Heute ist Pfingstsamstag. Ein gefährlicher Tag für Jungfrauen, zumindest in der Weltgegend, in der ich mich zur Zeit bewege. Nach einem alten Brauch werden hier in der Nacht von Pfingsamstag auf Pfingstsonntag den Häusern, in denen Jungfrauen (lies: unverheiratete Frauen) leben, Streiche gespielt.

Wenn eine Familie, die eine unverheiratete Frau in ihrer Mitte hat, unvorsichtig genug ist, nicht alles mehr oder bewegliche Gut in Sicherheit zu bringen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die im Garten vergessenen Teile sich am nächsten Morgen auf Dächern, in Bäumen oder am Kirchenvorplatz wiederfinden.

Und hier ist nicht nur die Rede von Gartenmöbeln oder kleinen Blumentöpfen. Die ungläubige Morgensonne durfte schon ganze Traktorenanhänger festgezurrt an die Dachschräge eines Stallgebäudes bewundern, unbestätigten Gerüchten zufolge sogar mitsamt einer Ladung Mist.

In den letzten Jahren allerdings, so eine (unverheiratete, vermutlich sogar jungfräuliche) Dorfbewohnerin, hat diese Tradition stark nachgelassen. Die männliche Jugend, so die in der gemütlichen Abendgesellschaft vorherrschende Meinung, verbringt diesen Samstag wie jeden anderen Samstag lieber in den Diskotheken der Umgebung, als das alte Brauchtum hochzuhalten.

Unbeantwortet bleibt in der Geräuschkulisse der zirpenden Grillen und klingenden Weingläser die Frage, woher denn dieser Brauch stammen mag. Stattdessen werden die besten Ankedoten aus der Zeit erzählt, als es noch echte Burschen gab. Einer sitzt in der Mitte und schweigt beharrlich auf die Frage, ob er denn damals dabei war. Und grinst.