Noch einmal tief Luft holen, dann der Schritt auf die Straße, innerlich und hüllenmäßig gewappnet für den Ansturm der Kälte, der – nicht kommt. Verwundert hebe ich den Kopf, diese Luft ist atembar, knirscht auch ohne Warmjackenfilterung weder zwischen den Zähnen noch in den Lungen. Warm offenbar, und Kiemen braucht es heute auch nicht.

Was der Jänner nicht erlaubt, ist Tageshelligkeit nach 17 Uhr. Das macht nichts. Es ist sternenklar. Wie so ein unerwartet laues Lüftchen aus reiner Lebenslust sogar die häßlichsten Ecken der Stadt zu etwas Besonderem, etwas Sehenswertem macht! Erstaunlich. Die türkischen Jungs am Eck kichern, und ich bezieh das heute ausnahmsweise nicht auf mich. Auch das ein gutes Zeichen. Nur der Pudel der alten Dame, der fürchtet sich völlig sinnlos vor mir.

Die Tante in der Videothek, sehr jung, sehr effektiv, lippenberingt und ein Psychologielehrbuch aufgeschlagen vor sich auf dem Tisch, weiß schon bei meinem dritten Eintritt, was mir gefallen könnte von der neuen Lieferung. Ja, sage ich, da haben sie recht, sage ich, aber heute nur zurückgeben, bitte, mir fehlt die Zeit. Und denke, Aha, da ist doch so ein Studium doch zu was gut.

Dann wieder draußen, der viele Kies unter den Schuhen, vorgestern noch rettender Halt auf Eisschollen, heute schon Rutschfalle für Minitretroller, aber der Teenager bremst lässig mit dem Lederknie und lacht. Gut so.

Das Haus da drüben wächst und wächst, erst ist es hochgeschossen wie ein US-Schnellbau, aber seit einem halben Jahr kriegt es einmal da ein Fenster, einmal dort einen Balkon, ist wieder auf Wien-Zeit zurückgefallen, ist auch besser so.

Es ist ein Tag um die Fäden zu sehen, die Lichtfäden, die wir spinnen, wo immer wir gehen, jeder von uns, jeder in seiner ganz eigenen Farbe. Die Fäden sind ein Bild in meinem Kopf, immer schon, aber fast sehen kann ich sie nur an den guten Tagen. Die Fäden erinnern unsere Schritte durch Zeit und Raum, sie sind immer und überall, verknoten und verdichten sich oder verblassen. Durch die Zeit.

Gute Vorsätze sind etwas für den nächsten Tag, daher wird es doch wieder eine Schnitzelsemmel, und mein tunesischer Schnitzelbräter fragt mich, ob ich damals auch Couscous gegessen hätte in Tunesien – Ja, mit Begeisterung! – und ob ich wüßte, wo man denn in Wien guten Couscous kaufen könnte. Da muss ich leider passen.

Mein Schnitzel wird langsam goldgelb in der Fritteuse, und neben der Kassa steht eine Schachtel, ein guter alter Freund hätte sie “Selbstverwirklichungsschachtel” genannt: Büroklammern, fremdländische Münzen, Schrauben und Muttern, ein Bleistiftstummelrest, eine Murmel. Und ein sehr staubiger gelber Gummibär.

Ich nehme meine Schnitzelsemmel und bin ganz sicher: Das wird ein gutes Jahr.