Gemütliches Lesefrühstück auf der Terrasse. Wollte eigentlich schwimmen gehen, aber Lumy erzählt, dass heute (wie jeden Freitag) da unten Markt ist. Hoffnungsfroh schwärme ich aus, aber… auch hier der gleiche Scheiß wie in den Geschäften ringsum. Dazu noch das Wundermittle Aloe Vera in allen möglichen (und einigen eigentlich unmöglichen) Zustandsformen, afrikanische Schnitzereien, Lederjacken und -taschen, […]

Gemütliches Lesefrühstück auf der Terrasse. Wollte eigentlich schwimmen gehen, aber Lumy erzählt, dass heute (wie jeden Freitag) da unten Markt ist. Hoffnungsfroh schwärme ich aus, aber… auch hier der gleiche Scheiß wie in den Geschäften ringsum. Dazu noch das Wundermittle Aloe Vera in allen möglichen (und einigen eigentlich unmöglichen) Zustandsformen, afrikanische Schnitzereien, Lederjacken und -taschen, angebliche Puma-, Nike- und Adidas-T-Shirts.

Kaufe zirpende Grillen (das ist irgendwie schön kitschig, im Gegensatz zu ekelhaft kitschig) und Ledertasche, künstlich. Schließlich – grandios! Ein Stand mit 1000 Sorten Nüssen, mindestens. Einen Riesensack angefüllt mit Bekanntem und Unbekanntem.

Schließlich genug davon; auf dem Weg zur Busstation noch Wasser gekauft & ab nach Media Almud. Wieder die schon vertraute Erleichterung auf dem staubigen Weg nach unten; dann Nüsse mampfend, Buch lesend, Sonne tankend herumgelegen. Später Steine spaziert, Meer geschaut & geschwommen, nackig meist oder zumindest fast (später), an die fette, akustisch offenbar sachsener Mutti gedacht, die die Gegend am Handy irgendjemandem als “kahl & tot” beschrieben hat – und dabei lebt hier selbst die Erde, voller Kraft & Verheißung.

Später in den Schatten geflüchtet, bald darauf kommt W. Geplaudert & erzählt. Er hat “viel zu tun” – was mir schwer vorstellbar ist angesichts meiner eigenen Faulenzerei (aber dem Da-Sein eine natürliche Perspektive gibt).

Vom Werden des Ferien-“Paradieses” in den letzten 30 Jahren erfahre ich und vom Sein, damals und jetzt. Während die Schatten fallen. Dann ist es Zeit, er muss irgendwohin, ich habe Hunger. Vielleicht mal essen gehen, irgendwann? Si, si.

Der Bus kommt punktgenau, der Supermarkt hat noch offen (supermercado heißt das hier) – Brot, Käse, Saft, Bier. Und auf der Terrasse ein Festmahl gefeiert nach der Dusche; heute will ich gar nicht mehr in den Ort. Fanta Pina gibt es hier, als Ananas! Das muss gekostet werden (Naja…) und meinen Agententhriller gelesen mit Blick auf den magischen Felsen, die eigenen Geschichten im Kopf. Viel, sehr viel, gedacht:


Noch die restlichen Karten geschrieben, dann, auch eine riesengroße an D.

Dann doch noch einmal in die Ausgeh-Kleider geworfen & ab Richtung Playa; vielleicht nur spazieren; vielleicht ein Glas Wein im Casablanca?

Aber unterwegs höre ich Musik, echte! Keine Konserve, also den Ohren nach. Die Taverne mit den Musikanten, die im “wirklichen” Ort liegt, nicht im touristischen Reißbrettdorf, einmal umkreist & für harmlos befunden; also wage ich es, setze mich & bestelle ein Glas Wein.

Es kommt mir hier, man möge mir den Kalauer verzeihen, sehr spanisch vor; Touristenunterhalter nach Feierabend unter sich, endlich auf der Gitarre klimpern können ohne Publikumswünsche, so hört sich das an, obwohl es ein Publikum gibt, aber die sind von hier, fast alle; bis auf ein bayrisches Ehepaar an einem Tisch und an einem anderen Tisch ein ziemlich blasses, stilles Pärchen, die ich nicht bis zu mir hören kann.

Dann kommt noch ein junges Mädchen, sie ist 18, vielleicht, oder eher nicht einmal das, sehr selbst-bewusst (obwohl das Wort self-conscious eher auf ihren Zustand passen würde), sehr bewusst sexy, nein: erotisch – und sehr unantastbar. Vielleicht die Tochter des Wirts: das scheint plausibel aus der Art wie sie ihn auf die Wange küßt & hinter die Theke geht und ein Bier nimmt; dann steht sie da und erzählt Geschichten, Anekdoten, Witze, keine Ahnung, ich verstehe kein Wort, aber es ist wunderschön ihr zuzuschauen, ihr und den Musikern, die plötzlich Publikum geworden sind, gefangen und befangen von der unschuldig überschäumenden jungen Erotik. Und sie ist gut, auch ohne die Worte zu verstehen, kann ich das sehen, eine geborene Schauspielerin. Ich muss an M. denken, damals im dunklen Treppenhaus des Internats, nach dem Bühnenspielkurs, und ich bin weit weg und doch ganz da.

Der Wirt stellt mir ein neues Glas Wein hin, das ich nicht bestellt habe, und alles stimmt und schwingt; so sehr, dass ich nicht zu fragen brauche, ein fragendes Schauen genügt und er legt den Kopf schief und leitet meinen Blick in Richtung des blassen, stillen Ehepaars, sie haben ein Kind dabei, das vorher nicht da war, und prosten mir zu, beide, lächelnd.

Ich lächle zurück und hebe mein Glas, und der Gitarrist hat wieder die Gitarre genommen; kaum zu glauben: Es ertönt “Commandante Che Guevara”. Die bayrische Omi nebenan, weinselig, summt mit, bis zum Refrain, bei dem der Opi ausruft “Des is jo a Revoluzzalied!”. Darauf sie, ungläubig: “Na geh, des is doch so schen.”

Der weitere Dialog entgeht mir, es kommen neue Gäste; es ist alles besetzt außer dem Rest von meinem Tisch, dürfen sie sich dazusetzen? Sie dürfen. Sehr coole, sehr junge Jungs; Bier kommt auf den Tisch & der Zauber des Commandante ist gebrochen, aber charmant.

Drei von den vieren unterhalten sich bestens miteinander; der vierte aber spricht mit mir. Mexikaner ist er und seit knapp 6 Monaten hier, erfahre ich; er arbeitet in der Werft und repariert & wartet Segelboote, zumindest so lange, bis sich ein interessanter Trip anbietet.

Wir plaudern übers Segeln; er über den pazifischen & atlantischen Ozean, ich – defensiv – über die Ostsee; “Oh, the Baltic Sea!” sagt er. “They asked me to transfer a boat from here to Helsinki & I said sure, why not. I thought that the Baltic Sea is not an Ocean, it’s moe like a lake. But it isn’t. I don’t know how, but that little piece of water has everything the oceans have & sometimes even more; I’ll never again underestimate it.”

Ich bin seltsam froh, dass mein bisschen Segelerfahrung von einem wertvollen Stück Wasser stammt, und er ist sehr hübsch und blond und langhaarig, und dann erweist er sich auch noch als musikalisch: jedenfalls bitten die Musiker ihn auf ihre improvisierte Bühne, um mit ihnen zu singen, aber er lehnt ab, er sei zu müde, sagt er und grinst, und die Luft knistert & ich wittere Gefahr! Untiefen! und flüchte schnell, bestelle beim Wirt eine Flasche Wein, ja, bitte, vom guten, und nehme sie & setze mich zu meinen beiden (das Kind ist schon wieder weg) blassen Wohltätern.

Aus Dresden kommen sie, erfahre ich und wundere mich erstmal, als ich sein T-Shirt genauer sehen kann, auf dem das ÖKM-Logo prangt.

Das klärt sich glücklicherweise bald. Sie betreiben eine Tankstelle, erzählt er, zusammen; aber er will eigentlich Motorradrennen fahren, und ÖKM sponsort sein Team. Es ist ihr erster “richtiger” Urlaub, vorher nur einmal eine Woche Jugoslawien, vor langer Zeit; vor der Wende.

Die Musiker packen zusammen und gehen, während wir plaudern, aus dem Augenwinkel sehe ich, dass einer aus der Clique des Mexikaners ihnen nachläuft und mit der Gitarre zurückkommt; schön: so ist es nicht ganz so still, zwischen den Wörtern.

Wie es ihnen denn geht, frage ich, wie sie das denn erlebt haben mit der Wende und der Mauer und der Wiedervereinigung; die Antworten bestehen aus lauter Nachrichtenwörtern & sind ganz & gar unpersönlich, und ich höre zu und frage dann: “Ja schon, aber wie fühlt IHR EUCH dabei?”

Und zum ersten Mal ist sie es, die antwortet, nach einer kleinen Pause; sie sei sehr glücklich sagt sie, zum Beispiel hier, jetzt, die Familie, endlich mitten in der Welt und nicht mehr auf die Grenzen der sozialistischen Länder beschränkt; das Kind (Rundblick: Das Kind, hellwach mit ihren 7 oder 8 Jahren, spricht an der Ecke sehr innig mit einer Streunerkatze) könnte frei aufwachsen, könne die Welt sehen, und das wäre doch alles ganz wunderbar.

“Aber?” frage ich und schäme mich sofort dafür; es ist als würde ich meine eigenen zerbrochenen Hoffnungen auf ihre Schultern laden. Sie lacht, sie lächeln beide. Der Wirt bringt Käse und noch eine Karaffe Wein, “a la Casa” sagt er und ich frage mich, wie wir zu der Ehre kommen. Ich versuche ihn danach zu fragen, aber er erzählt etwas unverständliches auf spanisch und zeigt auf die Uhr und legt den Arm um die Schultern des Dresdners; “Amigo” sagt er, und es klingt richtig und falsch zugleich, dann wird er gerufen von jemandem der drinnen sitzt & nicht draußen wie wir, die Werftjungs sind gerade aufgebrochen & kichern noch um die Ecke, und es wäre wirklich nicht mehr nötig gewesen, meine längst vergangene Frage zu beantworten, aber sie tut es trotzdem.

“Aber zu Hause, im Alltag, habe ich das Gefühl, es fehlt etwas. Es fehlt…” (und sie denkt wirklich nach, bevor sie es sagt) “Solidarität.” Das Wort hängt in der Luft wie eine Keule, und sie beeilt sich, dem die Schärfe zu nehmen: “Ich meine das nicht politisch. Ich meine nur, die Menschen haben nicht mehr soviel miteinander zu tun wie früher. Sie haben nichts mehr füreinander übrig…”

Sie hätte gerne Zustimmung, von ihrem Mann, der lächelt und murmelt irgendwas; dann ist der Wirt da & will zusperren, ruft den beiden noch ein Taxi, “Sehen wir uns denn noch einmal?” frage ich &erfahre, dass sie morgen schon heimfliegen; wir kritzeln gegenseitig Adressen auf Zetteln & verabschieden uns.

Nach Hause, ich denke wirklich “nach Hause” und notiere auf der Terrasse noch den Verlauf des Abends in Stichworten, er ist mir unglaublich kostbar, ohne dass ich sagen könnte warum.