„Was ist denn das Besondere an so einem Pink-Boogie, wenn man doch ohnehin jedes Wochenende irgendwo Springen kann?“ – „Ach keine Ahnung. Es ist halt irgendwie anders. Es ist…“

Nicht zu verfehlenEs ist dieses „Was mach ich eigentlich hier“ Gefühl, nach einer kalten, verregneten Nacht, nach einem Frühstück mit nassem Hintern, weil die Camping-Stühle vor dem nächtlichen Gewitter nicht rechtzeitig weggeräumt waren. Es ziept und zieht überall, Muskelkater, Mini-Blessuren, die Nase einseitig verstopft. Es ist der lauwarme Kaffee, weil egal, wie heiß man aufgießt, bis man zum Trinken kommt, ist er lauwarm. Es sind die Wasserpfützen auf der Packplane, wieder mal zu hoch gepokert und alles liegenlassen in der Nacht. Bis das trocken wird…

Is it a bird? Is it a plane???Es ist der Wind, der ins Gesicht bläst auf dem Weg zum Häusl. Es ist der Geruch nach nassem Holz aus dem Wald. Es sind die zerknitterten Gesichter der Platz-Mitbewohner, die mühsam ein „Guten Morgen“ herausquetschen. Es ist der erste Sonnenstrahl, der sich zwischen den Wolken hervorwagt. Es ist das Geräusch der Windfahne, die heute schon wieder eine andere Richtung anzeigt. Im nassen Gras der Abdruck der Rauchpatrone vom gestrigen Trackdive. Es ist das Knacken der Lautsprecheranlage, kurz bevor zum ersten Mal am Tage eine freundliche Stimme zum Füllen der Loads aufruft. Es ist das zeitversetzte Piepsen der Protracks, wenn die Springer endlich anfangen, ihr Gear zusammenzusuchen.

045_aufgesetzt1Es ist das immernochverschlafene Grinsen, mit dem ich schließlich meine Magnetkarte zu suchen beginne. Es ist das trocknende Gras unter den bloßen Füßen auf dem Weg zum Manifest. Es ist das Vibrieren des Motorgeräuschs im Brustbein, das ich besonders wahrnehme, wenn die Pink zum ersten Mal an einem Tag abhebt. Das satte Piepen des Card-Readers, wenn alles funktioniert. Das hungrige 3-fach-Piepsen, wenn er dich nicht erkannt hat.
Schon liegt die Sonne warm auf der Haut. Im Schatten friere ich noch. Die Plane ist trocken, bereit, das nochmals gecheckte Gear aufzunehmen. Die Wetterlage ist stabil: Der Höhenmesser zeigt Null Meter noch von gestern.

Es ist die Erleichterung, dass die Jungs mit der guten Musik heute mal wieder schneller waren als die auf der anderen Seite mit der weniger guten. Mit einer Hand den Stuhl aus dem Schatten ziehen, mit der anderen Kaffee und Buch mitnehmen. Leichte Lektüre ist angebracht, um nichts vom Drumherum zu versäumen. Ach, und eine erste Zigarette, jetzt.

Das Publikum kumt jeden TagEs ist das Brummen der absetzbereiten Skyvan, das mich aus meinen Buchstaben holt. Nie kann ich sagen, wann es denn angefangen hat, das Brummen: War es seit dem Start immer da, und ich habe nur gelernt, es zwischendurch zu überhören? Oder kommt sie still aus der weiten Steigrunde und so regelmäßig näher, dass man den Übergang ins Hörbare versäumt? Jetzt jedenfalls ist sie da oben, fliegt geradeaus, und ja, da ist es schon, das Motordrosseln. Jetzt steigen sie aus, und die Blicke der noch-nicht-Eingestiegenen gehen nach oben: Spätestens beim Freifallrauschen. Wo werden sie auftauchen bei dieser ersten Tagesload? Wo aufmachen? Wie gut hat der Pilot abgesetzt?

Es ist. Ach es ist. Der Typ im Halbpyjama, der aus den Waschräumen kommt und zwischen den Zähnen pfeift, während die Erstloadhelden zum Swoop ansetzen. Es sind die vielen Dialekte, die man hört, von überall her sind wir zusammengekommen und kennen uns doch – oder auch nicht oder vom Sehen oder vom Sagenhören. Es ist das Kleinwerden der Welt, wenn man in der Wartereihe vor dem Einsteigen von einer Wahnsinns-Bruchlandung erzählt, die man woanders von jemand anderem erzählt gekriegt hat, und einer dreht sich um und sagt: Hey, das war ich!

LandingsEs ist das Grübeln, das folgt, wenn eine/r dich freundlich begrüßt und du weißt, du hast schon Mal einen ziemlich langen Bierabend mit ihm/ihr verbracht, aber wo? In Klatovy? In Krems? In Tunesien? Es ist das Kichern, das folgt, wenn sich herausstellt, dass er/sie sich auch nicht erinnern kann.

Es ist die Überraschung, wenn du am Zeltplatz um eine Ecke biegt und plötzlich steht da ein Zelt, wo gestern noch keines gestanden ist. Es ist das langsame Auflösen der Cliquen im Lauf der Woche; am Anfang noch beinahe streng nach Dropzones getrennt, mischen und tauschen sich langsam Interessensgruppen ein.

Es ist. Das Glück, wenn ich feststelle, dass ich auch woanders landen kann als ich gewohnt bin. Es ist übrigens eine ganz wunderschöne Landschaft da oben, auch wenn der flyingSufi das gerne bestreitet. Es ist eine ganz besondere Lust, so viele Sprünge zu machen, wie sich nur irgendwie ausgehen, weil ich weiß, dass das nicht ewig weitergeht wie zu Hause auf der Dropzone, dass genau diese Wiese in einer Woche schon völlig leer und harmlos ist.

Es ist das ganze Drumherum, Ballone, die in den Himmel steigen, Besucher, die interessiert beim Packen zuschauen und Fragen stellen, der Brauchwasserbehälter, der alle zwei Tage vorbeifährt, leer in die eine und etwas später wackelig voll in die andere Richtung.

Es sind die verlorenen Gesichter, wenn es dann einen Nachmittag lang regnet. Und trotzdem. Auch das ein Vergnügen. Durchs die Tropfen am Wohnwagenfenster auf die nassgeregnete Pinkzunge zu schauen und mit allen Vernetzungs-Tricks die erste sein wollen, die weiß, wann’s wieder besser wird. Irgendwann den Laptop zuklappen und im noch-nachmittäglichen Verpflegungszelt die ersten schon mit schwerer Zunge vorfinden. Ein Weile später die eigene schwere Zunge heimtragen durch’s Grillenkonzert, das sogar aus dem nassen Gras zirpt.

Es ist. Ach. Es ist. Einfach schön.

(Erstveröffentlicht auf Skydance.at)