Das Auffallende an den Flugzeugabstürzen des Sommers: Fehleinschätzungen, Unkenntnis grundlegender Fakten bzw. simple Schlamperei waren Hauptgründe für die teilweise verheerenden Unfälle. Zählen wir auf…

Helios-Boeing 737, bei Athen abgestürzt,  121 Tote:

Vor dem Start in Larnaca auf Zypern habe die Besatzung nicht bemerkt, daß ein Druckventil und ein Luftaustrittsventil falsch eingestellt waren, berichtete die “International Herald Tribune” unter Berufung auf die griechischen Ermittler. Mehrere Alarmsignale wurden danach falsch interpretiert.
[…] ging nach den griechischen Ermittlungen bei 10 000 Fuß (3000 Metern) Höhe ein automatischer Alarm los, der die Besatzung vor dem Druckabfall warnen sollte. Die Piloten hätten den Alarmton aber falsch interpretiert, weil derselbe Ton auch erklinge, wenn die Flugkontrollen vor dem Start nicht richtig eingestellt sind. Die Boeing stieg dann weiter auf 14 000 Fuß, wo die Sauerstoffmasken wegen des Druckabfalls automatisch aus ihren Halterungen gelöst wurden. Gleichzeitig ging eine Warnleuchte im Cockpit an. Die Aufzeichnungen aus dem Sprachrekorder im Cockpit zeigten, daß die Warnungen große Verwirrung bei Pilot und Kopilot auslösten, […] dürfte die Crew bei über 14 000 Fuß wegen des Sauerstoffmangels desorientiert gewesen sein.

Weil sich der aus Berlin stammende Ex-Interflug-Pilot und der zyprische Kopilot über die auftretenden technischen Probleme nicht auf Englisch verständigen konnten, hätten sie die Instandhaltungstechniker auf Zypern angefunkt.  [Quelle: Berliner Morgenpost]

Tuninter ATR 72, 16 Tote:

Techniker von Tuninter hätten vor Abflug der Maschine einen defekten Treibstoffanzeiger in der Maschine durch ein modernes elektronisches Anzeigegerät ersetzt, das für das Flugzeug vom Typ ATR 72 nicht geeignet gewesen sei, hieß es. Das Gerät habe dem Piloten falsche Angaben über die Kerosinmenge in den Tanks angezeigt. Als die Motoren wegen Treibstoffmangels über dem Meer bei Palermo ausfielen, hätten sich der Anzeige zufolge noch 3000 Kilogramm Kerosin in den Tanks befinden müssen, hieß es. [Quelle: Frankfurter Rundschau]

Beim Absturz der TANS-737 in Peru (40 Tote) war laut News.ch gar ein “schlimmer Anfängerfehler“schuld:

“Das war ein schlimmer Anfängerfehler”, sagte der Luftfahrtexperte Victor Girao am Mittwoch (Ortszeit) in Lima. Die Piloten hätten den Flughafen von Pucallpa trotz schlechten Wetters viel zu niedrig angeflogen, um bei geringer Sicht die Landepiste zu finden.

Die Airfrance-Bruchlandung in Toronto (Airbus 340, zum Glück keine Toten) stellt sich die Sache zwar differenzierter, aber auch nicht technisch bedingt dar. Zum einen “lobt die Air France ihren Piloten für seine Leistung” (Der Spiegel), und das sicher nicht zu unrecht, denn eine Maschine, die während der Landung erst außer Kontrolle und dann in Brand gerät, ist sicherlich nicht leicht auf eine Art zum Stillstand zu bringen, die allen Insassen das Leben rettet.

Trotzdem kann und darf man Fragen stellen. Die unmittelbare Ursache für das Unglück waren je nach Quelle entweder ein Blitzschlag (dass dadurch das Flug- bzw Landeverhalten dermassen beeinträchtigt wird, bezweifeln Experten), Aquaplaning (bei entsprechendem Wetter durchaus vorhersehbar) oder zu spätes Aufsetzen des Flugzeugs auf der Rollbahn. Dass man einen vollbesetzten Airbus mitten in einem schweren Gewitter landen sollte, bezweifeln die kanadischen Behörden:

Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta sagte vor der Presse in Toronto, die Flughafenaufsicht sei offensichtlich davon ausgegangen, “dass die Bedingungen für eine Landung schwierig seien, diese aber möglich”. Spinetta unterstrich auch, Toronto habe grünes Licht für die Landung gegeben. Die kanadischen Behörden übten indirekt Kritik an dem Copiloten, der sich trotz des Gewitters zur Landung entschlossen habe. Auf dem Flughafen habe Alarmstufe rot gegolten, und die Maschine habe ausreichend Treibstoff zum Erreichen eines anderen Airports gehabt. [Quelle: kurier.at]

Die Air France hingegen kritisiert, die Piloten hätten vor der Landung “nicht genug Informationen über die tatsächlichen Wetterbedingungen am Boden erhalten”. (Den Link dazu habe ich jetzt leider vorzeitig verloren). Auch für diesen Unfall gilt also: Irgendjemand hat Mist gebaut.

Und?
Offenbar gilt beim Fliegen ebensosehr wie auf den Gebieten anderen technischen Fortschritts: Je sicherer (und damit selbstverständlicher) eine Technik wird, desto nachlässiger wird der Mensch. Eine echte Lösung dafür hat, soweit ich weiß, noch niemand gefunden. Ich denke an das Zitat, das fast jeden Insiderbericht über Fallschirmsprung-Unfälel begleitet: Complacency kills.

Auch lesenswert: Die Zeit: Der blinde Zeuge über Flugdatenschreiber und mögliche technische Alternativen.