Skurrilistan

Am Boden neben der Supermarktkassa liegt ein Häuferl Heidelbeeren. Ich weise die Dame an der Kassa darauf hin, damit nicht einer draufsteigt und eine gröbere Sauerei draus macht. Sie bricht in einen Monolog aus; dass sie doch eben erst den Boden gemacht und seither sicher keiner Heidelbeeren gekauft hat, dass sie keine Ahnung hat, wo die Beeren herkommen, dass diese Beeren mit anderen Worten also eigentlich gar nicht da sein dürften, wenn im Universum alles seine temporale Richtigkeit hätte.*

Ich warte geduldig aber desinteressiert, bis sie sich so weit erholt hat, dass sie mein Abendessen kassieren kann; ungeduldig war ich heute schon oft genug. „Das gibts doch gar nicht, oder?“ fragt sie mich abschließend, als sie endlich meine Semmeln und die Tomaten über den Scanner zieht, und ich murmle etwas Unverbindliches, denn philosophische Diskussionen sind im Moment kein verlockender Gedanke.

Während ich die Geldbörse wieder verstaue und die temporal verwirrte Dame schon den nächsten Kunden kassiert, nicht ohne ab und zu nach den magischen Heidelbeeren zu schielen, bleibt ein junger Mann auf dem Weg von der anderen Kassa zum Ausgang abrupt stehen, ruft freudig: „Die Heidelbeeren! Da sind sie ja!“. Er geht in die Knie und sammelt die Beeren Stück für Stück in die Hosentasche. Die Kassendame hält inne, schaut mit großen Augen von ihm zu mir und zum aktuellen Kunden zurück. Ich zucke die Schultern und wende mich zum Gehen, als der junge Mann mit den letzten Beeren in der Hand aufsteht und sie mir vor die Nase hält. „Mögen’s auch eine?“  Ich zucke zurück. „Nein danke, ich bin allergisch,“ fällt mir spontan ein, um ihn nicht zu beleidigen.

Das Universum möge mir diese kleine Lüge verzeihen.


* „Universum“ und „temporale Richtigkeit“ sagt sie dabei nicht, in ihren Worten dauert die Erklärung dafür zwei Minuten länger.