Langsam ankommen

Schlafen aber erweist sich als gar nicht so einfach. Der Bewohner des Nachbarzimmers kehrt spätnachts lärmend heim, und früh um 7 ist über mir schon volle Action. Leicht frustriert dahingedöst und schließlich, was solls, aus dem Bett und Fenster auf, erster Blick im Hellen:

Es ist leicht bewölkt und gegenüber des Fensters ein rot-schwarz-gelber Felsen. Nett.

Geduscht und ins Gewand gefallen, jetzt erstmal ein Rundgang bei Tageslicht. Irgendwie seltsam froh als das Handy läutet, es ist C., die wissen will, ob es auch warm ist, einfach nur so.

Gestrigen Weg ins Dorf runter jetzt im Hellen, alles very neat & tidy; in die Blüten- und Blättermeere schmiegen sich Häuschen, zu denen mir kein anderes als das ausspuckenswerte Wort “herzallerliebst” einfällt. Man sieht ihnen wirklich kaum an, dass “das Dorf auf dem Reißbrett entstanden ist” (Richtig Reisen).

Morgendliche Runde um den Segelhafen. Diesmal entscheide ich mich für ein Cafe, das an der Leuchtturmecke liegt, wegen der Sonne – die sich dann allerdings sofort hinter einer Wolke versteckt. Bestelle Frühstück bei der deutschen Bedienung, und als ich in meinen Toast beiße, kommt auch die Sonne wieder raus.

Urlauber promenieren, Bild-Zeitungen werden vorbeigetragen, Kinder beschimpft, und drunten in den Booten frühstücken sie auch.

Und trotz der ganzen Deutschen rund um mich (dazwischen vereinzelt schwedische und niederländische Worte gehört; auf einem Boot eine norwegische Flagge) komme ich mir hier völlig fehl am Platz vor mit meinem mitteleuropäischen Gemüt.

Übrigens sitzen hier viele morgens schon beim Bier, und was auf den ersten Blick aussieht wie eine nackte Frauenbrust (Oooops!?) entpuppt sich als sonnenverbrannte Vorderfront eines verfetteten Schweden.

Langes Frühstück mit 2. Kaffee. Oh, Nescafe! Wie lange habe ick dir nicht getrunken? (Und wann habe ich eigentlich das letzte Mal in meinem Schlafsack geschlafen? War das damals in Bamberg?). Never Mind.

Der große deutsche Checker vom Casablanca (so heißt das Lokal, in dem ich frühstücke) sieht H ähnlich, vorausgesetzt, dem hätte das Leben hart zugesetzt (was man durchaus voraussetzen kann).

Nachher im Dorf nach anderen Pensionen gesucht (gibt keine, nur Hotels – atmosphärisch inakzeptabel – und ausgebuchte Appartmenthäuser) und W meine Handynummer durchgegeben.

Auf der Suche nach weiteren Wohnadressen immerhin begeistert über den rotbraunen Vulkanboden, auf dem es sich sehr gut geht. Und die Fauna, und dann noch die Eidechsen.

Am Ende des Dorfes, jenseits der Kaimauer, eine unglaublich hohe Felswand; die Wellen sind zu hoch zum Baden. Still eine Zigarette geraucht und endlich auch innerlich angekommen.

Heiß ist es, und als ich das ärmelige T-Shirt ausziehe, ist da schon ein Farbunterschied. Höchste Zeit für den Strand. Aber erstmal mangels Alternativen die Pension für eine Woche bezahlt und Wasser eingekauft, nur um es prompt im Zimmer liegen zu lassen.

Auf dem Weg zum Strand D angerufen, der irgendwie krank ist, und trotz meiner Andeutungen nie verstehen wird, wie gern ich ihn jetzt hier hätte.

Stattdessen, endlich!, ab ins Meer. Die Playa de Mogan muss für heute genügen, ist ja schon relativ spät. Sonne brennt noch stärker als vorhin & das Meer, sagte ich das schon? – das Meer, das einen trägt und unglaublich weich und schwer und salzig ist & mich begrüßt wie einen alten Freund. (Natürlich ist es umgekehrt: Ich bin es, die das Meer begrüßt. Aber es fühlt sich andersrum an.)

Danach kein Problem mehr: Brüllende Kinder, streitende Paare, überfette Videofilmer – alles gleitet an mir ab.

Nicht gleich ganz verbrennen, denke ich nach dem zweiten Bad, und außerdem ist es im Badeanzug nur das halbe Vergnügen. Hatte schon ganz vergessen, wie das ist: Angezogen zu baden.

Noch ein Stückchen am Strand spaziert: Die Steine! (Korallen?) Wie winzigkleine Gehirne & Teile von Gehirnen. Den ersten aufgehoben, weil er so fremd ist: Der muss mit heim! Dann aber hunderte davon! Den Erstling liegenlassen im Vertrauen darauf, in den nächsten zwei Wochen noch das perfekte Stück zu finden.

Dann noch ein malerisch kalkverwachsenes Schneckengehäuse (leider am Heimweg verloren). (“Wenn mir das alles hier zu schlimm wird, dann schau ich nach oben: In den Himmel. Oder hinaus aufs Meer.” – hat W gestern gesagt, fällt mir gerade ein.)

Jedenfalls auf dem Heimweg tiefe Dankbarkeit verspürt, nicht in einem dieser Reißbrett-Appartments zu wohnen. Da werden nämlich gerade von Einheimischen auf chrom-blauen Wägelchen Putzzeug und Handtücher herangekarrt, während andere mit schwarzen Eimern auf Rollen den Abfall wegschaffen.

In der Pension schnell etwas frisch gemacht & wieder runter ins Geschehen. Besser gesagt, durchs Geschehen durch & nach ganz hinten, zu dieser Felswand, wo die Atlantikwellen heranrollen, meterhoch, eine nach der anderen, gegen Mauer und Felsen schlagen mit einem unheimlich satten Geräusch, das aus der konkaven Felswnad zeitversetzt zurückgeschallt wird, ein Echo wie eine Percussion, erstaunlich. Sehr erstaunlich.

Dort vorbei, wo die Gischt hochspritzt & die meisten Touristen mit ihren Kameras sich nicht vorbeitrauen, könnten ja nass werden, die Kameras, aber ich bin schnell genug um nicht geduscht zu werden und sitze zufrieden am einsamen Ende des Wegs.

Danach die äußere Kaimauer entlang. Noch einmal ruft C. an, auf die Leiter gestiegen, damit sie die Wellen hören kann, dann ganz draußen im Cafe einen Cappuccino, schaue den Wellen zu beim brechen und den Booten beim Reinkommen und Vorüberziehen, alles in Ordnung, besser kann’s gar nicht sein. Hypnotische Kraft des Meeres. Eternita. La vida. El Muerte. Unita.

Oder auch nicht, weil viel zu pathetisch. Sondern nur blau, bewegt, wie ein Lebewesen, das sich unendlich nach draußen erstreckt.

Der Baywatch-Hubschrauber sucht offenbar noch immer nach den zwei Vermissten mit dem Schlauchboot, von denen man mir beim Frühstück erzählt hat, er fliegt ganz tief und gefährlich nahe an die Felsen heran, dann um die Kurve, aber recht bald wieder zurück: Diesmal höher und geradeaus. Etwas gefunden? Oder aufgegeben? Noch weiß niemand Bescheid.

Das “Yellow Submarine”, ein U-Boot mit Glasboden, möchte ich mir irgendwann genauer anschauen.

Im Dorf dann noch nach einem Strandkleid Ausschau gehalten, aber nichts als “fette-Mami-Blusen” weit und breit. (Weit! und Breit!)

Im Supermarkt Brot, Käse, Wurst, Saft und Bier gekauft. Kaffee Oliven Obst vergessen. Sonne brennt Hirn aus. Macht nichts.

Jause auf dem Balkon. Kakteen fotografiert. Mich selber fotografiert. Geduscht. Köstliches Palmblatt verzehrt.

Nach dem Duschen ungewöhnlich weiche, leicht kämmbare Haare. Langer Spaziergang, nochmals an all den Lokalen und Segelbooten vorbei. Am Inneren des Kaimauer-U gesessen und mit meinem alten Freund, dem Meer, geplaudert. Von 3m darüber.

– “Na, warum heute so weit weg?” fragt mein alter Freund.

– “Weil es am Strand zu dunkel, zu einsam ist. Gefährlich vielleicht.” antworte ich. Und diese Wut darüber: Unsicher sein zu müssen, ein Leben lang, nur weil ich ohne Schwanz geboren bin. Und was sie nicht alles erdichten, die Herren der Schöpfung, um dir deine Schwächen schmackhaft zu machen! Die Macht “dahinter”, so ein Quatsch! “Geheiligte Gebärerin”, heiliger Schmus! Und kein Mann kann jemals auch nur annähernd verstehen, was es heißt, als Frau zu leben. Nie! Nicht mal bei uns. und…

– “In Griechenland hast du dich nicht gefürchtet.” unterbricht mich das Meer.

Das stimmt, dort war es anders. Ein Ja war ein Ja, und ein Nein war ein Nein. Klar und einfach. Keine Spielereien. Keine dummjohlenden Halbwüchsigen. Keine besoffenen Deutschen.

Das Meer versteht mich gut, obwohl ich all das nur denke. Hier gelingt es mir nicht, mich unsichtbar zu machen, wie ich es in Hellas konnte. Liegt es am Ort oder an den eigenen Veränderungen? Ich weiß es nicht.

– “Hast du mit der Zeit gespielt, damals?” frage ich das Meer.

– “Zeit ist Wahrnehmungssache. Ich habe mit der Wahrnehmung gespielt.” sagt das Meer.

Wir spielen eine Zeitlang mit der Wahrnehmung, das Meer und ich. Trotz der 3 Meter sind wir eins, jetzt und in Ewigkeit, schwapp.

Dann frage ich: “Was hast du mit den Schlauchbootfahrern gemacht?” – “Sie waren überheblich.” rauscht das Meer.

– “Waren?”

Statt einer Antwort spielt das Meer. Mit meiner Wahrnehmung. Nach einer Weile verabschiede ich mich und nehme meinen Rundgang wieder auf. Im Casablanca checkt der Checker. In einer Nebengasse sitzt ein österreichischer Koch und erzählt Inselgeschichten. Ich bin versucht, mich hinzusetzen, aber dann müßte er ja aufstehen.

Noch einen Abstecher an die Peripherie, zu den Bootsgerippen, wo das Meer sich austobt, spielerisch, auch wenn das einem ungeübten Ohr nach Wut klingt.

Heimweg, ruhig. Auf dem Balkon ein Heineken Lager mit mir selbst geteilt. Es beginnt zu tröpfeln, zart. Lau. Eine Grille erwacht, schrammelt ein bisschen, dann setzt der Regen richtig ein. Ich geh ins Bett.