Langatmige Beschreibung eines ganz normalen Novembertages mitsamt halber politischer Stellungnahme


Ich erwache in einen frösteligen Morgen, langsam wird es Zeit, nachts durchzuheizen, denke ich, und durch die tropfenbeschlagenen Scheiben zwinkert eine blassgelbe Sonne. Mit weichem und hartem Kaffee und saunamäßig aufgeheizter Duschecke wappne ich mich für diesen Arztbesuch, ich habe meine Kontaktlinse ruiniert, ist aber ohnehin wieder mal Zeit für Kontrolle. Frage mich, ob die 80 Seiten Corrections, die mir noch bleiben, wohl reichen werden; so gut die Ärztin ist, so voll ist üblicherweise auch ihr Wartezimmer – und so chaotisch die schnippische Sprechstundenhilfe.

Unterwegs Atemdampfwölkchen geblasen und mich gewundert, wie frühlingshaft die Spätherbstbäume aussehen. Dann die Überraschung, beim Eintreten in die Ordinationsräume zum ersten Mal in den 10 Jahren, die ich mich hier betreuen lasse, gleich beim um-die-Ecke-lugen trotz wärmebeschlagender Brille einen freien Platz erblickt. Was heißt einen? 20! Außer mir nur zwei Leute da, davon eine offensichtlich Begleitperson. Brille abgenommen und geputzt. Hinter dem Verschlag eine völlig neue Sprechstundenhilfe erblickt. Wunder geschehen.

Kaum 3 Seiten später sitze ich schon im High-Tech-Stuhl und lasse meinen Augenhintergrund gründlich ausleuchten, alles bestens, auch die Stärke nicht verändert, danke sehr, auf Wiedersehn.

Draußen die Frage an die frische Hilfe, wie lange wird es dauern? Gefasst auf die üblichen widerwillig ausgepuckten “10 bis 14 Tage”, erlebe ich ein neues Wunder, “Ach”, sagt die Perle, “da ruf ich gleich an. Mit etwas Glück am Dienstag, aber spätestens in einer Woche.” Solchermassen beglückt, begegne ich der Kälte draußen mit ganz neuer Energie. Was mache ich mit dem gewonnenen Nachmittag?

Der Jeans-Diskount lockt mit frisch eingetroffener Ware und einem Donnerstags-Rabatt von 20%, da wollen wir doch mal sehen. Ein klassisches Workman-Modell, nur € 14,99. Und etwas Schrägeres in abgenutzter-Samt-Optik, zwar immerhin € 29,99, sieht aber steil aus. Dazu ein schwarzer Halbrollkragen-Pulli, nö, der ist kuschlig, da nehm ich gleich zwei, um 6,99. Oder drei? Nein, man soll’s nicht übertreiben.

So bepackt treffe ich auf die Schlange an der Kasse. Damit ist jetzt nicht die Kasiererin gemeint, sondern eine wabernde Masse von bezahlen wollenden Menschen aller Nationen und Hautfarben: Ich zähle bis 30, dann gebe ich auf. Lasse die Objekte meiner Begierde unauffällig in ein praktischerweise gleich neben mir stehendes Regal gleiten und gleite selber mit leeren Händen elegant an der Schlange vorbei.

So einfach spart man € 58,96. Was noch? Ach, ja, der Videoverleih. Der bietet nämlich außer den immer schon vorhandenen deutschen, türkischen, serbischen und kroatischen Filmen seit zwei Wochen auch englische Originalversionen an. Auf so etwas in Spaziergangsnähe habe ich die letzten 6 Jahre gewartet. Bei meinem ersten Besuch hatte ich zwar den Reisepass dabei, aber keinen Meldezettel. Heute habe ich hoffnungsfroh den Meldezettel eingesteckt, stelle aber beim Griff in die Tasche fest, dass Reisepass und Führerschein im zuhausegbliebenen Rucksack stecken. Na Bravo.

Noch eine Kaffeekardinalschnitte aus der Konditorei, Salbe gegen wintertrockene Lippen und aufgefieselte Fingernagelecken aus der Apotheke geholt, Zigaretten aus der Trafik. Kalt ist es geworden, sagt der Trafikant. Ja, fürchterlich, sage ich. Die c’t auch? fragt er. Nein, die habe ich schon am Montag bei der Gattin gekauft, sage ich. Ach so, das hat sie mir gar nicht gesagt, meint er verwundert und kämpft wie üblich mit dem falschen Barcode meiner Lieblingszigaretten.

Auf dem Heimweg werde ich das Bild nicht los von Herrn Trafikant und Frau Trafikantin, wie sie abends im Bett liegen und Kundeninformationen austauschen; “…und die rothaarige Frau, du weisst, die Fallschirmspringerin, hat heute bei mir die c’t gekauft und die üblichen Zigaretten” – “Wirklich?” – “Ja, und dann war da ein Typ, den ich noch nie gesehen habe, schwarzer Anzug und schwarze Krawatte, wie von einem Begräbnis, der hat gleich eine ganze Stange Malboros genommen.” – “Seltsam. Und die Frau mit dem roten Korb und dem häßlichen Hund, war die nicht da?” – “Nein, die war nicht da.” – Seltsam, die kommt doch sonst immer am Montag…” undsoweiter, undsofort, bis ins Morgengrauen.

Gegen solche Horrorvorstellungen sollte doch eine Runde im Netz helfen und noch ein Kaffee sowie die oben erwähnte Kaffeekardinalschnitte. Nun leide ich ja üblicherweise unter der hier so treffend charakterisierten Gegenwartsnachrichtenmüdigkeit, und den Bush-Erfolg hatte ich zwar registriert, aber als “voraussehbar” sofort wieder abgelegt. Die Zeiten haben auch mich zu einer Großmeisterin im politischen Verdrängen gemacht – mein Pech, dass ich gleich zu Anfang meiner Runde in meinem Lieblings-Fallschirm-Forum auf eine Offtopic-Diskussion zum Thema Bush, Terrorismus und Saddam stoße und darin gleich auf solche Meinungsperlen wie:

We didn’t start the party. It’s house rules. Yep, we’re the big dog on the block, you’ve crapped in our yard. We have come off the porch and now we’re in their yard. I don’t want to hear the “unfair” complaints.

oder

The UN? I really have had it with the UN. The UN has NO place in today’s world. The UN was created for a reason, and that reason is now nullified. It has become the demure master with the Big Dog on a heavy chain. The UN likes to play their little holier than thou games as we (the US) fund them and fight their wars. But god forbid we want to go defend ourselves from the evils of this world.

oder

We’re at war whether you like it or not. Nobody wants a war, but talk is not going to resolve this problem. You need to find the people who planned the WTC attack and remove them and their cronies. They will NOT stop attacking our country or people abroad. You can try to eliminate civilian casualties but you never will.

oder

Those Al Quaide knuckleheads needed killing and the US killed them.

Nun, es sind ja nicht alle, nicht mal “da drüben”. Und aufatmend lese ich die zwischengeworfenen Voices of Reason, etwa

[…] The U.S. is the ‘big-dog’ there’s no doubt about that but unless it goes through the UN with everything, it is a ‘big-dog’ without a leash… Nobody like that.

oder

[…] But please don’t claim we have some sort of moral superiority because we’re good and they’re bad. The reason we’re winning these wars is that we’re bigger, not because we have god on our side. I think we _should_ be the good guys, and thus I hope we do things like go through the UN and give even an evil dictator like Saddam his last chance.

Und dann noch die kleinen Zyniker, die mich auch zu diesem Thema noch grinsen machen:

I say we just bomb everybody until they stand up and sing the “Star Spangled Banner!” There are plenty of bombs to go around. Hell, I will even help make more if we start getting low. I do suggest using environmentally friendly bombs though. Maybe one that cleans up after itself. The wreckage of al-Harthi’s jeep was ugly and will rust. Maybe better environmental bombs will be able to disintegrate steel and bones completely, and if done right, like good Chinese fireworks, it will happen in stages. Maybe the last stage would be the sprinkling of the seeds of flowering plants and shrubbery.

Nun, zumindest hoffe ich, dass das zynisch gemeint war. Bei denen da drüben weiß man das ja nie so genau.

Genug von dem Schrott, denke ich mir, und wende mich den europäischen Seiten zu. Aber auch hier herrscht virtueller Mord und Totschlag.

[]und einen Kindesmörder noch als Mensch zu sehen, da gehen bei mir echt die Lichter aus. Meine Fresse Kopp ab ist zu gut für solche Leute, Höllenqualen würden sie erleiden, hätte ich was zu sagen…

Wann werdet ihr endlich einmal kapieren, das ist eine Phrase, die ich normalerweise vermeide, aber dazu ist es jetzt zu spät, wann werdet ihr endlich einmal kapieren, dass ihr euch mit sowas auf dieselbe Stufe stellt wie die Täter? Ist so. Opfer und potentielle Opfer schützen: Ja. Daher die Täter von der Öffentlichkeit fernhalten: Ja. Alles andere ist Rache, nicht Recht, und damit inakzeptabel. Basta. (Und basta sage ich nur ganz, ganz selten.)

Jaja, neenee. Ist heute wirklich nicht sehr entspannend, der Rundgang. Dafür lehrreich: Wie leicht man doch zum (An)führer mutiert. (Permalinks sind Mangelware auf wortvoll, es ist die Bahnhofsgeschichte.)

Tja, dann noch Sushi holen durch die kalte Frühnacht. Während ich warte, reicht mir die freundliche koreanische Kellnerin eine Tasse frisch geschnetzelter Früchte, “Vitamine, das braucht man jetzt.” sagt sie, und brav löffle ich, bis meine Rohfischzusammenstellung fertig gewickelt ist. Angesichts von so viel Gesundheit kann sich der Heimwegfrost dann brausen gehn.

Derweil ich esse, amüsiert mich der Quizshow-Themenabend auf Arte. Besonders Barbara Stöckl, die, mit feuchtglänzenden Augen, in die Kamera euphorisiert: “Bei dieser Show geht es nicht um Geld, es geht um Emotionen!”. Klarsicher, Mädchen, denke ich, in meinem Klo geht’s auch nicht ums Scheißen, sondern um den Geruch des Lavendel-Duftspenders, den die Nachbarin da drapiert hat.

Aber dieser letzte Gedanke könnte auch eine geballte Reaktion auf den Gesamttag sein und muss gar nichts mit Quizshows zu tun haben.


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