Ratlos

Mit A. will ich von einem kleinen Flugplatz abfliegen. Der Flugplatz liegt im Hügelland und ist von Wäldern umgeben. Es ist eine mittelgroße Maschine, eine Kingair vielleicht, und ich weiß schon beim Einsteigen, dass irgendetwas schief gehen wird, aber nichts Schlimmes. Der Pilot kurvt atemberaubend nah an die Bäume, und die Passagiere geben staunende und vielleicht ein bisschen ängstliche Geräusche von sich. Ist das normal? fragt mich A., als wieder eine Tanne zum Greifen nah vor dem Fenster vorbeizischt. Ich weiß nicht, sage ich, und frage mich, ob ich die einzige bin, die bemerkt, dass wir bei all den Manövern kaum an Höhe gewinnen.

Schließlich kurvt sich der Pilot in Richtung eines breiten Waldwegs ein, gute Wahl, denke ich, auch wenn die Flügel wohl nicht dranbleiben werden. So kommt es auch, der Flieger landet stabil bergauf, die Flügel knicken ab, alles kracht und knirscht. Wir steigen aus, niemand verletzt. Der Pilot kickt wütend gegen das Fahrwerk. Ich hätte wohl doch den teureren Sprit tanken sollen, grummelt er, Dann tätschelt er dem Wrack die Nase. Warst eine Gute! Er wischt gar ein Tränchen weg.

Lasst uns zum Flugplatz zurück gehen, sage ich. Es kann nicht weit sein, wir sind ja im Kreis geflogen. Wir müssen auf die Rettungskräfte warten, sagt ein Passagier. Wieso, frage ich, ist jemand verletzt? – Nein, aber das gehört sich so.

Es ist grau und nebelig. Gehn wir, sagt A., ich habe Hunger. Wir gehen bergab, bald taucht der dunkelgraue Betonklotz des Flughafengebäudes auf. Er wirkt aus der Ferne wenig einladend. Auf einem kleinen Fussweg gehen wir die Startbahn entlang, ein großer Flieger landet gerade, vier Triebwerke. Der ist viel zu groß für die Bahn, denke ich, aber es geht sich aus. Die Türen gehen auf, und der Pilot steigt selber über eine kleine Leiter aus, um eine Gangway an die Tür heranzuschieben. Die Leute strömen aus dem Flieger, einer kommt im Laufschritt auf uns zu. Er sieht aus wie ein Klischee-Reporter aus den 30er-Jahren. Ich habe gehört, hier ist ein Flugzeug abgestürzt? fragt er. Notgelandet, korrigiere ich. Wir zeigen ihm die Richtung. Er läuft bergauf.

Im Flughafengebäude sind alle Restaurants geschlossen, die vorhin noch offen waren. Nur eine kleine Bar mit labbrigen Sandwiches hat offen. Es riecht nach Thunfisch und nach altem Öl. Wir bestellen ein Bier stattdessen. Lass uns in die Stadt gehen, schlage ich vor. Nein, der Ersatzflieger wird bald kommen, sagt A. Heute sicher nicht mehr, sage ich, es wird schon dunkel. Ich bleibe hier, sagt A.

Ich nehme alleine ein Taxi in die Stadt, einen alten Mercedes mit durchgehender Bank statt einzelnen Vordersitzen. Unterwegs wird es dunkel, von den Straßenlampen funktionieren nur wenige. Der Fahrer hat einen Schnurrbart und erzählt traurig davon, wie schön es jetzt in Jugoslawien wäre. Am Meer. Ob er überhaupt weiß, dass es Jugoslawien nicht mehr gibt?

In der Stadt treffe ich H. und K. Sie wollen zu einem Konzert, aber niemand weiß genau, wo es ist. Die Stadt ist genauso dunkelgrau und abweisend wie es das Flughafengebäude war. Riesige breite Straßen und Gehsteige, die Gebäude abblätternd, teilweise halb verfallen, eine optische Mischung aus Ostblock und dystopischen Computerspielen. Wir nehmen das Auto, sagt H. Das hilft aber auch nicht, wenn wir nicht wissen, wo wir hinwollen, denke ich. Immerhin ist es im Auto trocken. Wir kurven durch die Stadt, nur selten sind Menschen zu sehen, dunkel gekleidet, gebeugte Schritte. Endlich taucht ein beleuchtetes Gebäude auf. Wir gehen hinein, es ist ein Ballsaal, festlich gekleidete Menschen, von irgendwo spielt klassische Musik. Drinnen ist es kälter als draußen. Jemand bringt uns Sekt. Ich mag keinen Sekt, sage ich. Ohne Sekt keine Brötchen, sagt K. Komische Regel, denke ich, und gehe wieder hinaus.

Ich laufe lange durch die Stadt, wärme mich in einer Tankstelle auf, wo sonst niemand ist. Auf der Wärmeplatte steht eine große Kanne Kaffee. Ich schenke mir eine Tasse ein, der Kaffee dampft fast so dicht wie der Nebel draußen. Ab und zu fährt ein Auto vorbei. Ich warte lange, aber es kommt niemand, bei dem ich zahlen könnte. Dann mache ich mich wieder auf den Weg zum Flughafen. Der Weg ist weit und verlassen. Eine zögerliche Dämmerung macht das Grau etwas heller, aber nicht freundlicher. Nichts wie weg hier, denke ich.

Am Eingang zum Flughafengebäude treffe ich A. Der Flugplatz ist geschlossen, sagt er, sie sagen, es kommt kein Flieger mehr. Er schaut mich an. Ich fühle mich ratlos. Von der Landebahn her zieht mehr Nebel herein.