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Tozeur – Skyvan/4000m – Tandem mit Pit

Im Februar 2001 ist es endlich soweit: Ich mache einen Kurs. Der Kurs, organisiert von IPPC und sprungpädagogisch geleitet vom Skydream-Team findet in Tunesien statt und beinhaltet als „kombinierte Ausbildung“ sowohl StaticLine Sprünge als auch die AFF-Levels. Beginnen tut das ganze mit einem Tandemsprung, bei dem man allerdings nicht schlapp vor dem Jumpmaster hängen soll, sondern die Aufgaben des AFF-Level 1 schon einmal übt.

Sei es wegen der intensiven theoretischen Vorbereitung, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, oder sei es, dass ich in den 1 1/2 jahren seit meinem ersten Sprung einfach älter und neurotischer geworden bin: Ich bin wahnsinnig nervös.

Meine erste persönliche Begegnung mit der Pink Skyvan, dem wunderschönen Vogel im Dienst des IPPC, hatte ich mir anders vorgestellt. Pit, mein lieber geduldiger Jumpmaster, tut sein möglichstes, um mich zu beruhigen. Vergeblich. Nach dem Steigflug auf 4500m bin ich ein Nervenbündel, das sich irgendwie aus dem Flieger stolpern läßt. Erinnerungen an den Sprung nur Stroboskobartig. Blick auf den Höhenmesser. Scharfe, kalte Luft. Gurtzeug schneidet Blutzufuhr zu den Gliedmaßen ab. Lenken darf ich auch, stell mich aber blöd an. Keine Ahnung, wie wir gelandet sind. Bin glücklich, dass ich lebe. Auf meiner Kurskarte Steht: „De-Arched. Nervös.“

Ernsthafte Zweifel: Wollte ich das wirklich einmal? Warum?

Der zweite Tag

Für die zukünftigen Fallschirmspringer: Trockentraining am Flughafen, zum Gaudium der einheimischen Flughafenbediensteten. Die Sonne brennt vom Himmel, fast wolkenlos. Warm ist es trotzdem nicht, dafür geht zuviel Wind. Wir laufen in Pullover und Jacke herum. An die Farben, ocker schmutziggrün grau blau, habe ich mich schnell gewöhnt. War ich je woanders? Will ich hier jemals wieder weg? Eigentlich nicht. Wie immer, wenn ich gerade einmal zwei Tage irgendwo bin, fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass es jemals anders war.

Der erste Tag…

… denn über die Anreise will ich lieber nicht reden. Beinahe hätten wir schon in Bratislava unseren Flieger versäumt, aber das ist uns erspart geblieben. Nicht hingegen die lange Wartezeit in Tunis (wobei der Flughafen durchaus sehenswert ist, aber 6 Stunden war doch etwas lang). Schliesslich hat es aber doch noch einen Anschlussflug gegeben, und wir sind gegen Mitternacht in Tozeur angekommen. Immerhin hatte es, nächtlich, noch ca. 12 Grad. Dann noch ein Willkommensdrink und die Begrüßung durch die Frühstarter, aber dann bald ins Bett. Früh aufstehn war angesagt.

Bin ziemlich verkühlt, aber das ist auch schon der einzige Kritikpunkt. Das Hotel, eine Clubanlage, hat einen Swimmingpool & einen Hammam, und angeblich ziemlich gutes Essen. (Aber so weit ist es noch nicht…) – Was die Springerei angeht, war heute erstmal Theorie angesagt. Besichtigung des Flughafens, des Abfsetzflugzeuges Pink Skyvan, dann zurück ins Hotel und Theorie am Swimmingpool. Die Sonne strahlt, und immer wieder sehen wir über uns den Flieger kreisen, aus dem wir bald auch springen werden.

Der Sufi, der ja nicht springen will, läßt sichs derweil gut gehen. Und jetzt ist es mit der Schulung für heute vorbei, und wir haben gebeten, den Hammam anzuheizen. Ich hoffe, das macht meinem Schnupfen endlich den garaus.

Fast Sommer

Sonntag, und wie bestellt strahlt die Sonne ins Fenster, und solange das Fenster zu bleibt und die Heizung ihren Dienst tut, könnte man glatt meinen, es wäre Sommer. Ganz anders als letzte Nacht… Ein Open Air im Jänner ist ziemlich mutig, und es war voll, und die Musik war ganz nett, und irgendwann war es dann drinnen zu voll & draussen zu kalt, und ich bin mit einem Freund geflüchtet in ein Lokal, das sich seit 10 Jahren nicht verändert hat, zum Glück, und zum Glück steht auch der Flipper noch dort, wo er immer gestanden ist, und beim Flippern ist mir wieder warm geworden.

Und in meinem zu diesem Zeitpunkt zugegebenermassen nicht mehr ganz nüchternen Kopf habe ich mir gedacht, dass bei aller Faszination der virtuellen 3-D Welten ein realer Ball, der über reale Rampen rast und zwischen realen Bumpern hin und her zuckt, so dass man es ganz ohne elektronisches Interface in den Fingern spürt, mehr Spass macht als alles, was sich auf einem Bildschirm abspielt. Manchmal.

Es ist soweit

Die Frau, die keinen Laptop wollte, hat einen. Und er ist (fast) voll eingerichtet, funktionstüchtig und ready to go. Theoretisch könnte ich damit meine Geschäfte aus der Hängematte unter Palmen erproben. Der große Praxistest folgt im Februar in Tunesien.

Ein bisschen wehmütig wird mir da schon zumute. Wenn ich an meine mehrmonatigen Absenzen denke, auf denen mich keiner stören konnte, weil es noch keine Handys gab… und ein Telefonkontakt zurück ins heimische beinahe unerschwinglich war, falls man überhaupt ein Postamt oder funktionierende Telefonleitungen finden konnte… Und die Reisende völlig losgelöst von allem einfach dahindriftete…

Mit einem Handy in der Tasche, das man nur aufdrehen braucht, um sofort wieder mitten in der Welt zu sein, wird das Reisen nie wieder dasselbe sein… auch wenn es natürlich seine Vorteile hat.

Malta

Jemand zeigt auf eine Landkarte von Malta. Da sollen wir hin. Eine alte Küche, die endlich wieder so aussieht, wie sie soll. Aus dem Fenster sieht man auf das Meer, obwohl dort gar keines ist. Dunkelblau, Türkis und glasklar. Trotzdem mystisch undurchdringlich. Es ist schon halb zwölf, um 10 hätten wir fliegen sollen. Das Flugzeug ist ohnehin noch nicht bereit. Jemand kneift nicht, ich bin überrascht. Ich zeige auf eine Landkarte von Malta. Da sollen wir hin. In der weissgekachelten Küche riecht es nach Kaffee und frischem Brot. In der Morgenkühle gehe ich am vulkandunklen Strand entlang spazieren. Das wird ein warmer Tag, obwohl es Winter ist. Alle stehen um die Landkarte von Malta. Das Flugzeug kreist und landet nicht.Jemand springt aus dem Flugzeug. Ich springe aus dem Flugzeug. Ich schaue mir von unten zu. Von oben sehe ich die Landkarte von Malta. Jemand kneift noch immer nicht. Ich frage mich, wie lange es noch dauert. Der Wecker läutet.

Anstrengendes Wochenende

Samstags Einkaufsterror vom Schlimmsten. 4 Stunden durch die labyrinthartigen Hallen der SCS. Nichts von dem gefunden, was ich kaufen wollte. Unglaublich viel Geld ausgegeben, für Dinge, die ich überhaupt nicht brauche. So geht es mir immer in Einkaufszentren. Die schlechte Luft, das seltsame Licht. Massen von Menschen, plärrende Kleinkinder, Rudeln von hormonell gestörten Jugendlichen. Ich gehe in 4 oder 5 Geschäfte, in denen ich glaube, das finden zu können, was ich suche. Finde nichts. Sollte einE VerkäuferIn auffindbar sein, zeigt erSie entweder undeutlich in eine Richtung, wo ich erst recht nichts finde, oder schüttelt den Kopf, mit einem Gesichtsausdruck als hätte man in einer moslemischen Fleischhauerei ein Schweinsfilet verlangt. Irgendetwas scheine ich falsch zu machen.

Nachher, um dem Rückfahrtsstau zu entgehen, ins Kino. “Komm süßer Tod”. Hat das Zeug zu einem Kultfilm. Obwohl das Buch irgendwie… schwärzer war.

Heute, um der Woche vor dem Computerbildschirm etwas entgegenzusetzen, ab ins Kurbad Oberlaa. Auf der Fahrt dorthin begegnen uns 8-10 Mannschaftswägen voller Polizisten. Auf einem Parkplatz 15 oder mehr Ambulanzen (und das nach dem Film gestern… ähem).  Ist der Notstand ausgerufen? Bürgerkrieg? Aufstand? Nichts von alledem, nur eine FPÖ-Veranstaltung in der Veranstaltungshalle. (Kein Link, bäh!)

Trotzdem haben wir uns gemütlich im Warmwasser geaalt, anstatt nach einer Demo zu suchen. Ich glaube, ich werde alt.

Katzenliebe

Eigentlich wollte ich ja heute hier meine Gedanken über das Einkaufen im allgemeinen schreiben und über den Zwang, sich in samtagsgefüllte Einkaufscenter zu begeben und dort mit den Massen in Warenbergen zu wühlen, eine Notwendigkeit, die nur deshalb besteht, weil uns Webdesignern noch keine Technik eingefallen ist, die es erlauben würde, Kleider gemütlich vor dem Bildschirm anprobieren…. aber das mache ich jetzt nicht.

Der Schockwellenreiter fragt nämlich, ob es ein gutes Zeichen ist, wenn das elektrisierendste Erlebnis eines Donnerstags das Fell einer schwarzen Katze ist. Die Antwort lautet: Unbedingt!

Zumindest wenn es sich um eine wunderschöne, anschmiegsame, freundliche und sozial höchst verträgliche Katze wie meine handelt. Die grosse Katzenliebe meines Lebens ist zwar mit meiner Zustimmung aufs Land gezogen, wo sie mit einer anderen Katze zusammen nach einer Kindheit und Jugend in der Großstadt das Mausen und das Streunen gelernt hat, und sie fühlt sich sichtlich wohl dabei.

Aber immer noch denke ich gerne an die Nächte zurück, wenn ein schnurrender Druck auf meinem Bauch mich zuverlässiger aufgeweckt hat als der schlimmste Alptraum. An die morgendlichen Schocks, wenn der zu recht Entrüsteten meinen Schlaf zu lang dauerte, weil der Futternapf leer war, und sie ihre kalte nasse Nase in mein Gesicht gedrückt hat. An die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich im Bett zwischen mich und meinen Freund gezwängt hat. Schliesslich war sie zuerst da!

Und wenn ich einen Besuch auf dem Lande mache, und das jetzt dort heimische Untier meine Stimme hört, ist es für sie vollkommen klar, dass sie für den Rest des Tages einen Schossplatz bei mir hat – ganz egal, ob sie gerade im strömenden Regen aus dem Wald kommt oder vom frisch gedüngten Acker nebenan.

Das ist eben die wahre Liebe. Da geht nichts drüber. (Und manchmal, wenn ich sehr sehr müde bin, sehe ich sie immer noch aus den Augenwinkeln durch die Wohnung huschen, in der sie seit 3 Jahren nicht mehr war).

Strg-Z

Warum hat das Leben eigentlich keinen “Undo” Button? So wie beim Webseiten-Basteln: Ja, so schaut es eigentlich ganz gut aus. das wird gespeichert, und dann probier ich noch das und das aus – und wenns nichts war, kann ich ja immer noch auf die gespeicherte Version zurückgehen… Spielts aber nicht. Schade, irgendwie.

Diesig blau

Da liegt ein diesigblauer Himmel so leicht und zufällig über den Dächern der Stadt, dass man glauben könnte, am Horizont beginnt das Meer. Da fliegen Möwen malerisch weiß gegen den esoterisch-blauen Dunst, und ich frage mich, wo denn die einstmals winters allgegenwärtigen Krähen geblieben sind. Da tönt Musik, wo sonst nur konzentrierte Stille herrscht, und mir wird ganz leicht. Für den Moment.

Bonnie & Clyde

Hinter Ws Haus geht ein Weg, nach rechts, in einen Wald. Im Wald ist ein See, an dem die Leute nackt baden. Ein zweiter Weg geht nach links, der ist noch nicht fertig, dort wird gerade ein Tunnel gebaut.

D ist irgendetwas passiert, und er ist auf der Suche nach einem Ort, wo er “in Ruhe nachdenken” kann. Ich zeige ihm den See im Wald, und er bleibt dort im Campingbus. Später treffe ich ihn zufällig in der Nähe von Ws Haus & er ist sehr zornig: Die Bauarbeiter, die den Weg bauen, machen viel zu viel Lärm.

Er ist mit einem Freak unterwegs, den ich früher schon mal gesehen habe. Der Freak tragt ein riesiges Paket voll mit Gras. Ich bitte ihn, das nicht ganz so offen zu tun. Er lacht mich aus, und beginnt, seine Ware marktschreierisch anzupreisen. D und ich flüchten zum See, wo ich bade, während er seine Sachen packt.

Dann wollen wir noch einmal ins Dorf, ich möchte ihm einen Pullover mitgeben, denn er fährt nach Norden. Unterwegs treffen wir eine Bande Jugendlicher, die mit Eisenstangen und Knüppeln auf Autos einschlagen. D zieht eine Pistole aus der Tasche und erschießt einen nach dem anderen. Ich würde gerne selber schießen, denke aber, dass es besser ist, wenn ich einen klaren Kopf behalte. Auf jeden Fall ist es gut, dass sie tot sind.

Wir steigen ins Auto und fahren auf die Autobahn, besprechen die Flucht. Später bin ich allein auf einem Parkpplatz, in einem anderen Wagen, und warte auf ihn. Ich habe Angst, aber gleichzeitig ist es “gut und richtig”, was geschieht.

Er kommt und wir fahren weiter; runter von der Autobahn und durch kleine, fremde Dörfer. Ich lege ihm die Hand aufs Knie und er schaut mich von der Seite an. Ob wir ein Hotel nehmen sollen für ein paar Stunden & unseren Spass haben, fragt er. Ich bin sicher, dass uns die Verfolger dann einholen würden – aber eigentlich ist mir das ganz egal. Bevor ich antworten kann, wache ich auf.

Busfahren

Ich möchte einen Film sehen, aber jemand nimmt mir immer wieder die Fernbedienung weg und switcht durch die Kanäle, nur um mich zu ärgern. Dann fahren wir alle mit dem 13a (Ein Bus der Wiener Stadtwerke) zum Schifahren. Keiner sagt mir, dass meine Schi nicht mit dabei sind. Meiner Zweitpersönlichkeit in dem Traum, einem kleinen Buben, ist das nur recht, weil er/ich dringend noch ein Buch für eine Prüfung lesen muss. Ein grauer Nebenstrang des Traumes zeigt, dass das Buch natürlich nicht gelesen wird & die Katastrophe der Prüfung, was aber kein Problem ist, weil wir in der Zeit zurückreisen und wieder im 13a sitzen. Ich steige aus und gehe zurück in mein Haus, das eigentlich in der Steiermark liegt und leer ist, im Traum aber eingerichtet, und von den Fenstern und Türen wehen lange weisse Gardinen im Frühlingswind.

Mein Garten ist ein Campingplatz, dort wird gegrillt, und als es zu regnen beginnt, kommen alle Camper ins Haus, das im Traum gross genug dafür ist. Die Schifahrer kommen zurück und beschimpfen mich, weil ich nichts zu essen gekocht habe. ich flüchte in den Kopf des kleinen Buben, der lieber Katze und Hund füttert und mit ihnen spielt, als endlich sein Buch zu lesen.

Na dann

sIn Temelin hats gebrannt, und keinen interessierts. Während vielerorts noch die Weihnachtsdekoration herumhängt, sieht man auch schon die ersten Faschingsdekorationen in den Schaufenstern. (Oder heisst das jetzt hierzulande auch schon Karneval?). Die einen diskutieren über den Niedergang des Fernsehens, während die anderen lieber einer gähnenden Partygesellschaft die “Sehr-gut”-gekrönten Deutschaufsätze ihrer Tochter vorlesen. Das Private ist längst öffentlich (oder was schreibe ich hier?), das öffentliche ganz privat (wer hört schon noch einem Politiker beim Reden zu?) Was ist noch wichtig? Nur das, was wir wichtig nehmen. Das haben wir nun von den alten 68ern. Ich würde das ja noch gerne weiter ausführen, aber leider… ich muss zurück zur Party.

Unverhoffte Alltagslyrik

Aus dem Reich der Botanik: Dort gibt es den Schlupfstengeligen Sterbeschön (und so sehr ich mich auch bemüht habe, ich konnte keinen Link dazu auftreiben).

Vollmondfieber

Das war ein schlimmer Anfall von Vollmondfieber gestern Nacht, und ich fürchte, es ist noch nicht vorbei. Natürlich bin ich nur die die ich immer bin, aber meine Ohren hören ein bisschen mehr, meine Augen sehen ein bisschen mehr, und meine dicke Haut ist ein kleines bisschen empfindlicher. Da reicht dann ein harmloser Satz…

…ein harmloser Satz, wie “es sind nur noch 3 Wochen bis zum Urlaub”, und ganze Kamelherden donnern durch die endlose Sandwüste meines Gehirns und verschwinden in einem blutroten Sonnenuntergang.

Als wäre diese Cinemascopevision noch nicht Alltagsablenkung genug, sitzt ein kleines Teufelchen ganz oben auf der höchsten Düne und sagt: “jaja, nur noch 3 Wochen bis zum Urlaub, und noch drei Wochen später bist du wieder hier im kalten grauen Wien. Sag Mal, wolltest du nicht einmal die Welt entdecken? Mit einem Jeep die Seidenstrasse entlang fahren? Auf der Harley von Alaska hinunter bis nach Feuerland? Zu Fuß einmal rundherum ums Mittelmeer?”

Dann sagt es nichts mehr, das Teufelchen, legt nur den Kopf schief auf unverschämt junge Art und Weise und grinst überlegen, so, dass ich mir uralt vorkomme, so als wäre für mich das alles schon vorbei.

… oder…

Ich treffe einen alten Freund in einem einstigen Stammlokal. Natürlich kommt er etwas später, denn ich bin notorisch pünktlich, und das lässt den Gedanken Zeit, sich durch längst glattgestrichene Gehirnfurchen zu graben, mit welchen Menschen ich denn dort schon gesessen bin, welche Ideen und Träume an diesen Wänden hängen und unter diesen Tischen begraben liegen…

Ich zünde mir eine Zigarette an der Kerze an und der Geist einer längst verlorenen Freundin schreit auf: “Nicht! Jedesmal wenn du das tust, stirbt ein Seemann!” – und trotz meiner Aberglaubenlosigkeit läuft mir ein Schauder über den Rücken, und in einem anderen Winkel meines Chronistinnengehirns klopft Tante G. (der Nichtvorhandene habe sie selig!) 3x auf Holz und sagt: “Ich glaub zwar nicht an sowas, aber man kann ja nie wissen…” – “Das muss ja eine tolle Kerzenlichtparty gewesen sein, die die Mannschaft dieses russischen U-Boots auf dem Gewissen hat!” ruft das Teufelchen von der Sanddüne.

Da kommt aber dann endlich der alte Freund, und mitten in der größtenteils geschäftlichen Besprechung fällt ein ganz harmloser Satz…

… ein ganz harmloser Satz wie, “weisst du eigentlich, dass es bald 10 Jahre her ist, seit wir das erste Mal hier gesessen sind?” und die 10 Jahre erstrecken sich ins Endlose, wie das gespannte Gummiband einer Steinschleuder, kurz bevor man sie losläßt, und dann lasse ich los und die ganzen 10 Jahre ballen sich zu einer Kugel, alle Einsamkeiten, alle Zweisamkeiten, alle Worte und jedes einzelne Schweigen, jedes Gesicht, das ich geliebt, gehasst, verachtet oder verehrt habe, alle Träume, alle Erfolge und alle Enttäuschungen…

… treffen mich in konzentrierter Form mitten auf die Schläfe, und das versetzt mich unversehens zurück zu jenem Kindheitsnachmittag, an dem vom Jahr zweitausend die Rede war, ich weiss nicht mehr warum…

… und jemand fragt mich: “Was wirst du wohl sein im Jahr 2000?” – Und weil ich gerade rechnen gelernt habe, rechne ich schnell und sage: “Im Jahr zweitausend bin ich 34 Jahre alt” – und die Erwachsenen nicken wohlwollend, weil ich richtig gerechnet habe, und jemand sagt: “Dann bist du wohl erwachsen.” – Und ich sage: “Ich glaube, wenn man sich erinnern kann, was vor 10 Jahren war, ist man erwachsen.” Und jemand fragt: “Und was ist, wenn man sich 20 Jahre zurückerinnern kann?” – Und ich sage: “Dann ist man schon alt”, und ringsum herrscht betretenes Schweigen, nur Tante G. lacht herzlich und sagt etwas wie: “Wie sich die lieben Kleinen das so schön vorstellen!”…

[now playing: Ripoff Raskolnikov – Live im Cafe Saitensprung]

Und es ist gut, so wie es ist, und ich fühle mich wohl, so wie ich bin … aber … wollte ich denn jemals dahin wo ich jetzt bin? … und aber und … hätte es denn besser sein können, dort, wo ich hin wollte? oder auch nur genauso gut? das einzige, was mich stört, was in mir kocht, ist, dass ich das nie wissen werde… dass man nur einen einzigen Weg gehen kann von den vielen, die man sieht, und nie wissen wird, durch welche Landschaften die anderen geführt hätten…

… und damit, liebe Leser (falls es euch gibt), verabschiede ich mich für heute, denn ich habe etwas Schlaf nachzuholen… in meinem Alter braucht man schon etwas mehr davon…

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