Seite 278 von 285

Rap im Internetcafe

Draussen tobt der Sandsturm, und ich sitze im Internetcafe bei arabischem Rap und hatte endlich wieder einmal die Zeit, alles ringsrum abzusurfen. Ein bisschen muehsam, auf der arabischen Tastatur, aber man gewoehnt sich an alles. Freu mich darueber, dass es einige gibt, die uns auf unserer Reise folgen… Zirbella, magst nicht vorbeikommen? Ich glaube, das koennte dir gefallen… hier ist sogar die Landschaft reine Lyrik… Und dem Joerg wuerde nicht nur der Kaffee schmecken, sondern auch der Wuestenwind die Bazillen aus der Nase blasen!

Jaaa, Sandsturm wie schon erwaehnt, das heisst mit Springen laeuft nicht so viel. In der Frueh waren die unentwegten zwar schon oben, aber dazu bin ich zu spaet aufgestanden. Stattdessen laufe ich mit einem Beduinentuch um den Kopf durch die Gegend, damit mir der Sand nicht ueberall hineinkriecht…

Gestern habe ich doch tatsaechlich noch die Levels 6 und 7 gemacht, das heisst ich duerfte ab sofort alleine springen… Dummerweise brauche ich aber noch jemand, der mich aus dem Flieger wirft. Verstehe ich selber nicht ganz, weil wenn ich dann endlich draussen bin, macht das echt Spass…nur durch die Tuer, das ist echt der Horror. Und alle ringsrum lachen herzlich. Macht nix, bin ich so weit, werd ich das auch noch schaffen! Morgen vielleicht, wenn der Wind nachlaesst.

Heute (und natuerlich dann, wenn die Kamera im Hotelzimmer liegt), ein schoener Anblick: Von der Anhoehe herunter ueber die Palmen, hinter denen die gelblich-dunkle Schlechtwetterfront liegt… Wenn nicht gerade 17 Typen hinter mir hergelaufen waeren, die mich in ihre Souvenirgeschaefte zerren wollten, haette ich mir das eine ganze Weile lang angeschaut.

#12

Tozeur – Skyvan – Level 7

Soloexit nach vorne ist angesagt, und das ist es doch, was ich die ganze Zeit wollte… oder nicht? Als die Tür da vorne aufgeht, bin ich mir da gar nicht mehr so sicher… Alle sind draußen, noch ein AFF-Pärchen hinter uns, ich nehme Anlauf und … bleibe stehen. Andi deutet mir: Da raus, spring, ich schüttle nur den Kopf. Das wiederholt sich ein paar Mal. Angebrüllt hat er mich auch, sagt er. Irgendwie bin ich dann irgendwann doch draußen, und da ist wie üblich die Angst weg und ich hab ein schlechtes Gewissen, weil ich die hinter uns so lange aufgehalten hab.

#11

Tozeur – Skyvan – Level 6

Exit alleine, aber noch rückwärts. Andi ist mein neuer Jumpmaster, Pit leider abgereist. Steige zu meiner Überraschung tatsächlich aus, draußen dann wirbelt die Luft mich ein paar Mal rum, bevor ich meinen Bauch finde, aber dann hab ich’s, Andi liegt vor mir , etwas unten, und grinst mir freundlich zu. Na gut, dann einen Salto. Salto ist gut: irgendwelche Körperteile gehen in irgendwelche Richtungen, und als ich das Gefühl habe, irgendwie einmal herum zu sein, strecke ich das Kreuz durch… kriege die Lage schneller wieder als nach dem Exit und liege fröhlich auf dem Bauch.

Moment mal, das hat Spass gemacht! Wo sind wir? Noch reichlich über 2500m, also noch ein zweiter Salto, juchu! Dann Vorwärtsfahrt, da weiß ich zuerst nicht wohin mit den Händen, aber schliesslich geht’s doch, schon nach ein paar Sekunden spüre ich die Bewegung, an der Veränderung der Luft, die mich plötzlich ganz anders umschwirrt.

Dann den Schirm öffnen, 200m tiefer als sonst, das sind zwar noch immer 1500, aber es kommt mir schon verdammt tief vor. Gemütlich heruntergekurvt, und nach der Landung habe ich noch mit dem Schirm zu kämpfen, der sich ein paar Mal zu erheben versucht, bevor ich ihm das Fliegen abgewöhnen kann.

Ahh, mes ami(e)s…

…verzeiht mir mein gestriges Schweigen… Ich war viel zu muede von 3 durchsprungenen AFF-Levels. Heute dagegen war nichts mit Springen, der Wind viel zu stark, einige habens trotzdem versucht und das hat unserem Senkrechtstarter leider einen gebrochenen Fuss eingebracht…  Erstaunlich guter Dinge sitzt der Junge am Pool, trinkt Bier und wartet auf den Rueckflug. Die Pink Skyvan steigt nur noch ein einziges Mal auf, gegen Mittag, um 4 unentwegte in die Luefte zu bringen, dann ist der Tag Springermaessig gelaufen. Einige fahren in die Wueste, um sich mit den vierraedrigen Mopeds zu vergnuegen, andere nutzen die Zeit fuer einen Stadtbummel.

Mir dagegen gibt der unfreiwillig am Boden verbrachte Tag Gelegenheit, endlich von allem anderen zu erzaehlen… zB von den taeglichen Gesichtspeelings, immer wenn ich mir ins Gesicht greife, liegt da eine feine Schicht Sand ueber der ersten Braeune. Das Spazieren in der Stadt Tozeur, die ziemlich touristisch ist, aber fuer den Orient erstaunlich unaufdringlich. Der unertraegliche Wasserkaffee im Hotel, und der beste Cappuccino meines Lebens in den kleinen Teestuben, die es hier ueberall gibt.

Und Sonne, im Wind kann es zwar ziemlich kalt werden, aber im Windschatten hat es zu mittag um die 30 Grad. Immer, wenn ich versuche das Datum zu schreiben, glaube ich, dass ich etwas falsch mache, das kann doch nicht so warm sein im Februar? Es kann, wenn man weit genug von zu Hause weg ist.

Und erst die Sonnenuntergaenge… Ein rotoranger Sonnenball auf der einen Seite, vor dem pastellblauen Himmel, der in die andere Richtung dunkler wird. kurz bevor das blau in violett und dann in nachtgrau uebergeht, haengt der volle Mond. Und wenn die Feuersonne den Boden beruehrt, mischen sich die Gesaenge der Muezzins in das Rauschen des Windes, und ich merke, wie fremd ich hier bin… angenehm fremd.

Heute Nachmittag ein paar Tropfen Regen, nicht genug, um den Liegestuhl am Pool verlassen, und ein Sandsturm in der Ferne. Morgen soll alles wieder sein wie gewohnt.

#10

Tozeur – Skyvan – Level 5

Relativ ruhig im Flieger, mein Programme ist eine volle Drehung nach links, eine volle nach rechts, dann stabil fallen bis zum Ziehen. Wird nicht ganz so, muss ziemlich lange in der Tür stehen, weil der Absetzpunkt noch nicht erreicht ist, dann falle ich irgendwie aus dem Flugzeug, und Pit als treuer Jumpmaster mit. Plötzlich ist mein Bauch oben… erst werde ich umgedreht, dann verliere ich nochmals die Kontrolle und liege schon wieder bauchoben, will verzweifelt wieder in die Richtung, aus der ich gekommen bin, aber das geht nicht, dann erst fällt mir das Allheilmittel Hohlkreuz ein und… alles wendet sich zum bauchunten.

Mittlerweile sind wir auf 3700, aber immer noch genug Zeit zum Kreisen, etwas verdattert fange ich damit an, und es geht gut, 2600, na gut, dann auch noch in die andere Richtung, etwas schneller, und dann ist auch schon Zeit abzuwinken und den Griff zu ziehen, … oops: da war ich noch in der Drehung und die Leinen drehen sich während der Öffnung zweimal ein, macht nichts, geht wieder auf, diesmal sind meine Flügel rosarot, und ich kreise langsam den Landepunkt an, und das wird die erste gestandene Landung!

#9

Tozeur – Skyvan – Level 4

Der erste Sprung mit nur einem Lehrer. Hier ist drehen angesagt, bis man Nase an Nase mit dem Lehrer schwebt, nur diesmal heißt es warten, warten, warten… Erst soll die Pink betankt werden, aber die Pumpe des Tankwagens geht nicht. Sie schicken einen neuen… Als das endlich erledigt ist, und wir alle eingestiegen sind, gibt’s noch einen Hold wegen einer Verkehrsmaschine, die augenscheinlich Troubles hat… Hört sich ernst an am Funk, sagt der Pilot, sie haben schon die Passagieranzahl durchgegeben… worums geht, kann er nicht sagen, die Angaben sind codiert. Alle zwei Feuerwehrautos, das deutsche und das österreichische, stehen seitlich an der Landebahn. Aber der Vogel landet problemlos, und dann dürfen endlich wir.

Beim Aufstieg und wegen der langen Wartezeit habe ich wieder einmal gröbere Bedenken, jaja, die üblichen: Na gut, diesmal noch, weil ich halt schon drinnensitz, aber dann nie mehr wieder… als wir endlich oben sind, zittere ich mir zur Tür vor, schließlich habe ich jetzt nur mehr auf einer Seite einen Schutzengel, die andere Seite ist so… erschreckend leer! Aber dann steh ich da und plötzlich ist wieder alles ganz normal… check rechts, links steht ja keiner mehr, ready set go! Der Horizont ist ziemlich senkrecht, stelle ich fest, werde an der Seite gezupft und drücke mein Kreuz durch, Höhenmesser, wieder Beine zu breit, aber dann ab in den Viertelkreis… und der lässt sich steuern, leichter als gedacht, und dann eine kurze Panikattacke, als ich merke, dass ich ganz alleine in der Luft liege, weil Pit ist ja da vor mir und grinst mir freundlich zu… da werde ich hektisch, aber ich schaffe auch noch die andere Drehung, und dann warte ich nur mehr drauf, wann ich endlich ziehen darf… man glaubt gar nicht, wie lange so eine Minute werden kann…

Und abgewunken, gezogen, und wieder geht er auf, der Schirm, der brave, nur die Landung ist irgendwie verkehrt… macht nichts, fast kein Wind.

Beim Debriefing bin ich erstaunt, nicht mehr falschgemacht zu haben als… Beine zu breit… aber ich darf in den nächsten Level!

#8

Tozeur – Skyvan – Level 3

More of the same: Ein zitterndes Nervenbündel im Flieger, ein glücklich fliegender Mensch in der Luft. Zwischen meinen zwei Jumpmastern fühle ich mich sicher und erfülle die Aufgaben zwar nicht zur Begeisterung, aber doch zur Zufriedenheit der Anwesenden.

Aufgaben im Level 3: Ein Scheingriff, dann stabil fallen. In eine Richtung. Irgendwie bin ich verunsichert, ich falle zwar eindeutig mit dem Bauch voraus, aber eine Richtung?… Naja. Werde von Klaus hin und und von Pit hergedreht, aus der Sonne und Richtung Flughafen, erfahre ich dann beim Debriefing, aber ich ziehe in der richtigen Höhe und mein bester Freund, der Schirm, geht auf, und ich lande. Verfrorene Finger erzählen mir, dass ich die Handschuhe hätte gebrauchen können. Oben ist kälter als unten.

Aber heute!

Meinen gestrigen Panikanfall habe ich in der finsteren Nacht gelassen und heute meine ersten zwei Level der beschleunigten Freifall-Ausbildung (AFF) absolviert. Auch schon was, mag der mehr oder weniger geneigte Leser denken, schliesslich wird man bei selbigem von zwei erfahrenen Sprunglehrern gehalten… Naja. Der geneigte Leser möge es gerne einmal selbst ausprobieren.

Ansonsten bin ich fasziniert von den Farben der Wüste, und davon, wie schnell es hier wärmer wird. Wir haben jetzt bestes T-Shirt – und Kurzhosen – Wetter und sind doch vor 3 Tagen noch fast den ganzen Tag über in der Winterjacke herumgelaufen. Meine Gesichtsfarbe wäre mittlerweile eine sehr gesunde, wenn mir nicht die Haut in Fetzen von der Nase fiele.

#7

Tozeur – Skyvan – Level 2

Vergessen das „einmal noch“. Vergessen die Angst im Flieger. Ich will. Ich kann. Das ist alles, was zählt.

Natürlich kommt das Zittern wieder, im Flieger. Und wird auch nicht gerade gedämpft durch den unerwarteten Schnell-Exit auf 3500m, viel früher als erwartet, wegen „incoming traffic“. Dafür weniger Zeit zum Fürchten. Weniger Zeit auch fürs Programm, dabei gibt’s hier mehr zu tun als im ersten Level. Bleibt keine Zeit zum „entspannten Fallen“. Zudem komme ich in Konflikt mit dem Wind und lande zwar gesund, aber irgendwo jenseits der Landebahn. Das gelbe Auto holt mich ab. Leicht beschämt geht’s zum Debriefing.

Mein Hohlkreuz läßt immer noch zu wünschen übrig. Meine Beine sind zu weit auseinander. Trotzdem habe ich die Aufgaben erfüllt und bin zum nächsten Level fortgeschritten. Und sehr begeistert.

#6

Tozeur – Skyvan – Level 1

Na dann. Ich habe geheult, ich habe gejammert. Ich habe allen, die es hören wollten, und allen, die es nicht hören wollten, erzählt, dass und warum ich nie wieder aus dem Flieger springen will. Einen ganzen Tag lang. Und dann, einen Tag darauf, schleiche ich ins Schulungszimmer und frage, ob vielleicht doch noch jemand Zeit für mich hat. Vorsichtig. Beiläufig. Blamiert bin ich schon, was kann jetzt noch passieren?

Zu einem Sprung habe ich mich noch durchgerungen, einem einzigen. Denke ich. Ein einziges Mal allein fliegen… Allein? Mit Pit auf der einen und Klaus auf der anderen Seite? Naja, etwas anderes als ein Tandem ist es allemal.

Also wieder ein nervenzerreißender Aufstieg auf viereinhalbtausend Meter. Alle sind unglaublich nett zu mir. Sanfte Worte meiner Jumpmaster. Ermunternde Daumenhochs der 20 erfahrenen Fallschirmspringer im Bauch der Skyvan. Nutzt alles nichts. Ich zittere.

Die Tür geht auf. Die anderen springen nach und nach. Die Skyvan erbebt bei jedem Absprung. Wir sind die letzten, und ich lasse mich in die Tür bugsieren. Einzählen, Sprung.

Kaum draußen, ist die Panik weg. Ich zeige zwar nicht das beste aller Hohlkreuze, aber mein Programm ist OK. Die Höhenmesserchecks, die Scheingriffe zum Öffnungsgriff, beim ersten Mal mit etwas Hilfe, dann wieder Höhenmesser. Bin sehr erstaunt, dass wir noch über 3000m sind. Dann also entspannt fallen. Bin so begeistert von mir und vom Schauen, dass ich die Höhe etwas aus den Augen verliere. Mit dem ausgemachten Zeichen bedeutet mir Pit, ich soll auf den Höhenmesser schauen. Dann abwinken und ziehen.

Bin außer Atem, also habe ich wohl den häufig angesprochenen Fehler gemacht, im Freifall die Luft anzuhalten. Der Schirm geht auf. Geflogen bin ich. Jetzt schwebe ich, und lande. Glücklich.

Feigheit

Der Sufi hat bereits erzählt, und bei mir gibts heute nichts zu erzählen, ausser Feigheit vor dem Flugzeug. Abends waren wir noch in der Stadt, die sich erstaunlich westlich gibt. Essen in einem kleinen Restaurant, und durch die Gassen geschlendert. Dann noch unglaublich starken Cappuccino getrunken und an den Touristengeschäften vorbei nach Hause Spiessruten gelaufen. Im Internetcafe vorbeigeschaut (ja, sowas gibts hier!) aber entnervt über die langsame Maschinerie schnell das Handtuch geworfen. Soviel für heute. Gute Nacht.

Routine?

Eine gewisse Routine kehrt ein. Früh zum Flughafen, Zeit vergeht, und ja: Heute war ich tatsächlich in der Luft. Alleine mit meinem Schirm. Zwar nur aus 1000m, am Automaten, aber, da oben, nur ich. Und mein Schirm.

Langsam wirds auch wärmer, sodass ich die äußere Hülle meiner Thermojacke ablege und mittags sogar im normalen Sweatshirt herumlaufe. Im Windschatten liegt man sogr gut mit der Badehose. Aber der Wind ist immer und überall… In den Pausen liege ich im Sand, sehe den Flieger über mir kreisen und bin zufrieden. C’est tout.

(Ja, langsam kommen meine 3 Sätze Französisch wieder ins Bewusstsein.)

#5

Tozeur – Skyvan/1000m – S/L 3

Willst du noch einen StaticLine Sprung, bevor das AFF-Training losgeht?“ fragt mich Silvia. Ich will. Es könnte der letzte sein, denke ich. So schön das da draussen ist, mit der Angst vorher komme ich nicht klar. Ist halt kein Sport für jeden. „Einmal noch“, mein meistgedachter Satz der nächsten Tage, hat hier seinen Ursprung.

Alles ganz anders. Als die Tür aufgeht, sind wir nicht ganz über dem Flugplatz. Ewig, wie mir scheint, hänge ich mit letzter Kraft rückwärts in der Tür. Bis Silvias befreiendes Nicken kommt. Dann bin ich draußen, erleichtert, zähle sogar, der Schirm geht auf. Silvia springt solidaritätshalber nach mir. Ich seh sie nicht.

Kein Funk diesmal. Kühl ist es. Und schön. Ich verschau mich in die Landschaft und lande ein bisschen abseits. Und bin verwirrter denn je.

#4

Tozeur – Skyvan/1000m – S/L 2

Da treffen sich also in mir zwei Gefühle und können sich nicht entscheiden, welches stärker ist: Die Angst im Flieger, oder das Glück in der Luft. Hmmm… mal sehen. Hier kommt StaticLine Nummer zwei.

Die selben Kandidatinnen wie beim ersten Sprung. Der Rest des Fliegers ist voll mit tunesischen Militärs: Elitefallschirmspringer, die die Gelegenheit wahrnehmen, einmal aus einer Skyvan zu springen. Sie starren uns an. Ich vermute, dass sie sich wundern, dass Frauen auch fallschirmspringen. Weit gefehlt, stellt sich einige Tage danach heraus: Auch beim tunesischen Militär gibt es Frauen, 20%, wie das am besten Englisch sprechende Mitglied der Truppe stolz vermerkt. Sie hätten sich vielmehr gewundert, dass so wenig durchtrainierte Personen springen dürfen. Auch nicht gerade ermutigend.

Zurück zum Sprung. Angst wie gehabt. Aber natürlich kann man sich vor diesem Publikum keine Blöße geben. Wieder geht Ariane zuerst, ich zittere mich in die Türe. Und bleibe als Geist im Flieger, derweil mein Körper hinausspringt. Zumindest erinnere ich mich genau daran, mir beim Ausstieg zugeschaut zu haben. Logischerweise nicht gezählt. Aber der Schirm geht wieder auf. Und da ich nicht ganz sicher bin, zu wem der kleine Radiomann in meinem Ohr spricht, tue ich was mir richtig erscheint, und lande zwar auf dem Hintern, aber gesund und munter.

#3

Tozeur – Skyvan/1000m – S/L 1

Eine Nacht und noch ein paar Theoriestunden später bin ich wieder voller Tatendrang. Die Static-Lines stehen auf dem Programm. Die Pink macht extra für uns auf eintausend Meter Höhe die Tür auf. Und was soll schon passieren? Sind ja nur tausend Meter. (Später lerne ich, Höhe als Sicherheit zu betrachten. Aber so weit bin ich an diesem Tag noch nicht.) Und der Schirm geht ganz von selbst auf. Vielleicht. Hoffentlich.

Obwohl ich am Boden voller Begeisterung war, packt mich im Flieger das große Zittern. Am liebsten wäre ich sitzengeblieben, ach was, sitzengeblieben: Am liebsten hätte ich mich flach hingelegt und mit 17 von den Sicherheitsgurten angeschnallt, für alle Fälle. Als ich dran bin, als zweite von vieren in dieser Maschine, schaue ich paralysiert Ariane, der ersten zu, die mit einem strahlendem Lächeln und dem elegantesten aller Hohlkreuze aus der Tür – nun ja – verschwindet. Silvia deutet mir freundlich, mich zu erheben, und obwohl alles in mir nein schreit, stehe ich schon, bevor ich weiter darüber nachdenken kann. Ich werde in die Tür gedreht, Silvia nickt mir freundlich zu, ich zähle, wie gelernt: Ready – Set – Go! und trete in die große, fremde Leere.

Vor lauter Überraschung, dass ich es tatsächlich getan habe, vergesse ich das Zählen, das die Zeit bis zur Schirmöffnung berechnen soll, und erinnere mich erst beim Öffnungsruck daran. Naja, nun ist er ja schon offen. Der Schirm offen, die Angst weg. Leicht eingedreht die Leinen, geht schnell vorbei, und schon meldet sich mein Lotse im Funkegerät, das ich im Ohr trage, und geleitet mich mit sanften Anweisungen auf den Boden. Dazwischen bleibt genug Zeit, sich umzuschauen. Wie schön die Welt ist, von hier oben! Und zu realisieren: Ich fliege!

© 2018 sturmpost

Theme von Anders NorénNach oben ↑