Gestern in Graz mit Freunden weg. Es wird spät und später. Irgendwann fühle ich einen deutlichen Impuls zum Aufbruch.

Sehr früh schon auf dem Weg durch die Stadt fällt mir ein, ich könnte eigentlich zu Fuss nach Hause gehen. Mein Vater hat das manchmal gemacht, früher.

Interessante Idee.

Sind ja nur 16 Kilometer. Von der Stadtgrenze. Und die paar, 5 oder 6, bis zur Stadtgrenze.

Das sollte kein Problem sein.

Das schau ich mir an.

Zu Fuss durch nachtschlafende Städte, besonders durch deren Industrievorhöfe, ist immer ein eigenes Gefühl. Da wird die Welt so groß und weit. Die Luft nachtkühl und vertraut.

Ab und zu ein Auto. In den Hochhäusern am Stadtrand alles finster, bis auf ein, zwei, drei Fenster, unregelmäßig über die Riesenfassade verteilt.

Wer da so individualistisch wacht, während alle anderen schlafen, frage ich mich. Vielleicht eine Party hinter diesem Fenster. Vielleicht ein krankes Kind hinter dem anderen. Oder vielleicht nur ein schwerer Fall von Schlaflosigkeit.

Dann wird die Bebauung dünner. Hier kreuzt die Straße die Eisenbahnlinie. Der Plan in meinem Kopf sagt, an der Eisenbahn entlang ist kürzer. Der erste Zug fährt erst um 6:30. Also folge ich den Gleisen.

Bald wird klar, dass die Idee nicht die beste aller Zeiten war. Der Weg ist holprig. Grobe Steine, dunkle Schwellen. Kein Licht. Ich sehe nicht, wohin ich stolpere.

Umkehren? Niemals.

Der Himmel ist freundlich. Irgendwo, hinter den rissigen Wolken, muss ein ziemlich grosser Mond sein. Das Licht reicht nicht bis zum Boden, malt aber eine Ahnung der Landschaftskonturen an den Horizont.

Vorne drei Signale. Von weither leuchten sie rot auf der schnurgeraden Strecke, während ich erste Ermüdungserscheinungen an meinen Beinen spüre. Die Signallampen erzeugen ein Gefühl der Unwirklichkeit. Lange Zeit scheinen sie überhaupt nicht näher zu kommen. Dann sehr schnell doch. Dann bin ich vorbei, dann dieser Bahnhof.

Jetzt ist es nicht mehr weit. Zwei Bahnhöfe weiter, und schon komme ich an.

Das ist auch gut so, denn ich bin durstig. Und die Füße Schmerzen von der ungewohnt holprigen Tour.

Hier führt der Weg in den Wald. Eine ganze Weile lang. Es ist sehr dunkel. Nur die blanken Schienen leuchten aus dem dunklen Nichts.

Bis zum nächsten Bahnhof ist es weit. Weiter als ich gedacht hätte. Durch diesen Wald, der sich ab und zu lichtet, dann stehen ein paar Häuser auf der Lichtung. Beharrlich bellt irgendwo ein Hund.

Dann endlich auch dieser Bahnhof. Der letzte vor meinem. Ich bin erleichtert. Das ist zu schaffen. Denke ich.

Am Ende des Bahnhofs wieder Signale: zweimal rot, einmal weiss. Weiss? Was auch immer das bedeuten mag.

Kurz überlege ich, hier auf die Straße abzuschwenken. Da könnte man ein Auto anhalten, falls nochwelche unterwegs sind. Oder jemanden anrufen. Eigentlich habe ich jetzt genug.

Aufgeben? Niemals.

Es ist ja nicht mehr weit.

Im Osten beginnt es hell zu werden. Das ist gut: Ich sehe jetzt, wohin ich steige.

Wieder führt die Straße in den Wald. Ein richtiger Wald, diesmal, keine Lichtungen, keine Häuser. Die Strecke ist schnurgerade. Es ist, als würde ich auf der Stelle gehen. Um dieses Gefühl loszuwerden, beginne ich, meine SChritte zu zählen. 2500, und noch immer hat sich nichts verändert.

Dann, endlich, beugen sich die stählernen Mondstrahlen, zwischen denen ich gehe, in eine leichte Kurve.

In Sonnenaufgangsrichtung zwitschern verschlafen die ersten Vögel. Eine Weile später kräht irgendwo ein Hahn. Es wird Morgen, und ein Ende der Strecke ist nicht abzusehen.

Ich bin sehr durstig. Meine Füße tun sehr weh.

Ich stehe still und horche. In einem Wald sollte es doch einen Bach geben. Hier plätschert nichts.

Es ist ja nicht mehr weit.

Das Vogelkonzert wird lauter. Der Himmel wird heller. Der Wald gibt nach und zieht sich zurück. Hier ist die Landschaft schon vertraut.

Über diese Brücke noch. Dann noch ein paar Schritte…

…diesmal zähle ich 4000 Schritte. Dann zähle ich nicht mehr: Dann sehe ich schon das rote Signal, bei dem ich vorhabe, links abzuschwenken und dem Feldweg zu folgen.

Jetzt ist es nicht mehr weit.

Denke ich.

Dann stehe ich vor dem Zaun, der da nicht sein sollte. Der Zaun, zwei Meter hoch und unfreundlich stachelig obenauf, läuft weiträumig um eine Halle. Die da nicht stehen sollte. Da sollte nämlich ein Feld liegen. quer durch, und nur mehr zehn Minuten bis nach Hause.

Denkste.

Was macht die dumme Halle da?

Meine Füße drohen, in Streik zu treten. Aufgeregt verhandeln meine durstigen Innereien mit den Aufständischen. Erfolgreich. Gemeinsam werden wir die Halle umkreisen.

Dummerweise, gleich daneben, noch ein ebenso unfreundlicher Zaun. Er umzäunt nichts.

Nur Wiese. Und ein wehrhafter Zaun drumherum.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als die lange Runde an der Autobahn entlang zu nehmen.

Eine Maus läuft über den Weg und sitzt dann unter dem Zaun.

Endlich kommt das Haus in Sicht.

Ich leere eine halbe Flasche Mineralwasser und falle ins Bett.

Gut gelüftet. Gut trainiert.