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Zarsis – Djerba – Tunis – Wien

Gnadenlos früh zerrt man uns aus den warmen Betten, und nach einem kurzen Kaffee sind wir auch schon auf den Weg durch den für einen Abreisetag unverschämt schönen Morgen. Der Zubringerbus vom Hotel gehört uns ganz alleine, und ruhig und unorientalisch fahren wir durch das Land, musikalisch begleitet von einem französischen Radiosender mit 4-Uhr-früh-Musik. Bitte erschiessen sie den Pianisten!

Am Flughafen von Djerba heisst es warten, denn der Flug verzögert sich um eine Viertelstunde und dann nochmals, das braucht keine Lautsprecherdurchsage, nur ein diskretes Gewurl roter Lichter auf einer Anzeigetafel. Aber schließlich sind wir mit der zweipropellrigen Maschine unterwegs, ruhig und sonnig, und sehen unter uns noch einmal das Meer und dann Sand, und später, gegen Tunis hin, ein paar Wolken.

Natürlich hält es den Sufi nicht am Flughafen von Tunis, mit einem Taxi fahren wir einem empfohlenen Restaurant zu, das in der hiesigen Zone touristique einen erstklassigen Ruf genießt. Hier grünen die Wiesen, anstatt zu grauen, in der Ferne ein Schloss und dann ein Vergnügungspark, dazu Hochhäuser und Leuchtreklamen, seltsam zu erleben wie befremdend die anmuten können nach nur 3 Wochen der Absenz. Im Radio spielen sie eine Nummer von Mark Knopfler, der anscheinend eine neue Platte gemacht hat, die ganz nach den alten Dire Straits klingt.

Dann sind wir am Restaurant. Dort sagt man uns, wir mögen in einer halben Stunde wiederkommen, und wir setzen uns oben auf dem Hang hin und blicken über die Bucht, und wenn die Sonne herauskommt, ist es ein schöner Frühlingstag. Unten ein Fischerboot, und dazwischen Büsche und Wiesen, grün, und in der Ferne die Stadt, wie aus dem Bilderbuch.

Nach einer halben Stunde wieder im Restaurant, bittet man uns, noch eine halbe Stunde zu warten, weil der Fisch noch nicht geliefert ist. Das ist zu viel. Ein kurzer Spaziergang, dann nehmen wir ein Taxi zurück auf einen belebten Platz, dort eine Pizzeria, und wir tafeln in der Sonne, während rund um uns Pizzas ausgeliefert werden.

Ein paar Schritte noch in Richtung Stadt, dann wieder ein Taxi. Und die feucht glänzenden Wiesen da draußen, mit ihren Schafherden und den Hirten, die im Schatten ein Schwätzchen halten oder ein Schläfchen in der Sonne, wirken unwirklich, wie aufgemalt, der üppig fruchtbare Überfluss wie ein frivoles Gelächter im Gegensatz zur Wüste, und ich fühle, wie mir die Ruhe abhanden kommt, die Fremde, und schon greift mein altes ich forsch fordernd nach dem Wüstenlächeln, das ich bei mir trage.

Zarsis, das Meer und die Pferde

Den letzten Tag haben wir dem Faulenzen gewidmet, und so ziehen wir etwas verloren über den heute wieder durch starken Wind abgekühlten Strand. Nach mehrmaligem Umkehren wegen falscher Gewandung beschliessen wir, doch noch reiten zu gehen. Der Sufi hat schon vor Tagen eine kleine „Ranch“ entdeckt, und dort handeln wir einen Preis aus für zwei Rassepferde und zwei Stunden. Während der Sufi zum Erstaunen der Einheimischen in orientalischem Reitstil grenzenlos cool am Strand entlang trabt, hopple ich, zum ersten Mal auf einem Pferd sitzend, mit schmerzendem Hintern und einem pausenlos plappernden Tunesier an meiner Seite ziemlich uncool dahin.

Davon habe ich bald genug, umdrehen, bedeute ich dem Wüstensohn, der freundlich versucht, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Der Sufi kann ja durch die Gegend reiten, soviel er will… Er paßt gut in die Landschaft hier, und die Menschen verstehen, so scheint’s, und mögen seine Art.

Aber alleine will er auch nicht, und Hand in Hand spazieren wir zurück in Richtung Hotel, wo wir, des letzten Tages wegen und weil wir, leicht melancholisch, nichts wertvolles mit unserer Zeit anzufangen wissen, uns an den Strand legen und uns zuwehen lassen mit dem feinen Sand, und der Sufi macht die Augen zu und ich rauche eine Zigarette, und dann schreibe ich meinen Namen in den lockeren Sand und schaue zu, wie der Wind den Schriftzug Sandkorn für Sandkorn verweht, und ich denke, wenn man das filmen würde, hätte man eine gute Parabel auf das Wesen des Lebens, aber ich filme es nicht.

Bevor wir selber zu Sanddünen werden, verlegen wir die Herumliegerei an den windgeschützten Swimmingpool, und dort ist es warm, und ich unterrichte den Sufi im richtigen Gebrauch des Zeigefingers in einem Luxushotel, und das bringt uns zwei Bier. Und ein paar flattrige Buchseiten später werden wir hungrig, und wir spazieren zum Platz Sangho hinauf und essen dort auf einer Terrasse mit einem unverschämt schönen Blick aufs Meer, und unten auf dem Platz geben die Jungs mit ihren Pferden an wie anderswo mit ihren Mopeds, und es ist kalt, und die Sonne versteckt sich, und unten am Strand lässt jemand einen Drachen steigen.

Wieder im Hotel: Ein heißes Bad, und dann machen wir unseren Anisette-Vorräten den Garaus, und dann sind wir schon wieder hungrig, und es ist dunkel geworden, und am Strand entlang spazieren wir unter Millionen von Sternen an einem ebberuhigen Meer entlang, der nasse Sand trägt unsere Spuren und die nächste Welle verwischt sie wieder, und der große Wagen hängt mit der Deichsel nach unten und in einem windgeschützten Eck sitzen ein paar von den hiesigen Cowboys an einem Feuer und reden und lachen.

Viel bietet man nicht mehr in der vorsaisonalen Zone touristique, aber das Hühnersandwich, das wir schliesslich ergattern, ist köstlich, und im Fernsehen gibt man ein Champions League Spiel, Real gegen Inter, und es steht eins zu eins, und als die erste Halbzeit vorbei ist, hat das Sandwich auch ein Ende genommen, und der Besitzer will zusperren, und der Sufi ist traurig, denn er möchte die zweite Halbzeit sehen, aber auch im Hotel gelingt uns das nicht, denn der Kanal ist nicht auffindbar.

Da bleibt nur noch eins: Das Wenige, was wir ausgepackt haben, wieder einzupacken, den letzten Schluck Rotwein zu genießen, und ab ins Bett.

Ausflug nach Djerba

Wir lassen den Tag langsam beginnen, denn gestern war es spät und viel Anisette ist die Kehlen hinuntergeflossen. Gerade noch rechtzeitig kommen wir ans Frühstücksbuffet, das keine Wünsche offen lässt. In der Mitte eine halbrunde Theke, die Käse, Wurst, Marmeladen und Müsli bietet, weitere Tische biegen sich unter Brot und Kuchen, dann gibt es eine Saftbar mit diversen Fruchtsäften und ein Salatbuffet, malerisch dazwischen platziert ein nachgebautes Beduinenzelt, vor dem eine Frau sitzt und Fladenbote bäckt.

Weiter hinten eine Theke, an der man sein Omelett zubereiten lassen kann, je nach Wunsch mit allem angereichert, was man sich in einem Omelett vorstellen kann oder auch mit Dingen, die man sich in einem Omelett lieber nicht vorstellen möchte.

Und natürlich gibt es Kaffee und Tee und Kakao und Milch, und nach kurzem Zögern stellen wir uns dieser gewaltigen Herausforderung und fressen uns tapfer einmal quer durch den Saal. Meinem unerschrockenen Jägerherzen gelingt es sogar, die „Feige Marmelade“ zu erwischen, bevor sie zitternd aus dem Schälchen unter den Tisch flüchten könnte.

Dann kann der Tag so richtig anfangen. Wir drehen eine Runde am Meer, und dann wird der Sufi von einer tiefen Müdigkeit erfasst und zieht sich auf dem bereitwilligen Bett in die horizontale zurück, während ich auf dem Balkon in der Sonne mit Wörtern jongliere.

Am Nachmittag gäbe es Markt in Houmt Soukh, so hat man uns gesagt, und brave Touristen, die wir sind, begeben wir uns an die Bushaltestelle, wo um halb 2 der Bus auf die Halbinsel Djerba fahren soll. Soll.

Wir stehen und warten, und nach einer Weile setzen wir uns in den Sand und warten, und die Sonne brennt vom Himmel, und es kommt kein Bus. Ich bin recht zufrieden, die Sonne scheint mir ins Gesicht und es ist warm und friedlich, und die Kamera habe ich im Zimmer gelassen, daher filme ich nicht, wie ein netter junger Mann versucht, ein soeben gekauftes Pferd zu bändigen, und das Tier will nicht so wie er und schnaubt und bäumt sich auf, und der Sufi sagt, das ist ein tolles Pferd.

Dann kommt ihm ein anderer zu Hilfe, nachdem er mir ganz selbstverständlich das Halfter seines eigenen Pferdes in die Hand gedrückt hat, und ich rufe den Sufi und übergebe ihm das Pferd, in der Hoffnung, dass man die leise Verzweiflung in meiner Stimme nicht hören kann.

Mitten auf dem Dorfplatz versehen sie das nervöse Tier mit Sattel und Zaumzeug des später hinzugekommenen, und das dauert eine ganze Weile, ein Schauspiel für die Touristen und die Einheimischen, alle kommentieren das Geschehen, und der neue Besitzer schwingt sich in den Sattel und bleibt Sieger, und der freundliche Helfer reitet das eigene Pferd ohne Sattel und ohne Zaumzeug nach Hause, und der Bus kommt nicht.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr, obwohl das hier überhaupt keine Bedeutung hat, und ganz hinten in meinem Kopf klingt ein Lachen aus der Wüste, und der Bus kommt nicht.

Wir sitzen im Sand, und der Restaurantbesitzer von gegenüber kommt auf ein Pläuschchen vorbei, wendet sich aber wegen der Sprachschwierigkeiten lieber an die ebenfalls wartenden Franzosen, und wir kaufen Orangensaft und Halwa im Geschäft nebenan, und der Sufi spaziert einmal um den Platz, und der Bus kommt nicht.

Als wir gerade aufgeben wollen, kommt er doch. Es hat doch nur etwas mehr als eine Stunde gedauert… und um wenig Geld sitzen wir in dem klapprigen Gelenksbus, dessen Schaffner mit der Würde des Amtes dreisprachig den Fahrgastraum beherrscht, und die Einheimischen achten darauf, dass zwischen den dunklen Vorhängen sich kein Sonnenstrahl in den Bus verirrt, hinausschauen kann man nur nach hinten.

Und das tun wir, während der Riesenwurm sich erstaunlich behände durch die Landschaft schlängelt, wir fahren durch die Gegend, durch die wir gestern marschiert sind, und noch ein Stückchen weiter, über den Damm auf die Insel Djerba, und quer durch diese durch, und während die Straße unter uns hinwegzieht, ein grauer Streifen im freundlich gelben Sand, stehe ich und schaue und das Lachen aus der Wüste klingt in mir nach.

Markttag ist heute natürlich keiner, das haben wir schon im Bus von den Franzosen erfahren, aber die ganze Stadt ist ein einziger großer Markt, ein Touristenmarkt, und das ist ziemlich mühsam.

Die Bauten sind weniger orientalisch hier, gäßchenweise könnte diese Stadt auch an einem europäischen Mittelmeer liegen, und bei jedem Zögern im Schritt stürzen sofort 3 Männer auf den Touristen zu und versuchen, ihn in sein Geschäft zu ziehen.

Das funktioniert in allen Sprachen, und der Schuhverkäufer, der sein Geschäft mit den Worten „Freund! Komm! Guckste die Latschen!“ anbahnen will, ist nur eine der skurrilen Sprachblüten, die einen fürchten lassen, man hätte sich in das Einwandererviertel einer deutschen Großstadt verirrt.

Natürlich kaufen wir, ein Kleid und eine Bluse und dann sehe ich einen wunderschönen Ring, zuerst müssen wir Geld wechseln, und dann gehen wir Essen, ein bisschen in den Seitenstraßen, wo die Touristenstände zumindest dünner gesät sind und eine kleine Ahnung von einheimischem Leben sich zwischen die Andenkenläden verirrt.

Wir essen Gamounia und Couscous, mit Blick auf eine kleine Schneiderei, und dann gehen wir, um den Ring zu kaufen, aber das Geschäft ist hier nicht und dort nicht, und wir laufen stundenlang herum und finden meinen Ring nicht mehr, den Ring mit der Mulde in der Mitte, in die ich das Lachen aus der Wüste in meinem Kopf gießen wollte, um es mit heim zu nehmen und immer bei mir zu tragen.

Stattdessen verzichten wir auf den Bus nach Hause und drehen eine Runde durch die Normalität außerhalb des Zentrums, und wir trinken noch einen Tee und lassen uns von freundlichen Menschen den Weg zur Station des Louages zeigen, und als das Himmelblau über uns in ein Pastellrosa übergeht, dem erstaunlich schnell die Dunkelheit folgt, nehmen wir eine Louage unter den Sternen.

Die Hütten wirken viel freundlicher in der Nacht, und ich wünschte, wir könnten weiter fahren als nur die paar Kilometer zurück in den Tempel des Konsums, weiter durch die Olivenplantagen und dann hinein in die Wüste, und am Lagerfeuer vor dem Beduinenzelt könnte ich vielleicht das Lachen finden, das wie ein Schleier über meinem Schweigen schwingt.

Rund um Zarsis, zu Fuss

Der Tag dämmert im Halbschlaf herauf, und schließlich scheint die Morgensonne durch den Vorhang. Wir hängen noch im Bett herum, denn wir haben das Frühstück aufs Zimmer bestellt, und das erst für 9 Uhr.

Mit Blick aufs Meer sitzen wir dann auf dem Balkon und tafeln. Und was machen wir mit dem Tag? Zuerst einmal einen kleinen Spaziergang am Meer entlang.

Auf dem Balkon war Bikini-Wetter, aber sobald man den halbrunden Windfang des Hotelkomplexes verlässt, pfeift ein heftiger Wind um die Ecke und verlangt nach Pullover und Windjacke. Solchermaßen ausgerüstet, wandeln wir wie einige andere am Strand, ich ohne Schuhe und bis zu den Knöcheln im Meerwasser, was meiner von unten halbdurchnässtren Jean einen verwegenen Eindruck verleiht.

Der Sufi, unser Pferdefreund, ist hier in seinem Element. Er spricht und flirtet mit seinen vierbeinigen Freunden, und ich sitze und schaue aufs Meer, das mir langsam wieder entgegenkommt, vorsichtig die gestrige Scheu ablegt, und dann flüstert und kichert es mit mir und spielt mit meinen Zehen und wirft mir seine Schätze vor die Füße, und ich bin beruhigt und zufrieden.

Und weiter spazieren wir, da kommt eine Landzunge, leicht felsig, und da ist eine windgeschützte Bucht, ein paar Fischerboote liegen da und weiter im Südosten sind ein paar Netze ausgelegt, und der Sufi döst am Wasser und ich lasse mich hypnotisieren von den vielen tausend Minisonnen auf dem Wasser.

So vergeht eine Weile, bis wir weitergehen, immer weiter am Wasser entlang, kein Sandstrand mehr jetzt sondern eine Kraterlandschaft, und dann doch wieder Sand, nein: die leeren Schalen von Tausenden von winzigen Meerestieren, man kann sie aufheben und wie Sand durch die Finger laufen lassen, man geht darauf und zerkleinert sie noch weiter, ein Friedhof der Namenlosen wird zu Sand.

Dann wenden wir uns landeinwärts, vielleicht finden wir etwas zu essen. Noble Villen stehen hier, mit Türmchen und riesigen Terrassen auf 3 Ebenen, mit parkähnlichen Gärten, aber auch hier sind die Palmen staubig und die Agaven schmutziggrau, und über uns türmen sich Wolken, aber auch heute lassen sie die durstige Erde an ihrem Reichtum nicht teilhaben.

Ein Tunesier, der in einem der Gärten arbeitet, erzählt uns ungefragt, dass diese Villa Einem Deutschen, jene einem Schweizer gehört, noble Herren allesamt. Die Illusion, hier lebe eine Einheimische Elite, ist somit nachhaltig zerstört.

Wir schlagen uns in die Felder, über die dammartigen Trennwege gelangen wir auf einen Feldweg, an dem die etwas weniger noblen Häuser stehen, die wohl den wirklich Einheimischen gehören, und der Feldweg wird eine Straße, und die vereinzelten Häuser werden zu einem Dorf, in dem die Menschen uns mit Neugierde betrachten, ohne uns anzusprechen.

Der Sufi hat am Strand die Socken ausgezogen und unterwegs einen davon verloren, und die Frauen in ihren bunten Tüchern kichern und zeigen auf seine nackten, weißen Zehen.

Viele Schritte weiter hat auch dieser Ort einen Kern mit Schule, Moschee und Geschäften. Hier gibt es keine Garküche, wie der Sufi sie gerne hätte, aber ein kleines Geschäft mit Sandwiches, und wir bekommen jeder einen Teller mit den kleinen, scharfen einheimischen Würstchen und Pommes Frites und Salat, und dazu ungefragt serviert ein Getränk namens Boga, das ungefähr so schmeckt, als hätte man eine Packung Hubba-Bubba Erdbeerkaugummi in Cherry Coke aufgelöst. Der Sufi verzieht angeekelt das Gesicht, aber mir lässt dieser Geschmack eine fast vergessene Kindheitswelt aufsteigen, und die trinke ich mit Behagen.

Während wir unseren Hunger stillen, ist die Schule aus, und die Kinder drängen sich in der Imbissstube, um die hier anscheinend seltene Erscheinung zweier Ausländer zu betrachten, der eine davon mit nackten, weißen Zehen. Sie kichern und zeigen, und die gewiefteren tun so, als hätten sie hier zu tun, den Boden aufkehren zum Beispiel oder die Theke putzen.

Der Besitzer verlangt einen ziemlich unverschämten Preis, und wir kichern, und er lacht auch und ist sofort bereit, mehr herauszugeben, und dann gehen wir, und der Sufi hat genug davon, dass alle über seine Zehen lachen, und geht in ein Geschäft, um Socken zu kaufen, und tatsächlich kriegt er graue Socken mit der Aufschrift Pierre Cardin, und die kosten 1 Dinar, das sind 10 Schilling, und draußen vor der Tür zieht er unter den Blicken der mittlerweile vollständig versammelten Dorfjugend die Socken an.

Dann gehen wir in die Richtung, in der wir das Hotel vermuten, und eine ganze Gruppe von Kindern läuft mit uns, zuerst nur kichernd, dann, mutiger geworden von unserem freundlichen Lachen, um Stylos und Dinar bettelnd, und ein besonders verwegener fängt an, uns hinter unserem Rücken zu verarschen, und ich denke kurz an die Kinder aus dem „Herrn der Fliegen“, und dann öffnet der Sufi die Wasserflasche und verpasst dem größten eine Dusche, und die anderen lachen und die Meute zerstreut sich.

Das Dorf wird dünner und hört dann ganz auf, und wir gehen den sandigen Weg entlang durch die Olivenplantagen. Wir sind nicht ganz sicher, in welche Richtung wir gehen müssen, aber wir gehen. Die Sonne scheint, aber hinten am Horizont, vermutlich über dem Meer, dunkle Wolken. Die silbrigen Unterseiten der Olivenblätter glänzen in der Sonne, und wir gehen die Straße entlang, und die Farben sind unwirklich, rötliche, gelbliche Erde und das grün der Bäume und das Blau des Himmels, und die Wolken am Horizont strahlen in einem tiefen dunkelblau, nur die Ränder sind weiß und werfen sich auf wie die Rüschen an einem Himmelbett, wenn der Wind durchs offene Fenster streicht.

Und viel, viel später erreichen wir eine geteerte Straße, und ich habe keine Ahnung mehr, wo wir sind, und der Sufi tut so als hätte er eine, aber das alles macht nichts aus, in einem der Olivengärten arbeitet eine alte Frau, wir grüßen und sie nickt uns zu. Der Sufi hält ein Auto an und fragt, ob das denn der richtige Weg sei, ja, bestätigt der Aufgehaltene, und dann geht der Sufi weiter, auf das Meer zu das schließlich am Horizont auftaucht, aber…

 

Ich bleibe auf dieser Straße, zwischen den Olivenbäumen, die so weit auseinander stehen, dass sich kein richtiger Schatten bilden kann, und ich gehe den ganzen Tag und die ganze Nacht und noch einen ganzen Tag, ohne müde zu werden. Und langsam, kaum merklich, verwandelt sich meine Goretex-Jacke in eine Wolldecke, in die ich mich hülle in der Kälte der Nacht, und meine Turnschuhe werden zu Ledersandalen, und ich gehe ohne Eile auf dieser Straße, an der sich nichts verändert, endlose Reihen von Olivenbäumen, und ab und zu steht jemand in einem dieser Gärten auf sein Arbeitsgerät gelehnt und nickt mir zu, wenn ich ihm winke, ohne meinen Schritt zu verlangsamen.

Ich gehe unter den Sternen, die mir vertraut sind und die mir die Richtung weisen würden, wenn die Straße enden würde, aber sie endet nicht, und ich gehe in einen blutroten Sonnenaufgang und ich gehe unter der Sonne, und am Abend des zweiten Tages beginnt es zu regnen, aber das stört mich nicht, ich gehe weiter auf dieser Straße, und meine Haare sind lang geworden und hell. Und dann hört der Regen wieder auf, und die nassen Bäume glitzern, und die Sonne lacht hinter den Wolken hervor und trinkt sich satt an den Wasserlacken, bevor sie wieder untergeht, und dann gehe ich ein paar Schritte von der Straße ab und wickle mich in meine Decke und zusammengerollt unter einem freundlichen Olivenbaum schlafwache ich ein paar Stunden, ich bin nicht müde, nicht durstig und nicht hungrig, und als der Morgen kommt, höre ich einen Pferdewagen, und der bleibt neben mir stehen, und man fragt mich, ob ich mitfahren will.

Ich steige auf den offenen Wagen und gehöre dazu, denn da ist ein Barde, ein schöner, ruhiger Mann mit einem traurigen Lächeln in seinen Augen, und er hat eine wunderschöne Frau mit schwarzen lockigen Haaren und tiefbraunen Augen in der Form von Mandelkernen. Und da ist ein Geschichtenerzähler, der sein Geheimnis bewahrt, und da ist ein Gaukler, ein schlacksiger Junge, und seine Freundin, fast noch ein Kind.

Sie kommen nirgendwoher und sie fahren nirgends hin, und ich habe auf sie gewartet unter diesem Olivenbaum, und wir fahren die Straße entlang, diese Straße, die sich niemals verändert, und ich höre den Geschichten zu und ich lache mit ihnen und erzähle wer ich nicht bin, und der Tag vergeht und die Straße zieht unter uns dahin, und dann kommen wir in ein Dorf.

Mitten auf dem Dorfplatz bleiben wir stehen, und der Junge und seine Freundin jonglieren mit Bällen und Keulen, und sie tanzen zur Laute des Barden, und die Frau des Barden schlägt die Schellen, und dann verkauft sie bunte Tücher und lange Halsketten, die im Wind klingen und duftende Fläschchen für die Frauen.

Und es wird Abend, und wir werden in die Dorfschenke geladen, und ich singe mit dem Barden, dessen Stimme die Sehnsucht der Menschen weckt, und die Lieder erzählen von einer Welt, die die Dorfbewohner bislang nicht einmal geahnt haben, und sie werden ganz still, von der Liebe singt der Barde und von einem Land hinter dem Meer, und davon, dass die Träume Flügel haben.

Dann der Geschichtenerzähler, der spricht den Leuten von den Wundern der Welt, von Häusern die groß sind wie Berge und von Maschinen, die Musik einfangen können und wieder freilassen und von Menschen, die Fliegen können wie die Vögel.

Und die Alten sitzen und lächeln und schütteln die Köpfe, sie wissen, das so etwas nicht existieren kann, und die Kinder sitzen da mit roten Wangen und offenem Mund, sie möchten diese Welt erleben, und sie flüstern einander zu, dass die morgen schon aufbrechen wollen um die Wunder zu suchen.

Dann kommen Krüge mit Wein auf den Tisch und große Stücke Spanferkel und weißes Brot dazu, und es wird gegessen und getrunken und dann singt man wieder, die Lieder werden derber und die Menschen lachen, und als die Nacht in den Köpfen schwimmt, zeigt man uns eine Scheune, wo wir schlafen können, und ich liege im Stroh zwischen den anderen und höre, wie der Barde zärtlich ist mit seiner Frau und ich höre die anderen atmen und ich rieche das Stroh und die Nacht, und kurz bevor ich einschlafe kommt der Geschichtenerzähler ganz nahe zu mir, und er flüstert mit den Lippen an meinem Ohr: Morgen fahren wir ans Meer…

Und ich liege und träume und irgendwann schlafe ich ein und…

 

…ich kann es kaum fassen, dass ich in einem weißen Bett aufwache, mitten in diesem riesigen Hotel, und versuche wieder einzuschlafen und in diese andere Welt zurückzugehen, und ich fühle die Lippen des Geschichtenerzählers an meinem Ohr und er flüstert: Du kannst zurückkommen, wenn du willst, aber nicht heute….

Und dann ist es wieder Tag.

 

Von Matmata nach Zarsis

Die Zimmer im Hotel Matmata in Matmata aber sind schön, haben ein Gewölbe, und das Gewölbe besteht aus roten Ziegeln und weißen Zwischenräumen, und unter diesem runden Himmel lässt sich’s gut im Halbschlaf dahinträumen, dahinüberlegen, und die Klimaanlage rauscht, je nach Halbschlafbildern wie ein Meer oder wie eine stark befahrene Straße oder wie ein Wald, und ich bin ausgeschlafen genug um dieses Gefühl zu genießen: Im beinahe-Schlaf, im gerade-nicht-mehr-Schlaf, hat alles Platz an Bildern und Gefühlen, und warm ist es auch.

So dämmert der Morgen nach einer leicht durchschlafenen, leicht durchwachten Nacht, und es ist kalt heute, Wolken über uns, und die Wolken, die mich stören, bedeuten Hoffnung für das Land, in dem es seit 2 Jahren nicht mehr geregnet hat.

Zum Gaudium des Publikums klettere ich frierend im Badeanzug in den leeren Swimmingpool, der Sufi immer mit der Kamera hinter mir her, und der Barmann holt den Manager, und der Manager holt den Chef, und alle stehen herum und lachen herzlich über die verrückten Österreicher.

Dann gibt es Kaffee und so was wie ein Frühstück, und ich verkünde, dass ich wieder wegfahren will, heute noch, der Sufi wäre geblieben, der Sufi wäre hier wochenlang geblieben, sagt er, oder auch noch länger; wenn er hier sterben sollte, sagt der Sufi, dann will er hier begraben sein und nirgends sonst, und ich nicke ernst und lächle dann und wir spazieren weiter, über die Dächer der Troglodyten-Häuser, der in den Berg gegrabenen Berberwohnungen, und das Museum hat auch heute geschlossen, aber für ein Foto von oben reichts noch, und die Kinder bitten um Stylos und Bonbons und Dinars, und die Antwort ist immer „no“, politisch korrekt aber unendlich traurig.

Und eine Frau bittet uns in ihre piekfeine unterirdische Wohnung, und wir gehen von Zimmer zu Zimmer und filmen, Kommunikation findet nicht statt, und natürlich ist es ein Einkommen und eine Verdienstchance für die Menschen, aber den 5er hätten wir auch so hergeben können, ohne durch ein fremdes Leben zu trampeln, und ich bitte den Sufi, wieder aufzustehen und herauszukommen, bevor ich an der Peinlichkeit ersticke, und dann haben wir auch das überstanden, und die Wohnung selber, einfach aber sauber und unter der Erde mit Strom und Gas, die sieht gar nicht so unbequem aus.

Dann zurück zum Hotel, gepackt ist ja noch, und der Chef bringt uns zur Busstation, und eine geräumige, bequeme Louage bringt uns von den Bergen hinunter ins Nouvelle Matmata. Außer uns noch zwei Japanerinnen, keiner Sprache mächtig außer der eigenen und der englischen, und so etwas versteht hier kein Mensch. Der Sufi nimmt sich der armen Wesen an und unterhält sich mit ihnen und hilft ihnen, die richtigen Schritte zu setzen um in Richtung Douz zu kommen, und er fragt sie woher sie kommen und wohin sie gehen, und das ist gut so, den ich bin schon wieder dem Schweigen verfallen.

Vorne in der Louage sitzt noch eine Frau mit einem Kind, und unterwegs steigt noch ein junges Mädchen zu, und sie sitzt mir gegenüber, und wir lächeln uns freundlich zu, und ihre Augen sind offen und ohne Scheu und ohne Berechnung, und draußen das Bergland zieht vorbei, diese Landschaft, die ich gestern das erste Mal gesehen habe, die mir vertraut ist seit Anbeginn der Zeit, und es wird langsam flacher, und dann sind wie in Nouvelle Matmata, und dort steigen wir um in einen viel kleineren, viel unbequemeren Wagen, um die viel weitere Strecke nach Gabes zu erfahren.

Und ich werde auf den Vordersitz dirigiert, und das ist mir zuerst unangenehm, weil ich fürchte, mit dem Fahrer plaudern zu müssen, aber der schweigt ohne Anspannung, und hinten sitzt der Sufi und plaudert weiter mit den Japanerinnen, und ich bin heilfroh, vorne zu sitzen, und die Tür ist leicht verbeult und geht nicht ganz zu, und wenn ich nach rechts schiele, sehe ich durch den Spalt den Asphalt vorbeiziehen.

Vereinzelte Palmen und Olivenbäume werden dichter, werden zu Anpflanzungen, und darunter wächst sogar Gras und manchmal Blümchen. Hochspannungsleitungen laufen auseinander, laufen zusammen, und wieder fahren wir in eine fremde Stadt, nach Gabes hinein, das so anfängt wie alle anderen, aber das beunruhigt mich nicht mehr, und ich sitze still und schaue, die Stadt macht einen mediterranen Eindruck und sieht zuerst verlassen aus, dann die ersten Geschäfte, Pferdewagen und Männer, die entspannt vor ihren Läden auf der Straße sitzen.

Der Weg zur Station des Luages führt durch den heute hier stattfindenden Viehmarkt, und zwar im Schritttempo, denn auf Schritt und Tritt gibt es hier Dinge, denen es auszuweichen gilt, spielende Kinder etwa oder verkaufte Schafe, und die neuen und die alten Besitzer drängen die Körper der Tiere mit dem eigenen Körper zusammen, sodass unser Wagen vorbei fahren kann, und ein kleiner Bub springt auf den vor uns fahrenden Pferdewagen auf und strampelt mit den Beinen, und ein Schaf versucht vergeblich zu flüchten, und der Fahrer lacht und ich lache und dann sind wir auf dem belebten Platz, wo Busse und Louages in den Rest des Landes abfahren, und wir verabschieden uns von den Japanerinnen und ich setze mich auf eine Mauer und überwache das Gepäck, während der Sufi auf die Suche geht nach einem Wagen, der uns in Richtung Zarsis bringt.

Und es vergehen keine 5 Minuten, dann ist auch das geklärt, und wir ziehen mit unserem Gepäck zum nächsten klapprigen dreihreihigen Kombi. Ich fühle mich wie das japanische Paar in Jim Jarmuschs „Mystery Train“, das seinen riesigen Koffer durch ganz Memphis zieht, ohne zu merken, wie die Leute schauen, und das sage ich dem Sufi, und zur Abwechslung ist er es der lächelt und schweigt.

Mit Mühe verstauen wir unser Gepäck, der Wagen fährt direkt nach Zarsis, und alle Plätze bis auf einen sind belegt, wir werden also nicht mehr lange warten müssen. „Vor dir sitzt ein gelehrter Mann“, sagt der Sufi, und ich nicke und lächle, ein Mann mit einem weißen Käppi und einem langen Bart, den ich immer nur von hinten sehe.

Dann ist noch ein Mitfahrer gefunden und es kann losgehen. Ich hätte die Jacke ausziehen sollen, denke ich, aber dazu ist es zu spät, und das Auto schleicht durch die belebten Straßen, und in einem ausgetrockneten Flussbett weiden Schafe und Ziegen, und endlich am Horizont eine tiefblaue Ahnung von Meer, und dann kommen wir aus der Stadt heraus und der Fahrer gibt Gas, zum ersten Mal ein Anklang dessen, was man in unseren Breiten unter orientalischer Fahrweise versteht, klemmt er sich auf einen halben Meter hinter vor ihm fahrende Lastwägen oder Omnibusse, kümmert sich beim Überholen nicht um Kurven und möglichen Gegenverkehr, und ich bin ganz ruhig.

Manches sollte man filmen, denke ich, und ich filme nicht. Nicht die lebendigen Hunde am Straßenrand, nicht den toten Hund im Graben, und ich filme keine Schafe und keine Ziegen und keine Arbeiter in den Gärten am Rande der Straße, ich filme nicht die Verkaufsstände und ich filme nicht, wie unser Fahrer unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln sein Ziel ansteuert, und es ist warm im Wagen aber ich schwitze nicht, und der heilige Mann vor mir riecht nach Kleidern, die lange in einem Schrank gelegen sind, und irgendwo anders her weht ein Duft von Kölnisch Wasser, und eine Fliege sucht nach einem Platz, wo es sich leben lässt, und ich schaue ihr zu, sie setzt sich auf die Mütze des Gelehrten, die ist wohl zu weiß, dann auf die Lederjacke des anderen, zu schwarz, und dann verschwindet sie irgendwo, und ich brauche sie nicht mehr zu verscheuchen.

Und die letzte Reihe in diesem Wagen ist verdammt unbequem, und bei jedem Schlagloch, deren es viele gibt, poltere ich schmerzhaft auf mein Steißbein, und es ist warm, und ich bin zufrieden. Und wieder hängen wir bei Tempo 120 einen Meter hinter einem Omnibus, und

ich habe keine Angst

ist das das fremde Land oder

mein freigelegter Kern?

Alle meine Türen stehen

weit offen und

trotzdem kann mich

nichts

verletzen

hier & jetzt

Jetzt mehr Olivenbäume als Palmen, und ich denke, wenn wir jetzt einen Unfall haben, dann wird niemand jemals lesen, was ich gestern geschrieben habe, und das wäre schade, aber das wäre das einzige, was schade wäre, und bei dem Gedanken wird mir warm und froh.

Und ich erzähle das dem Sufi, und er sagt, er hat gerade gedacht, wenn wir jetzt einen Unfall haben, dann werden sich unsere Gene mit denen des Gelehrten vor uns vermischen, und das gäbe etwas ganz neues, nie dagewesenes, und ich nicke und lächle, seine Bilder und meine Bilder, hier hat alles Platz.

Eine Polizeikontrolle, wieder einmal, und im Gegensatz zu gestern werden auch unsere Pässe einer eingehenden Prüfung unterzogen. Aber werder Interpol noch sonstjeamnd sucht nach uns, und ein freundlicher Polizist bringt sämtliche Ausweise mit der schon bekannten Handbewegung „weiterfahren“ zurück ans Fenster.

Bäume jetzt durchgehend und links und rechts der Straße Kanister mit oranger Flüssigkeit, alle paar Meter so ein Stand, und schließlich fragen wir einen unserer Mitfahrer, was denn da drin sei, „sauce pour la voiture“ sagt er, und das heißt Benzin. Aus dem nahen Libyen, fragen wir, und er grinst und nickt, ob das nun stimmt oder ob er dachte, dass wir einen Scherz machen, werden wir nie erfahren.

In Medenine steigt er aus, und weil unser Fahrer keinen Ersatz findet, hat der Sufi jetzt mehr Platz für seine beinahe schon eingeschlafenen Füße. Nach Medenine lässt der Verkehr nach, und auch das Land verändert sich wieder, die Vegetation wirkt jetzt nicht mehr mediterran zufällig, wir fahren durch Anpflanzungen von Oliven, gerade ausgerichtet jede Baumreihe und darunter, je nach Besitzer, weiteres Grün oder auch nicht.

Die Sonne scheint und ein Schild draußen verkündet: 2064 km bis nach Kairo, und ein schwarzer Merzedes mit getönten Scheiben überholt uns, und unser Fahrer versucht, mit ihm mitzuhalten, bis der verdächtige Wagen in einer weiteren Polizeikontrolle gestoppt wird, dann geht es wieder etwas weniger halsbrecherisch weiter.

Schließlich Zarsis. Wohin wir wollen, fragt der Fahrer, ins Zentrum, sagen wir, und er bedeutet uns, auszusteigen. Auf den ersten Blick wirkt der Ort wenig freundlich, zwei Kaffeehäuser in sichtweite, zwei Garküchen, wir gehen in die zweite, weil die erste übervoll ist, und dort finden wir uns zu unserer Überraschung in der arabischen Version einer Hamburgerbar wieder. Was wir denn alles haben wollen in unserem Hamburger, fragt der Verkäufer, und der Sufi macht eine Handbewegung, die das ganze Universum einschließt, und so sitzen wir wenig später vor einem runden Brötchen, in dem sich köstliche scharfe Würstchen, ein Spiegelei, Pommes Frites, Tomaten, Zwiebel und alle Arten von Salat wiederfinden. Über der Theke, an der Wand: Eine Koransure, schwarz auf Silber, neben dem eingerahmten Staatspräsidenten neben einem Fernseher. Und Coca Cola gibt es auch.

Jetzt gilt es eine Bleibe zu finden, und weil ohnehin schon alles egal ist, mieten wir ein Taxi und lassen uns von Hotel zu Hotel schippern, in jedes steckt der Sufi seine Nase, und aus jedem kommt er kopfschüttelnd wieder heraus. Meistens versteh ich das, denn vor den Hotels sitzen die germanischen Vorsaison-Zombies und geben einen Eindruck von Mallorca oder von der Costa Brava, ein kleines, nettes Hotel suchen wir, versucht der Sufi dem Taxler zu vermitteln, aber der schüttelt nur den Kopf und führt uns von einem Betonschuppen zum nächsten und kann nicht verstehen, wieso der Sufi jedes Mal verzweifelter aus den betonierten Hallen wieder auftaucht.

Wieder fahren wir eine lange Einfahrt hinunter, und schon beinahe verzweifelt erklärt der Fahrer, das sei nun wirklich das beste Hotel am Platz, 4 Sterne! Odyssee heisst die Hütte, und hier bleiben wir auch, nicht wegen der Sterne, sondern weil es das einzige scheint, das eine Spur von Eigenständigkeit hat in der vorherrschenden Internationalitätssuppe. Die Gänge sind rund, hier hat jemand bei Hundertwasser gelernt, nur bunt ist es nicht, aber das ist auch besser so.

Unsere französischen Wortversuche an der Rezeption werden mit nur leicht akzentuiertem Deutsch abgewimmelt, und noch während wir das geräumige Zimmer bewundern mit seiner geräuschlosen Heizung, mit Fernseher und Balkon und geschmackvollen Korbmöbeln und mit Kühlschrank und Bad und WC getrennt, wünsche ich mir, ich hätte nicht das Geld für so einen Nobelschuppen und wäre gezwungen gewesen, mich mit dem draußen noch näher auseinanderzusetzen.

Aber so ist es nicht. Da gibt’s nur eines: Ab ans Meer! Aber das Meer, kühl und blau und Zeit meines Lebens meine Sehnsucht, wendet sich ab und spricht nicht mit mir, eingeschüchtert vielleicht von der Wüste in meinem Kopf, ich sitze auf einem Stein und schaue hinaus und fühle

nichts.

Natürlich gehen wir spazieren, eine große Runde am Strand entlang, und dann wird es Abend und noch kühler und wir fahren noch einmal in den Ort und kaufen Pastis und Wein. Und dann wollen wir essen, ganz „normal“, aber normal gibt es hier nicht, hier gibt es Pasta und Pizza und Restaurants mit dem Visa-Zeichen an der Tür. Was solls. Sitzen in einem solchen, und auch hier bin ich stumm, unfähig zu verstehen, wie das, was mich gestern noch erschreckt hat in seiner Fremde heute die ungleich bessere Wahl wäre, zumindest ist das Essen gut, und wir plaudern plätschernd dahin, aber

in meinem Kopf fahre ich durch die Wüste, und die, die gestern aus dem Wagen gestiegen ist, winkt hinauf zu der Frau, die aus dem Flieger springt, und ich trinke den süßen Tee in Ali Babas Wüstencafe und sehe mich am Rande des Flugfelds stehen. Und ich weiß, dass ich in meinem Leben noch nie so nahe an der Grenze zu mir selber war,

und ein guter Roman hätte dort geendet.

Das Leben ist kein guter Roman.

Von Tozeur nach Matmata

Um sieben Uhr früh klingelt dieser Wecker, und alles atmet Tristessa und Abschied. Die letzten Sachen im Koffer verstaut, und voller dunkler Ahnungen vom gestrigen Tag, klappt zum Einstand schon einmal der Taxiruf nicht, denn unser gestriger Omar hebt sein Telefon nicht ab, fahren wir mit einem fremden Taxi zur Station des Luages.

Dort die übliche hektische Betriebsamkeit, die man nur mit einer orientalischen Geduld ertragen kann, weil sie erst einmal lange Zeit in nichts mündet. Männer unterhalten sich in dieser kehligen Sprache, in der jedes Gespräch fürs ungeübte Ohr wie ein Streit klingt, aber dann umarmen sie sich freundschaftlich und lachen dabei.

Dazwischen Frauen, in allen Stadien zwischen Verschleierung und Verwestlichung, aber ruhiger als die Männer und zurückhaltender. Dann drei Spanierinnen, die anscheinend Tunesien in einer Woche besichtigen, sie kommen aus Nefta und wollen heute weiter nach Kebili, Douz, Matmata und Gabes. Das ist fast unsere Strecke, und wir haben schon beschlossen, zusammen zu reisen, doch der Chef der Station will es anders. In einen ziemlich großen Bus, Platz für 8 Leute und den Fahrer, und schon geht es ab, durch Dörfer und Wüstenausläufer, eine Polizeikontrolle, und noch ein Dorf, eine Oase, dann aber das Schott. Nach allen Seiten breitet sich das flache gelbe Braun, Ewigkeiten und doch gar nicht so lange, die Landschaft tut meiner Seele gut und ich bin froh, am hinteren rechten Eck des Wagens zu sitzen, weitab von jeglicher Konversation, aber es gibt ohnehin kaum welche, außer zwischen dem Fahrer und der danebensitzenden halbverschleierten Wüstentochter.

Innen im Wagen ist der Fahrer- und Beifahrersitz von den übrigen Plätzen durch ein kunstvoll gedrechseltes Holzgitter getrennt, vorne an der Scheibe hängt eine leuchtgelbe Fatma-Hand, die an einer Feder im Takt mit den Unebenheiten der Straße wippt, und eine CD voller Koransprüche hängt vom Rückspiegel.

Nach ein paar Kilometern gibt es auch Musik, Radio zuerst, dann Kassetten voller arabischer Discomusik. Mittendrin ein anscheinend klassischer, jedenfalls aber berührend emotioneller Vortrag, ein musikalisches Gedicht, eine Mann und eine Frau, und die grob klingende Sprache wird zart in ihren Stimmen, und in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben verstehe ich jedes Wort, nein: ich bin es, die da spricht.

Dazu das Schott, nicht weiss wie von allen beschrieben, sondern braun und feucht, hier muss es geregnet haben, sagt auch der Sufi, viel später sieht man auch noch kleine Lacken und Teiche, und wie aus diesem Schott das Salz gewonnen wird, der Sufi zeigt und erklärt und ich nicke und schweige, denn hier wohne ich im Schweigen, die Landschaft schweigt und ich, im Wagen und doch mittendrin, schweige mit. Ich habe nur Augen, nur meine Augen hinter der Sonnenbrille, die mir angewachsen ist im Gesicht, die ganzen Tage lang schon, weil sie mich schützt, weil niemand sehen kann wohin ich schaue, das macht mich frei, ich kann einem jeden in die Augen schauen und auch sonst überall hin, so lange und so intensiv ich will, hinter meiner Brille, und ich schweige.

Ich schweige so beharrlich und so still, dass der Sufi schon ganz beunruhigt ist, er spricht mit mir und ich sage „ja“ und „wahrscheinlich“ und „vielleicht“ und „wohl wahr“, aber nicht mehr, einsilbig versuche ich, die Konversation zu töten, denn hier gibt es nur meine Augen und die Wüste, da draußen, die salzige sandige Unendlichkeit, in der ich bin, und das Auto fährt, und ich bin drinnen, und ich sehe mich da draußen, denn ein Teil von mir ist schon längst ausgestiegen und geht dem Horizont entgegen, immer weiter, Schritt für Schritt, alleine, und dieses ich ist einig und zufrieden wie der Rest von mir es selten war.

Aber dann verliere ich mich aus den Augen, und ich bleibe traurig zurück, in diesem Wagen mit den getönten Scheiben, hinter meiner verspiegelten Sonnenbrille, und nur mein Schweigen ist noch hier. Nur mein Schweigen und meine Augen hinter den dunklen Gläsern, denn die da draußen hat alles andere mitgenommen, und das macht mich seltsam froh.

Und dann beginnt mir alles zu verschwimmen, die Wirklichkeit ist bei mir da draußen, bei mir da drinnen ist nichts Wahres mehr, das ist eine 3d-Simulation, und dieses Gefühl begleitet mich den Rest des Tages, als müsste ich nur die Hand ausstrecken und einen Knopf drücken, dann wäre ich in einer anderen Welt, einer vertrauteren, aber die da draußen will ich nicht ganz verlieren, aber in diesem Wagen will ich nicht sein, ich bin die, die ausgestiegen ist und über die Salzwüste geht, ich bin, ich bin, ich bin!

Dann nimmt die Wüste ein Ende, und Dörfer beginnen und Palmen, die Sonne scheint langsam wärmer durch die Scheiben und wir fahren durch ein paar Dörfer, alles wie gehabt, die einen Häuser scheinen noch nicht fertig, die anderen schon wieder am Zusammenbrechen, nichts wie es eigentlich aussehen soll außer vielleicht den Denkmälern und den Statuen, Kunstwerke gibt es hier und tunesische Flaggen, dazu das mehr oder weniger verblasste Gesicht des Staatsoberhauptes auf mehr oder weniger zerfransten Plakaten.

Und Kinder, und Jugendliche, auf den Strassen, vor den Schulen und in den Schulhöfen, eine neue Generation die schon durch ihre Masse stärker ist als die alte, aber nicht nur das, sie sprechen auch mehrere Sprachen, sie sind sauber und die Mädchen nur manchmal verschleiert, es ist die Zukunft, die durch die hiesige Sozialdemokratie oder durch die suggestivkräftigen Scharen an Touristen der Religion entwachsende Hoffnung für das Land.

Und dann schon wieder eine Polizeikontrolle, die Passagiere müssen diesmal ihre Ausweise durch das Fenster reichen, nur wir nicht, „Tourists“ sagt der Fahrer, mit dem Daumen in unsere Richtung weisend, und der Polizist wirft einen prüfenden Blick durchs Fenster und winkt dann: weiterfahren.

Dann Kebili. Die Stadt, wenn das nun eine ist, macht einen sauberen Eindruck, macht den Eindruck von Wohlstand und Normalität. Das näher anzusehen bleibt keine Zeit, denn wir wollen ja nach Douz, und kaum bleibt unsere Louage stehen, haben wir auch schon eine andere für die Weiterfahrt gefunden.

Viel weniger bequem der Wagen, viel weniger beeindruckend die Landschaft, denn jetzt geht es durch Orte und Vororte, wie oben beschrieben, und dann noch einmal tanken, 4 Schilling der Liter, so rechnen wir aus, ziemlich teuer, meint der Sufi, ich nicke und schweige und dann sind wir in Douz.

Am Busbahnhof ein kleines Cafe wo wir uns niederlassen und unser Gepäck aufstapeln, endlich ein Klo, und während wir auf unseren Kaffee warten gehe ich in das kleine Geschäft, das mir gleich beim Aussteigen aufgefallen ist, kaufe um 100 Millime, das ist ein Schilling, das sind 15 Pfennig, ein halbes Baguette, und die hübsche junge Frau im Laden kann meine Haare nicht verstehen, sie zeigt und geht um meinen Kopf mit den dreifarbigen Strähnen herum und will hingreifen, traut sich aber nicht, und dann steht sie nur da und lächelt mich an und will noch was sagen, aber sie ist wohl zu schüchtern, und ich grüße freundlich und hilflos und auch ein bisschen schüchtern und gehe mit meinem halben Baguette zurück ins Cafe.

Mit ein bisschen Mühe finden wir die Agentur, und dort gibt es zwar keinen Pickup, aber einen Landcruiser, auch den für 60 Dinar, für die knapp hundert Kilometer nach Matmata, aber nicht sofort, und der Sufi führt mich durch die Stadt und erzählt, wie es war, als hier der Viehmarkt war, und ich höre zu und nicke und kaufe ein T-Shirt mit dem arabischen und dem lateinischen Alphabet, und immer noch ist dieser Knopf da, ich bräuchte die Hand nur auszustrecken und draufzudrücken und ich wäre woanders, aber ich tue es nicht, und ich bleibe wo ich bin.

Dann wieder ab durch die Wüste, die Plastiksackerln, die rund um Tozeur schwarz waren, nachher aber weiß, sind hier gelb: Das ist sicher ein Service des Touristenvereins, damit man weiß in welchem Bezirk man sich befindet! -Mein erster Scherz heute, man sieht, ich bemühe mich. Aber die Wüste draußen schweigt, und wieder werde auch ich stumm, kein Schott hier, kein salziger Schlamm in dem man versinken könnte, richtig Sand und Steine und das hier hat auch die richtigen Farben, Kodakcolor-Wüste mit Agfachrom-Himmel, flach zuerst, dann leicht wellig und schließlich bergig, davor aber noch ein Abstecher zu Ali Babas Restaurant in the Middle of Nowhere Country. Wir trinken Tee, heiss und süß, und als wir weiterfahren, frage ich mich, ob ich nur einen Zuckerschock erlitten habe oder ob da irgendwas drin war, denn ich bin leicht high und fürchte, man will uns einschläfern und ausrauben, aber das vergeht bald und was bleibt ist nur die Unwirklichkeit und die Fremde, und solange ich nicht kommunizieren muss, ist mir das recht.

Noch ein eindrucksvolles Fotoshooting des Städtchens Tamreza, hoch auf der Kuppel und dann noch eine Weile durch die Berge, dann sind wir in Matmata, auf den ersten Blick gar nicht eindrucksvoll sondern ein Haufen halbfertiger oder halbverfallener Häuser in einem Kessel, und dort sitzen wir zuerst und essen zu Mittag, dann geht der Sufi auf Zimmersuche und ich wehre die Horden an Leuten ab, die uns ihre Dienste anbieten wollen.

Schade dass es nicht richtig warm ist, hier bieten sich die Höhlenhotels an, die den in den Berg gehauenen Berberwohnungen nachgebaut sind, aber die haben keine Heizung, und die Nacht ist doch empfindlich kalt.

Sitzen stattdessen im netten Weiß-Nicht-Wie-Viele-Sterne-Hotel Matmata, ein leerer Swimmingpool, sehr warm im windgeschützten Innenhof, dann tatsächlich ein Kamelritt, ganz lustig, mit orientalischer Gehaltsverhandlung des Sufi, klingt nach Mord und Totschlag, ist aber laut Sufi nur ein Spaß. Dann wandern wir durch die Stadt, lassen uns auch die hiesige Star Wars Kulisse nicht entgehen, und ich hätte gerne ein Heft gekauft, weil ich momentan lieber mit der Hand schreiben würde als am Computer, aber überall wo wir uns nähern, treten uns die Verkäufer mit Postkarten, Korallenketten und bunten Fläschchen Sand entgegen, und mich nervt das so, dass ich den Sufi weit weg ziehe und beschließe, am Laptop weiterzuschreiben.

Dann wieder im Hotel sitzen wir im Freien, aber die Sonne ist bereits untergegangen, die Venus steht zuerst recht einsam am Himmel, bald gesellen sich andere Sterne dazu und es wird deutlich kalt. Samt meinem elektronischen Schreibblock flüchte ich ins Zimmer, wo die Heizung ein wahrer Segen ist.

Dort schreibend bin ich geborgen und werde es wieder zufrieden. Und hungrig, nach einer Weile ziemlich hungrig, gehen wir wieder dem aus wenigen Häusern bestehenden Ortskern zu und nehmen die Abendmahlzeit im selben Restaurant ein, in dem wir zu Mittag gesessen sind. Und der Sufi isst Couscous, und ich esse aus der Taschin, genauer gesagt Erdäpfel und Chicken, und das Lokal ist leer bis auf uns und 4 Einheimische, und das Essen ist gut, wäre es heiß, wäre es noch besser, und zu trinken gibt es Cola, weil die Alternative besteht in Leitungswasser, Tee oder Kaffee.

Und dann sind wir die einzigen Gäste im Lokal, und der Chefkoch fragt freundlich, ob es uns denn hier im Lande gefällt, ob wir sein Essen mögen und die Gegend und die Menschen hier, und natürlich finden wir alles „tres joli“ und „tres bien“, und natürlich lassen wir uns nach nebenan in eine Cafe genannte Teestube lotsen, wo die ortsansässigen Typen bei Tee und Wasserpfeifen Karten spielen, ja, sie spielen Karten und nicht Tavla oder sonst was, und ein Fernseher läuft, und der Sufi lässt sich eine Schischa, eine Wasserpfeife, anheizen, und wieder kommt der süße, starke Tee auf den Tisch und im Fernsehen laufen Nachrichten, und sie zeigen irgendwas mit israelischen Politikern und dann irgendwelche Leute, die Aufruhr auf irgendwelchen Straßen machen, und ein Schiff das auf Grund gelaufen ist, und ein U-Boot das auftaucht oder untergeht, schwer zu sagen weil die Kamera aus dem Hubschrauber so schwankt, und dann Panzer, die eine staubige Straße entlang fahren, und hier fällt das einzige Wort, das ich verstehe: Kosovo, und dann noch irgendwelche Politiker, die um einen langen Tisch sitzen, und zumindest der eine von ihnen ist ein EU-Funktionär, und außer mir schaut da keiner hin, und auch ich könnte nicht sagen ob diese Bilder von heute sind oder Monate oder Jahre alt.

Und die durchwegs jungen Kneipenbesucher bestellen mehr Tee und Spielkarten, und die Wasserpfeife des Sufi zieht nicht mehr, und die Karten werden mit einer Vehemenz auf den Tisch gedroschen, die man nüchternen Menschen gar nicht zutrauen würde, und der Sufi kriegt neue Kohle, und ich probiere die Wasserpfeife, und ich wäre überall lieber als hier, und eigentlich würde ich am liebsten heulen, aber das tue ich nicht, stattdessen ziehe ich eine alte Rechnung aus der Tasche und bettle den Sufi um einen Stylo an wie die hiesigen Kinder es bei allen Touristen machen, und ich schreibe:

„Zum Teufel mit diesem Teehaus, in dem ich nicht sein will, zwischen all den machoiden Ignoranten, genau so wenig wie ich in einem burgenländischen Gasthaus sitzen will, in dem die Hackler nach getaner Arbeit Karten dreschen und sich die Birne weichsaufen oder gegenseitig wegen einer Frau weich klopfen, aber im Burgenland könnte man sich wenigstens graduell auf den Umgebungslevel niedersaufen, mit The du menthe funktioniert das leider nicht. Das ist nicht meine Welt, und diese Welt will ich nicht, und auf den Schichtenuniversalismus pfeife ich hiermit, und das laut und deutlich.“

Und ich schaue dem Sufi beim Schischa-Rauchen zu, und ich schäme mich ein bisschen, und im Fernsehen läuft eine Musiksendung, wo ein seltsam exotisch anmutender Latin Lover akustisch einen indisch gewürzten arabischen Schmalztopf ausleert, umgeben von leicht verschleierten dunkeläugigen Schönheiten, die sich auf hier in der wasserarmen Sand- und Steinwüste unerträglich unwirklich aussehenden grünen Wiesen strahlend im Takt wiegen, und die Jungs dreschen ihre Karten auf den Tisch, dass es im Kopf nachhallt, und ich schreibe:

„Interessant noch, dass die Männer rundherum die grünen Wiesen nur aus dem TV kennen, so wie ein durchschnittlicher Mitteleuropäer (wie ich bis vor kurzem) die Wüste nur aus dem TV kennt. Aber das ist auch schon alles.“

Und dann endlich können wir gehen, und der Chefkoch, dem augenscheinlich auch das Cafe gehört, nimmt gnädig unser Geld entgegen, und kalt ist es draußen, aber nicht weit bis zum Hotel, und der Sufi versteht nicht, warum ich mit all dem nichts am Hut habe, und die Straße ist still und leer, und das gefällt mir, nur ein Mann, der uns entgegenkommt und Bonsoir sagt, ohne zu fragen, ob wir Deutsch sind oder Englisch oder Französisch, der uns keine Führung anbietet und keine Ansichtskarte und kein Hotel und kein Auto, sondern nur sagt Bonsoir und dann weitergeht, und dann sind wir wieder alleine, die Kiesstraße unter uns und die Sterne über uns, so wäre es gut, aber das weiß nur ich, und ich bin stumm geworden, stumm, nicht schweigend, da hilft auch kein Bier und kein Anisette im Hotel, da hilft auch kein Schreiben, stumm bin ich und ich will weg von hier und will doch nicht nach Haus, aber wenigstens ist das Zimmer warm und mehr gibt’s heute nicht, das muss genügen.

 

Tamersa, Chebika, Mides

Der Wind blaest den letzten getreuen Fallschirmspringern am Flughafen von Tozeur die Lust zum Springen aus den Augen, und die Skyvan kreist heute nur ein einziges Mal ueber der Stadt, vermutlich um zum baldigen Abschied mit den Fluegeln zu winken.

Der Sufi und ich haben Grosses vor. Die Bergoasen Tamersa, Chebika und Mides stehen auf dem Plan. Nach einem nicht erwaehnenswerten Vormittag im Museum und an den heissen Quellen von Tozeur (wo ich mich weigere, auf ein Kamel zu steigen, weil das arme Tier schon im Sitzen den Eindruck macht, zusammenbrechen zu wollen), kommt erstaunlich puenktlich um 1 das Taxi ins Hotel, das der Sufi fuer heute angemietet hat.

Und ab gehts… erst durch die schon bekannte Landschaft aus Sand, Steinen und staubig gruenen Dornenbueschen, dann durch eine nahegelegene Oase, weiter draussen werden die Buesche immer weniger, die Steine auch, schliesslich sind wir mitten auf dem Schott el Gharsa: Salziger Sand, soweit das Auge reicht, Die Landschaft mit ihrem Himmel eine Elegie in Beige, Blau und Grau, wie eine Wasserflaeche dehnt sich das Land nach allen Seiten in den Dunst, und nichts, weit und breit nichts, an dem der Blick sich halten koennte. Das ist mir schoen, zuerst, fuellt mich mit Ruhe und Geduld, und auch die Berge, als sie langsam aus dem Sanddunst treten, wie eine Wolke in der Ferne zuerst, dann fester, aber immer noch dem Boden entrueckt, sind schoen. Wie nichts, was ich je gesehen habe, erfuellt von stolzer Klarheit und da.

Dann die erste Oase, Chebika. Die Stadt am Fuss des Berglandes noch im Trockengebiet, weiter am Berg ein kleines Rinnsal, das hier Leben und Ueberleben bedeutet. Ein Fussweg fuehrt zuerst am Wasser entlang, dann weiter auf die Berge, von wo der Blick ins Unendliche geht, ueber das alte und das neue Dorf hinweg in dieses leere, klare Land.

Und weiter. Ueber teils abenteuerliche Bergstrassen, wo jede Kurve ein neues Panorama in Sandgelb und Himmelblau bietet, nach Mides, fast an der algerischen Grenze, wo eine Miniaturversion des Grand Canyon die Landschaft durchschneidet, unten ein weiteres Rinnsal und ein paar Palmen. Die vielen Palmen in der bewaesserten Oase sind staubiggrau, wie alles hier, und wie schon in Chebika gibt es auch hier ein altes, verlassenes Dorf, das mit einem kaum wahrnehmbaren Klagelied ueber die Vergaenglichkeit langsam zusammenfaellt. Rundherum die Haendler, die versuchen, ihre ewiggleichen Waren an den Touristen zu bringen, indem sie mehr oder weniger charmant und aufdringlich ihre Fremdsprachenkenntnisse unter die Leute streuen.

Und weiter, bzw ein Stueck zurueck und einen Abschneider ueber eine Sandpiste, die keineswegs fuer einen altersschwachen Peugeot geeignet schien, aber da taeuscht sich der Europaeer, hier ist das alles kein Problem. Jetzt noch Tamerza selbst, hier muss der Grande Cascade, der grosse Wasserfall, der jedem Alpenlaender hoechstens ein mitleidiges Laecheln entlocken wuerde, durch das heimelig anmutende Hotel les Cascades aufgesucht werden. Malerisch in der Felswand vor dem Wasserfall sitzt ein alter Mann und kocht auf einem offenen Feuer “The du menthe” fuer die Touristen, ein schoener Anblick, endlich ein Unterschied zu den Andenkenstaenden, die sich in nichts voneinander unterscheiden.

Und weiter, und weiter… pflichtbewusst bleibt unser Reisefuehrer bei jedem Aussichtspunkt stehen, Deutet freundlich: “foto!”, und weiter gehts… Und der Orient zeigt sich von seiner malerischsten Seite, aber ich bin es muede, die tristen, aermlichen Doerfer und die ueberaesthetische Landschaft haben meine Augen satt und mein Gehirn stumm gemacht, und auf dem Rueckweg durch die endlos flache Wueste, in der ein schmutziggelber Sonnenball dem Horizont zustrebt, kann mich nicht einmal eine Herde Kamele dazu aufmuntern, nochmals die Kamera zu heben. Still sitze ich und frage mich, ob das da vor dem Fenster jemals aufhoeren wird, flach und fremd zu sein, und ich wuensche mich ganz ploetzlich vehement zurueck in mein gemuetliches Mitteleuropa. Und das ist mir in meinem bisherigen Reiseleben noch nie, noch nicht ein einziges Mal passiert.

Und die Sonne erbarmt sich und erspart uns ein feuerrotes Spektakel, leicht geniert faellt sie als blassgelbes Oblaetchen in ihr Bett aus grauem Dunst.

Tozeur Blues

still liege ich stunde um stunde im bett.

innen auf meinen lidern tanzen bunte lichter

draussen lange nichts. dann

der erste wecker der abreisenden

wasser läuft, gepolter von koffern

dann wieder lange nichts.

die lichter unter meinen lidern

blau und weiss und rot

nur keine bilder jetzt, aber

ab und zu huscht doch eins vorbei

der offene bauch der skyvan

zum beispiel oder

ein ziemliches blau

dann der muezzin draussen

etwas später die ersten vögel

danach alles ertränkt von

einem startenden jet.

die lichter hinter meinen lidern

werden blasser. es ist jetzt

hell genug zum schreiben.

#18


Au, meine Finger

Tozeur – Skyvan – Solo

Wer in die Wüste springt, muss auch wieder zurück springen. Die Skyvan landet auf der Oberfläche des getrockeneten Salzsees, vor der man uns gewarnt hat: Hart wie Beton. Rundherum Beduinen mit ihren Kamelen, der bunte Vogel schwebt ein und landet und steht dann in dieser Kulisse, als würde er dazugehören. Wir packen, ich mit viel Hilfe, und dann heißt es Abschied nehmen von der Abgeschiedenheit und zurück nach Tozeur. Jetzt wieder alleine aussteigen, bin zwar nervös, aber es geht. Mit viel Anlauf.

Weil der Tag schon abenteuerlich genug war, habe ich mir für den Sprung gar nicht viel vorgenommen, nach dem Exit liege ich wieder mal auf dem Rücken (das mag ich), und dann, wieder auf dem Bauch, leg ich die Arme an und fliege auf den Flughafen zu. Ziehe den Schirm, und es passiert: Nämlich viel zu lange gar nichts. Schreck. Versuche, nach oben, nach hinten zu schauen und es war wohl nur ein Hilfsschirm im Lee, denn in dem Moment, wo meine Hände zu den Trägern greifen (wo sie natürlich niemals hinsollen!) geht er doch noch auf, und meine Hände sind mitten in den Leinen, und das tut höllisch weh. Ohnehin noch Glück gehabt bei soviel Dummheit, sind nur ein paar gröbere Abschürfungen. Damit will ich nicht in den Wüstensand greifen, deshalb lande ich vorsichtshalber wieder einmal stehend.

#17


Außenlandung Star Wars – Fotoshooting

Tozeur – Skyvan – „AFF“ mit Klaus & Wolf

Wir brauchen ein paar AFF-Fotos für den Artikel in der SkyRevue, und die sollen einen hübschen Hintergrund haben. Daher werden sie auf einem Außenlandungsflug zur Star-Wars-Kulisse gemacht. Zur Abwechslung habe ich also wieder zwei Begleiter, Klaus rechts und Wolf links.

„Was soll ich tun?“ frage ich, immerhin soll das doch gut ausschauen auf dem Foto. „Du machst ein Hohlkreuz und lachst freundlich. Den Rest machen wir.“

Oben ein ganz normaler AFF-Exit, mit dem Unterschied, dass Wuzi, der Fotograf, schon außerhalb der Tür hängt und beim Kommando mitspringt. In der Luft lachen ist anstrengend, stelle ich fest. Zudem ist mein Hohlkreuz nicht hohl genug, was bedeutet, dass ich zu langsam falle: Viel langsamer als der Fotograf, zum Beispiel. Die zwei Profis an meiner Seite tun ihr Bestes, um uns trotzdem fotogen ins rechte Licht zu rücken. Dann ist Wuzi weg, auch Wolf entfernt sich, und Klaus zieht auf 2000m meinen Schirm, bevor er sich auch vertschüßt: Damit ich die Chance habe, das Zielgebiet zu erreichen, weil wir relativ weit weg sind vom Gelände, erfahre ich später.

Am Schirm hängend, atme ich erstmal tief durch. Fotogen dreinschauen ist anstrengend. Dann lasse ich mich von der Landschaft fesseln, Sanddünen und außerirdische Gebäude und ein Nomadenlager in der Ferne. Was für ein Geschenk, das in aller Stille von oben einschwebend sehen zu dürfen!

Ich hätte mich eher aufs Landen konzentrieren sollen, denn ich verfehle das Filmdorf um zwei riesige Sanddünen, und es ist ein weiter, mühsamer Weg zurück durch den schienbeintiefen Sand.

#16

Tozeur – Skyvan – Ausbildung/Üben

Irgendwie anders ist es jetzt: Ich bin ja schon allein gesprungen. Also kann ich das auch nochmal. Kann ich auch, obwohl ich im Bauch der Skyvan nach wie vor ziemlich blass aussehe. Exit diesmal sogar mit offenen Augen. Als der Rückwärtssalto sich auch tatsächlich wie ein Salto anfühlt und nicht wie ein Haufen wirr durcheinandergewirbelter Gliedmaßen, freue ich mich wie ein Kind. Tanze ein bisschen Walzer in der Luft: 1-2-3 links, und 1-2-3- rechts… Und dann die Arme angelegt und vorwärts-abwärts…

So begeistert bin ich von mir, dass ich am Schirm immer noch begeistert meinen Freifall-Abenteuern nachhänge und vergesse, auf die Windrichtung zu achten. Lande also mit dem Wind, zu meinem Glück ist er schwach.

Jump

Und am Horizont dämmerte ein neuer Tag, und die Sonne sah, dass er gut war. Und der Wind war müde, und er hatte keine Kraft. Und die Wolken waren anderweitig beschäftigt, sie hatten keine Zeit für die tunesische Wüste.

Und es kam der Tag, an dem jemand ganz alleine aus dem Flugzeug sprang. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber… eine ganz neue Welt in meinem Kopf.

Die alte Welt dreht sich natürlich weiter, hier wird es ruhig, weil eine ziemlich grosse Gruppe bereits abgereist ist. Das bedeutet weniger Stress, um in den Flieger zu kommen, bevor er voll ist, und weniger Kämpfe am kalten Buffet. Die Atmosphäre insgesamt ist gemütlicher geworden. Braungebrannte Gesichter lächeln einander wissend zu.

Während meine Tage mit Flugplatz, Buffet und Hammam (Dampfbad) völlig ausgefüllt sind (wenn man einmal von dem einen oder anderen Bier in der Bar absieht), entdeckt der Sufi täglich neue Welten. Heute gönnt er uns einen Blick in die hiesigen Kochtöpfe…

#15

Tozeur – Skyvan – Ausbildung/Üben

Also gleich nochmal. Warum ich so panisch bin vor der offenen Tür verstehe ich immer weniger. Angst zu haben, wenn man einmal draußen ist, erschiene mir viel logischer. Habe ich aber nicht. Lasse mich zitternd auf 4500m tragen, nehme Anlauf mit geschlossenen Augen und… bin mitten in meinem ersten Solosprung.

Vor lauter Überraschung habe ich vergessen, Haltung anzunehmen, ich finde mich auf dem Rücken liegend wieder. He, das macht Spass! Ich versuche, liegen zu bleiben und schaue der Skyvan nach. Kommt da noch jemand raus? Nicht schnell genug, bevor ich die Rückenlage verliere. Wirble ein bisschen herum, bis ich die Bauchlage finde. Jetzt ein bisschen „flashen“, also vorwärts fahren. Obwohl ich theoretisch weiß, dass ich die Arme nach hinten nehmen muss, um mich nach vorne zu bewegen, strecke ich sie zuerst automatisch nach vorne, wenn ich nach vorne will. Dann aber, leicht schräg und pfitscheschnell, dem Flughafen zu. Dann wieder bremsen, und noch eine Drehung vor dem Ziehen: Ist jemand zu sehen? Niemand.

Der Schirm geht auf, und ich schwebe den Rest des Weges zu Tal. Und kriege den ganzen Tag das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

#14

Tozeur – Skyvan – Ausbildung/Üben mit Silvia

Silvia rettet mich. Silvia entwirft einen Sprung, bei dem wir Hand in Hand aus dem Flieger laufen und dann die Grundzüge eines Relativsprungs üben wollen.

Und das klappt. Mit fest geschlossenen Augen zwar, aber ich bin draußen, und man hat mich gar nicht ziehen müssen. Fast gar nicht. Draußen aber ist Silvia weit vor, weit unter mir, weil ich doch etwas zögerlich und ein bißchen wie eine fette Teichkröte aus dem Flieger bin, aber was macht das schon. Über die Distanz lachen wir uns freundlich zu. Und ich bin wieder einen Schritt weiter.

#13

Tozeur – Skyvan – „Level 7+“

Eigentlich hätte ich jetzt alle Level geschafft. Und festgestellt, wieviel Spass das wirklich machen kann. Nur kann man leider nicht fliegen, wenn man nicht aussteigt. Könnte man nicht einfach den Boden wegklappen, da oben? Oder vielleicht ein Schleudersitz? Kann man nicht.

Zehnerl hat Erbarmen und begleitet mich nochmal. Das mit dem Anlauf hat nicht geholfen, also versuchen wir es doch einmal mit in die Tür stellen. Auch keine gute Idee. Ich steh da und klammere mich an der Tür-Oberkante fest. Wenn’s nach mir gegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich mit dem Flieger so auch wieder gelandet. Zehnerl versucht’s mit gutem Zureden, vergeblich. Da hilft nur ein kräftiger Schubs.

Draußen muss ich erstmal lachen. Und bin dankbar für die handfeste Überredung, die mich dorthin bringt, wo ich hinwollte: In die Luft. Programm mit Salto & Flash klappt gut.

Unter dem offenen Schirm erfahre ich, dass Schirmfahrt nicht wie Segeln geht: Nix mit Halbwindfahrt, wenn der Höhenwind ein bisschen stärker ist… Ziemlich weit abgetrieben lande ich weit außerhalb des Flughafengeländes, immerhin halbwegs cool, stehend, vor den Augen einer schafehütenden Halbwüchsigenschar, die mir die Hälfte des langen Weges zurück kichernd und johlend nachläuft.

Unten erklärt man mir, dass es wenig Sinn hat, mir jedesmal einen Rausschmeißer mitzugeben, wenn ich doch auf dem Rest des Fluges keine Assistenz mehr nötig habe. Man hat Recht. Ich setze mich in den Wüstensand, kaue auf den Fingernägeln und frage mich, wie ich das hinkriege. Augen zu, rät mir jemand. Ein Schwimmbecken vorstellen, jemand anders. Aber ich will doch gar nicht ins Wasser. Ich will in die Luft!

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