Jan Böttcher: Freundwärts
Einer fährt über die Elbe, nachts. Dort wartet ein kranker, zu pflegender Großvater und ein Familienkonflikt. Schade eigentlich. Die feine Schwebe der ersten Absätze hätte ruhig ohne Defi und Mullbinden weitergehen können. Zum Glück bleiben uns die Krankheitsdetails weitgehend erspart, stattdessen ein düsteres Kaleidoskop aus dem Grenzland. Gefällt mir. Könnte ruhig noch weitergehen.
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Nüchtern ist beeindruckt und berührt. “Eine sanftmütige Hommage an drei sture Hunde.” Corino bringt den ersten Publikumslacher hervor, habe überhört womit. März sieht sehr müde aus, bringt aber trotzdem (deshalb?) eine “metaphorische Überfahrt” zustande. Rakusa wirkt ungewöhnlich munter und sieht “alles eingelöst, was man einlösen kann”. Bezweifle, dass das überhaupt möglich ist, aber bitte. Radisch spielt Corino und korrigiert die geographische Beschreibung. Mangold stottert. Frühstück muss her.

Björn Kern: Eine halbe Stunde noch
Sieht am Foto besser aus als im TV. Bob Dylan im Videoportrait. Thx. Ein junger Mann im Kopf einer alten Frau. “Arbeitet in einer Psychiatrie in südfrankreich” – War ja irgendwie klar. Aber durchaus gelungen. Hört ihr mein Schulterzucken? Immerhin, sprachlich bunt. – Ah, Perspektivenwechsel. Jetzt denkt der Pfleger. Ein bisschen grausam. Die Namen! Bruno. Elsa Lindström. Hm. – – – Der erste Text in diesem Jahr, der etwas mit der Sprache versucht. Beeindruckend. Hörempfehlung.
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März beginnt textlos sozialanalytisch. Der Text gefällt ihr gar nicht, wegen der Falschheit der Perspektive. Herrjeh, redet sie viel Unsinn. Der Autor wehrt sich. Ungewöhnlich. Ebel stört es, dass er nie weiß, wo er ist. Strigl findet die “Spreche so inkosistent wie die Gedächtnisleistung der Figur. Das ist doch genau der Punkt, verdammt. Heiz fragt sich, wie die männlichen Autoren zu ihren Themen kommen, und zitiert aus einem Text, um den es gar nicht geht. Er vermutet “Angst vor der Lust am Schreiben”, die durch metaphysische Inhalte kompensiert werden muss. Gnaaaa. Radisch findet das Sterben peinlich misslungen, und stellt wie März die völlig falschen Fragen. Nüchtern bremst, aber in die falsche Richtung. Endlich wieder Mal ein Moment, in dem ich einen Text großartig und die Jury absolut untragbar finde. Ich fühle mich um Jahre verjüngt. Corino (der eingeladen hat) fängt dummerweise auch mit der Erfahrung des Autors an (die völlig irrelevant ist), findet, dass “Kern ein großes Experiment unternommen hat, auch wenn es nicht überall gelungen ist.” Szenenapplaus. Naja. Ich hätte erwartet, dass er “seinen” Autor etwas intelligenter verteidigt.  Schade. Radisch fetzt sich mit Corino, entzündet an einem Nebensatz über Peter Licht. Klingt wie ein Ehekrach.

Pause. Schon wieder Gruppe 47. Früher wurden da doch schon die Autoren interviewt? Naja. Zeit für den zweiten Kaffee.

Zwischenruf. Ich vermisse Herrn Spinnen.

Thomas Stangl: Text für Klagenfurt
Der Titel klingt ja recht lakonisch ehrlich. “Er ist nicht dieses Kind” stolpert der Autor in seinen eigenen Text hinein, erfängt sich akustisch aber schnell. Aaahhh, schon wieder so ein “ich verarbeite meine ekelige Kindheit”-Text. Abschaltimpuls. Ich versuche, stark zu bleiben. Adjektivstau. “schmale” Sonnenstreifen, “lange” Gänge, “säurezerfressene” Fotoplatten. Wenn mir sowas schon Mal auffällt, ist es arg. Es wird immer schlechter. Inhaltlich durch und durch gekünstelt und voller Plattitüden, sprachlich altbacken, Vortrag sakral. “Text für Klagenfurt”? 1975 vielleicht.* Den Bachmannpreis gibt’s seit 1977.
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War ja klar, war ja klar. Strigl und Rakusa bewundern den Text. Wien als “tote Stadt”. Blablabla. Ebel findet den Text “schwierig”. Mangold erlebt die Erinnerung als “bedrohlich”. März liest “Inmich”-Literatur. Nüchtern fand den Text suggestiv, obwohl er ihm nicht liegt. Er sieht Faustwatschen in der Luft hängen und traut sich, “auf die Eier gehen” zu sagen. Das Publikum lacht pflichtbewusst. Heiz findet ein drittes Auge. Radisch sieht “ein Ich, das sich grenzenlos öffnet, nämlich zur Welt hin.” Äh? Sie findet den Text “beglückend”. Interessant, ich finde ihn selbstmordgefährdend. Rakusa muss noch etwas sagen und lobt die Pointenlosigkeit des Textes. Corino versucht zu verstehen, warum sich das “Subjekt so verhält, wie es sich verhält. Interessiert mich gar nicht.

Martin Becker: Dem Schliff sein Tod
Jemand pflanzt Geranien, jemand hat zuviel getrunken und sucht einen Hund. Nein, mehrere Hunde. Und schon wieder ein altes, pflegebedürftiges Ehepaar. Der Text ist flott und wird flott gelesen. Schön absurd. Kein Winner, aber nett zu hören und *räusper* handwerklich gut gemacht. Ich hör schon, wie sie ihn zerreißen werden. “Unwahrscheinliches Ende”, Aha. Was ist eigentlich mit den Jungs passiert?
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März erklärt sich zur Spassverderberin. Für Strigl ist es “too much”. Radisch liest Parallelen zu “Biedermann und die Brandstifter”. Für Ebel kommt Freude auf. Der Autor blickt verknittert. Mangold versteht die Funktion der Komik nicht. Huh? Heiz findet die innere Konsequenz des Textes phantastisch, versichert sich aber, dass Nüchtern keinen Metatext verkaufen will. Will er nicht. Heiz verwendet völlig unerwartet das Wort “trashy” (und meint es positiv). Nüchtern findet doch noch einen “Meta-Moment” und erzählt aus seiner Kindheit. Grandits bedankt sich und will noch was durchsagen, aber der Livestream-Verantwortliche schaltet auf RTLII um.

Das war’s also für heuer mit den Lesungen.