Was mir dann noch durch den Kopf gegangen ist, so nach dem ersten Bachmann-Tag des Jahres, ist, dass es irgendwie auch bezeichnend ist für die Veränderung der Jahre, dass die heurige aktionistische Einlage aus Text-Essen besteht, und dass diese kleine, im Rahmen des Textes vielleicht milde amüsante, unterm Strich aber doch eher peinliche Geste sofort alle an Rainald Götzs blutiges Rasierklingenspielchen erinnert. Nicht, dass wir uns jetzt falsch verstehen, ich will kein Blut sehen. Esspapier aber auch nicht. Ich finde, Klagenfurt ist für die Texte da und nur für die Texte, und wem die Worte nicht Kunst genug sind, der soll sich eine andere Bühne suchen. Aber die Aktionismusqualität eines stark blutenden Stirn-Schnitts verhält sich zur Aktionismusqualität des Esspapier-Verschlingens in etwa so, wie die damaligen Texte zu den heutigen, und für die Jury-Diskussionen gilt dasselbe.

Was nicht unbedingt heißt, dass die Texte schlechter sind als früher; nach formalen, literaturwissenschaftlichen Kriterien betrachtet. Ich glaube nicht, dass sie schlechter sind, im Schnitt betrachtet, aber um das genau zu beurteilen, müsste ich altes wiederlesen, in großer Menge, zum direkten Vergleich, dazu fehlt die Zeit. Reden wir stattdessen über das Wollen. Das ist der Bruchteil des Unterschieds, auf den ich meinen Daumen legen kann. Das Wollen fehlt.

Ungenau. Natürlich gibt es ein Wollen. Es ist, vordergründig und offensichtlich, das gleiche Wollen seit Anbeginn des Bachmann-Preises: Wahrgenommen werden wollen. Reich und berühmt werden wollen. Gesehen werden wollen. Ich rede auch nicht von weltbewegenden Utopien, ein Wollen, das heute ohnehin ein Selbstvernichtungskriterium wäre (warum eigentlich?). –  Was (mir) in Klagenfurt fehlt, ist das andere Wollen, das, das zwischen den Zeilen der Texte, zwischen den Wörtern in der Luft hängt. Das früher, Autoren-subjektiv, so klang: “Ich habe einen verdammt guten Text geschrieben. Ich habe gekämpft und geschwitzt, gemeißelt, fein ziseliert, ich habe etwas erschaffen. Hier ist es. Höret und Staunet!” – Wohinegen heute, wenn überhaupt, das nicht Gesagte so klingt: “Ey, ich hab da mal irgendwas geschrieben, ich les das jetzt vor, dauert auch nicht lang. Viel Zeit hab ich ohnehin nicht, muss dann zum Interview und meinen Platz in der Literaturwelt einnehmen.” – Nun ist es ja nicht so, dass alle früheren Texte tatsächlich gut, groß oder gar weltbewegend gewesen wären. Aber ich darf mich schon fragen:  wenn eine/r nicht zumindest selber davon überzeugt ist, dass sein Text etwas Besonderes ist – was will er/sie dann in Klagenfurt?

Und dann die Jury. Zugegeben, die meisten Texte sind heuer und in den letzten Jahren durchwegs “handwerklich erstklassig” (lies: literaturbetriebskompatibel glattgestriegelt). Obwohl das kaum mehr nötig wäre. Faktische Fehler werden nicht einmal angesprochen, sprachliche Unerträglichkeiten von flachen Redewendungen bis hin zu missglückten Metaphern kommen ungeschoren durch. Was Wunder, hat doch die neue Moderatorin schon vor dem ersten Text sinngemäß einen sanften Umgang mit den Autoren eingefordert (sorry, kann mich nicht wörtlich erinnern, es war noch sehr früh). Dass sie zu Beginn der ersten Diskussion dann Spinnen zitiert – “der Spagat zwischen gnadenlosem Urteil und trotzdem humaner Behandlung” – rettet auch nichts mehr. Oder es wäre ohnehin so gekommen. Verlagskontakte? Angst vor Widerspruch oder Entrüstung, wenn man etwas schlecht nennt? Ich vermisse auf Jury-Seite die persönlichen Meinungen, auch und vor allem die, die mit meiner eigenen nicht konform gehen – Kunst ist nunmal, von wenigen messbaren Kriterien abgesehen, subjektiv, und macht erst dann richtig Spass, wenn man die Möglichkeit hat, sie im Diskurs zu betrachten. Aber so? Alles wird akzeptiert, alles hat seine Berechtigung, und komm, es haben sich eh alle lieb.

Es ist einfach alles so gotterbärmlich “politisch korrekt”. Die Texte, die Autoren, die Jury und die Diskussionen. Die glattgeschniegelten Marketingheinis haben auch hier längst gewonnen.