In einem kleinen Dorf in der Südsteiermark (vielleicht auch in Slowenien) bleibe ich eine Weile, weil es besser ist, wenn ich mich zur Zeit in der Stadt nicht sehen lasse. Außerdem ist inder Reha-Klinik im Nachbardorf einer, den ich sehr gern habe. Und in der Psychostation ein paar Kilometer weiter jemand anderer, mit dem ich gerne rede, auf Alkoholentzug.

Alles ist sehr staubig, die alten Leute reden von der Verwüstung des Dorfes. Sie meinen keine Barbarenhorden, sie meinen das Wetter. Zum Glück gibt es einen Fluss mit einer Wiese davor, in den man bei der Hitze gerne reinspringt.

Der Lieferwagen mit Waren für den kleinen Lebensmittelkiosk kommt nur einmal in der Woche – wenn er überhaupt kommt. Besser wäre, man fährt Auto, aber auch dann ist es noch sehr weit bis zum nächsten Supermarkt.

Ich bewohne zwei Flügel eines Vierkanthofes, dessen Innenhof im Gegensatz zur trockenen Außenwelt üppig grünt und blüht. Dort sitze ich mit dem Alkoholiker, der Ausgang hat. Wir sind uns einig, dass es hier sehr schön ist. Er beklagt sich darüber, dass seine Freundin ihn nie besucht – weil ihr Hund nur auf Asphalt laufen kann und nicht auf Schotterstraßen, sagt sie. Das ist natürlich eine Ausrede, sage ich, und der Alkoholiker sieht mich an, als wäre das eine ganz neue Idee für ihn.

Ich nehme das Auto vom Nachbarn, um den Freund wieder in die Psychostation zu bringen. Aus der Garage bis zur Straße muss man eng definierte Schlangenlinien fahren; der Autobesitzer hat überall abgebrochene Flaschen eingegraben, mit den scharfen Kanten nach oben, damit jemand, der nachts versucht, das Auto zu stehlen, nicht weit kommt damit.

Später liege ich am Flussufer und blinzle hinauf ins Birkenlaub. Mir wird klar, dass ich eigentlich überhaupt keine Lust habe, in die Stadt zurückzukehren. Ich erinnere mich nicht, was ich dort angestellt habe, dass ich flüchten musste, und es ist mir auch ganz egal.

Ärgerlich nur, dass sie in der Reha-Klinik keine Besuche zulassen; den, der mir am Herzen liegt, kann ich nur sehen, wenn am Freitag der Bus die Kranken herumkutschiert. Heute ist Freitag, und da kommen sie schon.

Er ist sehr schön; ihn nicht ständig zu berühren – seine langen schwarzen Haare, die kühlglatte olivbraune Haut – ist beinah schmerzhaft. Und er ist sehr traurig heute: die Ärzte haben ihm gesagt, dass er entgegen ihrer ursprünglichen Prognose wohl nie wieder laufen können wird.

Ich hatte das schon eine Weile lang befürchtet, es hat alles etwas zu lang gedauert, die Aussagen waren zu wage. Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass er diese Diagnose gleichzeitig als Ende unserer Beziehung betrachtet.

Nichts, was ich sage, erreicht ihn wirklich; dass ich hier bleiben werde, erzähle ich ihm; das ich mit dem Geld, mit dem ich meine Existenz in der Stadt aufbauen wollte, ein Auto kaufen will, mit dem wir trotzdem auf dem Kontinent herumfahren können. Meine Hände in seinem Haar & meine Wange an seiner Wange; er erwiedert die Zärtlichkeit nicht mehr, bleibt distanziert und fremd.

Mit einem Gefühl unerträglichen Verlustes erwache ich & mit dem Bild eines wunderschönen Menschen, den ich in Wirklichkeit noch nie gesehen habe.