Es hat schon “Bier- und Popocornqualität”, der Diskussion “alte” gegen “neue” Medien zu folgen, seit Jahren schon, wie sie manchmal hochkocht und sich an Nichtigkeiten entflammt, dann wieder auf kleiner Flamme dahinsiedet, bis jemand ein bisschen Öl ins Feuer gießt und eine kleine Explosion verursacht, die – genau so schnell wieder verpufft. Dazu kommt die Krise der alten Medien und die Nichtigkeit der Neuen, wie sie ebenfalls gerne beschworen wird. Aber wo stehen wir denn?

Ganz aktuell ist es ein Beitrag von Nico Lumma, der darin deutsche (ich nehme an, er meint deutschsprachige) Blogs für nett erklärt und meint, es gibt kein einziges, das man lesen muss. Das stimmt natürlich. Ebenso wie es keine Zeitung, keine Zeitschrift und kein Buch gibt, das man lesen muss. Keine Fernsehsendung, die man sich ansehen, kein Radioprogramm, das man sich anhören muss. Wir leben in Zeiten medialer Freiheit, und das ist verdammt gut so, im Vergleich zu meiner Kindheit auf dem Dorfe, als die Informations-Auswahl sich auf zwei Fernsehkanäle und Kleine Zeitung sowie Kronen Zeitung beim Greißler beschränkte. Es ist, aus heutiger Sicht, kaum zu fassen, aber das Reader’s-Digest-Abo meines Großvaters fiel zu der Zeit fast schon unter Avantgarde. Mit dieser Erinnerung bin ich froh über jedes Blog, jede Zeitung, jede Zeitschrift und jeden sonstigen Kanal, den ich nützen könnte, wenn ich wollte, auch wenn meine Zeit nicht einmal immer für die reicht, die ich tatsächlich konsumieren will. Ich muss nicht. Aber ich kann.


Dann die ebenfalls wiederkehrende Frage, ob es in Zeiten von Twitter und Google-News überhaupt noch Journalisten braucht. Ich finde, es braucht – oder vielmehr bräuchte, denn es gibt leider kaum mehr welche. Von den berühmten 6 Ws finden wir zu aktuellen Ereignissen in der Twitter-Timeline dreieinhalb abgedeckt – Wer, wo, wann – und ein halbes Was. Aufgabe des Journalisten wäre natürlich, das “Wie” und das “Warum” und das “Was jetzt wirklich genau” zu recherchieren und aufzubereiten, aber passiert das? Kaum mehr. Stattdessen lassen sich die Medien in ein Geschwindigkeits-Match hineinziehen, das sie nicht gewinnen können, und pappen bei jeder Gelegenheit einen Schlag Betroffenheitssahne oben drauf, der auch den festesten Magen zum Kotzen bringt. Pathos statt Ethos. Bäh.


Zudem wird kaum mehr selbst recherchiert oder geschrieben. Wundern sich Verlage wirklich darüber, dass niemand für Inhalte zahlen will, wenn ein und dieselbe Agenturmeldung unredigiert und unkorrigiert in allen erreichbaren Medien erscheint? Copy&Paste, oder bestenfalls noch Copy&Shake, ist an die Stelle des Qualitätstexts getreten. Was mit dem Argument der Aktualität in der Chronik eventuell noch verteidigt werden könnte, ist in anderen Ressorts einfach nur peinlich. Die Zeit hat dazu kürzlich einen Blick in die Musikredaktionen geworfen. Und je spezialisierter ein Teilgebiet wird, umso mehr gleichen sich die Texte. Das ist einfach nur fad.


Dazu kommen natürlich die PR-Büros, die in der teils längst viel zu schwammig gewordenen Unterscheidung zwischen redaktionellen und bezahlten Inhalten immer stärker werden. Tatsächlich habe ich bereits erlebt, dass sich ein PR-Schwurbler beschwert hat, dessen Meldung ich inhaltlich korrekt, aber mit eigenen Worten verwendet hatte. “…möchten wir Sie darauf hinweisen, dass das Ändern und Kürzen unserer Presseaussendungen vor der Veröffentlichung nicht erwünscht ist”, stand in der Mail, die mit “auf weitere gute Zusammenarbeit” unterzeichnet war. Danke, so dann lieber doch nicht.


Ein guter Schreiber nimmt sich ein Thema oder ein Ereignis, besieht es sich von allen Seiten, stellt fest, wo die Zusammenhänge liegen, was das eigentlich Interessante an einer Geschichte ist, findet Details, die anderen bisher entgangen oder nicht wichtig erschienen sind, und baut sich daraus einen guten Text. Das kann der Hobbyblogger ebenso wie der Berufsjournalist. Die Unterschiede sind zum einen äußerlicher Natur – man kommt mit Journalistenausweis an viele Informationen einfach näher und/oder schneller dran als ohne. Zum anderen gibt es gewisse Dinge, die man gelernt und verinnerlicht haben sollte, sei es auf der UNI oder im freien Feld. Die fängt bei einfachen Dingen an – wann und wie darf ich Klarnamen und Bilder veröffentlichen? – , geht über rechtliche und ethische Belange bis hin zur manchmal feinen Linie zwischen Fakt und Meinung, zwischen Artikel und Werbung. Man mag einwenden, dass längst nicht alle “Kollegen” da draußen sich an das Gelernte und Gelehrte halten, das ist leider wahr. Das Wissen hilft aber, und zwar nicht zuletzt dem Schreibenden. Gerade in Zeiten des Abmahnwahns ist es beispielsweise von Vorteil, zu wissen, wo die freie Meinungsäußerung mit Persönlichkeitsrechten kollidiert – und sei es nur, um zu erkennen, welchen “juristischen” Posteingang man leise lächelnd in der Rundablage verschwinden lassen kann, und welcher dann doch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient.


So what?


Ich möchte mehr gute Inhalte lesen, egal ob der jeweilige Schreiberling das Journalisten- oder das Bloggerkappl auf hat. Ich möchte Artikel lesen, die ich nicht genau so schon fünf Mal woanders gelesen habe. Ich möchte Texte lesen, die kein implizites “Advertorial”-Vermerk mit sich herumtragen. Ich möchte Stories lesen, die ich noch nicht kenne, Aspekte erfahren, an die ich selber nicht gedacht habe, und Denkanstöße finden, auf die ich selber noch nicht gekommen bin.

Und schreiben möchte ich genau so.

Aber wahrscheinlich bin ich da schon wieder einmal hoffnungslos altmodisch idealistisch.