Immer ist es Nacht zurzeit, wenn ich morgens aufstehe um mein Knie zur Gymnastik zu tragen, wenn ich nachmittags eine Freundin auf einen Kaffee treffe, und selbst wenn mittags die Sonne scheint, ist es irgendwie Nacht. Immerhin aber ist es nicht kalt, jedenfalls nicht sehr und keinesfalls dezemberkalt. Was wieder andere Problemchen mit sich bringt; die Herbstjacke ist ein bisschen zu dünn, die Winterjacke dagegen etwas zu warm, das ist wie der Rest der Welt ringsherum, da wirkt auch alles ein bisschen falsch. Der Eindruck vom Paralelluniversum verstärkt sich beim Fernsehen. Top-Championsleague-Spiel vor leerem Stadion. Das gibt’s doch gar nicht in der wirklichen Welt.

Mein Knie fühlt sich übrigens auch irgendwie ein bisschen falsch an, seit gestern so plötzlich ganz ohne Schiene, was aber angeblich völlig normal ist. Eine Operation wäre nicht angebracht, schließlich bin ich fast vierzig und arbeite am Schreibtisch. Na, das mit den “fast vierzig” hat der Arzt etwas charmanter umschrieben, aber es klang doch deutlich durch. Auch zum Fallschirmspringen, wurde mir beschieden, brauche ich kein operiertes Knie, das brauche man nur für Stop-and-Go-Sportarten. Das ich nach dem Landungs-Stop auch ganz gerne auf meinen eigenen Füßen weggehen möchte, beeindruckt den beinah unverschämt hübschen Jungarzt-Lümmel genauso wenig wie mein Schmerzensschrei bei seinem Beweglichkeitstest. Zwei zwecks zweiter und/oder dritter Meinung angefragte Spezialisten sind den ganzen Dezember nicht da, bzw wenn dann nur wenige Tage und ausgebucht. Mannomann, ich hätte Ärztin werden sollen. Oder einen Arzt heiraten, dann wäre auch meine Grossmutter glücklich gewesen.

Natürlich würd ich nicht wirklich Ärztin sein wollen; mit Blut käme ich zwar schon klar, aber Eiter und andere gelbgrüne Flüssigkeiten müssen dann doch nicht sein. Vor allem, wenn die auch noch riechen. Und mit der haarsträubenden Dummheit mancher Menschen hat man in dem Geschäft noch mehr zu tun als in der IT-Branche. Tanten wie die mit dem Vorschulkind, unter dessen Knieverband eine wenig appetitliche mehrfarbige Masse zum Vorschein kommt, bei dessen Anblick die – sicher nicht leicht zu überraschende – Tagesschwester mit schwankender Stimme fragt: “Hat man ihnen denn nicht gesagt, dass sie den Verband täglich wechseln müssen?” – “Ja schon, aber das Kind brüllt jedes Mal, wenn man es angreifen will. “

Da würde ich vermutlich einem der vorbeigehenden Bauarbeiter (das Spital wird gerade lautstark modernisiert) den Hammer aus der Hand nehmen und die Tante ungespitzt in den Fussboden hämmern. Die Schwester aber holt tief und ruhig Luft und sagt: “Nun, dann kommen sie eben täglich bei uns vorbei.” Für so etwas braucht’s starke Kommunikationsnerven, und meine starken Nerven liegen woanders.

Überhaupt, in diesem Vorzimmer sieht man so einiges. Wird man – in Vierer-oder Sechser-Gruppen – aus dem Warteraum ins Behandlungs-Vorzimmer gerufen, steht dort die Schwester, um zeitsparend schon vor dem Arztbesuch etwaige Verbände abzunehmen. Dabei bleibt einem das eine oder andere Drama nicht erspart. Etwa die schwer verhüllten muslimischen Damen, denen es gar nicht recht ist, vor gemischtem Publikum ein Bein zu entblößen. “Der Arzt hat auch nicht ewig Zeit”, insistiert die Schwester dann und entblößt damit die meisten Zögerlichen. Offenbar wissen sie nicht, dass schon ein zweiter Einspruch wie “ich nehme den Verband dann drinnen selbst ab” oder auch ein weniger sprachgewandtes “Nixda, nur Arzt sehen!” die Schwester dazu bringt, sich schulterzuckend abzuwenden. Vielleicht wäre es menschenfreundlicher, wenn ich ihnen das rechtzeitig sagen würde; ich aber finde es spannender, zuzuschauen, welche klein beigibt und welche nicht.

Abgesehen von den schwesterlichen Anweisungen herrscht meist völlige Ruhe. Außer es ist ein Kind in der Runde. Die hüpfen dann jedesmal auf, wenn die Tür zum Arztzimmer aufgeht, und rufen “Mama! jetzt sind wir dran!”. Die bedauernswerten Mütter reagieren dann je nach Temperament irgendwo zwischen “Setz dich hin und halt den Mund!” und einer fünften Wiederholung des Satzes “Wir sind erst dran, wenn jemand unseren Namen ruft.” Väter sieht man übrigens selten, dabei.

Völlig vom Thema abgekommen; ist ja auch egal. In den letzten Tagen ein paar Mal die Sims 2 gespielt und – wie teilweise schon beim ersten Teil, aber die neue ai ist noch überzeugender – fasziniert davon, wie Vieles buchstäblich berechenbar ist. Gehört irgendwie zu den Spielen, die einen Knick in der Weltsicht verursachen. Bin gar nicht sicher, ob das gesund ist – hätte ich ein Kind, würde ich versuchen, es möglichst lange von solchen Spielen fern zu halten. Was natürlich nicht geht, wie ich damals anhand des Beispiels Ego-Shooter und Freundeskind feststellen musste. Man denkt sich halt so sein Dings, aber in der Wirklichwelt ist alles ganz anders.

Wie auch immer, inmitten dieser ganzen langen Dezembernacht auch immer wieder das Gefühl, dass ein neuer Tag anbricht, mit dem ich aber wenig anfangen kann; ach mit dem Tag wüßte ich schon, aber mit den Menschen nicht (Variation eines Themas). Kürzlich nächtens in einen dänisch-schwedischen Film hineingeswitcht; es ging um ein elternloses Mädchen, das aus irgendeinem ex-kommunistischen Land, in dem Chaos herrscht, nach Schweden gelockt wird, weil es dort Arbeit gibt und Leben, Leben! soviel man will; natürlich ein Fake, die Kleine wird an Päderasten verkauft, endlose Szenen ihrer bald gelangweilten Verzweiflung, während mann sie vögelt; nachts eingesperrt in einem Hochhaus-Appartment; irgendwann flüchtet sie und weiß nichts besseres, als sich von der nächstbesten Autobahnbrücke zu stürzen; Exitus und Happy-End im Himmel. Die dunkle Nacht aber ist überall, nicht nur in den wirtschaftlich noch nicht EU-reifen Ecken (es geht immer um die Wirtschaft, dasistesja). Vielleicht ist es das, was mich erschreckt, dass so viele Menschen um mich herum offenbar problemlos die Teile der Wahrheit ausblenden können, die nicht in ihr Weltbild passen. Schockiert über die vielen Obdachlosen in Budapest, zum Beispiel, oder in Prag, aber das gibt es bei uns ja nicht. Natürlich. Die Jungs, die in den Telefonzellen schlafen am Karlsplatz, die tun das, weil ihnen sonst langweilig wäre. Die wahnsinnigen Solo-Plauderer in der Mariahilfer sind wahrscheinlich ein soziales Experiment. Der, der sich – im dunklen Hauseingang sitzend – tief in seinen viel zu dünnen Anorak mümmelt und die turnbeschuhten Füße dabei fast unter die Achseln klemmt, der wartet nur auf seine Freundin. Genau. Träumt weiter.

Worauf will ich eigentlich hinaus? Ich weiß es nicht, ehrlichgesagt. Nur dass es so, wie es ist, nicht wirklich OK ist. Das weiß ich. Genau.