Nachrichten aus Absurdistan

Zum Aufräumen läuft hier Vorabendfernsehen, konkret „Konkret„. Es geht um unterschiedliche Reiseversicherungen, und die Moderatorin fragt den eingeladenen Experten, wann denn nun die Stornoversicherung greift, und wann die Abbruchversicherung. „Sobald sie die Haustür hinter sich zusperren, um abzureisen, gilt die Abbruchversicherung, davor die Stornoversicherung“ erklärt der Experte. „Aber das ist ja furchtbar kompliziert, wer soll sich denn da auskennen?“ fragt die Moderatorin zurück. Ich stand mit dem Rücken zum Bildschirm, weiß also nicht, ob der Experte ein ebenso verblüfftes Gesicht machte wie ich. Was soll denn daran kompliziert sein, fragte ich mich. Der Experte jedenfalls riet nach einer kleinen Kunstpause dazu, beide Versicherungen abzuschließen.

Wenn solche Probleme die steigende Kompliziertheit der Welt belegen sollen, dann bin ich zuversichtlich, geistig noch ein paar Jahrzehnte mithalten zu können.

Mir fällt dazu gleich der Fotograf ein, der ein Foto bei der Microstockagentur Shutterstock zum Verkauf angeboten hat, und dann verblüfft war, dass das Bild nach einem Verkauf für wenig Geld als Motiv bei Walmart auftauchte. Er fühlte sich übers Ohr gehauen, räumte aber ein, die AGBs und sonstige Vereinbarungen mit Shutterstock gar nicht erst gelesen zu haben. Hätte er, dann wüsste er, dass der Ablauf völlig legal war – so hat er seine „15 minutes of fame“ und tatsächlich sogar ein paar Empörte auf seiner Seite.

Aber vielleicht bin ich ja hoffnungslos altmodisch, weil ich Verträge ernst nehme und mich nach Möglichkeit daran halte?

Am Nachmittag schon läutet das Telefon, und am anderen Ende ist ein Keiler vom Mobilfunkunternehmen meines Vertrauens, der mir dringend eine Vertragsverlängerung einreden will. Ich sage ihm, dass ich keine Zeit habe, und dass ich mir das im Netz anschauen werde, wenn es aktuell wird (im April). „Aber das ist doch viel zu kompliziert. Ich rufe Sie morgen wieder an!“ meint der vorgebliche Wohltäter und ist schon wieder im Anpreisen der angeblichen Sonderangebote, und ich frage mich, ob er „Alter: 52“ auf seinem Bildschirm stehen hat und das als „technisch und finanziell ahnungslos“ interpretiert, und ob ich mich jetzt schon wieder aufregen soll. Aber dazu fehlt mir ohnehin die Zeit. „Rufen Sie mich nicht mehr an, ich schließe grundsätzlich keine Verträge am Telefon ab“, sage ich. Ein Riesenfehler wäre das, hebt er an, und außerdem habe er exklusive Angebote… „Rufen Sie mich nicht mehr an“, sage ich und lege auf. Vielleicht nicht höflich, aber einen vierten Marketing-Wortschwall hätte ich womöglich nicht überlebt.

Gibt es tatsächlich noch Menschen, die so etwas über nicht bestellte Telefonanrufe abwickeln, anstatt sich in Ruhe im Netz zu informieren? Und damit in Kauf nehmen, dass der Vertrag, wie es mir vor vielen Jahren (bei meinem einen und einzigen am Telefon abgeschlossenen Vertrag) passiert ist, halt dann „ein kleines bisschen“ anders ist als er am Telefon geklungen hat?

Egal. Ich wende mich wieder der Arbeit zu und erfahre, dass ein altehrwürdiges Branchenhandbuch heuer erstmals ohne Telefonnummern erscheint. Wegen Datenschutz und so. Also, die DSGVO in allen Ehren, aber da drinnen standen die Nummern von Geschäften, nicht von Privatpersonen.

Ist das Telefonbuch eigentlich noch legal? Und durfte mich dann der Mobilfunktyp überhaupt anrufen?

Ach egal. Die Arbeit wartet.

PS: Ganz vergessen, aber gehört definitiv auch zum Thema: Das Kassetten-Revival. Haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten nicht alle nach leiernden Bändern gesehnt, die man ewig vor- und zurückspielen muss, ohne jemals zu wissen, wo man genau ist? Und haben wir nicht alle Freudentränen in den Augen beim Gedanken an den früher oder später unvermeidlichen Bandsalat?

Also, ich nicht.