehen lassen, ziemlich normal. Fast schon hätte mich das Gefühl dräuender Düsterheit ganz verlassen, als von hinter einer Hecke fröhliches Jugendgelächter nach einer entspannten Sonntagsparty klang. Schön – doch leider machte ich den Fehler, um die Ecke zu lugen.

Da, tatsächlich dieses Gefühl, dass der Herzschlag erst einmal aussetzt, sah ich ein yeti-artiges Wesen (Krampus? Perchtn?), und wäre oben auf dem Kostüm nicht ein harmlos lächelndes Teenagergesicht gewesen, ich wäre in heillosem Fluchtinstinkt losgerannt.

So blöd, dachte ich, während ich mich aufs ruhig atmen konzentrierte, so blöd kann auch nur ich sein, mich vor einem Kostüm zu erschrecken, nur weil es groß ist und viele Haare hat. Ich fragte Google, wie weit es denn jetzt noch wäre bis zur Innenstadt. Google hüllte sich in Schweigen, entweder kein Internet oder kein GPS, jedenfalls fand Maps weder mich noch sich. Das trug auch nicht gerade zur Entspannung bei, ebensowenig wie der (hoffentlich) Sonnenuntergang, der die Wolken hinter den Wohnsatellitenbauten düster-rot färbte, ungefähr so, wie sich in Call of Pripyat eine gefährliche Anomalie ankündigt.

Ich lachte mich selbst innerlich aus, wurde aber das Gefühl der seltsamen Parallelwelt nicht los, schon gar nicht, als das Schild „Zum Bahnhof“ in die entgegengesetzte Richtung zeigte, als ich erwartet hätte. Weil, obwohl ich mich in einem Straßengewirr durchaus verirren kann, ist mein Orientierungssinn ansonsten recht verlässlich, was grundsätzliche Richtungen angeht. Aber in dieser Gegend haben offenbar schon andere weiße Fahnen gehisst. Und dann stehen noch Denkmäler mit seltsamen Zeichen herum. Ich denke an Dharma, auch wenn das grafisch etwas unhaltbar ist.

Dann noch, aus einem offenen Autofenster, ein Song, der hier definitiv nicht hergehört, wobei sich das „hier“ mehr auf die Zeit als auf den Ort bezieht. Und dann ein Eck mit einem geschlossenen Geschäft, leer, die rot umrandeten Schaufenster von allen Seiten angerostet, aus den Treppenstufen davor wachsen die ersten Unkräuter, und auf der letzten Stufe sitzt eine Frau mit einem Hund an der Leine, der Blick der beiden leer, bewegungslos.

Ich nehme den Weg zum Bahnhof, den ausgeschilderten, nicht den gefühlten. Auf mein Gefühl möchte ich mich jetzt lieber nicht verlassen. Vom Bahnhof finde ich mein Hotel, denke ich, und versuche, möglichst nicht mehr nach links oder rechts zu schauen. Ich tue Klagenfurt unrecht, denke ich. Du, Stadt, es liegt nicht an dir, es liegt wohl an mir, denke ich. Aber es fühlt sich gerade so an, als würdest du mich gar nicht mögen.

Vor dem Bahnhof dann Erleichterung, dass der wirklich dort ist, wo er sein soll. Auch Google Maps findet sich (und mich) wieder. Ich erinnere mich an mein Hüngerchen. Pizza?

Pizza, sagt Google, gibt es in fußläufiger Nähe heute nur noch gegenüber von meinem Hotel. Und auch das nur noch 20 Minuten. Ich eile! Durch die bekannt düstere Unterfühung in das nahöstliche Pizzalokal, wo ich – keine Überraschung – erst einmal 5 Minuten ignoriert werde, bevor ich meine Pizza bestellen darf. Was soll’s. Mit Pizza, Wasser und Bier bewaffnet, erreiche ich dankbar mein Zimmer.

Das wirkliche Klagenfurt schaue ich mir dann ein andermal an.