Als ich morgens die Balkontüre öffne, kackt im Nachbargarten gerade der Hund. Bin fasziniert, denn als er damit fertig ist, pieselt er ausgiebig gegen den Zaun. Offenbar ist die hündische Anatomie eine andere als die menschliche. Ich habe aber nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, die Messe ruft.

Der Hotelkaffee kommt aus einer jener Automatikmaschinen, die Cappuccino mit Latte gleichsetzen, was gerade in Italien ein Jammertal ist. Dafür gibt es, früher eine Seltenheit südlich des Brenners, ungesüßtes Naturjoghurt. Danach aber los. Es nieselt nicht mehr, scheint sogar zunehmend aufzuklaren.

Auf dem Weg zum Bus fragen mich zwei italienischsprachige Mädels nach dem Weg zu einem bestimmten Hotel, und als ich bedauernd mein Unwissen bekunde, zeigt mir die eine ihr Handy, auf dem sie die Routensuche bereits korrekt eingegeben hat, nur offenbar kann sie die Karte nicht lesen. Es macht mich froh, ihr dann mit ein bisschen Händefuchteln doch weiterhelfen zu können (Dort ist das Meer, da ist die Hauptstraße, also müssen Sie in die Richtung…). Dann aber gleich wieder etwas technikbetrübt, denn hätte eine von uns Dreien zwischendurch einmal den Kopf gehoben, wäre der rote Namensschriftzug auf einem der höchsten Gebäude weit und breit auch ganz ohne Google Maps leicht zu finden gewesen. Immerhin habe ich sie in die richtige Richtung geschickt.

Der Bus in Richtung Messe ist richtig voll, und er wird an jedem Halt noch ein bisschen voller. Das ist auszuhalten, so weit ist es ja nicht, oder… wäre es nicht, ohne den Stau. Was wäre eine Messe ohne Stau, aber so richtig weiß ich das im Sardinenbüchsenmodus nicht zu schätzen. Hinter mir erzählt eine ihrem Begleiter auf Deutsch von ihrem gefühlt mühsamen Liebesleben, das sich für mich vor allem langweilig anhört. Als die ersten Messehallen in Sicht sind, mehren sich die Rufe nach vorzeitigem Aussteigenlassen, aber der Busfahrer stellt sich taub. Wenn ich stauen muss, dann stauen die gefälligst mit, mag er gedacht haben, während wir im Schrittempo Stop-and-Go in Richtung Messe schleichen, rechts überholt von Fußgängern, links von Polizeimopeds, die schamlos auf dem Mittelstreifen fahren. Als er dann noch am Osttor vorbeifährt, neigt sich die Stimmung im Saunabus bedenklich Richtung Revolution. Wir kommen aber dennoch unblutig am Haupteingang an.

Dann wieder Messe-effektiv, wovon anderswo noch die Rede sein wird, obwohl… vielleicht ein bisschen Eiscreme…? Zuckermusiker? Dschungeldeko?

Nach mehreren vormittäglichen Eis- und Espressoverkostungen hatte ich gegen Mittag das Gefühl, so ungefähr müsse sich das Leben auf Koks anfühlen, aber das ist nur eine Vermutung. Dass zwischendurch eine strahlende Sonne rauskommt, merke ich nur daran, dass sie bei einem Fenster hereinscheint und damit ein Wunschfoto verhindert.

Zu Messeschluss strömt alles zu den Bussen, und die sind bummvoll. Ich erinnere mich meiner Jugend und setze mich entschlossen in die unterste Reihe des leeren Gepäckfachs, was anderes hätten die Füße nicht mehr mitgemacht. Zwei englischsprachige Passagiere fragen sich, wie ich da unten wohl weiß, wo ich aussteigen muss (Durchsagen gibt es keine). Ich lächle milde und zücke Google Maps.

Da es auf dem Rückweg auch wieder etwas staut, sind die Füße beim Erreichen der Stadt dann wieder kompromissbereit. Das ist gut, denn den Frederico Fellini-Park wollte ich eigentlich gestern schon sehen.

Ein Stückchen weiter Richtung Meer strahlt das Grandhotel seine grandiose Grandezza in die Nacht.

Ich wende mich hotelwärts, aber an der Strandseite entlang. Hier winken interessante Vorschläge.

Die Gegend, Baustelle meerwärts, geschlossene Bars und Souvenirgeschäfte stadtwärts, ist völlig verlassen. Ein bisschen fragt man sich ja doch, so als Nicht-Einheimische, ob das jetzt eine gefährliche Gegend sein könnte? Aber das kräftige Meeresrauschen und die Aussicht auf eine eventuelle Meeresaussicht am Ende der Baustelle halten mich davon ab, belebtere Gegenden aufzusuchen. Zudem: Wo keine Menschen sind, gibt es auch nichts zu fürchten.

Also nach Ende der Baustelle im Finstern Richtung Meer. Dass der Sand und das Salz meinen Messeschuhen nicht gerade gut tun, ist mir klar, aber man kann sich nicht um alles kümmern. Der Wind kommt von draußen, und das Meer ist hörbar aufgebracht. Die Schaumkronen auf dem dunkeln Meer unter dem dunklen Himmel wie ein körperloses Ballett. Zu dunkel zum filmen. Ich filme stattdessen in die andere Richtung.

Das Lokal, das von Ferne ganz anziehend aussah, erweist sich als American Graffiti Diner. Das muss dann doch nicht sein. Ich gehe zurück auf die Hauptpromenade und entscheide mich für das Amico. Hat zwar auch eine Touristenfallen-Anmutung, aber irgendwas an den geschäftig herumwuselnden Kellner*innen sagt mir, dass ich da richtig bin.

Meine Annahme bestätigt sich, als die Kellnerin, nach einem Tisch für eine Person berfagt, antwortet, sie müsse den Grandpa fragen. Der zeigte sich gnädig, oder: der eine und einzige Einzeltisch im Lokal war zufällig gerade frei.

Zum immens köstlichen Lasagne di Pesce nahm ich ein Glas Weißwein della Casa, der mir auch ausgezeichnet schmeckte. Vollends beglückte mich die Art der Kellnerin, die konsequent italienisch mit (zu) mir sprach und, wenn ich nicht gleich verstand, einfach nochmals dasselbe langsamer sagte. Mit gespitzten Ohren kriegte ich mit, dass sie das auch an den Nebentischen so tat, und erst nach dem dritten Versuch in ein durchaus passables Englisch wechselte (das den dort sitzenden Russen dann auch nicht so richtig weiterhalf, aber… naja).

Gerne hätte ich in dieser geschäftigen Atmosphäre, in der hier ein Teller Muscheln, dort ein Berg Spaghetti vorbeigetragen wurde, noch ein zweites Glas Wein getrunken, aber das Lokal war voll bis zum letzten Platz, und auch auf meinen Einsertisch warteten schon zwei Einzelne. Ich zahlte also und machte mich auf den Heimweg. Die Füße hatten jetzt echt keine Lust mehr. Der Kopf wunderte sich über die vielleicht einfallslosesten Souvenirs aller Zeiten.

Später noch, als ich schon im warmen Hotelzimmer sitze, stürmt es draussen ein bisschen. Das Meer, obwohl ein gutes Stück weit weg, rauscht wie eine dauerbefahrene Autobahn. Irgendwo klappert ein Dach- oder Zaunblech, ein Geräusch, das die Hunde der Nachbarschaft mit jedem Erklingen aufbringt. Große Lust, in eine Decke gehüllt die ganze Nacht am Balkon durchzuschreiben.