Der laue Frühlingsmontag bringt eine Expedition in die Randgebiete der Stadt, nichts als ein lästiger Task in angenehmem Wetter. Oder? Ohne Auto ist es ein bisschen mühsam, dort hin zu kommen, aber ich habe Zeit genug, schaue ganz absichtlich nicht auf den Stadtplan, lasse die Straßenzüge sich in meinem Kopf entfalten und finde auch die richtige Bahn, die richtigen Busse, einmal nur fragen – die Orientierung funktioniert noch.

Da scheint eine Sonne aufs Wienerfeld, aufs verbaute, und da ist die Haltestelle, die ich vor viel zu vielen Jahren täglich angesteuert habe, viel zu oft viel zu früh am Morgen, mein erster “richtiger” Job, den habe ich gehasst – aber die Gegend habe ich geliebt. Dieses damals gerade entstehende Industriegebiet, mitten in Feldern und Wiesen, der Zaun lief an einem Bach entlang – nein, das tut er immer noch, sehe ich durchs Busfenster – nur die Spannung, die die Baustellen und die etwas verloren wirkenden Hallen ausgestrahlt haben – was wird denn nun daraus? – ist weg, alles verbaut und fertig, wie schade eigentlich.

Mein Weg heute führt mich weiter, viel weiter hinaus, dorthin wo damals noch nichts war, oder das, was der Städter als nichts bezeichnet: Die Wiesen. Die Felder. Und ab und zu ein Haus.

Dorthin fährt kein Bus, und ich gehe lange und länger eine Straße entlang, direkt dem Hirn eines SimCity-Spielers entsprungen: Kerzengerade, 4-spurig und mit Bäumchen versehen, damit es nicht ganz so leer wirkt. Links von der Straße Häuser und Gartenlauben (leicht verbautes Wohngebiet), rechts von der Straße Lagerhallen und Firmenadministrationen (mittelschwer verbautes Industriegebiet).

Eine ganze Weile geht das so, dann, an der nächsten Kreuzung, nur mehr Industrie, links und rechts, geradlinig, sauber, die einzige Ästhetik hier ist die der Funktion, blitzblank und unberührt wirken die Gebäude, nur die vollen Parkplätze vor den Hallen lassen den Schluss zu, dass hier irgendwo Menschen sein müssen, hinter den Spiegelfenstern, in den verwellblechten Büros oder gerade auf dem Weg dahin, dorther, unsichtbar und geschäftig.

Verlassen liegt der Großgrünmarkt, eine leere Betonwüste zwischen Lastwägenhäfen mit riesigen Flutlichtanlagen, ebenfalls verlassen.

Je weiter man in die neuen, die frisch eroberten Zonen der Verbauung kommt, desto gewagter werden die Gebäude, hier eine schräge Wand, dort runde Fenster, bunter wird es auch, aber diese baulichen Wagnisse verstärken nur den Eindruck, in einer anorganischen Mondstadt zu weilen. Schwindlig könnte einem werden vor lauter Symmmetrie, und auch die Alleebäume unterstreichen dieses Gefühl, so geradlinig sind sie gepflanzt worden, so punktgenau werden sie wohl Jahr für Jahr beschnitten.

Aber wo hat der Bürgermeister dieser Spielstadt bloss die Handelszonen gelassen, leicht oder mittelschwer oder stark verbaut, ganz egal, ein Cola schwebt mir vor, ist aber nirgends zu sehen, natürlich: In den Hallen und Büros gibt es Getränkeautomaten, Kantinen, vielleicht sogar Chefetagenbars, wozu also noch Geschäfte? Und mit dem setzen der Bushaltestellen ist er auch nicht ganz so weit gekommen, langsam bin ich den Fußmarsch leid.

Aber da taucht auch schon mein Zielgebäude auf, liegt auf halbem Wege zum Hügel, wo es fürs erste wieder vorbei ist mit der Reißbrettarchitektur, ein Feld (leicht verbautes Industriegebiet) links, und rechts nichts.

Erstaunlich nichtssagend für das Image des Besitzers liegt das Gebäude harmlos da, beim Näherkommen erst merkt man schwache Bemühungen: Kleine japanische Tümpel und Schilfzonen vor dem Eingang, bei deren Betrachtung man eher an eine Software namens “Der Gartenarchitekt” denkt als an Musse und Entspannung. Egal.

Jetzt liegt er dort in seinem Krankenbett, mein armer kleiner DAT-Recorder, ich hoffe nur man behandelt ihn gut, damit er bald wieder nach Hause kommt.