Netz-Archäologie

„Die wievielte Inkarnation deines Online-Lebens ist das eigentlich?“ fragte mich eine Freundin, als ich bei einem Bier vom guten, alten Internet zu schwärmen begann, in dem bunte Blogs und persönliche Seiten noch nicht von Kommerz und Fake-News überschattet wurden.

Ich dachte nach, nahm beim Zählen die Finger zu Hilfe, fand immer wieder noch ein vergessenes Seiterl und beschloss am nächsten Tag, mich in die Tiefen der Wayback-Machine zu begeben, um die Frage ausführlicher zu beantworten, als die Fragestellerin jemals zu befürchten gewagt hätte.

asturmMeine erste eigene Seite bastelte ich so circa 1995. Sie lag auf dem Server eines befreundeten Internet-Providers und bot alles, was uns das Netz damals so faszinierend machte: Frames, dunklen dichtstrukturierten Hintergrund, schlecht animierte .gifs,  ja manchmal sogar einen blinkenden Marquee. Leider ist die Wayback-Machine da etwas nachlässig gewesen und hat nur eine einzige, sehr späte Archivierung dieses technischen Wunderwerks anzubieten, bei dem dummerweise der Navigationsframe fehlt – hier. Bemerkenswert (letzter Absatz): Schon damals wollte ich immer viel mehr online stellen, als es die Zeit mir zu tun erlaubte. Die Seite lag in einem Unterverzeichnis einer Domain, und die Adresse endete irgendwie auf /users/~asturm/ oder so ähnlich. Aber wer hatte damals schon eine eigene Domain?

Ungefähr 1998 packte mich die Sehnsucht nach einer solchigen. Ich entschied mich für „wortwerkstatt.at“. Idee dahinter war eine „virtuelle Künstler-und-Lebenskünstler-WG“, die ich ein paar Jahre lang mit viel Vergnügen fütterte. Ich war aber die einzige, die regelmäßig fütterte, was ich dann dauerhaft betrachtet ein bisschen langweilig fand. Technisch war die allererste Wortwerkstatt (in Archive.org leider nicht erhalten) pures html.

Mein erstes Weblog (optisch ebenfalls nicht erhalten) lag auf editthispage.com. Ich schrieb dort englisch, wie es (fast) alle taten, so ungefähr von Juni bis Dezember 2000. Weil ich die Einträge mit ins Leere (oder Schlimmeres) zeigenden Links über die Jahre immer wieder entsorgt habe, sind von damals hauptsächlich Tageblogging-Einträge erhalten, zB dieser.

2015-02-07_13h29_36Dann wechselte ich zu blogger.com, weil man dort gebloggtes auch auf eigenem Webspace anzeigen lassen konnte – statische Seiten des Blogs wurden per FTP an den eigenen Server übertragen. Wunderwerk der Technik! Und so begann am 13.12.2000. das Zeitalter der nicht-html-handgedrechselten Inhalte in der Wortwerkstatt (beim Lesen der Blogroll von damals wird mir jetzt grad ganz nostalgisch…).

Damit war ich aber auch nicht allzu lange glücklich. Das Bloggen war zwar bereits zur Selbstverständlichkeit geworden, aber die schnell wechselnden Inhalte verstellten oft den Blick auf die „wertvolleren“. Das Weblog wanderte daher bereits in der ersten Hälfte 2002 in eine Subpage, die Wortwerkstatt-Frontseite kehrte zur statischen Ansicht zurück (den Header finde ich auch nirgends mehr. Es war eine eckige Wackelschrift).

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Dann kam Antville. Das war neu und aufregend – zum einen, weil es damals technisch und im Handling die Nase wirklich weit vorne hatte, zum anderen aber auch weil ich die Entwickler persönlich kannte und beruflich mit dem zugrundeliegenden Framework arbeitete.

Mein Weblog auf Antville hieß mehrwortsteuer.antville.org und war das erste,an dem ich pausenlos optisch herumbastelte. Web Archive.org kennt zwei Inkarnationen. Auch hier sind die immer mit viel Liebe gebastelten Header verloren.
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Irgendwann früh im Jahr 2002 entschloss ich mich, die Fallschirmspringer-Inhalte in eine eigene Domain zu verlegen – skydance.at. Die erste Variante davon wurde mit einem Blogger-Blog und viel Handarbeit drumherum betrieben und sah so aus:

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Im Juni 2003 kehrte mein persönliches Blog als „dagbok“ in die Wortwerkstatt zurück. Grundlage war ein lokal laufendes helma, das per FTP statische Seiten an den Server lieferte. Die erste Variante war sehr orange, danach kriegte ich mich farblich wieder etwas ein. Etliche weitere Modifikationen in dunkelschwarz, durchsichtiger-als-durchsichtig und ein mir selbst nur ungenau erinnerlicher Ausflug ins grasgrüne bleiben (zum Glück?) in den Kittelfalten der Geschichte verborgen.

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Skydance.at wechselte im März 2003 zu twoday.net, wo es dann eine ganz Weile lang so aussah (wobei die Menüs oben mit der Mittespalte abschlossen, das hat archive.org verschluckt):

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Die Wortwerkstatt kriegte derweil wieder eine neue Front, in der aktuelle Einträge vorne sichtbar waren und die Künstler trotzdem im Mittelpunkt standen. Die Bilder der Mitkünstler erschienen beim Mausover bunt.

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Das gefiel mir sehr gut (gefällt mir irgendwie sogar heute noch), und blieb daher optisch eine ganze Weile so, selbst als ich irgendwann im Herbst 2004 das System wechselte. Die Expressionegine war fortan der Motor hinter dem Inhalt. Als ewige html-und-css-Bastlerin konnte natürlich das Basteln nicht sein lassen. Das dagbok wechsle die Designs wie andere Leute die Unterhosen, wurde mir einmal vorgeworfen. Nunja, ja. Ich verstand nur nicht, warum das ein Vorwurf sein sollte. dagbok-g

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wws20072015-02-07_16h20_22Irgendwann 2006 wurde mir die Wortwerkstatt zu blass und erhielt ein sanftes Redesign (links). Das dagbok mutierte in derselben Zeit zur „einschicht“ (warum, weiß ich auch nicht mehr so genau). Auch die Einschicht änderte ihr Aussehen immer wieder gern, aus irgendeinem Grund hat aber archive.org bei späteren Versionen das css nicht mit aufgehoben.


Derweilen in der Wortwerkstatt bloggen & künstlern „as usual“ lief, wanderte Skydance wieder auf meinen eigenen Webspace zurück – diesmal unter drupal. Auch dort hat archive.org vergessen, das css mitzunehmen, die Optik blieb aber weitgehend die gleiche wie vorher (was angesichts des etwas komplizierten drupal-Templating-Systems gar nicht so einfach war).

Die Wortwerkstatt wurde zunehmend museal, da die dort heimischen Künstler entweder auf ihre eigene Domain wanderten oder gänzlich das Interesse verloren. Das „virtuelle gemeinsame Atelier“ schien nicht mehr zeitgemäß, und 2010 wanderte ich mt meinem Blog auf sturmwarnung.at aus und gab bald darauf die Wortwerkstatt auf. Der Motor blieb die Expressionengine. Die Layouts der alten sturmwarnung sind leider auch nicht erhalten, was schade ist – besonders auf das ausgeklügelte Kalender-Archivsystem war ich damals ziemlich stolz. 

Es dauerte aber nicht lange, bevor mir die Vermischung all meiner Inhalte dann doch zu schwammig wurde, und zwischen 2013 und 2015 baute ich wieder kräftig um. Heute lebe ich meine Online-Präsenz ungehemmt auf vier Domains aus.

Die Sturm – Berufliches und Übersicht
Sturmwarnung – Literatur und Musik
Sturmpost – Das Blog
Sturmpix – Fotos jenseits der reinen Chronik

Mit dieser Diversifizierung kam auch der Schritt zu Worpdress. Ich hatte immer viel Spaß beim Zähmen und Optimieren von Systemen wie drupal und der expressionengine, aber, wie mir zu der Zeit bewusst wurde, vielleicht etwas zu viel Spass. Genauer habe ich das hier formuliert, als die Sturmpost online ging.  

Tja, was soll ich sagen? Heute (2020) habe ich eine naggende Stimme im Kopf, die mir erzählen will, dass die Sache mit den vier Domains vielleicht doch etwas zu zerfranst ist, und das Bedürfnis, wieder das eine und einzige Sturm-Portal zu schaffen. Ich widerstehe – noch – vor allem auch, weil ich gar nicht die Zeit dazu hätte, das ordentlich zu machen. Mal sehen, wie es weitergeht… 

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