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Die Chronistin, althergebrachten Traditionen gegenüber seit jeher skeptisch, hat sich vor Jahren ihre eigene gebastelt: Die Silvester-Genusspackerln. Die Silvester-Genusspackerln enthalten Kostproben der besten kulinarsichen Erlebnisse des Jahres und gehen an ausgewanderte oder sonstwie weit weg lebende Freunde. Die Chronistin hat den Dienstag weitgehend damit verbracht, diese Packerln zu packen. Gegen 17 Uhr an diesem Dienstag betritt sie mit einem Stapel fein verpackter Genusspackerln das nahegelegene Postamt.

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Die Schlange vor dem Paketschalter reicht bis zur Tür und bewegt sich sehr sehr langsam. Spätestens nach dem dritten abgefertigten Kunden wird klar, dass der Grund dafür diesmal nicht begriffstutzige Kunden sind, sondern ein bummelstreikender Paketpostler. Nachdem sie sämtliche ausliegenden Prospekte mehrfach gelesen hat, beginnt die Chronistin, die Pakete auf den hintenstehenden Wagen zu zählen. Das ist gar nicht so einfach, denn die Wagen werden von weiteren Postlern ohne ersichtliche Aufgabe offenbar wahllos hin und her geschoben. Nebenbei bleibt der Chronistin auch reichlich Zeit, darüber nachzudenken, wieso zwei Tage vor Weihnachten nur einer von zwei Paketschaltern besetzt ist.

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Trotzdem: Kaum eine halbe Stunde später ist es soweit, und die Chronistin steht mit ihren Päckchen in der Pole-Position. Der Postler allerdings muss sich erstmal mit einem langen, sinnenden Blick auf die Wanduhr entspannen. Daran sollte man ihn keineswegs hindern; ein entspanntes Gegenüber jenseits der Barriere ist Goldes wert. Sollte man meinen. Der Versand des einen Inlandspäckchens geht dann auch erwartungsgemäß und reibungslos über die Bühne (bzw den Tresen). Ein weiteres Päckchen geht nach Schweden, der Rest nach Deutschland. “Die sind alle ‘zerbrechlich’” sagt die Chronistin und erwartet, dass der Postler unter den Tisch greift und die entsprechenden Aufkleber hervorholt. Allein, der Postler bewegt sich nicht. Er betrachtet zuerst die Päckchen und dann die Chronistin und grummelt dann:

– ‘Zerbrechlich’ ins Ausland måch ma ned.
Die Chronistin, verwirrt: –  Aber wieso, ich hab doch immer…
Der Postler: – Ållas ändert si, irgendwann.

Und dabei sieht er aus, als würde er sich über die Verblüffung im Kundengesicht köstlich amüsieren.

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Nur um Zeit zu gewinnen fragt die Chronistin jetzt nach den Preisen für den Versand. Die kennt sie zwar, kann aber so in Ruhe überlegen, ob auch alles postsicher verpackt ist. Sie hat alles gut verpackt, aber die Erinnerung an die Ferialpraxis im Grazer Bahnhofspostamt lässt sie trotzdem schaudern. Die Päckchen sollten, samt Inhalt, zwar durchaus die übliche Behandlung als Handball aushalten, aber ob sie es auch aushalten würden, nach so einem Wurf aus 4 Metern zu Boden zu fallen, ist eher zu bezweifeln. Während diese Horrorvisionen am inneren Auge der Chronistin vorbeiziehen, wiegt und sortiert der Postler die Päckchen, drückt auf seiner Touchscreen herum und murmelt Zahlen vor sich hin, die nur das geübte Postamtsohr verstehen kann. Er endet auf “…und nach Schweden, wenn sie’s Riaridi wollen, kumman no 7 Euro dazua.”

Nachdem sie das innerlich auf “Priority” übersetzt hat, fragt die Chronistin (geistig immer noch mit Packerlhandball beschäftigt): “Und, was macht das für einen Unterschied?”. – “Riaridi sollt’ in 14 Tåg durt sein”, sagt der Postler, “Normal kann ma ned so genau sagn. Des kann a Monat a brauchn.”

Die Chronistin verhindert geistesgegenwärtig gerade noch, dass ihre Kinnlade am Brustbein aufschlägt. “Und die nach Deutschland?” fragt sie, aus einem inneren Automatikmodus heraus. “Nach Deutschland gibt’s ka Riaridi.” sagt der Postler. Die dann eher gestammelte Folgefrage, wie lange das denn dauern könnte, beantwortet er mit einem Schulterzucken. “Schaun’s, des kann i ihnan ned sågn. Des kann in ana Wochn duat sein, des kann aber a a Monad brauchn.”

Der mehr als verblüffte Gesichtsausdruck der Chronistin macht ihn sichtlich zufrieden. Nach einer Schrecksunde zieht die ihre Auslandspäckchen schützend an sich und bedeutet mit einem Kopfnicken, dass sie es für diesmal bei dem einen Inlandspäckchen belassen wollte. Eigentlich hätte sie fragen sollen: “In welchem Jahrhundert befinden wir uns eigentlich? Fahren sie etwa noch mit der Postkutsche?” aber das fällt ihr erst auf der Straße ein.

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Nachdem sie ihre kost-baren Päckchen wieder in den vierten Stock geschleppt hat, beginnt die Chronistin, nach Alternativen zu suchen. DHL ist das erste, was ihr einfällt. Da deren österreichische Webseite die dort zweifellos vorhandenen Informationen sowohl im Mozilla als auch im IE6 (höchste Sicherheitsstufe) nur bruchstückhaft preisgibt (und die einsehbaren nur sehr langsam) bleibt nur die angegebene Telefonnumer. Dort erzählt ein Band, der telefonische Kundenservice stehe von 8:00 bis 18:00 Uhr zur Verfügung. Die Chronistin blickt auf die Funkuhr. Leider ist es bereits 18:01.

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Nächster Versuch: UPS. Deren Webseite funktioniert und bietet auch so wunderbare Tools wie einen “Laufzeitrechner mit Kostenvorschau”, mit denen die Chronistin im Nullkommanix herausfindet, dass die Päckchen nach Deutschland, die ja erst zu Silvester ankommen müssen, mit UPS nur unwesentlich teurer reisen würden als mit der Post – und das bei Hausabholung und uhrzeitgenauer Lieferzeitvorhersage. Der Preisunterschied nach Schweden wäre etwas höher, aber für das Gebotene durchaus akzeptabel. Begeisterung macht sich breit. Leider nur kurz. Beim Versuch der Online-Bestellung erfährt die Chronistin, dass UPS den Transport von Lebensmitteln und Alkohol verweigert.

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Bleiben noch Fedex und TNT. Beide bieten, wenn die Webseiten Recht haben, nur Express-Zustellungen innerhalb von zwei Tagen, die dementsprechend teuer sind. Um die hundert Euro für so ein Packerl erscheinen dann doch eher unverhältnismäßig – wenn es nicht wirklich dringend am nächsten Tag ankommen muss. Die Chronistin seufzt tief, streichelt ihre Genusspackerln und vertagt gezwungenermaßen das Versandproblem.

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Am nächsten Tag klappt der Anruf bei DHL. Leider versenden auch die nur super-express um das entsprechende Geld. Die Chronistin, mittlerweile ziemlich geladen, nimmt nochmals das Telefon und fragt den Sufi um Rat. Der plaudert sich um das Problem herum langsam in den Kern desselben (die Chronistin will nämlich keine guten Ratschläge, wie man ein Packerl bruchsicher verpackt, sie will in ihrem Zorn vor allem eine Lösung, die garantiert nichts mit der österreichischen Post zu tun hat) und hat schließlich eine geniale Idee: Die Mitfahrzentrale!

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Die Chronistin ruft sofort dort an. Leider, bedauert man am anderen Ende, Sachen könne man keinesfalls entgegennehmen, da ja der Fahrer dann ja dafür verantwortlich wäre. Ihre Verwunderung darüber, dass der Fahrer zwar Verantwortung für Menschen, nicht aber für Sachen übernehmen kann, behält die Chronistin für sich. Man könnte ja zuerst erfragen, wer zu den gewünschten Zielen unterwegs wäre, und die Fahrer dann direkt fragen, meint der Sufi. Die Chronistin sieht vor ihrem inneren Auge eine endlose Autobahn und einen gelangweilten Fahrer, der sich schon bei Linz genüsslich über den Inhalt der Päckchen hermacht, und verwirft die Idee.

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Die Chronistin sitzt vor dem Computer und klopft mit den Fingernägeln auf den Tisch. Sie denkt angestrengt nach.

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Die Chronistin erinnert sich daran, dass sie nicht nur aus einer mehrere Generationen überspannenden Postlerfamilie kommt, sondern auch mehrfach Ferialjobs in diversen Postämtern hinter sich gebracht hat. Auch wenn das ungefähr 100 Jahre her ist, könnte doch der eine oder andere Kontakt noch bestehen? Sie beginnt zu telefonieren.

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Nach mehreren Versuchen findet sie tatsächlich eine Ex-Kollegin, die sich auch noch an sie erinnert. Die eigentliche Idee wäre gewesen, sich nach alternativen Beförderungsmethoden zu erkundigen (wie etwa der seit jeher mythischen “Bahnpost”), aber schon nach wenigen Sätzen aus dem gestrigen Gespräch lacht es prustend aus dem Hörer. “Was hat der erzählt?” fragt sie und erklärt der verblüfften Chronistin, dass “normal” aufgegebene Pakete “de facto” meist innerhalb von 3-4 Werktagen auch in Deutschland ankommen; “naja, in entlegene Dörfer oder zu Stoßzeiten dauert’s auch mal eine Woche, und versprechen kann’s die Post nicht, aber länger dauert’s selten.” Zum leidigen Problem der ‘Zerbrechlichkeit’ weiß sie auch Näheres: In die genannten Destinationen kann das die Post nicht machen, weil die Zielunternehmen diesen Service nicht anbieten. Hm. Zwar gäbe es allgemein neue Vorschriften zur Behandlung von Paketen, aber “de facto” (sie sagt gern “de facto”) habe sich nicht allzuviel verbessert. Dem könne man wohl nur mit besserer Verpackung begegnen. Alternativen fallen ihr dann auch nicht ein, aber sie gibt der langsam resignierenden Chronistin einen Tipp mit auf den Weg: Das Schwedenpaket keineswegs “Priority” zu schicken. Warum? Weil alle Priority-Pakete durch den Zoll müssen und dort in Stosszeiten wie eben Weihnachten “de facto” häufig länger liegen blieben, als der Landweg dauert.

Die Chronistin bedankt sich artig, wünscht angenehme Feiertage und verspricht, “reinzuschauen” wenn sie wieder einmal in der alten Stadt ist. Als Draufgabe hat sie noch eine “interne” Telefonnummer bekommen, um sich auch offiziell über den Postler vom Vortag (“das ist sicher noch ein Beamter”) beschweren zu können. Die Chronistin denkt, dass das zwar diesmal durchaus angebracht wäre, dass das aber trotzdem irgendwie gegen ihre Grundsätze ist. Vermutlich wird sie diese Telefonnummer nicht benutzen.

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Die Chronistin packt die wirklich empfindlichen Pakete nochmals neu, mit noch mehr Füllmaterial und noch stoßsicherer. Dabei überlegt sie, warum Pakete innerhalb der EU überhaupt durch den Zoll müssen, und warum – wenn das denn schon so ist – nur die Priority-Pakete betroffen sein sollen und die anderen nicht.

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Die Chronistin schlägt ein multikonfessionell-atheistisches Kreuz über die Pakete und versucht außerdem, sie mit altkeltischen, indianischen und sonstigen Zaubersprüchen gegen jedes Unheil abzusichern.

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Die Chronistin trägt ihre Pakete wieder in Richtung Postamt. Sie wählt diesmal ein anderes, weil sie vermutet, dass der Postler von gestern über ein Repertoir an geheimen Kugelschreiberkrakeln ähnlich den Gaunerzinken verfügt, mit denen er das Paket als “mindestens 3 Wochen liegen lassen” oder “aus möglichst großer Höhe fallen lassen” markieren kann.

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Die Wartezeit auf dem anderen Postamt ist kürzer, reicht aber dennoch aus, um festzustellen, dass hier ganz andere Broschüren aufliegen.

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Während der – wesentlich freundlichere – Postler die deutschen Pakete beklebt, für die es ohnehin nur eine Versandvariante gibt, fragt die Chronistin unter “ich habe gehört” nach, ob das den stimme mit der Priority-Paket- und Zoll-Geschichte. Der Postler hebt den Kopf vom Bildschirm, grinst und fragt, wo die Chronistin das denn gehört habe. Ohne eine Antwort abzuwarten (die ohnehin nicht gekommen wäre), arbeitet er weiter, wendet sich schließlich dem schwedischen Paket zu und sagt: “Wissen’s, gehört hab ich das auch schon oft, aber weitererzählen darf ich’s nicht.”

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Alle Pakete sind im Standardmodus verschickt. Die Chronistin hofft, richtig informiert worden zu sein und dementsprechend richtig gehandelt zu haben. Sie hat eine Rechnung in der Tasche, auf der die genauen Preise stehen (zum Porto kommt, als wäre die Chronistin noch nicht verblüfft genug, noch eine extra ausgewiesene “LKW-Maut” hinzu) und dann noch eine Nummer je Paket. Mit diesen Nummern kann man auf der Webseite der Post den Weg der Pakete verfolgen.

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Die Chronistin sinniert auf dem Heimweg ausführlich darüber, wie abenteuerlich das Versenden von ein paar ganz simplen Paketen sich im Jahr 2004 gestalten kann. Zu Hause gibt sie eine der Paketnummern in die Suchmaske ein und wartet auf das Ergebnis. “Sendung wurde an die Post übergeben” steht da, mit Datum, Uhrzeit und Postamt. Immerhin. Das stimmt schon mal.

[Gesang 20-24 bleiben etwaigen weiteren Berichten über die nun ganz auf sich selbst gestellten Genusspackerln vorbehalten. Wobei die Chronistin hofft, dass sich die Punkte bis auf den wichtigsten – angekommen – erübrigen werden.]