Da drüben jenseits der Straße hinter einem anderen Fenster ist einer, der redet genau wie Daniel Cohn-Bendit. Die Stimme, die Färbung, die Betonung – alles stimmt. Es war ein kurzer Abend heute, aber dann doch wieder nicht. So viele Themen, so viele Geschichten, zum Schluss sogar Musik – dafür brauchen andere die ganze Nacht. Die ganze, helle Vollmondnacht. Es spricht gegen mich und gegen meine derzeitige Lebensart, dass ich das große Runde erst aus dem Zug erspähe, aber es erklärt natürlich einiges. Gedanken und Träume der letzten zwei Tage sind plötzlich nicht mehr beunruhigend, sondern ganz normal. Musik, Musik, Musik auf bluesigen Schienen; das einzige, was mir nie jemand wegnehmen darf, ohne das ich nicht leben könnte: Musik.

I can’t provide for you no easy answers,
Who are you that I should have to lie?
You’ll know all about it, love,
It’ll fit you like a glove
When the night comes falling from the sky

Wenn ich wüsste, wo die Old Farts ihre Musik-Links hernehmen, ich hätte einiges zu linken – Hortkinds Aeroflot Pilot zum Beispiel, aber Google kennt nur eine Fundstelle, und die gibt nicht viel her.

Die schönsten Songs auf meinem MP3-Player sind überhaupt die, die ich in mehr oder weniger dunklen Nächten mir ansonsten völlig unbekannten DJs abgebettelt habe, Songs, über die ich kaum etwas weiß und zu denen man sich auch beim Info-Suchen schwertut; die Liveaufnahmen vom Liedermaching-Festival des Göttinger Cafe Kreuzberg sind auch mehr als eine lange Nacht wert; wie kommt es nur, dass die Charts zu 90% aus Scheiße bestehen, wenn überall, wo man die Ohren aufmacht, großartige Bands aus dem Nichts auftauchen? Wollen die Leute den Charts-Schrott wirklich hören? Wohl eher Fnord, Fnord, Fnord* Fnord.

Musik macht mich ganz unvernünftig. In einer Mondnacht wie dieser würde ich Haus und Hof verkaufen, nur um einen Song zu kriegen, der mir momentan gerade fehlt. Auch ein guter Grund, keinen iPod zu haben, denn sonst würde ich mich im iTunes Shop wohl arm kaufen. Auch seltsam, übrigens, als Sony seinen Walkman auf den Markt brachte, hießen innerhalb von 6 Monaten alle tragbaren Kassettenspieler Walkman. Der akustische “Hoover”-Effekt, sozusagen. Aber niemand würde iPod zu einem mp3-Player sagen, der, sagenwirmal, von Samsung ist. (Mein mp3-Player ist ein iRiver, und obwohl er damals ein Affektkauf war, macht er mich sehr glücklich. Vor allem, weil er läuft und läuft und läuft. Die Akku-Zeiten sind sagenhaft.)

“Das war eine geniale Idee bei der Nummer * (Die demnächst in Radio Wortwerkstatt zu hören sein wird) , die Fender ohne Melodie einfach nur mit dem Feedback zu nehmen” sage ich, viel früher, zu Dorian. “Habe ich so noch nie gehört.”“Ach, hat’s alles schon gegeben,” sagt er, “Zum ersten Mal hab ich’s glaub ich auf der Ummagumma gehört.”

Die Ummagumma habe ich wiederum erst ein einziges Mal gehört, und das ist zwanzig Jahre her. Es war ein einzigartiges Musikerlebnis, verbunden mit einem einzig(artig)en Trip,  und die Erfahrung entzieht sich der chronistischen Beschreibungssucht (was in dem Fall nicht heißt, dass ich mich nicht erinnern kann). Aber da ich unter anderem dabei bin, Mythen auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen, werde ich sie wohl auf die Einkaufsliste setzen. Jetzt, wo ich daran denke.

Aber das war früher, das Gespräch ein bisschen früher und das Erlebnis viel viel früher. Jetzt neigt sich dieser Eintrag dem Ende und meine Musiksucht der kitschigen Phase zu. Lasst mich diesen Eintrag beenden mit einem Zitat aus einer der ganz wenigen Dylan-Coverversionen, die ich gelten lasse:

Di soll´s gebn solangs die Welt gibt
und die Welt solls immer gebn
ohne Angst und ohne Dummheit
ohne Hochmut sollst du leb´n.

Zu de Wunder und zur Seligkeit
is dann nur a Katzensprung
und wann du wülst
bleibst immer jung (…)