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Rumänien – 6 Monate danach

[Ein Artikel für die längst verstorbene Basisinfo, wenn ich mich recht erinnere, möglicherweise aber auch für irgendeine Musikzeitschrift.]

Was denkst du, wenn Du das Wort “Rumänien” hörst? Wahrscheinlich an die Bilder der Revolution im Dezember, an Kämpfe, Soldaten und an Menschen in Not. So jedenfalls ist es mir ergangen, als Freunde von mir, der aus der BRD stammende Rockmusiker Dorian und die Wiener Rockgruppe Freak Weber erzählten, sie hätten eine Einladung bekommen, an einem Benefizkonzert für die Opfer der Revolution in Temesvar mitzuwirken. Ob ich nicht mitkommen wolle, um zu fotografieren.

Am 7. Juni fuhren wir los. Wir hatten unsere Vorstellungen, Gedanken von Zerstörung, von Menschen zwischen Trauer und Siegesfreude, von Städten, in denen man deutlich sehen und spüren kann, was geschehen ist. Es war alles ganz anders. Und doch genau so.

Das erste, was uns nach der Grenzüberschreitung in Nagylak auffiel, war der im Vergleich zu Ungarn jämmerliche Straßenzustand. Gleich danach, im ersten Dorf an der Strecke, Verwunderung: “Das sieht ja aus wie bei uns im Burgenland!” – gut erhaltene Dörfer, Kühe, Schweine, Hühner und Schafe laufen auf der Straße herum. Wieder auf offenem Land fahre wir kilometerweit durch Felder, Getreide, Mais, Zwiebel. “Das war nicht immer so,” weiß Ulli, “Unter Ceaucescu war es den Bauern verboten, mehr als ein ganz bestimmtes Stück Land zu bestellen.” Später erfahren wir, daß es auch jetzt nicht im ganzen Land so hoffnungsvoll aussieht, der Nordosten des Rumäniens, Siebenbürgen mit seinem Völkergemisch aus nicht weniger als 13 verschiedenen Nationalitäten – darunter Deutsche, Ungarn, Slowenen, Zigeuner – hatte immer schon eine Sonderstellung und erholt sich jetzt auch rascher von den Druckmaßnahmen des totalitären Regimes.

Nicht so positiv fällt uns Arad auf, die erste Stadt, die wir durchfahren. Hochhäuser aus Fertigbetonteilen, die aussehen, als würden sie beim ersten Windhauch – geschweige denn bei einem Erdbeben – zusammenkrachen, bestimmen das Stadtbild. Viele Menschen sind auf der Straße, schon um halb sieben Uhr morgens, warten auf die kaum funktionstüchtig aussehenden Busse und Straßenbahnen;  Menschenschlangen vor den Lebensmittelgeschäften zeigen, daß es mit der Versorgungslage noch immer nicht zum Besten steht, Autos sieht man wenige, und von den wenigen haben die meisten ausländische Kennzeichen.

Noch einige Kilometer weiter, dann haben wir Temesvar erreicht. Der erste Weg: Zur Fernsehstation “Free TV Timisoara”, wo wir erst einmal zusammenzucken: Fünf Panzer stehen vor dem Gebäude, und so weit das Auge reicht, sieht es mehr Soldaten als Zivilpersonen. Ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, betreten

wir ungehindert das Gebäude und werden nahezu sofort von Marchis Ionel, dem Organisator des Festivals, “empfangen”. Er erzählt ein wenig vom Konzert, 30 Gruppen werden innerhalb von drei Tagen auftreten, darunter Bands aus Ungarn, der UdSSR, Jugoslawien, Österreich (von wo außer Freak Weber noch die niederösterreichischen Hardrocker “Zodiac” teilnehmen), der BRD (Dorian) und natürlich aus Rumänien selbst (“Celalte Cuvinte”, deren Name “andere Worte” bedeutet, “Pro Musica” u.a.). Das Bühnenequipment kommt vom jugoslawischen Fernsehsender Novi Sad, der einen Großteil des Konzerts live übertragen wird, wie auch Free TV Timisuara selbst und das Bukarester Fernsehen. Der bundesdeutsche Südwestfunk wird einen Teil der Liveübertragungen übernehmen.

Dann ruft er “a lady”, eine Dame, die uns zum Hotel begleiten wird, und wendet sich den nächsten Ankömmlingen zu. Den von den Panzern und der uns ungefragt zugeteilten Begleitperson geschürte Verdacht, daß es mit der Revolution nicht allzuweit her sein könnte, zerstreut Lili, die “Lady”, bald. Die Panzer, so erklärt sie, stehen nicht wegen des Fernsehsenders hier, sondern um den ungestörten Verlauf des Prozesses gegen den ehemaligen Bürgermeister und andere öheregestellte Beamte und die örtlichen “Securitate”-Mitglieder zu gewährleisten, der im selben Gebäude stattfindet. Die Frage, ob nicht einige von ihnen noch in Freiheit sind, beantwortet sie mit einem Schulterzucken. “In Temesvar hat es während der Revolution 2000 Tote gegeben”, berichtet sie, “aber es gibt nur 162 Leichen, entsprechend der offiziellen Zahl der Opfer. Wo die anderen sind, weiß niemand.” Am selben Nachmittag, auf dem Weg zu einem Restaurant, sehen wir eine Demonstration. Obwohl von Polizei oder Armee nichts zu sehen ist, werden wir unruhig. “Das könnt ihr filmen!” ruft Lili, drängt uns richtig dazu und übersetzt die Parolen, die die Menschen schreien:“Nieder mit dem Kommunismus”; “Libertate” verstehen auch wir. “Sie sind gegen Iliescu”, erklärt Lili noch, “So eine Demonstration gibt es hier jeden Tag.” Es sind etwa 250 Personen. Ob sie selbst auch gegen Iliescu ist? Keine Antwort. Persönliche Aussagen könnten hier gefährlich sein, auch heute noch.

Im Restaurant treffen wir Ovidio, einen freien Journalisten, der ein Interview mit Freak Weber und Dorian machen will. Daraus wird ein Gespräch, in dem er ebensoviele Fragen zu beantworten hat wie die Musiker.  Wie auch Marchis und Lili antwortet er kaum auf Fragen nach “der Zeit vorher” und nach der Revolution selbst, spricht lieber davon, was es zu tun gibt und welche Schwierigkeiten die Menschen hier noch immer haben, wenn sie etwas aufbauen wollen, ein Geschäft oder eine Zeitung oder eben einen Fernsehsender.

“Der Papierkrieg ist nicht weniger geworden”, sagt er, “Viele Menschen im Westen glauben, daß wir nicht arbeiten wollen, aber das stimmt nicht. Um etwas Neues zu machen, braucht man so viele Genehmigungen und Bestätigungen von offiziellen Stellen, das ist für die meisten Leute hier nicht durchschaubar. Und die Leute haben immer noch Angst.”

Im Laufe des Gesprächs wächst der Respekt vor Menschen wie Ovidio, Lili und Marchis, die mit weniger als unzureichenden Mitteln versuchen, in diesem Land eine nichtstaatliche Informationsstruktur aufzubauen, die wahre Demokratie erst ermöglichen kann. Sie wollen nicht weg aus diesem Land, sie wollen hierbleiben und ihr Möglichstes tun, “damit man hier leben kann”. Daß der Kampf gegen die Diktatur noch nicht gewonnen ist, wissen sie alle.

Am Abend fahren wir ins Stadion, wo der erste Abend des Konzerts schon begonnen hat. Etwa 3500 Zuschauer sind gekommen, die Stimmung ist gut.  Am zweiten Tag machen wir einen Spaziergang durch die Stadt, versuchen, die Atmosphäre hier einmal ohne Begleitung zu spüren, den Menschen einmal “allein” zu begegnen. Angst und Mißtrauen sind überall zu spüren. “Ihr müßt verstehen,” sagt Lili später, “bis vor kurzem waren bessere Kleider ein Zeichen dafür, daß man einen Securitate-Mann vor sich hatte, oder zumindest einen Spitzel.” Nur die Kinder sind mutiger: Sie kommen zu uns und wollen Essen, Schokolade und Zigaretten.

Eine deutschsprachige Zeitung, die in der Hotelhalle liegt, bietet ein buntes Sammelsurium an Berichten über lokale Ereignisse, die Berichterstattung über das Ausland ist so gut wie nicht vorhanden. Über die mangelnde Organisation der Verteilung der Hilfslieferungen berichtet ein Artikel.  Dann geht es wieder ins Stadion. Wir erfahren, daß alle Mitarbeiter alles ohne Bezahlung tun: Die Musiker wie die Bühnenarbeiter. Alles ist improvisiert, was aber keineswegs bedeutet, daß es nicht funktioniert. Die Menschen hier können ihren Job, sie schaffen es, aus nichts etwas zu machen. Die Befürchtungen der Musiker, was die unzulängliche Technik anbetrifft, sind unbegründet – oder besser: Sind sehr wohl

begründet, aber die Techniker wissen mit allen Problemen umzugehen.

Backstage, unter den Musikern, überrascht den abgebrühten West-Festival-Kenner die Atmosphäre. Nicht Neid, Konkurrenzdenken und Mißtrauen bestimmen den Umgang der Musiker miteinander, sondern eine hierzulande unbekannte Solidarität. Kontakte werden geknüpft, Erfahrungen ausgetauscht. Paradiesische Zustände, obwohl es sich bei den rumänischen und russischen Gruppen, keineswegs um Amateure handelt, die meisten Gruppen wären, wie Freak Weber beinahe überrascht feststellt, durchaus auch im Westen konkurrenzfähig.

Den Eröffnungsakt am zweiten Festivaltag macht Dorian mit einem aus Rock- und Folknummern zusammengestelltem Programm, das vom Publikum mindestens ebenso begeistert aufgenommen wird wie die

Hardrockbands vom Vortag. Nachher, ganz wie bei uns, warten die Kids auf Autogramme. Wie fühlt man sich nach so einem Auftritt? Dorian:“Als wäre ich in Woodstock dabeigewesen.” Und es ist ja eigentlich eine Art Woodstock für Osteuropa.

Freak Weber spielen etwas später an diesem Abend, beginnen ihren Auftritt mit dem “Wiegenlied”, dessen Text in rumänischer Übersetzung bei der TV-Liveübertragung eingeblendet wird. Darauf folgt ein Querschnitt durch die Musik des “letzten Freaks von Wien”. Nach dem Konzert: Begeisterung beim Publikum, frohe Erschöpfung bei den Musikern.

Der Abend endet mit Kontaktgesprächen zwischen den Bands, eine Einladung von rumänischen Bands zu einem Festival in Österreich ist geplant.

Am nächsten Tag, als wir abfahren, kommen noch einmal Marchis. und Lili ins Hotel. Das nächste Festival in Rumänien soll im September in Bukarest stattfinden, sagt Marchis, er würde sich freuen, wenn Freak Weber und Dorian wieder dabei sind. Wir freuen uns auch. Und versprechen, die Kontakte warm zu halten, zu

schauen, was sich von Österreich aus für diese Menschen tun läßt.

Rumänien, 6 Monate danach: Ein Land der Kontraste. Unsicherheit und Armut in der Bevölkerung, und doch so viele Menschen, die sich ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit bemühen, daß das, was im Dezember erreicht wurde, nicht in Vergessenheit gerät, sondern zu einer wirklichen Demokratie wachsen kann.

 

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